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Schweizerische Bundesversammlung.

Montag den 11. November sind die gesetzgebenden Räte der Eidgenossenschaft wegen des auf Mitternacht vom Montag zum Dienstag erklärten Generalstreiks telegraphisch auf Dienstag den 12. November, vormittags 11 Uhr, zur zweiten Fortsetzung der ordentlichen Sommertagung einberufen worden. Einziger Verhandlungsgegenstand ist der Bericht des Bundesrates über den Generalstreik.

Im Nationalrat ist als neues Mitglied erschienen: Herr Hg, Konrad, von Salenstein, in Bern.

Im N a t i o n a l r a t hielt Herr Präsident Calame bei der Eröffnung der Tagung folgende Ansprache: Verehrte Herren Nationalräte !

Am 16. September abhin erwiesen wir die letzte Ehre dem Andenken zweier unserer jüngsten Kollegen, welche in grausamer Weise von dem ersten Ansturm der Grippe, der unser Land durchzogen hatte, dahingerafft wurden ; damals durften wir hoffen, dass der Nationalrat fortan von ihr verschont bleiben werde, und wir dachten wahrlich nicht, dass zwei weitere aus unserer Mitte in voller Lebenskraft ebenfalls von der tückischen Seuche weggerafft werden .würden: am 24. Oktober Hans Conzett, dessen Tod uns durch seine Plötzlichkeit überraschte, und weniger als eine Woche später Alois Steinhauser.

Beide waren aus jenem festen Graubündner Stamme, wie auch Felix Koch, der ihnen kurz vorher im Tode voranging; sehr verschieden zwar in ihrer ganzen Erscheinung, schien ein jeder von ihnen berufen, lange Jahre zu leben ; sie haben dem bösen Sturme nicht widerstehen können.

Hans Conzett wurde 1886 in Zürich geboren. Er war einer der jüngsten in unserm Rate, wo er nicht einmal ein ganzes Jahr lang Mitglied war; seine Wahl in den Nationalrat erfolgte im Dezember 1917 ; er trat hier an die Stelle des verstorbenen Amsler, der bei der Gesamterneuerung des Rates im verflossenen Jahre wiedergewählt wurde, aber am Tage nach den Wahlen starb. Von Beruf war Conzett Buchdrucker; dank seinen Ge-

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schäftskenntnisson hatte er seinem Hause einen flotten Aufschwung und schönes Gedeihen zu verschaffen gewusst. Ausserhalb seiner beruflichen Tätigkeit widmete Hans Conzett seine Aufmerksamkeit den Fragen der Organisation der Arbeit. Diejenigen, deren Interessen er speziell vertrat, sind einig im Lobe über sein organisatorisches Talent wie über seine mit klugem Rate gepaarte Dienstfertigkeit. Im Grossen Rate des Kantons Zürich, in den ihn der Wahlkreis Borgen im Jahre 1915 als seinen Vertreter entsandte, wurde er ein geschätztes Mitglied. Die eidgenössische Laufbahn des sozialistischen Abgeordneten des 3. Wahlkreises war von zu kurzer Dauer, als dass es möglich wäre, ohne etwelche Vermessenheit sich ein persönliches Urteil über die parlamentarische Bedeutung von Hans Conzett zu erlauben; aber das Zeugnis dürfen wir ihm geben, dass er, wenn auch im Anfang etwas zurückhaltend, ein artiger und freundlicher Kollege war; leider war ihm die Zeit nicht gegönnt, um hier alle seine Fähigkeiten zur Entwicklung zu bringen.

Alois Steinhauser befand sich auf einer Geschäftsreise in Paris, als er am 27. Oktober den Folgen einer heftigen Grippe erlag. Erst 47 Jahre alt, ist er, fern von den Seinigen, in fremder Erde gestorben; gross war die Trauer im Kanton Graubünden, wo Steinhauser eine politische Rolle ersten Ranges spielte und wo er eine schöne Popularität genoss.

Geboren im'Februar 1871, war er selber der Sohn eines «instigen Nationalrates. Anton Steinhauser, welcher in unsrer Versammlung die bündnerischen Radikalen vertrat. Aus freiem Antriebe widmete sich Alois Steinhäuser der Jurisprudenz und machte sehr ausgedehnte Rechtsstudien, die er mit der Erwerbung des Doktortitels an der Berner Hochschule abschloss. Von 1899 bis 1909 war er Fürsprech in Chur. Im gleichen Jahre, in welchem er sein Anwaltsbureau auftat, entsandten ihn seine Mitbürger in den Grossen Rat, aus dem er nur zeitweise austrat, um in die Regierung überzutreten, und dessen Vorsitzeader er gegenwärtig war. Sechs Jahre, von 1909 bis 1915, sass er im Regierungsrat, und zwar als Vorsteher des Finanzdepartements und des Mililärdepartements. Im Jahre 1915 kam er nach Bern; in diesem Saale nahm er den Platz ein, welchen Herr von Planta verlassen hatte, um unser Land in der Hauptstadt von Italien zu vertreten. Sofort erwarb sich der neue Abgeordnete von Graubünden die Sympathien seiner neuen Umgebung. Er war von ganz besonderer Herzlichkeit; mit einer angenehmen Selbstverständlichkeit gab er seine Hand ; er war fröhlichen Gemüts

105 und von einer liebenswürdigen Unterhaltung. Die finanziellen Fragen bildeten sein Lieblingsgebict, und öfters haben wir ihn in gründlicher und massgobender Weise über fiskalische Fragen sprechen hören, welche in den eidgenössischen Räten* behandelt wurden.

. Es war wahrlich eine ganze Persönlichkeit, welche von uns geschieden ist.

Wir wollen unsern beiden entschlafenen Kollegen, Hans Conzett und Alois Steinhauser, bewegten Herzens unsern letzten Gruss senden ; ich lade Sie, meine Herren, ein, sich zum Zeichen ihrer letzten Ehrung von Ihren Sitzen zu erheben.

Meine Herren Nationalräte !

Zu der Stunde, wo die Unterzeichnung des letzten Waffenstillstandes das Ende eines Krieges bezeichnet, welcher während mehr als 50 Monaten seine Greuel und seine Schrecken auf den Schlachtfeldern ausgestreut hat, wäre es Ihrem Vorsitzenden angenehm gewesen, mit einigen Worten den Anbruch einer neuen Zeit zu -begrüssen und sich der Rückkehr eines auf Recht und Gerechtigkeit gegründeten Friedens zu freuen.

Die Umstände, unter denen ich diese Wiederaufnahme der Tagung eröffne, lasseu mich aber, zu meinem aufrichtigen Bedauern, auf die bescheidenen Betrachtungen über die äussere Politik verzichten, denen ich mich unter andern Verhältnissen notwendigerweise hingegeben hätte.

Eher, als wir es glaubten, finden wir uns wieder in Bern zusammen, weil wir dringend durch den Bundesrat einberufen wurden ; Umstände von ausserordentlicher Schwere haben diese plötzliche Zusammenberufurig veranlasst: Die Bundesversammlung musste ,,angesichts der Streikunruhen" einberufen werden, wie das Telegramm besagt, welches diesmal an Stelle des Einladungszirkulars trat.

Sie werden nun die Erklärungen anhören, die der Bundesrat unverzüglich den Räten unterbreiten zu sollen glaubte über die von ihm eingenommene Haltung und über die von ihm angesichts der Ereignisse angeordneten Massnahmen ; Sie werden darüber beraten. Ich darf wohl annehmen, dass, ungeachtet aller Verschiedenheit der Standpunkte, welche aufeinanderstossen werden, die Verhandlungen jederzeit einen würdigen Verlauf nehmen und sich gemäss den parlamentarischen Regeln abwickeln werden.

106 Man verlangt vom Vorsitzenden, er solle unparteiisch und gewissermassen unpersönlich sein; ich denke nicht daran, mich dieser Verpflichtung zu entledigen. Sie werden mir aber immerhin den Wunsch auszudrücken gestatten, dass wir alle anzuerkennen vermögen, dass in diesem Moment, wo jenseits unserer Grenzen die Friedensworte erschallen, es unverzeihlich wäre, wenn in unserrn Lande Gerüchte von Bürgerkrieg sich hören Hessen. Während vier Jahren und vier Monaten ist die Schweiz, auf allen Seiten von Kriegführenden umgeben, auf wunderbare Weise vom Sturme verschont geblieben ; es wäre ruchlos, wenn die Ordnung unseres Schweizerhauses von seinen eigenen Bewohnern vernichtet würde.

Die Notwendigkeit der Eintracht zeigt sich dringender als je ; ich erlaube mir, Sie, meine Herren Abgeordneten, einzuladen, dem Schweizervolk hiefür das gute Beispiel zu geben.

Meine Herren !

Gestern kam uns von Frauenfeld die Kunde vom Hinscheid des Herrn Georg Leumann, eines der thurgauischen Vertreter im Ständerat.

Bei uns scheint der Tod mit Vorliebe die Jungen wegzuraffen ; dort sucht er seine Opfer unter den Betagten.

Herr Leumann war zugleich einer der Ältesten an Jahren und einer der Veteranen im Ständerate. Geboren am 30. August 1842, stand er in seinem 77. Altersjahre; nur zwei seiner Kollegen waren einige Monate älter. In den Ständerat trat er 1890 ein; er machte eine ununterbrochene parlamentarische Laufbahn von 28 Jahren durch ; nur drei seiner Kollegen, wenn ich mich nicht irre, haben eine längere Dienstzeit aufzuweisen.

Georg Leumann absolvierte an der. Eidgenössischen Polytechnischen Schule in Zürich seine Chemiestudien. Dann widmete er sich der Textilindustrie ; nach einem Aufenthalt in England und in Italien etablierte er sich in seinem Heimatkanton und stand lange an der Spitze eines Unteroehmens, wo er seine Kenntnisse anwenden und die reichen Hülfsmittel seines praktischen Geistes verwerten konnte.

Das öffentliche Leben interessierte ihn nicht minder als die Geschäfte. Von 1878 bis 1899 war er Abgeordneter im Grossen Rat und präsidierte diese Behörde im Jahre 1893.

Seit 1890 Mitglied des schweizerischen Ständerates, war er 1900 dessen Präsident. Naturgemäss wandte er seine Aufmerksamkeit vor-

107 zugsweise den Fragen der Industrie und des Handels zu, wie auch den Problemen im Finanzgebiete ; er war Mitglied zahlreicher Kommissionen, in denen seine Meinung gern gehört wurde. Mit den Jahren jedoch hatte die Krankheit allmählich die Tätigkeit dieses arbeitsamen Parlamentariers gehemmt, und in den letzten Zeiten spielte Georg Leumann nur noch eine bescheidene Rolle.

Er hatte die Absicht geäussert, bei den letzten Erneuerungswahlen zurückzutreten ; den dringenden Bitten seiner Mitbürger gelang es, ihn von seinem Vorhaben abzubringen. Jedoch konuten denen, die ihn näher kannten, die Verheerungen der Krankheit nicht entgehen, und es war keine lange Hoffnung mehr für ihn möglich; Montag den 11. November ist er nach schmerzlichen Leiden entschlafen.

Meine Herren, ich lade Sie ein, zu Ehren des Andenkens Ihres verstorbenen Kollegen sich von Ihren Sitzen zu erheben.

Im S t ä n d e r a t wurde die Tagung durch Herrn Präsident Bolli mit folgenden Worten eröffnet: Meine Herren Ständeräte!

Vor wenig Stunden dürften die letzten Kanonenschläge der Kriegsparteien im gewaltigsten aller Kriege der Weltgeschichte verhallt sein. Millionen von Menschen sind diesem Kriege zum Opfer gefallen, fruchtbare Länderstriche und Stätten hoher Kultur sind verwüstet worden. Dem Schweizervolke haben zwingende historische Erfahrungen die Beachtung einer auch durch völkerrechtliche Akte verbürgten Neutralität auferlegt. Und diese Neutralität ist von allen kriegführenden Staaten geachtet worden, unser Land blieb von der Kriegsfurie verschont. Wenn die schwierigen Verhältnisse auch Meinungskampf und Auseinandersetzungen im Verlaufe der Kriegsjahre im Lande im Gefolge hatten, so herrschte doch in e i n e m Punkte ausnahmslose Einhelligkeit: Das Schweizerland darf n i c h t w i e d e r , wie bei frühern europäischen Konflagrationen, der T u m m e l p l a t z f r e m d e r H e e r e werden! Und in diesem Willen hat sich die Nation, ob all dem unvermeidlichen Hausstreit -- der schliesslich auch ein Element politischer Gesundheit ist -- immer wieder gefunden, und ist der nationale Gedanke gekräftigt worden. Unsere auf Jahrhunderte langer Entwicklung und Erfahrung begründete Staatsverfassuug hat die schwere Belastung der Kriegsjahre bis jetzt glücklich ertragen. Die Solidarität der gesamten Volksgemein-

108 schaft, die sie durchdringt und ihrem Wesen eigen ist, hat die Möglichkeit geboten, durch rasche Anpassung an die Schwierigkeiten der Zeitumstände unserm vom Kriege eingekreisten Lande A r b e i t und B r o t zu verschaffen". Und wir hatten die Kraft und die Genugtuung, noch ein übriges zu haben zugunsten der von der Kriegsgeissel getroffenen Unglücklichen aus den Nachbarländern.

Mit warmer und täglich wachsender Sehnsucht hat das ganze Schweizervolk den Tag des Friedens herbeigesehnt und der erste Tag der Waffenruhe sollte ein Freudentag sein. So dachten sich alle. Schon war bei vielen Eidgenossen, aus allen Kreisen, der Gedanke rege und lobendig geworden, os sei nun die Aufgabe der Schweiz, i h r e j a h r h u n d e r t e l a n g e n E r f a h r u n g e n in der E n t w i c k l u n g der Demokratie dienstbar zu machen bei dem so sehnlich erwarteten und als ethisches Ergebnis des Krieges erhofften W i e d e r a u f b a u des V ö l k e r l e b e n s auf dem Boden der Volksherrschaft und des Völkerbundes, der Gleichheit und Brüderlichkeit, der Menschlichkeit und Gerechtigkeit. Ist doch der Gedanke der Volksherrschaft auch in den trübesten Zeiten der Schweizergeschichte nie ganz untergegangen, hat er sich doch in seinen ursprünglichen Formen bis auf den heutigen Tag bei verschiedenen schweizerischen Volksteilen erhalten und hat er es doch vermocht, dass Stämme verschiedener Sprachen, verschiedener religiöser Anschauungen, der verschiedensten wirtschaftlichen Bestimmungen und Verhältnisse als e i n e Nation sich fühlten und gemeinsam die gemeinsamen Fragen lösten, um alle Volksgenossen den höhern Zielen der Kultur und der Menschlichkeit eotgegenzuführen. Aber das Schweizervolk weiss auch aus Erfahrung, aus teilweise bitterer und blutiger Erfahrung, dass es weder mit dem blossen Grundsatz noch mit der Formel der Demokratie getan ist. Soll diese eine Tatsache und eine Wahrheit, ein Faktor des Glückes und der Förderung der menschlichen Kultur sein, so muss sie sich organisch und bodenständig entwickeln, mit ihrem Blute alle Adern des staatlichen und gesellschaftlichen Körpers durchdringen; das Bewusstsein der solidarischen Brüderlichkeit muss das ganze Staatsleben mehr und mehr erfiill'en.

Diese Erfahrungen und diese Gedanken glaubte das Schweizervolk neben verschiedenem andern beitragen zu dürfen an die Wiederaul'richtung und Versöhnung des Völkerlebens, in aller Bescheidenheit, mit warmem Herzen.

So weit sind wir nun noch n i c h t !

109 Die Gefahr, dass unser Land K r i e g s s c h a u p l a t z werde T ist wenigstens in der Gestalt, die sie bisher hatte, nach menschlichem Ermessen v o r ü b e r . Die bisherigen Kriegsparteieri werden wohl in absehbarer Zeit die Waffen nicht mehr gegeneinander erheben.

Aber in dem Augenblick, wo in einem an Fieberphantasie gemahnenden Szenenwechsel und mit gewaltigem Krach grosse Staatengebäude zusammenstürzen, neue Staatsformen, neue Volksgemeinschaften und Staatengebilde entstehen und sich wandeln, schlagen aus den Trümmern die Flammen einer gewaltigen W e l t r e v o l u t i o n , angefacht durch internationale Verschwörung und genährt von der Not und dem Elend, das der Weltkrieg und der Zusammenbruch geschaffen hat bei den besiegten Völkern.

Die Umgestaltung und Umwälzung der staatlichen Ordnung in den bisherigen grossen Reichen im Norden und im Osten unseres Landes wird naturgemäss auch eine Lockerung der Ordnung im Gefolge haben. Schon seit Monaten schleicht durch die Kantonnemente unserer Soldaten, durch die Gassen unserer Städto und die Hütten unserer Berge eine unheimliche S e u c h e und fordert zahlreiche Opfer. Andere, noch viel tückischere und verderblichere Krankheiten lauern an der Grenze und suchen durch die Lücken Einlass, welche die Not der Zeit und die Verwirrung der Menschen ihnen schaffen. Mehr und mehr dürfte es nur noch der Schutz auf der Schweizerseite sein, der sich eignet, sie vom Eindringen abzuhalten. Das wird aber nur möglich sein, wenn auf dieser Seite die O r d n u n g zuverlässig und straff bleibt.

Sonst besteht die Gefahr, dass unser Volk von diesen Kriegsfolgen noch Unsägliches wird leiden müssen, und das Ende wäre nicht abzusehen.

Und noch eine andere schwere Gefahr lastet auf dem Lande, und sie ist bereits eingedrungen. Bereits droht sie die Sicherheit und Ordnung an der Grenze zu stören und diese auch für die Seuchen zu öffnen. Das ist die Gefahr der i n n e r n Unr u h e n , dio die Wachsamkeit zu lahmen droht.

Gegen ihm bekannt gewordene Anschläge auf die Staatsund Rechtsordnung hat der Bundesrat sich veranlasst gesehen, durch Truppenaufgebote einzelne Landesteile zu schützen. Darauf hat ein ,,Aktionskomitee"' nach einem sogenannten Proteststreik den allgemeinen Landesstreik angeordnet. Die Einzelheiten sind Ihnen bekannt. Diese Vorgänge und diese Zustände sind die Veranlassung der Einberufung der Bundesversammlung zur heutigen Tagung.

ito Meine Herren ! Ich will natürlich Ihren Schlussnahmen nicht vorgreifen. Aber ich fühle mich verpflichtet, der Überzeugung Ausdruck zu verleihen, dass die Gefahren, vor denen unser Land im gegenwärtigen Momente steht, ungleich schwerer und dringender -- weil unheimlicher -- sind, als die Kriegsgefahr, der wir in die Augen schauen konnten und die wir glücklich überstanden haben.

Und diese heutigen Bedrohnisse können verhängnisvoll werden für die Zukunft und Existenz des Landes und Volkes der Eidgenossen. Sie können abgewendet werden, wenn wir mit festem Willen, mit vereinter Kraft und Entschlossenheit ihnen entgegentreten. Erst jetzt tritt die Prüfung an unsere Demokratie so recht heran ! Meine Zuversicht ist, dass sie die Kraft haben wird, sich zu bewähren. Sie wird die Herrschaft des ganzen Volkes'nicht abtreten an die Herrschaft einer Klasse oder einer Minderheit. Sie wird aus eigener K r a f t den Anforderungen, die von der neuen Zeit gebieterisch gestellt werden, zum Wohle der g a n z e n Volksgemeinschaft gerecht zu werden wissen!

Meine Herren Stätideräte !

Auch bei dem ausserordentlichen Anlasse, der uns heute zusammengerufen hat, wollen wir von der Übung nicht abgehen und der Toten gedenken.

N a t i o n a l r a t H a n s C o n z e t t verschied am 24. Oktober ds. Js. im Alter von erst 32 Jahren an einer Grippelungenentzündung in seinem Heim in Kilchberg am Zürchersee. Hans Conzett, einer ursprünglichen Bündner Familie entstammend, wurde in Zürich geboren am 3. August 1886, als Sohn des ehemaligen Tagwachtredaktors und Buchdruckers Conrad Conzett.

Nach beendigter Schulzeit lernte er, teils im elterlichen Geschäft, teils in einer Offizin in Montreux, den Beruf eines Maschinenmeisters. Seine Wanderjahre führten ihn nach Deutschland, Dänemark, Frankreich und Italien. Der Vater war ihm früh gestorben. 'Nach der Rückkehr trat er in das von der Mutter geleitete Geschäft ein, das er nach Jahren schwerer Sorge unter Mithülfe seines Bruders Sinai auf die Höhe brachte.

Der sozialpolitische Kampf steckte ihm im Blute, und so betätigte er sich bald als Zentralpräsidcnt des Verbandes der Handels- und Transportarbeiter der Schweiz und in anderen Stellungen an der Bewegung für die Besserstellung der Arbeiter.

1915 zog er als erster sozialdemokratischer Vertreter des Bezirkes Horgen in den Züricher Kantonsrat ein. Er wurde zunächst als

Ili Sekretär dieses Rates und dann bald als Mitglied des Bankrates der Kantonalbank gewählt. Überall zeigte Conzett regen Eifer und hohe Intelligenz und ein warmes Herz für die Gedrückten und Schwachen. Vor Jahresfrist trat er als Nachfolger des verstorbenen Nationalrates Amsler in den Natioiialrat ein.

Hans Conzett hing mit ganzer Seele an seinein Land, und einer seiner Freunde schrieb in seinem Nachruf von ihm, dass'er, ,,der bärenhafte Bündner und 67er Wachtmeister trotz gut sozialdemokratischer Überzeugung doch nicht die natürliche Liebe zu seinem Vaterlande in dem abstrakten Begriff der Internationale aufgehen zu lassen vermocht" habe.

Am 27. Oktober starb in Paris auf einer Durchreise ein anderer Sohn der Bündnerberge, ebenfalls als Opfer der unheimlichen Grippe, N a t i o n a l rat Dr. A l o i s S t e i n h a u s e r .

Alois Steinhauser war geboren in dem alten Schloss zu Sagens den 11. Februar 1871, als Sohn von Nationalrat Steinhauser. Seine frühe Jugend verlebte er in der Heimat und durchlief die Kantonsschule in Chur. An den Hochschulen Würzburg, München, Bern, Heidelberg, Berlin und Paris widmete er sich dem Studium der Staats- und Rechtswissenschaften, promovierte als Dr. juris utriusque an der Berner Fakultät und Vollendete seine gründliche und umfassende Ausbildung in Rom.

Nach der Heimkehr Hess er sich 1899 als Anwalt in Chur nieder und wurde gleichzeitig von seinem heimatlichen Kreis llanz zum Mitglied des Grossen Rates des Kantons Graubünden gewählt.

1905 wurde er Landammann der Kreisgemeinde llanz und 1908 wählte ihn das Bündner Volk als Vertreter der katholisch-konservativen Richtung in den Regierungsrat. Er übernahm das Finanzund das Militärdepartement. Als Herr von Planta Gesandter in Rom wurde, trat Steinhauser aus dem Regierungsrat aus, und er wurde am 7. März 1915 als dessen Nachfolger zum Mitglied des Nationalrates gewählt.

Das Schwergewicht der Tätigkeit Steinhausers in seinem öffentlichen Wirken liegt auf wirtschaftlichem und finanzpolitischem Gebiet. Er erwarb sich grosse Verdienste um die Verkehrsbestrebungen seiner engern Heimat, des Bündner Oberlandes, und um die Hebung der Landwirtschaft. Er war der Mitbegründer und Förderer des Oberländer Elektrizitätswerkes. Als Besitzer ausgedehnter landwirtschaftlicher Betriebe in Brigels, Obersachsen Bundesblatt. 70. Jahrg. Bd. V.

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und Sagens stand er persönlich mitten in der Entwicklung der bäuerlichen Verhältnisse drin und kannte alles ans eigener Erfahrung und Anschauung. Er machte seine so erworbenen Kenntnisse der Gesamtheit dienstbar. Besondere Verdienste hat sich Steinhauser erworben um die Steuergesetzgebung Graubündens.

Überall, wo er seine Tätigkeit entfaltete, im Heimatkanton oder in der Bundesversammlung, geschah es unter Einsetzung seiner grossen Bildung, mit grosser Intelligenz, mit Ziclbewusstsein und Umsicht, mit patriotischer Wärme.

Meine Herren Ständerätc, wir erheben uns zum Andenken an die dahingeschiedenen Nationalräte Hans Couzetl; und Alois Steinhauser von unsern Sitzen.

Bei der Eröffnung der Sitzung vom 13. November hielt Herr Präsident Bolli folgenden Nachruf: Meine Herren Ständcräte !

Gestern abend ist die Nachricht gekommen, dass unser vieljähriger, lieber Kollege, Ständerat Georg L e u m a n n , in Frauenfeld am letzten Montag abend zur ewigen Ruhe eingegangen ist.

Nicht ohne tiefe Bewegung werden alle Mitglieder unseres Rates im gegenwärtigen wichtigen historischen Moment, wo es um die Zukunft und Existenz unseres lieben Vaterlandes geht, vernehmen, dass der aufrechte Mann und Eidgenosse, mit dem klaren Blick und dem warmen patriotischen Herzen, nicht mehr an unserm Ratschlag teilnehmen wird, nicht mehr in seiner gewohnten kurzen und treffenden, auf den Kern der Sache gehenden Weise seine Meinung in die Diskussion tragen wird im Ratsaal und im Freundeskreise, dass er nicht mithilft, den Weg aus der Wirrnis der heutigen Tage zu finden.

Wenn auch in den letzten Jahren körperliches Leiden den hochbetagten Kollegen nicht verschont hatte, so war er doch immer noch von bewundernswerter geistiger Frische und Lebendigkeit geblieben.

Geboren im Jahr 1842, durchlief Georg Leumann zunächst die Schulen seiner Heimat im Thurgau. Dann studierte er am Polytechnikum in Zürich Chemie. Nach seiner Rückkehr in die

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Heimat und Eintritt in das praktische Lebeii wirkte er auf industriellem Gebiete. Er betrieb die Färberei in der Rotfarb in Bürglen an der Thur und nahm hervorragenden Anteil an der Gründung und dem Betrieb einer renommierten Kammgarnspinnerei in Bürglen. Er beteiligte sich an der Entwicklung der chemischen Industrie in Basel und an der Verwaltung der Unfallversicherungsgesellschaft Winterthur.

Im öffentlichen Leben des Kantons Thurgau nahm Georg Leumann eine hervorragende, geachtete Stellung ein. Von 1877 bis 1899 war er Mitglied des Grossen Rates, 1893 Präsident desselben. In der Armee war Leumann in seinen Jüngern Jahren ein schneidiger Reiteroffizier, er hat den Grad eines Oberstlieutenants der Kavallerie erreicht. 1890 wählte ihn das Thurgauer Volk als Mitglied des Ständerates und bei allen Amtserneuerungen bestätigte es ihn in dieser Vertrauensstelle. Er gehörte unserm Rate bis zu seinem Lebensende als sehr reges Mitglied au. Es waren die wirtschaftlichen Fragen, zu Zeiten die Zoll fragen, die Dinge der Kranken- und Unfallversicherung, die Fabrikgesetzgebung, die Finanzfragen, das kaufmännische Bildungswesens, denen er namentlich seine lebendige und auf praktischen Fortschritt gerichtete Aufmerksamkeit schenkte. Er war Mitglied der wichtigsten Kommissionen ; während einer Reihe von Jahren Präsident der Finanzkommission und Mitglied der Finanzdelegation. Im Jahre 1900 war er Präsident des Ständerates.

Georg Leumann war mit seinem ganzen Wesen, in seiner ganzeu Charakter Veranlagung ein Teil des von ihm vertretenen Thurgauer Volkes, mit seinem zielbewussten, klaren, auf das Einfache und Wesentliche gehenden Denken ; bei aller nüchternen und praktischen Denkart doch wärmster, patriotischer Begeisterung fähig. In ihm verkörperte sich immer noch der Idealismus und der staatsmännische Weitblick der Generation, die den neuen Bund der Eidgenossen geschaffen und in glücklichern Jahren misera Bundesstaat auf die G r u n d l a g e gestellt und darin verankert hat, die es unserm Volk ermöglichte, die Gefährden und Stürme der vergangenen Kriegsjahre zu überstehen, und aus der Behörden und Volk auch die entschlossene Tatkraft und den unbeugsamen Willen schöpfen werden, die heutigen innerri Angriffe siegreich abzuschlagen !

Meine Herren Ständeräte ! Zu Ehren des Andenkens an unsern abgeschiedenen Kollegen Georg Leumann erheben wir uns von den Sitzen.

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