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Schweizerisches Bundeblatt

.^I. .Jahrgang. II.

Nr. ^7.

ST

2^. September 1859.

Bericht und Antrag

der Petitionskommission ) des Ständerathes über den Rekurs des Hrn. Sebastian Müller in Hofpenthal ,. betreffend das Reisendentransport Reglement von Uri, ^. ..1.

28. Juni 1858.

(Vom 13. Juli 1859.)

Tit.! .

Unterm 28. Juni 1858 erließ die Regierung von Uri ,,auf Verfangen der löbl. Bezirksgemeinde von U x s e r n , im Jnteresse einer guten .Ordnung und einer g l e i c h m ä ß i g e r e n V e r t h e i l u n g des V e r d i e n stes in Folge erhaltener Vollmacht des h. Landrathes^. ein TransportReglement der Reifenden und deren Effekten über die Furka und Oberalp, dessen wesentliche Bestimmungen, so weit sie hier in Frage kommen, lauten: ,..^. 2. Jeder im B e z i r k e U r s e r n w o h n h a f t e Kantonsbürger oder .niedergelassene Schweizerbürger, welcher die bürgerliche Ehrenfähigkeit und überhaupt die erforderlichen Eigenschaften und Transportmittel besizt, kann Gesellschastsmitglied werden, wofern er sich auf.. ergangenen Ruf innert der vorgeschriebenen Zeit zur Einschreibung auf die Kontrolle, unter ^Angabe der Träger und der Anzahl Pferde, welche leztere jedoch das Maxi^..num v o n 6 für e i n e H a u s h a l t u n g nicht ü b e r s t e i g e n darf, meldet...

^) Sie bestand an^ d^n .Herren: .^ä berli n von ^ißea.g (^hnrgan), .^nmberl: von ^a ...^au^-de-Fond^ ..^aftisch von .^xins (Graubünden), Si^negge.: von .^lrendoxf (S.hw^) und S u r t e r von Wühler (Appen^ll A. ^.) .^rsazmann für ^xn. ^nmbert war .^erx ^ i e a x i von Agno (Hessin).

^undesblatt. Jahrg. ^I. Bd. 1l..

49

486 ..^. 5. Jeder Reisende darf seine eigenen Pferde und seine Diener^ schaft, so wie auch die weitersher mitgebrachten Pferde und Träger, zur Weiterverfolgung seiner Reise verwenden, fo wie auch ungehindert Retouren hiesür engagiren. Anßert diesem Falle ist .es Niemanden anßert .Gefellschastsm'.tg.lieder.r gestattet , mit dem Reisenden ,. Transporte sich zu.

befassen.

,,^. 7.. Zndxinglich.eiten je.der Axt gegen Reifende, um fie zu be.^ .stimmen, .d.ieser .oder jener Pferde, Träger oder Führer sich .zu Bedienen, find verboten. Den Reifenden ist jedoch gestattet, ^ein .an der Tour be..

findliches Pferd oder einen Träger bei erheblichem G r u n d e nich.^ anzunehmen und das in der T o u r f o l g e n d e Pferd oder Träger zu.

verlangen.^

(.Ueber die Erheblichkeit des Einsprachsgrundes entscheidet nach .^. 10.

der mit regierungsräthlicher Genehmigung von der betreffenden Ortschaft.

l.^i.chnete Tourrn.eister , welcher in zweifelhaften Fällen .bei .de.m .B.ezixks.^ animannamte Weisung einholen soll.)

,,.^. 8. Der Fuhr- und Traglohn ist festgesezt wie folgt: .1) Für 1 Pferd allein, saniint ..d.essen Führer, per Tag ^x. 11..

2) Für 2 und mehrere Psexde je Fr. 10 für jedes per Tag; Gepäk^.

bis 20 Pfund darf auf Pferde gebunden werden.

3) Für 1 Träger per Tag Fr. 5 ; derselbe ist verpflichtet, bis 60 Pfund.

zu übernehmen.

4) Die Tagfahrten geschehen nach bisheriger Uebung. für außergewöhn-.

liche Fahrten kann extra akkordirt werden.^ ,,.^.

verfällt, 50 Fr., besser.un.g

9. Wer gegen die Vorschriften dieser Verordnung sich verfehlt,.

je nach der Größe seines Fehlers, in eine .Geldbuße von 5 bis.

wovon die Hälfte dem Anzeiger znkommt, die andere zur Verder ^betreffenden Bergstraße verwendet werden soll....

Der maßgebende .^. 9 der Kantonsverfassung. auf welchen sieh sowvl^ der Regierungsrath von Uri als der Beschwerdeführer berufen, bestimmt,^ was folgt : ,,Jeder unbescholtene , aufrecht .stehende Kant^nsbürger oder Schweizer,,bürger, der einer der christlichen .Konfesstonen angehört, kann stch nach den ,,Bestimmungen des Gesezes überall im Kantone niederlassen.

,,Der freie Handel und Verkehr im ganzen Kanton, und von und^ ,,nach jedem andern Sehweizerkantone, ist g e w ä h r l e i s t e t , mit Vorbehalt^ ,,bestehender Polizeigeseze. ^ Eine von sieben Bergführern aus den Kantonen Ber.n, L u z e r n und.

Obwalden am 13. Juli 1.^.58 und von Seb. Müller in Hospenthat

am 9. Juli an die Bundesversammlung eingereichte und von dieser an den Bundesrath zur Erledigung überwiefene Beschwerde wurde von der^ leztern Behörde unterm 20. Jänner 1859 abgewiesen und das angefochtene.

Reglement genehmiget.

487 Seb.

Mittelst Rekursmemorial vom 25. Jänner 1859 stellt nun Herr Müller in Hospenthal das Gesuch an die h. Bundesverfassung :

,,dieselbe wolle, in Abänderung des bundesräthlichen Beschlusses vom 20. Jänner 1859, das Reglement vom 28. Juni 185.^. betreffend den Transport der Reisenden über die Oberalp und Furka, als unverträglich mit der Kantons- und mehr noch mit der Bundesverfassung aufheben und unzulässig erklären.^ Der Nationalrath ist (am 7. Juli)^ über die ....ekursbefchwerde^ zux Tagesordnung geschritten.

Da Jhre Kommission einen hievon abweichenden Antrag stellt, so liegt dem Berichterstatter ob. den Standpunkt der Kommission etwas näher darzulegen, um so mehr, als Fragen der vorliegenden Art nicht .so fast durch die SubsuIntion^ unter gewisse allgemeine Säze , indem man sich etwa auf den Vorbehalt der Poiizeigeseze beruft u. dgl., als vielmehr nnr durch eine e i n g e h e n d e Prüfung der Verhältnisse ihre richtige Lösung finden können.

Die Rekursschrist sucht den Schwerpunkt der Begründung in einer Verlegung des in die Bundesverfassung niedergelegten Prinzips der Gewerbsfreiheit und der freien Konkurrent (S. 3 u. ff.^), fowie der Rechtsgleichheit aller Schweizerbürger vor dem Gefeze. (Art. 4 der Bundesverfassnng.)

Wir können jedoch bei näherer Prüfung der dießfälligen Bestimmungen der Bundesverfassung und ihrer Tragweite die Begründung des Rekurse^ nicht auf diesem Boden finden.

Wenn der Art. 4 der Bundesverfassung sagt: ,,Alle Schweizer stnd ,,vor dem Geseze gleich. e^s git.^t in der Schweiz keine Unterthanenverhält,,uisse. keine Vorrechte des O r t s . ^ d e r Geburt, dex Familien oder Personen.., so wird man schwerlich behaupten können. daß das Reglement von Uri die Rechtsgleichheit der Schweizerbürger ver.eze , indem dasselbe jedem Schweizerbürger und Einwohner (Niedergelassenen) des K a n t o n s unter den gleichen Bedingungen den Eintritt in die Erwerbsgesellschaft .der betreffenden Ortschaften gestattet. Daß der Aufenthalt in einer der teztern gefordert wird, ist eine,^ und zwar eine a l l g e m e i n g ü l t i g e Vorschrift der Ordnung und Zwekn^äßigkeit oder, wenn man will, der Nothwendigkeit , deren Berechtigung aus den.. Polizei- und Gesezgebiingsrechte der Kantone folgt. Jrgend ein Unter.thanenver.hältniß wird dadurch nicht hergestellt. .^ben so wenig ift von einem Vorrechte der Geburt oder der Faniilie die Rede. Durch die N a t u r gegebene Vorzüge einer Gegend für einen eigentümlichen Erwexbszweig können nicht als Vorrechte des Ortes bezeichnet werden.

Der Art. 29^ der Bundesverfassung gewährleistet ,, freien Kauf und Verkauf, freie E.n-, Aiis^ und Durchfuhr von e i n e m K a n t o n in d e n

a n d e r n f ü r L e b e n s m i t t e l , .Vieh u n d Kauf... a n n s r o a a r e n , Bandes- und Gewerbserzeugnisse jeder Art.^ Ob und in welchem Maße die Kantone die G e w e r b s f r e i h e i t im .engern Sinne und im Jnner.i der Kantone bestimmen wollen, ist in der Bundesverfassung nicht vorgeschrieben, aiso, nach Art. 3, ihrem freien Ermessen anheiin gegeben . wie denn aiich in einzelnen Kantonen noch höchst mannigfaltige Modifikationen , wenn nicht geradezu wahre Gegenfäze der Gew^bsfreiheit bestehen. Gefezt ader auch, man könnte die Bewegung und den Verkehr der Reisenden und deren Bedienung durch die Landeseinwohner, .^el^e wol passender unter dem Gesichtspunkte des Dienstmiethsvertrages aufgesaßt werden, niit dem Transport von W a a r e n und kommerziellen Pro.dukten in Vergleichung se..en . so würde die Bedeutung dieses ^lrgumentes im vorliegenden Falle doch sofort verschwinden , weil nach ^. 5 des Reglementes dem Reifenden nicht verwehrt ist, ,,seine eigenen Pferde und feine eigenen Diener, s o w i e auch d i e w e i t e r h e r m i t g e b r a c h t e n P f e r d e ^und T r ä g e r z u r W e i t e r v e r f o l g u n g s e i n e r R e i s e z u v e r . w e n d e n . ^ Daß der Reisende, der keine Pferde oder Träger mitgebracht hat, zur Weiterreise außer den Kanton an di^.. Kehrordnung von Uri sich halten muß, mag freilich unter Umständen eine höchst iuißbeliebige Schranke sein. wenn es sich z. B. um regelmäßige Touren von mehreren Tagen (nach Meiringen. Jnterlaken, Airo.o. Bellinzo.ia, Ehiir und Sitten^ haudelt. Allein der Bund besizt in dieser Hinsicht kein Jnterventionsrecht, nach Art. 29 nicht , aus den oben angeführten Gründen, naeh Art. 30

nicht, weil der Bundes^esezgebung hinsichtlich der Abschaffung bestehender

Vorrechte in Bezug auf Transport von Personen und paaren jeder Art zwischen den Kantonen und im Jnnern derselben die nöthigen Verfügungen nur infofern zustehen, so w e i t d i e E i d g e n o s s e n s c h a f t h i e b e i e i n J n t e r e f f e h a t . Uebrigens beweist gerade die Fassung des Art. 30, daß in dem unmittelbar vorausgehenden Art. 29 nicht der hier in Frage kommende Rei s e nd en -Transport verstanden fein kann.

Wir können indessen über diesen Punkt , ob nämlich die Bestimmungen des Reisenden-Transport^Reglenients ( w e n n der Art. 29 darans Anwendung finden könnte) rein p o l i z e i l i c h e r Natur seien, oder ob sie dem Grundsaze des Art. 29 zuwiderlaufen, um so leichter hinwegkommen, als dieselben unter der leztern Voraussezung jedenfalls vor der K a n t o n s verfassiing nicht zu Recht bestehen könnten.

Nachdem wir alfo, Tit., in der Bundesverfassung keine hinreichenden Anhaltspunkte haben finden können. um ans ^die Rekursbeschwerde aus dem Grunde bundesgeniäß gewährleisteter Rechte einzutreten, bleibt uns zu erintern übrig.. ob (kraft des Art. 5 derselben) die Bestimmungen der K an t o n Verfassung von Uri zu einem andern Ergebnisse führen.

^M..ßgebend ist hiebei der Art. 9, welcher die G e w e x b s s r e i h e i t (im wI..ite.rn Si^ne als Art. ^ 29 der Bundesverfassung^ garantirt u n t e x

48..)

dem V o r b e h a l t e der b e s t e h e n d e n P o l i z e i g e s e z e .

Dieser Vor..

^behalt dex Polizeigeseze darf selbstverständlich nicht zur Aufhebung oder

.Beeinträchtigung des P r i n e i p s der Gewerbsfreiheit selbst mißbraucht werden. Wol find Verordnungen, welche deren A u s ü b u n g r e g e l n und ordnen, sind B e s c h r ä n k u n g e n im Jnteresse des öffentlichen Wohles.

zulässig. Eine schrankenlose Willkühr wäre durch den obersten Staatszwek ausgeschloffen. Dem öffentlichen Wohl muß fich ja selbst das erworbene Recht, das Privateigentum, unterordnen. obwol lezteres ebenfalls verfassungsgeinäß gewährleistet ist. Nur dürfen die Beschränkungen nicht ^egen das P r i n e i p der Gewerbsfreiheit als s o l c h e s g e r i c h t e t und sie .müssen durch h ö h e r e Rüksichten des öffentlichen Wohles gefordert sein.

Die Gesezgebung kann z. B. den Beruf eines Anwaltes, Geometers, eine^ Arztes u. s. w. von einer Fach.. oder Die.nstprüfnng u. dgl. abhängig inachen, weil ohnedieß die Sorge für die Gesundheit, die Hand.^bun^ der Rechtspflege Schaden nehmen könnte; sie darf eine bestimmte Anzahl

Apotheken ausstellen (weil davon die Tauglichkeit des Materia.s bedingt ist,.,

.aus Rükfichten der Moral und Volkswirthfchast (nicht wegen eines gleichmäßigen Verdienstes der .^irthe^ ein Maximuni der ^irthfchasten be..

zeichnen, ein Fabrikgesez zum Schule der Arbeiter erlassen u. s. f.

Dagegen würde sie dem Grundsaze der Gewerbsfreiheit zu nahe treten und diese selbst in ihrem innersten. Lebensnerv angreifen , wenn sie vorschreiben wollte, wie viele Prozesse ein Anwalt führen oder Gehülsen in seinem Bureau haben , wie vieie Patienten d^r eine .^lrzt behandeln dürfe. oder daß die Patienten eine Kehrordnung unter Aerzten beobachten müssen, welche Anzahl Gäste ein Wirth beherbergen, Zimmer oder Bedienung zur V^r-

sügung stellen dürfe, wie viele Spindeln und Webstühle ein industrielles

Etablissement in Bewegung fezen könne , damit die übrigen .Konkurrenten bestehen oder entstehen tonnen. Die Gewerbssreiheit schließt das Monopol von R e c h t s w e g e n , nicht aber das sogenannte f a k t i s c h e Monopol aus ; im Gegentheil sie ermöglicht und .begünstigt die größtmögliche Ent.wiklung der i n d i v i d u e l l e n Kräfte in jedem Sinne in ihrer höchsten Potenz. Wenn der Zunftzwang eine Abweichung von der Gewerbsfreiheit im a r i s t o k r a t i s c h e n Sinne war, indem sie von deren Ausübung alle Nichtzunftgenossen ausschloß. so ist die Beschränkung und Beeinträchtigung derselben, wenn wir uns so ausdrüken dürfen, in q u a n t i t a t i v e r H i n s i c h t , in der individuellen Entwiklungsfähigkeit, im Grunde nichts Anderes, denn eine Monopolisirung im k o m m u n i s t i s c h e n Sinne. .Undzwar

ist diese sowohl für das gewerbtreibende, als sür d^s übrige Publikum voi^ . .gleich schlimmer Wirkung. Sie übt den nämlichen nachtheiligen Einfluß aus die Qualität und den Preis der Waare und aus die Verwerfung der Arbeitskraft.

Die .polizeilichen .Beschränkungen der Gewexbssreiheit dürfen mit einem ^orte nur ans Gründendes. öffentlichen Wohls, aus^deu Jnteressen der G e sa m m t b e i t und. insbesondere der Konsumenten ..he.rgeleitet sein. und nicht in anderer Form einen dem frühern Zunftzwang ana.togen S c h u z der Gewerbe zum ....^ndzwek haben.

490 Wenn nun aber, Tit., die Bundesversammlung über die Gewerbssreiheit, sofern sie in einem Kanton v e r s a s s n n g s g e i n ä ß g e w ä h r l e i s t e t ist, wachen. wenn sie Klagen über deren Veriezung beurtheilen so^: welchen Standpunkt hat sie dabei einzunehmen .^ Vor Allem ans versteht sich wol von selbst , daß sie sich nicht mit der E r k l ä r u n g der betreffenden Kantonalgewait beruhigen darf, daß die angesochtenen Bestimmungen^ in Anwendung des Vorbehaltes der Polizeigeseze erlassen worden feien. Die Bundesversammlung dars und soll vielmehr im einzelnen Falle prüfen und genau prüfen . oe.. jene Be.^iInniungen wirklich diesen Eharakter und nur diesen Eharatter an sich ^agen.

Ohnedieß wäre die Garantie der verfassungsmäßigen Rechte ^er B ü r g e r . welche gleich den Rechten zu schützen sind, welche d^s ^Volk den Behörden übertragen hat , eine rein illusorische. Dabei hat je^ doch die Bundesversammlung init einer gewissen Vorsicht, mit forgsältiger Achtung vor der kantonalen Souveränetät zii Werke zu gehe.n.

Sie darf nicht außer Acht lassen , daß die Beantwortung jener .Frage. was polizeilich zulässig und nothwendig, was von den Bedürsnissen iind Jnteressen des genieinen Wesens gesordert sei. zunächst und großentheils von den eigentümlichen Verhältnissen und Zuständen , selbst bis auf einen gewissen Grad von den Anschauungen und Gewohnheiten des Landes bedingt sei. Sie darf nicht unberükfichtigt lassen, wenn sie an deren Stelle theoretische Doktrinen oder subjektive Jdeale sezen wollte , daß aus solche Weise das Gefezgebungsrecht der Kantone, i n n e r h a l b des R a h m e n s der G e w e r b s f r e i h e i t , nullifieirt werden könnte. Es wäre .ohnedieß nach der Verschiedenheit der kantonalen Ansichten , die auch bier, in Bern, vertreten find , außerordentlich schwer , einen einheitlichen Maßftab , gleichsam ein allein selig machendes Dogma aufzustehen.

Auf der .andern Seite m u ß die Biindesverfaiunilung ihrer Pflicht geriügen, und sie dars ihre eigene Reputation wahren. Denn ihre .Entscheidung ist der Prüsstein auch ihrer Gesinnung, und für dee Richtung und Entwikiung maßgebend, welche der Grundsaz der Gewerbsfreiheit in der freien Schweiz nehmen soll. Es ist deßhalb keine Gefahr für die ..^.anto^alsouveränetät vorhanden , wenn die beiden Räthe und namentlich der Ständerath, als der Vertreter der Kantone , über die zulässigen BeschränJungen der Gewerbssreiheit , wo diese verfassungsgeniäß gewährleistet ist, als das Organ der öffentlichen Meinung und der Zeitriehtung urtheilen.

.Nur soll die Entscheidung nicht das Produkt momentaner Einrrüke oder unklarer Begriffe fein, sondern nach festen, allgemein gültigen Kriterien gegeben werden.

Es enthält nun aber, Tit., nach der einmüthigen Ansicht der KomMission, das vorliegende Reglement wirklich einzelne Bestimmungen, weiche, ^ach diesem Maßstabe bemessen, neben dem Grundsaze der. Gewerbssreiheit in der That nicht zu Recht bestehen können. Zivar ist die Kommission weit entfernt davon, den Vorbehalt der b e s t e h e n d e n Polizeigefeze etwa

4.^ ^o zu interpretiren , als ob , weil zur Zeit der Jnkrafttxetung der Ver...

fassun.g (.am. 4. Me.ri l 85 1) das Reglement vom .^8. Juni 1858 nichts

.bestund, der Regiernngsrath oder Landrath von Uri nicht^ n acht r äg-^ lich polizeiliche Beschränkungen aufstellen dürfe, welche^ sich im Verlauf...

der Zeit als. uothwendig oder^ zwe^inaßig im eminenten Sinne ergeben ..wiixdeu. Es sind im ^. ... der^ Kantonsverfassung, u n b e s c h a d e t des^ o b e r s t e n ^ Grund s a z e s d e r G e w ^ e r b s s r e i h e i t , eben die Be-.

fugnisse derstaatli.cheuPolizeigefezgebung . überhaupt , die. i e w e i l e n ^e^ s^ehen^e^n. Verorderungen folchex Axt verstanden.

Prüfen. wir dagegen nach, der. mat exil l en Seite das me.hrerwähnte.

.Reglement. und insbesondere die ^. 2 nnd 7 desselben ,. s.... mag zugegeben .werden, daß die Uebertragung des. Re.isendentransportdienstes an besondere.

Gesellschaften unter o.brigkeitlicher Aufsicht und. Eontrolle (um diese zu erleich..tern) ,^ die Einführung einer gewissen Kehrordnung. i.n der obligatorische^ Dienstbereitschaft (die freie Wahl der Reisenden vorbehalten), die Aufstellung^ Deines Tarifes in den z u l ä s s i g e n M a x i m a l f ä z e n , der persönlichen Eigenschaften und Bedingungen für d...n Eintritt in die betreffende^ Gesellschasten u. dexgl. angemessen und. jedenfalls zulässig seien. Die Ge-.

werbsfreih^eit bleibt insofern ausrecht, als unter der Voxaussezung der Er...

süll.ung dex gleichen Erfordernisse Jedem die Ausübung dieses^ Gewerbes, und zwar unbeschr.änk.t, mit v o l l e r Freiheit dex indi^vid^uef...

l e n Entwiklung g e ö f f n e t . ist. Die ^. 2 und 7 geheIr abex .weiter. Sie v.erlezen nach den vorangestellten Erörterungen , aus die wir.

.einfach v.erweisen,. die Gewerbsfreih.eit. im Prineip, indem. tein^ Geselle schaster. mehr als 6. P.fer.de. süx. eine Haushaltung einschreibe^ lassen^ und^ den Reifenden. k.^iii. Pferd außer dex Tour anbieten. dars. Jn. Folge dieser.

Bestimmungen kann der^ Einzelne w.eder durch. die G r ö ß e des von ihu^ Beliebig einzusezenden B e t.riebsrn^atexia.l.s , noch. durch die. O.ua.-.

lität und (da in ^. 8 des Reglements ein.fixerAusaz festgestellt ist), durch

.den Preis feiner Leistungen tm wahren Sinne des Wortes konkurriere Für diese Beschränkungen vermißt man schlechterdings Gründe. de.s öffent.lichen Wohles oder der. polizeilichen. Ordnung. Das hiefüx angerusene.

^)totiv des Schuzes der Reisenden vor Zudringlichkeiten., Prellerei oder der Vorsorge sür deren Bedienung. ist völlig werthlos , weil für jenen.

Zw.ek die Eingangs bezeichneten Oxdnungsbestimmungen mehr als ausreichen.

.würden.,. die ^.. 2 und 7 aber geradezu die größte Unfreiheit und Bex-^ ^ach.theiligung für den Retsenden nach sich. ziehen, was. gewiß keiner Aus.einanderfezung bedarf.

Vollends bezeichnend für den Ehaxakter dex .^. 2 und 7 und di^ .Tendenz des ganzen Reglements^ überhaupt ist aber die Entstehungsgeschichte .und der. Jngreß der Verordnung.

Dieselbe ist nicht etwa durch die Jnitiative der Landesbehörde oder aus eine Beschwerde der R e i s e n d e n hervorgerufen worden.; sondern, nachdem der Rekurrent,^ Herr Seb. Müller .von Hospenthal, und andere Wirthe in einer Höhe von mehr als 7000^

492 mit unverhältnißmäßigen Opfern Gasthäuser erbaut, großenteils auf ihr.^ .Kosten Straßen ausgebessert und unterhalten haben, nachdem ste mit einen..

Worte den Zug der Reisenden dem U x f e r e n t h a l e gesichert hatten: wan^ delt die Bewohner der Gegend die Lust an , was Andere hauptsächlich ge^.

säet haben, zu ernten, die reife Frucht für sich zu pflüken. Sie lege^ dem Landrathe .ein in diesem Geiste entworfenes, für diefen Zwek berechuetes Reglement vor, und der Landrath ertheilt dem Regierungsrath die.

Vollmacht, unter dem Aushängeschild der Polizeiordnung ein derartige^ P r i v i l e g i u m (im kommunistischen Sinne) zu gewähren, wodurch die^ freie Betriebsthätigkeit des Hrn. Müller und Eonforten zu ihren Gunsten.

e o n f i s e i r t und der Verdienst den erstern zugewendet werden soll. Das vo^.

dem Regierungsrathe (mit wenigen Abänderungen) genehmigte Reglement.

sagt dieß naiv genug in den Worten des Jngresses: ,,Jm J n t e r e ^ e i n e r g l e i c h m ä ß i g e n V e r t h e i l u n g des V e r d i e n s t e s . ^ Präg...

nanter hätte der Eharakter dieser Verordnung nicht ausgedrückt werden.

können.

Wir wollen nicht untersuchen , wiefern diese ,,gleichmäßige Vertheilung des Verdienstes.^ den Antheilhabern wirklich zum wohlverstandenen Nuzeu.

gereicht. Es genügt uns, nachgewiesen zu haben , daß sie jedenfalls gegenüber der, der Gesanimtheit und dem Jndividuum verfassungsgemäß ge.^ währleisteten Gewerbsfreiheit nicht .zu Recht bestehen kann.

Wenn sich, Tit., die ,,gleichmäßige Vertheilung des Verdienstes^ vo^..

Anfang an unter dem Gesichtspunkte einer P r ä v e n t i v m a ß r e g e l als eiI^ Heinmniß der freien Konkurrenz und ihrer Entwiklungssähigkeit darstellt^ so erscheint fie fast noch bedenklicher in einem n a c h f o l g e n d e n Zeitpunkte,.

wenn sie b e r e i t s b e g r ü n d e t e V e r h ä l t n i s s e zerstört oder beeint r ä c h t i g e t . Die Aufhebung des Zunftzwanges. der Jnuungen und ähn^ Sicher Vorrechte. durch die neuen Verfassungen feit 1830, die direkte und.

indirekte Einwirkung der Gesezgebnng (innert den verfassungsmäßige^ Schranken) auf das Vermögen der Bürger (in Folge der Steuergeseze), auf den Ertrag eines Gewerbes u. drgl. sind hievon gänzlich verschieden. E.^ besizt Niemand ^ein (erworbenes Privat-^ Recht auf die Unveränderlichkeit.

konstitutioneller Zustände und vollends aus die Unveränderlichkeit der Gesezgebung (inner den verfassungsmäßigen Schranken). Eben so wenig kann sich Einer über die ihm nachtheilige oder unbequeme Konkurrenz Anderer al^.

über ein ihm widerfahrenes U n r e c h t beklagen, da die freie Konkurrent eine Folge der nämlichen Gewerbssreiheit ist, welche er selbst genießt.

Ganz anders im vorliegenden Falle. Der Reknrrent und eine Anzahl.

weiterer ^ Wirthe haben, g e s t ü z t auf den ^. 9 der V e r f a s s u n g , ^ ein ^ bedeutendes. Betriebskapital eingesezt, und ihr Gewerbe bezieht sich gerade vorzugsweise auf die Beförderung von Reifenden. Diefe macht einen wesentlichen Bestandtheil ihrer Jndustrie aus , und das Produkt der Jn^ dustrie selbst repräse^irt ihren Erwerb, dasselbe repräsentirt ihr V e r m ö g e n.

Die Entziehung oder Schmälerung dieser Betriebsfreiheit zu Gunsten de.^

49.^ .Gesammtheit oder einer Thalschaft - wenn ste nicht aus dem Vorbehalt ^.er Polizeigeseze zu rechtfertigen ist .-. qualifizirt sich daher im Grunde eben so gut als eine Zwangsentäußerung von V e r m ö g e n s r e c h t e n , wie die^ Expropriation desjenigen Vermögens, das sich im G r u n d b e s i z e darstellt. Die W i r k u n g des Eingriffs ist offenbar dieselbe, und auch im R e c h t s p u n k t e besteht kein Unterschied. Jm ^. 22 der Kantonsverfassung ist die Unverlezlichkeit des Eigenthums (an Grund und Boden) iu^ der Redaktion gewährleistet, daß dessen Abtretung nur aus Gründen de^ öffentlichen Wohles und in jedem Falle bloß gegen v o l l e Entschädig u n g von Seite des Staates soll erfolgen dürfen. Der ^. 9 garantirà das P r i v a t v e r m ö g e n (das Eigenthnm im weitern Sinne des Wortes), in der Form der G e w e r b s f r e i h e i t , sofern eben deren Ausübung .- mi..^ dem einzigen Vorbehalt bestehender Polizeigefeze unbedingt zugesichert^ ^ist, bis die Verfassung selbst eine Aenderung erleidet.

Mit andere

Worten, der ^. 22 schüzt den B e si z, das P r o d u k t der menschliche^.

Thätigkeit, der ^. 9 die produzirend.e Kraft. Beide Garantien sind^ gleich nothwendig und gleich berechtigt.

Es ist. Tit., dieser Gesichtspunkt nicht urgirt worden. um die Unzu-

läßigkeit des Reglements nach ^. 22 der Urner Verfassung zu behaupten,.

fondern um die Verlezung der Gewerbsfreiheit (.^. 9) in ihrer p r a k t i scheu Bedeutung in ein um so .helleres Licht zu sezen.

Wir glauben hiemit den in der Erwägung des Beschlußentwurfes behaupteten Widerspruch von ^. 2 und 7 des Reglementes mit ^. 9 de.^ Kantonsverfaffung zur Evidenz nachgewiesenen haben.

Als mehr oder weniger anstößig sind in der Kommission auch .dei^ .^. 6 im Schlußfaz, (wonach die Gesellschaft subfidiär. sür den v.erursachten Schaden der einzelnen Mitglieder haftet) und .^. 8 bezeichne^ worden, welcher den Tarif nicht bloß im Maximum, sondern zugleich im Minimum zu fixiren scheint. Es läßt sich nicht läugnen, daß jene BestiI.nniungen, die erstere, indem sie den Einzelnen verpflichtet, um deu.

Gewerb überhaupt betreiben .zu dürfen. eine Verantwortlichkeit für Dritt^ personen zu übernehmen, und diefe, indem sie die Konkurrenzfähigkeit des Einzelnen durch das Mittel eben sowol der.besseren als w o h l f e i l e r e n Leistung.

ausschließt. die Gewerbsfreiheit ebenfalls in erheblichen Maaße erschweren.

Allein auf der andern Seite muß anerkannt werden, daß, wenn di^ Polizeigefezgebung, wie oben naher erörtert worden ist, den Reisendentransport überhaupt unter staatliche Aufsicht und Eontrolle stellen und zu diesem Zwek besondere Gesellschaften organisiren kann, sie auch befugt fein muß , die Pflichten dieser Gesellschaften im Jnteresse der Ordnung un^ für. die Sicherheit der Reisenden, ^sowie in der Art zu bestimmen,^ da^ eben die Vermittlung des Reisendentransportes^ durch solche Gesellschaften xealisirt werden kann. Mit dem Prinzip der Gewerbsfreiheit^find ^ies^.

.Bestimmungen nicht absolut unvereinbar. Dazu kommt, daß ^ ^ i e bis^

.494 ^erige Pr.axis, die^ fich namentlich in der Genehmigung der friihern Regle.me.nte^ von Lnzern und Sehw.,z beurkundet hat, einer weitergehenden EinMischung von Bundeswegen entgegensteht.

Wenn, schließlich, die Kommission im Dispositiv die Zurükziehung der .bundesräthlichen Genehmigung nicht expressis verbis auf die .^. 2 und 7 des Reglementes beschränkt, so leitet sie hiebei folgende Betrachtung: Durch ^ie Beseitigung der .^. 2 und 7 ist die Grundlage der Verordnung ^durchbrochen, und es ist vorauszusehen, daß die Behörden entweder gänzlich auf dieselbe verzichten oder eine Kombination von Bestimmungen suchen werden, welche den rein polizeilichen Zwek erfüllen sollen, ohne der Gewerbssreiheit i r g e n d w i e .zu nahe zu treten. Durch die Fassung des .Beschlusses im Dispositiv ist der leztere Weg angedeutet, in der Erwar..ung, daß der h. Landrath von Uri, anstatt etwa dieselben einfach fortbestehen zu lassen, auch die übrigen mehr oder weniger anstößigen Artikel ^der Verordnung (außer den ^. 2 u. 7l ebenfalls ausmerzen werde. während aus der andern Seite die vorangestellte Erwägung das Maaß der z w i n .Senden Einwirkung des Bundes i.n Sinne der srühern Auseinandersezung begranzt.

Bern, den 13. Juli 1859.

Jm Namen d^r Kommission , Der Berichterstatter:

^. ^aberlnl.

ST

Antrag der Kommission.

Die Bundesversammlung der

schweizerischen Eidgenossenschaft,

nach Einsicht einer Rekursbefchwerde des Hrn. Sebastian Müller, von Hospenthal, vom 25/26. Jänner gegen einen Beschluß des schweiz.

..Bundesrathes vom 20. Jänner 1859, betreffend das ReisendentransportReglement, erlassen von dem Regierungsrathe des h. Standes Uri am

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Bericht und Antrag der Petitionskommission ) des Ständerathes über den Rekurs des Hrn.

Sebastian Müller in Hofpenthal, betreffend das Reisendentransport Reglement von Uri, d.

d. 28. Juni 1858. (Vom 13. Juli 1859.)

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24.09.1859

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