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Red des Herrn Bundespräsidenten Motta zur

Eröffnung der ersten Tagung der Völkerbundsversammlunglung in Genf am 15. November 1920.

(Übertragen aus dem Italienischen.)

Meine Damen und Herren!

Im Namen des Schweizervolkes und seiner Regierung heisse ich als Bundespräsident die hohe Versammlung aufs herzlichste willkommen, die heute zum ersten Male und am vertragsmässigen Sitz des Völkerbundes zusammentritt.

Eitles Bemühen wäre es, die Bewegung verbergen zu wollen, die mich in diesem Augenblick beherrscht, wo ich im Geist die unvergleichliche Erhabenheit und Bedeutung des Ereignisses zu ermessen versuche, das sich heute auf dem Boden meines Vaterlandes vollzieht. Ein starker Glanz strahlt davon auf die Schweiz zurück, und der Vorzug, kraft meines Amtes als erster das Wort an Sie zu richten, ist dazu angetan, mich zu verwirren.

Diese einzigartige Gelegenheit legt mir zunächst die Pflicht auf, der Friedenskonferenz unsern unauslöschlichen Dank dafür auszusprechen, dass sie die Stadt Genf zum Sitz der von ihr ins Leben gerufenen zwischenstaatlichen Organisation auserkoren hat.

Die Wahl schwankte, wir wissen es wohl, zwischen Brüssel und Genf. Wäre für die Entscheidung lediglich der helle Schein jüngst erworbenen Kriegsruhms und der Adel, den hehre Aufopferung verleiht, bestimmend gewesen, nicht der geringste Einwand hätte sich der Sache Belgiens entgegenhalten lassen. Eine unvergängliche Strahlenkrone flicht sich um die Stime Belgiens ; Albert L, der heldenmütige König, erscheint als eine der edelsten und erhabensten Gestalten der Weltgeschichte; Belgiens Volk wird im Bewusstsein der Nachwelt als Märtyrervolk fortleben.

Ich erfülle eine Pflicht, die mir teuer ist und deren Bedeutung ich angesichts dieser feierlichen Versammlung im vollen Umfang ermesse, wenn ich als oberster Magistrat eines im grossen Kriege neutral gebliebenen Staates an dieser Stelle erkläre, dass das von Belgien mit seinem Blute besiegelte Beispiel der Treue gegenüber

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internationalen Verpflichtungen und den Geboten der Ehre im Gedächtnis der Menschen so lange haften wird, als sie die Begriffe Gerechtigkeit und Hecht hochhalten werden.

Es liegt mir auch daran, dem Rat des Völkerbundes, dem in seinen hervorragenden Mitgliedern zu huldigen mir eine hohe Ehre ist, dafür zu danken, dass er durch seine am 13. Februar 1920 in London abgegebene Erklärung der Schweiz den Beitritt zum Völkerbund ermöglicht hat.

Die immerwährende Neutralität der schweizerischen Eidgenossenschaft, die nach Ablauf von mehr als hundert Jahren in den jüngsten Verträgen neuerdings anerkannt wurde, ist durch jene Erklärung als wesentlicher Teil des allgemeinen Völkerrechts bekräftigt, als Ausdruck der ausnahmsweisen und in ihrer Art einzigen Lage unseres Landes bestätigt und als eines der gesunden Prinzipien zur Erhaltung des Friedens erhärtet worden.

Seit vier Jahrhunderten beruht die schweizerische Politik auf dem Grundsatz der Neutralität. Als im Jahre 1914 der Weltkrieg entfesselt wurde, da gab es für die Schweiz kein Zaudern: Neutral bleiben war für sie gleichbedeutend mit der Erfüllung ihrer klaren internationalen Verpflichtungen und mit dem unverbrüchlichen Festhalten an der Richtlinie ihrer friedlichen Sendung.

Dank einer glücklichen Fügung, die angesichts der Kleinheit des Landes und seiner Lage inmitten des Ringens ans Wunderbare grenzt, konnte die Schweiz ihre Neutralität bis zum Ende bewahren. Hätte das Schweizervolk, um dem Völkerbund beitreten zu können, seine immerwährende Neutralität, die es mit vollem Recht, wie in der Vergangenheit, so auch jetzt noch, als seinen Schutz und Schild betrachtet, preisgeben müssen, so wäre es in die peinliche Zwangslage gekommen, entweder seinen Überlieferungen untreu zu werden und das ureigenste Wesen seiner Politik zu verleugnen oder auf immer von der neuen zwischenstaatlichen Organisation ausgeschlossen zu bleiben.

Der Rat des Völkerbundes, diese hohe Behörde, die damit ohne Zweifel auch den Willen und die Sympathien der andern Völker bekundete, hat dem Schweizervolk diese bittere Wahl erspart. Hierfür entbietet mein Mund dem hohen Rat den erneuten Widerhall der Dankbarkeit des Schweizervolkes.

Endlich bitte ich Sie, meine Damen und Herren, eine nicht minder herzliche Dankesbotschaft an den Präsidenten Wilson richten zu dürfen, der aus eigenem freundschaftlichem Antrieb die erste Versammlung des Völkerbundes in die nach dem Vertrag als Sitz des Völkerbundes bestimmte Stadt einberufen hat. An diese Dankesbezeugung knüpfe ich die Hoffnung, mehr noch, den heissen Wunsch, es möchten

413 die Vereinigten Staaten von Nordamerika nicht länger mehr zögern, im Völkerbund den ihnen gebührenden Platz einzunehmen.

Das Land, das für sich allein eine mit allen Gütern der Erde gesegnete Welt darstellt, die ruhmreiche Demokratie, die in sich wie in einem riesigen Tiegel alle Eassen verschmolzen und ihnen allen eine Sprache und eine gemeinsame Geistesrichtung gegeben hat, das von den Strahlen des Idealismus erleuchtete, von den ungestümen Wogenstössen der Ungeheuern Entwicklung seines materiellen Wohlstandes emporgetragene Volk, der Staat, der das Gewicht seines Keichtums und seiner Armeen in die Wagschale warf, deren Ausschlag das Schicksal der Erde und Europas im besondern bestimmt hat, die Heimat George Washingtons, eines Patriarchen der Freiheitsidee, und des Bekenners und Märtyrers der Brüderlichkeit Abraham Lincoln, dieses Land kann und darf sich dem Buf der Völker nicht entziehen, die gewillt sind, sich, unter Wahrung ihrer Unabhängigkeit und Souveränität, in gemeinsamer Arbeit für die Wohlfahrt und den Frieden der Menschheit zu vereinigen.

Wahrlich, ungeheuer ist die Aufgabe der eben erst von einem Vernichtungskampf mit Feuer und Schwert bis in ihre Grundfesten erschütterten Menschheit. Keine Epoche der Geschichte weist eine Tragödie auf gleich derjenigen, an der wir als Mitspieler oder als Beobachter teilgenommen haben. Der gigantische, aber lang sich hinziehende Zerfall des römischen Beichs ist nur ein blasses, mit dem Geschehen unserer Tage nicht zu vergleichendes Abbild einer solchen Katastrophe.

Niemals zuvor erreichten Tapferkeit, Opferwille, Vaterlandsliebe und militärisches Genie eine solche Höhe. Der Heldenmut wuchs hinaus über alle Grenzen, die die Überlieferung früherer Zeiten ihm zu ziehen schien. Und so lässt sich denn wohl sagen, der Krieg habe die königliche Würde des Menschen, als des Herrn und Opfers der Natur, erstrahlen lassen. Niemals zuvor war aber auch der Zusammenprall der Heere so furchtbar, hat die Erde soviel Blut und Tränen getrunken, war die Zerstörungswut erbitterter und erbarmungsloser.

Es gab Augenblicke, wo wir uns fragten, ob nicht alle höchsten Errungenschaften der Gesittung, das Gebot der Nächstenliebe, die Tugend der Gottesfurcht, der Sinn für Bechtlichkeit, die Bande der Mitverantwortlichkeit und alle schönen Künste für immer im Wirbel der Vernichtung untergehen werden.

Gewiss, der Krieg hat nicht nur zerstört ; er verhalf ganzen Völkern zur nationalen Einheit, er machte Ungerechtigkeiten gut, er zerbrach Fesseln, und sein Donnerhall rief manchenorts zur Auferstehung. Ist er denn aber das einzige Mittel zur Erreichung solcher

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Ziele, und stehen wirklieh seine fruchtbaren Ergebnisse zu seinen Verwüstungen in einem erträglichen Verhältnis?

Unter diesen Umständen musste sich die alte, aber bis anhin als Utopie betrachtete Idee des Völkerbundes mit ungeahnter Kraft aller einsichtigen Geister und aller edeln Herzen bemächtigen. Von allen Geisseln der Menschheit hatte sich der für die Besiegten unselige, aber auch den Siegern fürchterliche Krieg als die schlimmste erwiesen. Schon tauchten in der Ferne die Schemen künftiger, noch unheilvollerer Konflikte auf. Da galt es denn, Kriege ganz zu verhindern oder doch im ungünstigsten Fall ihre Zahl zu mindern. Das musste das Hauptziel des Völkerbundes sein.

Mit der Ehrfurcht und Dankbarkeit, auf welche die Wohltäter der Menschheit Anspruch haben, verneige ich mich vor allen den Philosophen und Staatsmännern, den Menschenfreunden, den edeln Männern und Frauen, die als Vorkämpfer des Völkerbundsgedankens im Schosse der Kirchen, der Parlamente, der Friedensgesellschaften und an internationalen Kongressen mit unerschütterlichem Vertrauen sich bemühten, die edle Idee dem Bereich der Träume zu entrücken und in lebendige Wirklichkeit umzusetzen.

Ich neige mich auch vor dem ergreifenden Zug weinender Frauen, die, verklärt durch die dargebrachten Opfer und erhöht durch das erwachte Bewusstsein ihrer Pflichten und ihrer Eechte, über Gräber hinweg die Arme ihren Gefährten entgegenstrecken mit der flehentlichen Bitte, die Gewalt der Eoheit zu entkleiden und sie nur noch als unentbehrliche Dienerin des Eechts fortbestehen zu lassen., In der Stunde, da der Völkerbund Gestalt gewann, vollzog sich ein Ereignis, das die Entwicklung der Staaten noch in ferner Zukunft beeinflussen wird. Dieses Urteil bleibt zu Eecht bestehen, auch wenn der erste Völkerbundsvertrag offensichtliche Lücken und unvermeidliche Mängel aufweist. Nie ist dem Wurf des Säers jede Frucht versagt. Und -- verzeihen Sie mir diese unwahrscheinliche Annahme -- selbst wenn dieses erste, von so vielen Staaten errichtete Gebäude zusammenbrechen sollte, seine Fundamente blieben doch bestehen, und die beredte Sprache seiner Euinen riefe die Baumeister zur unvermeidlichen Wiederherstellung des Werkes auf.

Zahllos sind die geistig Auserwählten unter den Millionen der vom Krieg auch in neutralen Ländern dahingerafften Soldaten. Sie sind für ihr Vaterland, sie sind aber auch für die ganze Menschheit gefallen. Im Geiste erschauten sie das Bild einer grossenj mensch-liehen Familie, daraus die Gewalt verbannt wäre, in deren Kreis die Gerechtigkeit als Herrscherin thronte; und als der geheimnisvolle Euf aus dem Jenseits sie erreichte, da ward ihnen Vaterland und Menschheit eins. Euch grüsse ich, ihr Helden aller Länder, bekannte

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und unbekannte, schlichte und hochgebildete, ob ihr unter Triumphbogen oder in Kathedralen, in fremder oder in heimischer Erde ruht, euch grüsse ich in unsäglicher Liebe und ergriffen von einer Eührung, die ich nicht bemeistern will, euch, ihr Säer künftiger Ernten, ihr Blutzeugen neuer Zeiten!

Der Völkerbund wird leben. Schon heute wäre es schwer, sich vorzustellen, dass er nicht bestehe. Aber es wäre töricht, von ihm schon jetzt Wunder zu erwarten. Der einzelne ist ungeduldig, denn er ist ein flüchtiger Gast auf Erden ; die Gemeinschaft aber wandelt sich langsam, denn ihrer Dauer ist keine Grenze gesetzt.

Ohne den Völkerbund wären die Friedensverträge zum Teil undurchführbar. Heute und wohl noch für lange Zeit ist die Wirksamkeit der Zwangsmittel, über die der Völkerbund verfügt, zweifelhaft ; allein schon jetzt steht ihm die entscheidende Macht zu Diensten, die das Weltgewissen heisst. Noch wird er der Gewalt nicht ganz entraten können, aber in höherem Masse wird er durch den Geist herrschen.

Ein weites Feld wird der friedlichen Schlichtung von Streitigkeiten zwischen Staaten eröffnet sein, wenn die erste Völkerbundsversammlung nicht auseinandergeht, ohne einen ständigen internationalen Gerichtshof geschaffen zu haben.

Je umfassender der Völkerbund wird, desto sicherer ist die Gewähr seiner Autorität und Unparteilichkeit. Die Sieger werden nicht mehr lange auf die Mitarbeit der Besiegten verzichten können. Wechselseitiges Zusammenwirken ist Lebensbedingung für alle Völker.

Der Hass ist ein Fluch für die menschliche Gesellschaft. Zur höchsten Höhe erheben sich die Völker, wenn sie zu verzeihen oder wenn sie zu bereuen wissen. Ich würde meiner Aufgabe als, wenn auch unwürdiger, Wortführer des schweizerischen Geistes nicht gerecht, wenn ich nicht den Mut hätte, diese Wahrheit vor Ihrer Versammlung zu verkünden.

Die moralische, wirtschaftliche und finanzielle Solidarität bleibt ungeachtet aller Zerstörungen bestehen und überdauert auch den an sich noch so berechtigten und heiligen Zorn. Dieser ersten Versammlung, die bereits die Aufnahme neuer Staaten zu prüfen hat, liegt es ob, dem Völkerbund die Wege zum Ideal seiner universellen Geltung, der unerlässlichen Voraussetzung des Friedens und der endgültigen Versöhnung, zu ebnen.

Der Tag wird kommen -- ich sehne ihn in Gedanken herbei -- an dem auch ein von seinem Taumel geheiltes und von seinem Elend befreites Eussland im Völkerbund die zu seinem Wiederaufbau unentbehrliche Ordnung, Sicherheit und wechselseitige Hülfe sucht.

Der Völkerbund ist nicht ein Bund von Eegierungen, sondern eine Vereinigung von Völkern. Aus diesem Grund hat er das Problem

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der Abrüstung, Handels-, Verkehrs- und Transitfragen, Hygienefragen, die Probleme des finanziellen Wiederaufbaus und vor allem die Arbeitsfrage in den Mittelpunkt seiner Tätigkeit gerückt. Es ist nicht denkbar, dass sich die Staaten auch fürderhin unter der erdrückenden Last militärischer Ausgaben beugen. Denn täten sie es, so wären die Lehren des Krieges gänzlich vergeblich gewesen. Die zwischenstaatlichen Schranken müssen fallen. Alle haben ein Eecht auf freien Zugang zum Meere. Die an Eohstoffen, namentlich an Kohle und Metallen reichen Länder sollen diese Schätze nicht wie Monopole ausnützen. Die Finanzkonferenz, die in Brüssel tagte, hat die Mittel zur Heilung der der Volkswirtschaft geschlagenen Wunden angegeben. Leider wird sich der Abgrund, der zwischen den Theorien und ihrer Nutzanwendung klafft, nicht so bald überbrücken lassen. Die Bedürfnisse der Produktion bestimmen die Arbeitsbedingungen; doch sollen diese die Menschenwürde des Arbeiters und seinen geheiligten Anspruch auf sein persönliches und seiner Familie Wohlergehen nicht verletzen.

Auch der oberflächliche Beobachter muss erkennen, dass die Gliederung der menschlichen Gesellschaft schon tiefgreifende Änderungen erfahren hat. Die Lebensgemeinschaft in den Schützengräben hat nicht nur die Unduldsamkeit auf geistigem Gebiet, sondern auch den kleinlichen, eisigen Hass überwunden, der die Klassen trennte, und das auf den Schlachtfeldern aus ihr erwachsene Gefühl der Brüderlichkeit lebt in den zur Friedensarbeit Zurückgekehrten fort.

Die zahlreichsten, aber noch ungeschulten Volksschichten trachten danach, der Leitung der Staaten ihren Stempel aufzudrücken. Die politische Freiheit hat aufgehört, bloss ein Ideal des einzelnen zu sein, sie ist ein wirksames Mittel geworden, um, wenn nicht die dauernde Gleichheit aller zu verwirklichen, was zum Wohl der Menschheit ein toller Wahn bleiben wird, so doch die ursprünglichen Ungleichheiten unter den Menschen zu mildem. Die Demokratie erweist sich als das sicherste Bollwerk gegen Gewalt, Unruhen und Diktatur; aber sie erfüllt ihre erzieherische und versöhnende Bestimmung nur, wenn sie den edelsten Gemeinschaftsbestrebungen und den kühnsten sozialen Neuerungen freie Bahn gewährt. Dieser Wesenszug, ja ich möchte sagen diese geistige Verwandtschaft, macht die Demokratie zur natürlichen Verbündeten des Völkerbundes.

Ferne sei uns der Wunsch, dass die Demokratien unbeweglich bleiben und ihre Stimme ersticken. Ihr Stillschweigen wäre unheilvoll, ihre Unbewegtheit wäre gleichbedeutend mit Erstarrung. Gesegnet seien die Demokratien, auch wenn sie stürmisch bewegt sind, ·weil ihr Lebensgefühl sie zum Aufstieg treibt. Sie sind unser aller Hoffnung, auch wenn sie noch ein gewisess Misstrauen gegen die

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Ich wünsche, meine Damen und Herren, dass Ihnen der Aufenthalt in Genf angenehm sein möge. Die Schweiz ist ein Land einfacher Sitten, und sie misst dieser Einfachheit ganz besondern Wert bei.

In dieser Jahreszeit vermag Genf vor Ihren Augen weder die ganze Pracht seiner Natur zu entfalten, noch strahlt Ihnen das im Sonnenschein aus den unzähligen Wellen seines Sees aufblitzende Lächeln entgegen. Auf Grund seiner Geschichte und seines humanitären Geistes weiht sich Genf von allen Schweizerstädten am leidenschaftlichsten der Pflege hoher Ideen und wendet sich am entschiedensten den Problemen des internationalen Lebens zu. Durch diese seine Eigenart war es vorausbestimmt, die Wiege des Boten Kreuzes zu werden. Das Generalsekretariat des Völkerbundes, dem ich ebenfalls den Ausdruck unserer herzlichen Sympathie entbiete, wird hier bei der öffentlichen Meinung Verständnis und Unterstützung finden.

Möchten die Beratungen der Versammlung stets vom einsichtigen Streben nach freundschaftlicher Verständigung beseelt sein.

Dann wird die auf diese Versammlung gerichtete Aufmerksamkeit ·der ganzen Welt nicht enttäuscht werden.

Gestatten Sie mir, zum Schlüsse anzuknüpfen an die ehrwürdige, von unsern Vätern ererbte Formel, mit der noch heute der amtliche Schriftwechsel zwischen dem Bundesrat und den schweizerischen Kantonen zu endigen pflegt und die da lautet: «Wir empfehlen euch, getreue, liebe Eidgenossen, samt uns dem Machtschutz Gottes ! » Der Völkerbund wird leben, weil er ein Werk der Solidarität und der Liebe «ein soll. Ihr Vertreter verschiedener Kulturen, Bässen und Sprachen, ihr hervorragenden Männer und Frauen, die ihr aus allen Erdteilen herbeigeeilt seid, ihr Anhänger jeder philosophischen Bichtung und ihr Gläubige aller Beligionen, erlaubt mir, dass ich die neue Gemeinschaft in die Obhut Desjenigen empfehle, den Dante in dem herrlichen Vers, der sein göttliches Werk schliesst und zusammenfasst, also anruft : «L'amor che muove il sole e l ' a l t r e stelle», «Die Liebe, die da Sonnen rollt und Sterne«.

--Ì2-O-EÌ--

Bundesblatt. 72. Jahrg. Bd. V.

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Rede des Herrn Bundespräsidenten Motta zur Eröffnung der ersten Tagung der Völkerbundsversammlung in Genf am 15. November 1920. (Übertragen aus dem Italienischen.)

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1920

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08.12.1920

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