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Bericht der

ständeräthlichen .kommission über den Rekurs von Julius Wyler, betretend Doppelbesteuerung.

(Vom 9. Juli 1872.)

Tit. l Es liegt Jhnen zum Entscheid vor die B e s c h w e r d e eines .Jsraellten Julius W r , . l e r , Handelsmann von Oberendingen, kts.

Aargau, wohnhast in .Luzern, gerichtet gegen einen Entscheid des OberBerichts von Luzexn vom 6. Juli 1870 und gegen einen Beschluss des Bundesrathes vom 8. April 1871 in Sachen eines von Julius Wyler eingeklagten Falles von Doppelbesteuerung.

Jhre .Commission hat die Akten geprüft und daraus Thatsaehen entnommen.

folgende

Julius Wyler siedelte im Jahr 1855 von Oberendingen nach der Stadt .L.uzern über. Zu dieser Zeit waren die Jsraeliten noch nicht vollberechtigte Schweizerbürger , sie standen ganz besonders in VeZiehung auf Niederlassung unter Ausnahmegesetzen. nach § 61 des Niederlasfungsgesezes vom 7. Mai 1846 bedurste ein Jsraelite einer besondern Bewilligung des Regierungsrathes von Aargau, wenn ex steh außerhalb den Gemeinden Oberendingen und Lengnau niederlassen sollte ; diese Bewilligung erhielt er nicht ohne eine a u s d r ü c k l i c h e E m p f e h l u n g der israelitischen Vorsteherschast und diese Empfehlung wurde ihm von dex Voxstehersehast verweigert, sosern er sich nicht

2.^ Schriftlich verpflichtete, n a c h w i e v o r a l l e S t e u e r n s e i n e r H e i m a t g e m e i n d e t r a g e n z u h e l f e n , möge er sich niederlassen oder aufhalten, wo er wolle.

Bei .Auswirkung der Empfehlung zu einer Auszngsbewilligun^ wurden auch der Rekurrent Julius W^ler und dessen Bruder Sigmund W^ler von der Vorstehersehast von Oberendingen a n g e h a l t e n , eine

derartige schriftliche Erklärung abzugeben. Dieselbe lautet wörtlich wie folgt : ,,Die Unterzeichneten geben andurch die Verpflichtung, zu allen ,,Zeiten und unter allen Umständen, wo dieselben sich auch aufhalten ,,oder niederlassen, ohne irgend welche Einwendung die Gemeindesteuern^ ,,welchen Ramen sie auch tragen mögen, wie jeder hier wohnende ,,Eorporationsgenosse, zu bezahlen.^ W.^lex zahlte dieser Erklärung gemäss die^ jeweiligen Steuern an feine Heimatgemeinde bis zum Jahr 1866. Raehdem aber in diesem Jahr die Jsraeliten durch ^die Partialrevision der Bundesverfassung den übrigen Schweizerbürgern gleichgestellt wurden, somit auch alle Ausnahmsgesetze betretend die Niederlassung der Jsraeliten nebst deren Konsequenzen dahinfielen, da glaubte sich auch der Rekurrent durch die obige Erklärung nicht mehr für gebunden und verweigerte die Bezahlung der weitern Steuern an seine Heimatgemeinde, mit Ausnahme der .^lrmensteuer, welche er rechtlich bestritt, aber freiwillig zu zahlen anerkannte.

W^ler zahlt in .Luzern die Gemeinde- und Kultussteuer..... und glaubt desshalb, er könne im Aargau zu denselben .Leistungen nieht angehalten werden, weil eine Doppelbestenrung der Bürger unzulässig sei.

Die Vorstehersehast von Oberendingen klagte ihre .......teuerforderung.

am 17. September 1869 auf dem Rechtswege ein.

Mit Urtheil. vom 4. Februar 1870 wies aber das Bezirksgericht von Luzexn die Klägerin ab, wesentlich gestützt auf die Betrachtung, d ... s s d i e S t e u e r n n i c h t G e g e n s t a n d v o n p r i v a t r e c h t lichen V e r p f l i c h t u n g e n s e i n k ö n n e n .

Das Obergerieht von .Luzern hingegen erklärte den Wr^le... dureh Urtheil vom 6. Juli 1870 grundsä^lich. zur Bezahlung der eingeklagten Steuern schuldig, wesentlich gestützt ans folgende ^Erwägungen : ,,Es sei die Einrede der Doppelbesteuerung unbegründet ; W^ler werde nicht dureh die Steuerhoheit zweier Kantone betroffen, ..r stehe nur unter der Steuerhoheit des Kantons Luzern und die Steuern an seine Heimatgemeinde zahle er nicht kraft eines aargauisehen Steuer.^ese.^es, sondern gem..ss einem speziellen Versprechen des Rekuxrenten;

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2^ ein solche.^ Versprechen sei ein privatreehtlich erlaubter Willensakt und das fragliche Versprechen somit ein verbindlicher Vertrag u. s. w.^ ..^egen dieses Urtheil erhob W^ler mit Eingabe vom 13. Deeembe.^ 1870 Beschwerde bei dem .Bundesrath verbunden mit dem Besuch um.

.Aushebung des Urtheils.

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Durch Beschluß vom 8. April 1871 wurde der Rekurs als nnbegründet abgewiesen. Die Erwägungen find aus dem Jhnen gedruckt

vorliegenden Beschluss des Bundesrathes ersichtlich und stimmen int Wesentlichen mit den Motiven des obergerichtlichen Urtheils überein.

...gleich wie das Obergericht von Ludern führt auch der Bundesrath zur Begründung seines Beschlusses unter Anderem an, W^ler werde nicht durch die Steuergese^e zweier Kantone betrossen, da die Fordexung der Vorsteherschaft von Oberendingen aus einem Versprechen beruhe, das der Rekurrent im Jahr 1855 ausgestellt. habe, nun könne fich Jedermann zur Bezahlung einer Richtschuld verpflichten, a l s o a u c h z u r B e z a h l u n g v o n S t e u e r n , d i e e r s o n st nicht zu b e z a h l e n brauchte.

Mit Eingabe vom 20. Juni 1872 gelangt nun W.^ler an die hohe Bundesversammlung

des Urtheils.

und erneuert sein Begehren um Aufhebung

Jhre Kommission kann fich mit der Auffassung des luzernisehen Obergerichts und des Bundesrathes nicht befreunden und zwar aus folgenden Gründen : ^ Das s c h r i f t l i c h e V e r s p r e c h e n d e s R e k u r r e n t e n g e s t a l t e t sich s e i n e r E n t s t e h u n g , s e i n e r R a t u r u n d s e i n e r W i r k u n g nach zu e i n e m S t e u e r v e r t r a g .

Es wurde das Versprechen offenbar unter dem Drucke von Verhältnissen ausgestellt , welche unzweifelhaft eine Röthigung erkennen lassen, der Gegenstand des Vertrags find Steuern, ^welche nach den aargauisehen ^.teuergeset^en ermittelt werden, und die Wirkung ist faktisch die, dass der Rekurrent in beiden Kantonen für ^... .....^.lie..,^ Sache besteuert wird.

S t e u e r v e r t r ä g e s i n d a b e r u n s t a t t h a f t , s i e g eh ö r e n d e m o s f e n t l i c h e n R e c h t a n u n d e n t z i e h e n sich d e m V r i v a t r e c h t . Allerdings kann fich Jemand zur Bezahlung einer Richtschuld verpflichten, aber eine solche Verpflichtung ist nur dann rechtsverbindlich und einklagbar, wenn sie fich aus privatreehtliche Ansprachen bezieht, nicht aber wenn sie .Gegenstände des öffentlichen Rechts^

besehlägt.

^o wenig als ein Vertrag rechtsgültig wäre, wodurch sich Jemand von der gese^liehen Steuerpflicht gegen die Gemeinde oder den Staat

^0 loskaufen wurde, so. wenig kann ein Vertrag rechtsverbindlich sein., wodurch sich Jemand zur Bezahlung von Steuern ...erpfli^tet, welche

er gese^lich nicht huldig ist.

Wollte würden wir eine Men^e .durch deren

man solche Steuervertr^e al.^ rechtsgültig anerkennen. ^ in der Schweiz zu unsern vielen Steuerherrliehkeite.. noch von Ausnahmen durch solche Steuerverträge schaffen und Anerkennung ein formliehes Ehaos herbeisühren.

Der F a l l der D o p p e l b e st e u r u n g i st v o r h a n d e n .

Steuerfragen sind öffentlich rechtlicher ....^atnr, es ist somit die Bundesversammlung eompetent, in dieser Frage zu entscheiden.

Jhre kommission beantragt desshalb einstimmig :

,,Es sei der Rekurs als begründet zu erklären.^ B e r n , den 9. Juli 1872.

Samens der ständeräthlichen ^ommisston: .^. .^^er (Bern).

^ole. ^erstehender Antrag wurde vom Ständerath unter ob^em ^atum angenommen.

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der

Mehrheit der nationalräthlichen .kommission über den Rekurs vom Julius Wyler, betreffend Doppelbesteurung.

(Vom 17. Juli 1872.)

Samens der Mehrheit der Commission erlaube i..h mir folgenden gedrängten Bericht über den Rekurs des Julius W y l e r von Oberendingen zu erstatten.

Das Thatsächliche des Falles ist Folgendes : Julius Wyler, Jsraelite, wurde im Jahr 1832 in seiner Heimathgemeinde Oberendingen im Danton Aargau geboren und hatte dort

bis zum Jahr 1856 seinen Aufenthalt.

Gegen Ende dieses Jahres wünschte er seinen Ausenthalt in de..: Stadt .L.uzern zu nehmen und wandte sich zn diesem Ende an den Vorstand seiner Heimathgemeinde mit dem Gesuche um Aushingabe der Ausweissehristen, welche zur Erwerbung der Niederlassung in .Luzern ersorderlieh waren.

Dieselben wurden ihm verabfolgt gegen einen Revers nachfolgenden Jnhalts, den er und sein Bruder Sigmund unterm 2t. Deeember 1855 ausstellten : ,,Die Unterzeichneten geben andurch die Verpflichtung, zu allen Reiten und unter allen Umständen, wo dieselben sich aueh aufhalten oder niederlassen, ohne irgend welche Einwendung die Gemeindesteuern,

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Bericht der ständeräthlichen Kommission über den Rekurs von Julius Wyler, betreffend Doppelbesteuerung. (Vom 9. Juli 1872.)

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10.08.1872

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27-31

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