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Bundesversammlung.

Die gesetzgebenden Räte sind am 6. Juni 1932, um 18 Uhr, zur 3, Tagung der 29. Legislaturperiode zusammengetreten.

Im N a t i o n a l r a t e eröffnete der Präsident, Herr Dr. Roman A b t , die Tagung mit folgender Ansprache : Meine Herren!

Schon in der März-Session inussten wir von zwei verstorbenen Kollegen Abschied nehmen. Heute aber, kaum 6 Monate nach der Neukonstituierung unserer gesetzgebenden Behörde, sind weitere vier Kollegen von uns geschieden, diesmal alles Mitglieder des Nationalrates, die Herren Bahm, von Matt, Hartmann und Eugster. Damit hat unser Kollegium, in diesen 6 Monaten eine sonst noch nie dagewesene Mortalitätsziffer erreicht, und wir wollen gerne hoffen, dass dieses für unser Land und die ganze "VYelt ohnehin genügend schicksalsschwere Jahr nicht das Bedürfnis nach der Aufstellung neuer Eekordzahlen auch auf diesem Gebiete seines Wirkens empfinde.

Der Tod wählt sich bekanntlich seine Opfer ziel- und rücksichtslos und unbekümmert um den Stand der Erfüllung der Lebensaufgabe des Einzelnen.

Er knickt die Lebensblume der mitten im Bereiten ihrer Werke Stehenden mit derselben Gefühllosigkeit, wie die der Vollendeten. So-standen auch unsere vier verstorbenen Kollegen in vier verschiedenen Dezennien ihres Lebens, zum Teil vor noch unerfüllten Aufgaben oder an ihrer Vollendung arbeitend. Sie gehörten auch vier verschiedenen Parteien an und verschiedenen Berufen.

Aber alle vier -waren bescheidene Naturen, die eher im Stillen wirkten und dafür um so nachhaltiger ihre Ziele verfolgten. Und ob jung oder alt, ob weltanschaulich und parteipolitisch so eingestellt oder anders, ob inmitten der in unübertroffener Schönheit strahlenden, majestätischen Bergwelt geboren und aufgewachsen oder in der rebenumrankten Nordmark unseres Landes; sie alle verband unter sich und mit uns die gleiche patriotische Liebe zu unserem schönen Land und die heute so bange Sorge um das bedrohte Wohlergehen unseres Volkes.

Wenn ich im folgenden den Lehenslauf jedes einzelnen unserer verstorbenen Kollegen skizziere, so hoffe ich, trotz der grossen Inanspruchnahme Ihrer Zeit, auf Ihre Geduld und Aufmerksamkeit. Wenn zwar im allgemeinen die Nachwelt auch dem Politiker keine Kränze flicht, so glaube ich doch, dass Kollegialität und die vielfach langjährige, intensive Zusammenarbeit in Rat und Kommissionen die Zurückgebliebenen gegenüber den Scheidenden zu gewissen Pietätsrücksichten verpflichten.

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Arnold Rahm f.

Als unser Kollege, Arnold Bahm, am Freitag der ersten Märzsessionswoche sich bei mir wegen seines etwas früheren Wegganges mit dem Bemerken entschuldigte, dass die Grippe ihn gepackt habe, ahnte ich nicht, dass er mir das letztemal die Hand drückte. Er fuhr nach Schaffhausen und präsidierte dort noch den ganzen Nachmittag eine Kommissionssitzung und begab sich am andern Tag trotz hoher Fieber nochmals hinaus zur Besichtigung seiner geliebten Felder, um sich dann von einer Grippelungenentzündung nicht mehr zu erheben.

Er starb 10 Tage später, am 21. März dieses Jahres, im Alter von erst 47 Jahren, tief betrauert nicht nur von seiner Familie und seinen Freunden, sondern vom ganzen Schaffhauservolk.

Arnold Rahm ist in seiner Heim.atgemeinde Hallau aufgewachsen und hat sich, einer Bauernfamilie entstammend, zunächst der Landwirtschaft zugewandt.

Der Besuch der landwirtschaftlichen Schule in Brugg war für sein späteres Leben in einem gewissen Sinne richtunggebend. Er trat dann in den Dienst der eidgenössischen Zollverwaltung, wo er in geschätzter Stellung war, als ihn der Ruf zur Leitung der neu gegründeten Konservenfabrik Hallau A.-G-. wegholte.

Für die Erfüllung seiner neuen, grösseren Aufgabe setzte er alle seine Kräfte ein. Und diese wuchsen gewissermassen mit dem grössern zu erreichenden Zwecke. Der Verwaltungsratspräsident seines Unternehmens stellte ihm darüber an seinem Grabe das folgende ehrenvolle Zeugnis aus: «Von Anfang an fiel uns auf, mit welchem Eifer er in die übernommene Aufgabe hineinkniete, in wie kurzer Zeit er den Überblick und di'e Herrschaft über alle Zweige des Geschäftes gewann und wie er nichts vernachlässigte. Er war hinter allem her: hinter Vieh- und Pferdehaltung, Acker- und Wiesenwirtschaft, den Baumschulen, der Bestellung unserer Plantagen, der Fabrikation in all ihren Teilen, der Lagerung und Wartung der Produkte, der Arrondierung des Liegenschaftsbesitzes, der Beschaffung der Wasserversorgung, der Anwerbung und Versorgung der Arbeitskräfte und der Materialien, der Instandhaltung und Ausdehnung der Fabrikationseinricbtungen, der Sorge für den weiteren Ausbau der Fabrik, der Propaganda für. die Beerenanpflanzung, den Vertragsvorbereitungen mit den Pflanzern, dem Verkehr mit Banken und Behörden -- alles besorgte er mit unermüdlichem Eifer, immer den Blick darauf gerichtet, mit den zur Verfügung gestellten Mitteln den grössten und bestmöglichen Erfolg zu erzielen. Sich selber hat er dabei nie geschont.» In der Tat hat dann auch Kollege Rahm sein Unternehmen durch seine unermüdliche Arbeitskraft und sein enormes fachliches Wissen und praktisches Können bald zu einem Musterbetrieb ausgestaltet, der allseitig nicht nur anerkannt, sondern auch bewundert wurde.

Aber Arnold Bahm ging in seinem Berufe nicht auf. Trotz seiner gewaltigen geschäftlichen Inanspruchnahme fand er noch Zeit für die Interessen der Allgemeinheit, denen er in der Gemeinde und im Kanton selbstlos diente. Als Vertreter der Bauern- und Bürgerpartei war er während 11 Jahren Mitglied

11 des schaffhausischen Grossen Bates, den er in seinem Todesjahr präsidierte. Er übernahm auch fast gleichzeitig das Kantonalpräsidium seiner Partei. Und vor kaum Jahresfrist kam er als Nachfolger unseres verstorbenen Kollegen Dr.

Waldvogel nach Bern, von wo er nun. abberufen wurde, bevor er parlamentarisch recht zur Geltung kommen konnte. Aber wer mit ihm näher verkehrte, der fühlte sofort den wertvollen, grossHnigen Menschen aus ihm heraus, den praktischen Wirtschafter, dem in unserem Kollegium eine grosse Eolie zugedacht gewesen wäre. Denn er war nicht nur ein selbsttätiger Industrieller mit tiefschürfenden volkswirtschaftlichen Erfahrungen, sondern auch ein wahrer Freund und praktischer Kenner der Landwirtschaft. Darum hat er trotz seiner industriellen Interessen die Bedeutung der Landwirtschaft für ungern Staat nie verkannt und ist immer für eine Verständigung der beiden Interessengruppen eingetreten. Mit Becht hat einer seiner Freunde an seinem offenen Grabe gesagt: «Seine Wurzeln aber standen fest verwachsen im schweren Ackergrund seiner Heimat, seines Klettgaus und besonders seines Hallau... Sein ganzes Leben lang schlug sein Herz für die Arbeit des Landmannes, und er ehrte sie, diese harte Arbeit, und er ehrte sie alle, die Männer und Frauen seiner schönen Heimat, die von der Morgenröte bis zum Abendsterne am heissen Bebhange oder in der zitternden Hitze des weiten Klettgauä den Weinstock pflegten oder die zähe Scholle bebauten. Er ehrte sie alle, die in der Sonnenglut auf den ausgedehnten Kulturen seiner Firma die Beeren pflückten oder die dampfenden Kessel in der Fabrik bedienten. Er ehrte und liebte sie aber nicht nur als Einzelpersonen, ihre Gesamtheit und deren Wohl und Fortkommen lag ihm am Herzen.» Wir verbinden mit dem Abschied von unserem jungen Kollegen und Freunde, die Versicherung herzlicher Teilnahme an seine schwergeprüfte Familie.

Hans von Blatt tNur einen Tag nach dem Ableben Arnold Bahms hat der Tod unsern Kollegen Hans von Matt abberufen. Er starb Dienstag, den 22. März, an einem Herzschlag und wurde am Karsamstag von einer riesigen Volksmenge zu Grabe geleitet. Auch mit ihm ist ein unermüdlicher, stiller Schaf fer mitten aus der Arbeit heraus weggeholt worden.

Hans von Matt wurde 1869 als Sohn des Landammanns und Nationalrats von Matt in Stans geboren und absolvierte dort das Gymnasium, um dann nach einem kurzen Studienaufenthalt im Ausland in das väterliche Buchhandelsgeschäft einzutreten, das er später übernahm und weiter ausbaute. Sein Grossvater hatte im Jahre 1867 das «Nidwaldner Volksblatt» gegründet, und schon 1885 übernahm Hans von Matt neben tüchtigen Mitarbeitern die Bedaktion dieses Blattes, die er bis 1924, also volle 88 Jahre lang, führte. Das Haus von Matt verfügte über wertvolle geschäftliche und geistige Beziehungen im Inund Auslande, welche Hans von Matt mit Eifer weiterpflegte.

12 Daneben widmete er seine Kräfte weitgehend der politischen Organisation, für die er ein besonderes Talent besass und auf deren Gebiet er für seine, die katholisch-konservative Partei, entscheidende und bleibende Verdienste erwarb.

Er war der Initiant und die treibende Kraft für die Gründung des Schweizerischen Katholischen Volksvereins, in dem der ehemalige Piusverein und die verschiedenen Männer- und Arbeitervereine aufgingen. So wurde Hans von Matts grosses Ziel der organisatorischen Einigung der Schweizerkatholiken erreicht. Er war denn auch von 1909 bis 1922 Vizepräsident und 1922 bis 1927 Präsident dieser Organisation und blieb bis zu seinem Tode aktives Mitglied des leitenden Ausschusses. Auch den schweizerischen Caritasverband hat er ausbauen helfen und war der Gründer des St. Annavereins und seines Sanatoriums. Er hat auch der katholischen Presse ausserhalb seines Kantons seine besondere Aufmerksamkeit gewidmet und gründete mit dem spätem Bischof, Dr. Gisler, zusammen die «Schweizerische Kundschau» zur Sammlung der geistigen Kräfte der Schweizerkatholiken.

Eine solch rast- und selbstlose Tätigkeit inusste auch politischen Erfolgen rufen. Hans von Matt wurde 1898 Mitglied des Landrates und 1910 des Begierungsrates seines Kantons, welcher Behörde er bis 1929 angehörte und namentlich die Erziehungsdirektion leitete. Im Jahre 1920 wurde er erstmals von der Landsgemeinde zum Landammann gewählt, nachdem er schon seit 1917 in den Nationalrat eingetreten war, wo er sich als einflussreiches Mitglied der katholischen Gruppe bald eine geachtete Stellung erwarb. Sein Interessengebiet waren auch hier, wie in seinem Kanton, vor allem Erziehungs- und kulturpolitische Fragen. Besonders hatte auch die Kunst in ihm einen warmen und verständnisvollen Eörderer.

Es war kein Zufall, dass Landammann von Matt, wie er in unseren Kreisen in den letzten Jahren allgemein genannt wurde, sich so sehr für kultur- und sozialpolitische Eragen interessierte. Die Neigung dazu entsprang seinem Charakter, dessen Grundzug zweifellos weich und gut und hilfsbereit war. Er schien eher eine ruhige und sanfte, man möchte sagen, milde Natur, ohne indessen jene zähe Nachhaltigkeit in der Verfolgung seiner Ziele zu entbehren, die auch in solchen Menschen ihren Baum hat. Er wusste genau, was er wollte, aber er fand immer verbindliche Worte zur Formulierung seiner Wünsche.

Und jener journalistische Freund und Kollege im «Vaterland» dürfte mit seiner Charakteristik das Bichtige treffen, wenn er von ihm sagt, dass «der weitsichtige und weitherzige, trotz aller eisenfesten Grundsätzlichkeit sehr diplomatisch veranlagte Hans von Matt ein überaus wertvoller katholischer und eidgenössischer Batsherr war.» Wir wünschen ihm die ewige Buhe und versichern seine trauernde Familie unseres herzlichen Beileides.

Dr. Georg Hartmann f.

Sonntag, den 17. April, starb inChur, an einem Herzschlag, wie schon drei unserer Kollegen in diesem Jahr, Dr. Georg Hartmann. Sein Parteiorgan, der freie Bauer, schreibt über die nähern Umstände seines Todes folgendes:

13 «Am Sonntagnachmittag klagte er über einen inneren Druck, herrührend von der Föhnlage, irgendein außerordentliches, beängstigendes Symptom trat nicht auf, und weder er noch seine Gattin, die bei ihm sass, ahnten und fühlten, dass der Tod ins Zimmer getreten war und zum Abschied mahnte. Kurz vor 5 Uhr setzte der Puls aus, ein Herzschlag hatte plötzlich das Ende herbeigeführt.

So ist Herr Nationalrat Dr. Hartmann sanft hinübergeschlummert und eingegangen in das Eeich des ewigen Friedens. Ein kurzer Abschied, ein schöner Tod, kein Schmerz, kein Kampf und keine Klage entweiht die letzte Stunde, mitten aus dem vollen Leben und aus einer reichen Wirksamkeit wird er leise hinweggerufen und folgt ohne Laut dem Wink dessen, dem noch kein Sterblicher widerstanden hat.» Dr. Georg Hartmann war im Jahre 1873 in Schiers als der Sohn eines hochangesehenen Vaters geboren worden. Er besuchte die dortigen Schulen und absolvierte das Gymnasium in Chur und studierte dann in Bern und Leipzig die Eechte. Nachdem er im Jahre 1900 seine Studien beendigt hatte, kehrte er nach Chur zurück, wo er nach einem Praktikum bei unserm frühern Kollegen und Freunde Dr. Waiser ein Advokaturbureau eröffnete, das er 15 Jahre lang betrieb. Er entwickelte sich zu einem glänzenden Anwalt, dessen Parteivorträge von mustergültiger Prägnanz und Kürze waren, so dass er bei allen Gerichten höchstes Ansehen genoss.

Nach Ausbruch des Weltkrieges wurde Dr. Georg Hartmann im Jahre 1915 zum Stadtpräsidenten von Chur gewählt, welches Amt er unter den ausserordentlich schwierigen Verhältnissen der Kriegs- und Nachkriegszeit in geradezu vorbildlicher Weise verwaltete, was ihm den Dank und die Anerkennung weiter Kreise der Bevölkerung eintrug.

Im Jahre 1927 wurde Dr. Hartmann in die kantonale Eegierung, den Kleinen Eat, gewählt, dem er bis kurz vor seinem Tode, bis am 1. März 1982, angehörte, auf welchen Zeitpunkt er seinen Eücktritt nahm, um das ihm bei den Oktober-Neuwahlen zugefallene Nationalratsmandat ausüben zu können.

Aber noch ehe er in unserem Eate zum Worte kommen konnte, war auch sein parlamentarischer Lebenslauf vollendet. Trotzdem wir ihn hier nicht reden hörten, wissen wir,, dass er ein Parlamentarier von hoher Begabung und ein glänzender Eedner war.

Schon sehr früh, im Jahre 1902, war er von seiner Heimatgemeinde Schiers in den Grossen Eat gewählt worden, dem er bis zu seiner Wahl in die Eegierung im Jahre 1927 angehörte. Seine parlamentarischen Voten zeichneten sich aus durch grosse Klarheit, Gründlichkeit und Sachlichkeit und verschafften ihm bald hohes Ansehen im Bäte, den er im Jahre 1918 präsidierte, und zwar in geradezu vorbildlicher Art, von der man später oft noch reden hörte.

Im Eegierungsrat leitete Dr. Georg Hartmann das Finanz- und Militärdepartement mit grossem Erfolg und erwarb sich dabei auch die restlose Anerkennung seiner Kollegen aus anderen Kantonen, was der Abgeordnete unseres Eates bei seiner Bestattung, Herr Dr. Seiler, im Namen der Finanzdirektorenkonferenz in seiner gehaltvollen Grabrede noch besonders bezeugte.

14 Eine bescheidene, selbstlose Natur, ein Mann von Charakter und Überzeugungstreue ist mit Dr. Georg Hartmann von uns gegangen. Wir wollen sein Andenken in Ehren halten und sprechen seiner schwergeprüften Familie unser aufrichtiges Beileid aus.

Howard Eugster-Züst fDem am Sonntag, den 17. April, verstorbenen Dr. Georg Hartmann folgte in der Morgenfrühe des 18. April unser Kollege Howard Eugster-Züst im Tode nach. Er erreichte ein Alter von 71 Jahren.

Howard Eugster wurde am 14. November 1861 in New York, wo sein Vater als Kaufmann tätig war, geboren. Seine Jugend verbrachte er nach der Eückkehr und dem frühen Tode seiner Eltern in seiner Heimatgemeinde Speicher, in der er auch seinen letzten Wohnsitz hatte. Das Gymnasium absolvierte er in Bern und studierte dann im In- und Auslande erst Mathematik und nachher Theologie, um darauf, ähnlich wie sein Bruder Arthur, dessen hochragende Gestalt viele von uns in diesem Saal noch gesehen haben, eine appenzellische Pfarrgemeinde zu übernehmen. Er wurde Pfarrer in Hundwil und blieb es, bis im Jahre 1908 die Annahme der Wahl in den Nationalrat ihm die weitere Ausübung seines geistlichen Amtes verunmöglichte.

Pfarrer Eugster faaste sein Amt anders auf als es häufig geschieht. Er war ein wirklicher Künder der christlichen Nächstenhebe, in des Wortes tiefster Bedeutung. Er opferte seine ganze Kraft für die werktätige Fürsorge für die ärmsten und geringsten seiner Pfarrkinder, und sein Pfarrhaus war ein Hort für die Armen und Bedrängten. Ganz besonders nahm er sich der armen WeberHeimarbeiter an, deren keineswegs beneidenswertes Los ihm tief ans Herz griff. Ihnen ging er nach von Stube zu Stube, von Haus zu Haus, um sie zur Organisation, sui Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Verhältnisse aufzurufen.

So sehr nahm er sich der Interessen dieser kleinen Leute an, dass er allgemein der Weberpfarrer genannt und im ganzen Schweizerlande unter diesem Namen bekannt wurde. Sein Euf verhallte denn auch nicht ungehört, und es gelang ihm, die Heimarbeiter des ganzen Appenzellerlandes zu einem Heimarbeiterverband zusammenzubringen. Daraus wuchs im Jahre 1900 der Schweizerische Heiroarbeiterverband hervor. Und als im Jahre 1908 der Schweizerische Textilarbeiterverband entstand, wurde Howard Eugster sein Präsident und Sekretär zugleich und auch Eedaktor des «Textilarbeiter». Damit war der Pfarrherr zum Textilarbeitersekretär geworden. Aber es ist wohl wahr und könnte treffender nicht formuliert werden, was unser Kollege Dr. Huber bei der Beerdigung seines Freundes Howard Eugster zu dessen Übergang von der geistlichen zur weltlichen Tätigkeit sagte : «Es war... kein Abschwenken vom einmal eingeschlagenen Wege, kein Wechsel seines Zieles, als er im Jahre 1908, dem Eufe seiner Wähler folgend, die Kanzel verliess, um die politische Tribüne zu besteigen und sich immer mehr auf gewerkschaftlichem und politischem Gebiete zu betätigen. Dienst am göttlichen Wort und Dienst am irdischen Werk waren ihm nie zwei getrennte

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oder auch nur trennbare Aufgaben. "Wort und Werk waren für Howard Eugster stets in untrennbarer Einheit verbunden, Ausdruck und Auswirkung der tiefsten persönlichen Überzeugung. Diese Überzeugung, die ihn auf die Kanzel geführt hatte, die ihm den "Weg in die von Kummer und Nöten erfüllten Webkeller und zu den Herzen der Armen und Ärmsten seiner Volksgenossen geöffnet hatte, sie war auch der Antrieb, der ihn die gewerkschaftlichen Organisationen schaffen und leiten liess und ihn nötigte, auf den politischen Posten seinen Mann zu stellen, auf welche das Vertrauen gerade der Armen und Schwachen ihn berief. » Howard Eugster blieb auch noch nach seinem Weggang vom Pfarramt was er vorher war, ein wahrhaft frommer und christusgläubiger Mann, der seine religiöse "Überzeugung auch in seiner Partei nie verleugnete und selbst einmal in diesem Saale, in den Tagen des Generalstreiks von 1918, öffentlich bekannte. Dass seine Partei trotz ihrer sonst eher abweisenden Stellungnahme zur Eeligion diese Überzeugung tolerierte, gereicht ihr zur Ehre. Und dass das Appenzellervolk an der Aufrichtigkeit der religiösen Gefühle Howard Eugsters nicht zweifelte, geht am besten daraus hervor, dass er noch als eingeschriebener Sozialdemokrat mehrmals zum Präsidenten der Synode der reformierten Landeskirche des Kantons Appenzell gewählt wurde.

Im Jahre 1900 war Howard Eugster in den appenzellischen Kantonsrat gewählt worden und hatte diesen auch in den Jahren 1908--1905 präsidiert.

In jener Zeit schon wurde er Mitglied der eidgenössischen Expertenkommission für das Fabrikgesetz, wie er denn überhaupt, insbesondere nach seinem Eintritt in die Bundesversammlung, auf dem Gebiete unserer Sozialgesetzgebung immer werktätig und erfolgreich mitarbeitete. Im Jahre 1913 wurde Howard Eugster von der Landsgemeinde in den Begierungsrat gewählt, welcher Behörde er bis zu seinem Tode angehörte, zunächst als Vertreter des Gemeindewesens und dann des Volkswirtschaftsdepartements, wodurch er in der Kriegs- und Nachkriegszeit vor grosse Aufgaben gestellt wurde, die er mit seltener Hingabe und erfolgreich löste.

Auch in unserem Eate, dem er fast 25 Jahre angehörte, hat sich Howard Eugster, wie wenige, die Achtung und Sympathie aller Gruppen und Kollegen erworben. Wer erinnert sich nicht seiner patriarchalischen Gestalt, wenn er sein Pfeifchen schmauchend durch die Wandelhallen ging, oder im Bundesratszimrner seine Tageskorrespondenz erledigte ? Wenn Howard Eugster auch unter den robusten Vertretern der Arbeiterschaft sass, so war er für uns doch stets der feine, alte Herr, dessen innere und äussere Zartheit auffiel und der auch stets bescheiden und zurückhaltend auftrat und dessen seltene, wohlstudierte Eeden aus warmem Herzen voll treuer Liebe zu Land und Volk und insbesondere zu dessen ärmster Klasse kamen. Er hat in ungezählten Kommissionen mitgearbeitet, wie er denn überhaupt unermüdlich für die Allgemeinheit tätig war, bis er seine Kräfte allmählich aufzehrte, für andere und nicht für sich selbst.

So hat sich Howard Eugster-Züst in diesem Saale bei allen, die ihn kannten, ein dauerndes Andenken gesichert. Wir sprechen seiner Familie unser herzliches Beileid aus.

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Im S t ä n d e r a t e eröffnete der Präsident, Herr Dr. Jakob S i g r i s t , die Tagung mit folgender Ansprache: Arnold Rahm f.

Vierfache Totenklage zu erheben, liegt den Vorsitzenden der beiden Eäte zu Beginn unserer Junisession als schmerzliche Pflicht ob. -- Von der heimtückischen Grippe erfasst, musate Hr. Nationalrat Arnold Bahm aus Hallau noch vor Schiusa der letzten Märzsession die Bundesstadt verlassen, um, wie er hoffte, am heimatlichen Herde sich rasch wieder zu erholen. Doch der bösartige Krankheitsstoff hatte schon allzusehr von dem immerhin noch jugendlichen und kräftigen Körper Besitz ergriffen, so dass der neue Abgeordnete des Kantons Schaffhausen am Morgen des 21. März dem schweren Angriff im Alter von erst 46 Jahren erlag.

Herr Nationalrat Bahm entspross einem gesunden Bauernstamme, und sich dem väterlichen Berufe zu widmen, das war der Traum seiner Jugendzeit.

Zur tüchtigen Vorbereitung für diesen Stand machte er nach Besuch der Volks ?

schulen seines Wohnortes Hallau die Kurse der landwirtschaftlichen Schule in Brugg durch. Gleichwohl wandte er sich nach Abschluss der Schulen nicht unmittelbar der Urproduktion zu. Mit einiger kaufmännischer Praxis ausgestattet, trat er vorerst in den eidgenössischen Zolldienst ein und sammelte sich auf verschiedenen Plätzen weitere Schulung und Lebenserfahrung.

Als einige Jahre später die Konservenfabrik Lenzburg an der Nordmark unseres Landes eine Zweigniederlassung gründete, wurde deren Leitung dem energischen und initiativen Arnold Bahm übertragen. Er brachte das Unternehmen bald zu guter Entwicklung und kräftigem Gedeihen. Man rechnet es in Hallau und im Kanton Schaffhausen vor allem dem tüchtigen Geschäftsführer zum Verdienste an, dass der neue Betrieb an Ausdehnung und Leistungsfähigkeit rasch ins Grosse wuchs.

Aber auch für das öffentliche Leben legte Herr Bahm in der neuen Stellung bald starkes Interesse an den Tag. In der Gemeinde Hallau, wo er wohnte, wurde ihm die Lösung einer Fülle von Aufgaben übertragen, und im Jahre 1920 trat er in den Grossen Bat seines Heimatkantons ein. Auch hier wusste er sich zur Geltung zu bringen, so dass ihn seine Kollegen im letzten Jahre seines Lebens mit der Leitung des Bates betraut hatten.

Vom Vertrauen seiner Mitbürger getragen, wäre nun Herr Bahm auch berufen gewesen, als Vertreter der Bauernpartei im Nationalrate seinen Mann zu stellen. Nach dem Hinscheide des grossen Idealisten und Menschenfreundes Dr. Waldvogel trat er letztes Jahr auf dem Woge des Nachrückens in das eidgenössische Parlament ein und wurde im verflossenen Oktober vom Volke höchst ehrenvoll wieder gewählt. Allein seine parlamentarische Tätigkeit in der Bundesstadt war zu kurz bemessen, um ihm ein stärkeres Hervortreten zu ermöglichen.

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So ist Herr Nationalrat Bahm. viel zu früh mitten aus einer erfolgreichen Laufbahn herausgerissen worden. Es war ihm gegönnt, in der engern Heimat in jungen Jahren schon eine sehr wertvolle Arbeit zu leisten, die Lösung noch grösserer Aufgaben durften alle, die ihn kannten, noch von ihm erwarten. Auch wir wollen dem tüchtigen Manne ein ehrenvolles Andenken bewahren!

Hans von Matt f.

Am Dienstagabend der verflossenen Karwoche beschloss nach ganz kurzer Krankheit in Stans Herr Xationalrat Hans von Matt im Alter von 68 Jahren sein tatenreiches Leben. Mit dieser äusserst vielseitigen Persönlichkeit hat das Land Nidwaiden wohl den bedeutendsten Staatsmann verloren, den es seit den Tagen des Eitters Melchior Lussy, des hervorragenden innerschweizerischen Führers aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, je besessen hatte. Und doch konnte sich Herr von Matt sein geistiges Eüstzeug in der Hauptsache ebenfalls nicht auf den Schulbänken holen. -- Als Sohn des Buchhändlers und spätem Nationalrates Hans von Matt trat der hochbegabte Jüngling nach etwelcher humanistischer und sprachlicher Ausbildung schon im Alter von nicht ganz 17 Jahren in das Berufeleben über, lernte unter, der Anleitung des Vaters den Buchhandel und beteiligte sich sofort auch an der Eedaktion des heute noch erscheinenden «Nidwaldner Volksblattes». Bot ihm die Arbeit an einer politischen Zeitung die Gelegenheit zur. staatsbürgerlichen Schulung, so stellte das väterliche Geschäft mit seiner zeitgenössischen und antiquarischen Abteilung dem bildungshungrigen Jungmanne eine ergiebige Quelle der Belehrung und Bildung zur Verfügung. Dazu kamen die alljährlichen Geschäftsreisen, welche den heranreifenden Kaufmann nach der Eigenart des väterlichen Unternehmens in innigen geistigen Verkehr mit gebildeten Männern, vor allem mit katholischen Priestern, brachte. So erklärt es sich, dass Hans von Matt der Jüngere fast ebenso rasch und vielleicht noch erfolgreicher zu einer sehr umfangreichen und vertieften Bildung gelangte, als viele seiner Altersgenossen, welche den eigentlichen akademischen Bildungsgang eingeschlagen hatten.

Beruflich stund Hans von Matt seit dem Hinscheide seines Vaters bis an das eigene Lebensende an der Spitze seiner Buch- und Verlagshandlung, fand aber dabei -- und nur so hessen sich die Voraussetzungen für sein reiches öffentliches Wirken schaffen -- früher an seinem Bruder und später an im Geschäfte tätigen Söhnen die nötige Unterstützung und Ergänzung.

Vom Vaterhaus her schon mit starkem politischen Geiste im weitern Sinne des Wortes ausgestattet, nahm der junge von Matt sehr bald auch le bhaften Anteil am Geschicke seiner Mitbürger in Gemeinde und Kanton. Als er im Jahre 1898 mit 29 Jahren in den Landrat von Nidwaiden eintrat, hatte er bereits eine reiche Praxis und Erfahrung in der Führung seiner Volksgenossen hinter sieh und wurde deshalb im kantonalen Parlament ohne weiteres der massgebende Kopf. Es werden im Laufe dieses Jahrhunderts im Lande NidBundesblatt, 84. Jahrg. Bd. II.

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18 walden nui ganz wenige Gesetze, ' Verordnungen und wichtige Beschlüsse erlassen worden sein, bei deren Entstehung von Matt nicht in entscheidender Weise mitgewirkt hatte. Viele davon tragen ganz offensichtlich den Stempel seines Geistes und die Formen seiner feinen Feder. In vollem Masse trat dieser sein entscheidender Einfluss erst recht zutage, seit der initiative und tatkräftige Mann im Jahre 1910 Mitglied der Begierang geworden und seit 1920 abwechslungsweise als Statthalter und als Landammann auch äusserlich an die Spitze des Landes gestellt war.

Herr von Matt erfreute sich nicht eigentlicher Popularität --'dafür war er vielleicht ein zu rühriger Initiant und oft etwas unbequemer Mahner; aber, dass. er die Seele der gesamten Landesverwaltung war, dessen wurde .jeder gewahr, welcher Einblick in die Verhältnisse zu gewinnen Gelegenheit hatte.

Im Jahre 1917 wurde Hans von Matt das Mandat eines Nationalrates übertragen. Auch auf eidgenössischem: Boden schuf er sich rasch durch seine Intelligenz, seine warmherzige Anteilnahme an allen Bestrebungen zur Förderung des Volkswöhles und seine verbindlichen Umgangsforinen in der katholisch-konservativen Fraktion und im Eate eine geachtete Stellung, Er war kein hinreissender Parlamentsredner., weshalb seine Eigenart mehr in den Kommissionssitzungen als im Plenum zur Geltung kam. Aber die Bände des stenographischen Bulletins des Nationalrates werden doch durch eine Eeiho von Voten des Vertreters von Nidwaiden geziert, die alle durch klaren, logischen Aufbau, vornehme Gesinnung und trotz aller Knappheit durch Gedankenfülle und elegante Diktion sich auszeichnen.

Meine Herren ! Man würde dem Wesen und dem Lebenswerk des Dahingeschiedenen nicht gerecht, wenn nicht, nur andeutungsweise, auch dessen äusserst fruchtbarer Arbeit auf dem Gebiete des Vereinswesens seiner engern Konfessipnsgenossen und auf dem Felde der christlichen Liebeswerke gedacht würde. Auch in dieser Hinsicht stellt von Matt eine ganz eigenartige Erscheinung dar. Kaum hatte er die Jahre der Volljährigkeit erreicht, so fehlte er kaum je an einer Tagung unserer schweizerischen Organisationen, und war er einmal nicht anwesend, so wurde in dem jungen Stanser ein führender Kopf verrnisst, der damals schon und erst recht in spätem Jahren so oft 25iel und Weg zu weisen verstund. Die Gründung des Schweizerischen Katholischen Volksvereins zu Anfang dieses Jahrhunderts gilt mit Eecht als sein Werk, und wenn diese grosse Organisation von jeher bei ihren Tagungen.und Aktionen alle und jede konfessionelle Polemiken vermieden hat, so erklärt es sich auch aus dem Geiste heraus, den von Matt ihr einzuhauchen verstanden hatte.

Ein Werk, auf das unser Freund mit Eecht in besonderem Masse stolz sein durfte, ist der Verband der St. Anna-Schwestern in Luzern, eine ausserordentlich wohltätige Schöpfung mit heute 380 Krankenpflegerinnen, die sich neben der Spitalpflege im wesentlichen der Wöchnerinnen annehmen. Ohne die hingebende Tatkraft und das grosse Organisationstalent von Matts wäre dieses Werk, dem er bis zur letzten Lebensstunde seine besondere Fürsorge lieh, kaum zur heutigen Bedeutung gelangt.

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Und wie viele andere gemeinnützige und humanitäre Unternehmen konfessioneller und interkonfessioneller Art im ganzen Schweizerlande herum durften Nationalrat von Matt zu ihrem werktätigen Freunde und Gönner zählen!

In unserm Andenken wird der verstorbene Vertreter von Nidwaiden fortleben als der hochgebildete Kulturmensch, als erfolgreicher Staatsmann, als warmer Ereund aller Volksschichten, vor allem als der nimmermüde Helfer der Kleinen und Bedrängten.

Di. Georg Hartmann f.

In scheinbaj voller Lebenskraft und Rüstigkeit wurde am 16. April dieses Frühjahres in Chur Herr Nationalrat Dr. Georg Hartmann unerwartet vom Tode ereilt. --- Nach Absolvierung der Gyninasialstudien hatte sich Herr Dr. Hartmann auf verschiedenen Universitäten dem Studium der Eechte gewidmet und sodann zu Beginn dieses Jahrhunderts in Chur ein Anwaltsbureau eröffnet und während. 15 Jahren mit bestem Erfolg" geführt.

Sehr früh stellte er seine Kraft auch dem öffentlichen Leben zur Verfügung und wurde bereits ini Jahre 1902 von seinem heimatlichen Kreise Schiers in den Grossen Bat des Kantons Graubünden abgeordnet. Er verblieb im kantonalen Parlamente, das er im Jahre 1918 präsidierte, bis zu seinem Eintritte in die Eegierung im Jahre 1927. Im Jahre 1915 wählten ihn die Bürger der Kantonshauptstadt zum Stadtpräsidenten, welche Stellung er ebenfalls bis zu seiner Berufung in die Landesregierung innehatte. Bei der Neubestellung des Nationalrates im Oktober des verflossenen Jahres wurde er als Vertreter der freisinnigen Partei auch in die Bundesversammlung abgeordnet.

Diese Reihe von öffentlichen Ämtern, welche Herr Dr. Hartmann während drei Dezennien bekleidet hat, zeigen, in welch' hohem Ansehen der Verstorbene bei seinen Mitbürgern in Gemeinde und Kanton gestanden ist. Herr Dr. Hartmann war nach allgemeinem Urteile eine Persönlichkeit von hoher Begabung, grosser Arbeitskraft und eindrucksmächtiger Beredsamkeit. Ihn zeichnete eine vornehme Gesinnung, Ritterlichkeit dos Charakters und echt bündnerische Tatkraft aus. Als parlamentarischer Redner rühmte man ihm Sachlichkeit und Klarheit, belebt durch die Gabe frischen Humors nach. Am offenen Grabe wurde von Ereundesseite auch seine religiöse Gesinnung hervorgehoben und von ihm gesagt, dass er den Segen christlichen Glaubens für das öffentliche Leben voll .zu würdigen gewusst habe. So konnte es nicht fehlen, dass die Wirksamkeit Dr. Hartmanns in allen seinen Stellungen eine ungemein nützliche und erfolgreiche war. Getragen vom allseitigen Vertrauen seiner Mitbürger, hatte er mit kräftiger Hand überall, wo es ihm nötig schien, eingegriffen, und nach seiner Stammesart mit Energie und Zähigkeit das einmal als gut Erkannte durchzusetzen gewusst. Herr Dr.

Hartmann wäre zweifellos auch in der Bundesversammlung sehr bald hervor-

20 getreten und ein wirksamer Vertreter seines Heimatkantons geworden, wenn ihm eine längere Lebensdauer bescbieden gewesen wäre.

Auch wir werden ihm ein ehrenvolles Andenken bewahren!

Howard Eugster-Züst f.

Nur zwei Tage nach dem Hinscheide von Nationalrat Dr. Hartmann durcheilte wiederum die Trauerbotschaft vom Tode eines Mitgliedes des Nationalrates die Schweizerlande. In Speicher, dem stattlichen Dorfe in Appenzell A.-Eh., hatte sich am 18. April nach längerer Krankheit Herr Nationalrat Howard Eugster-Züst zum Sterben hingelegt. Geboren im Jahre 1861 in New York, verlebte er doch schon seine Jugendzeit im Heimatlande Appenzell, Es war ihm ermöglicht, sich wissenschaftlichen Studien zu widmen.

Nach Erlangung der technischen und humanistischen Maturität studierte er an Hochschulen des In- und Auslandes protestantische Theologie und übernahm nach Abschluss dieses Berufsstudiums die Pfarrstelle in Hundwil. Geistig sehr regsam, von warmem Mitgefühl für die Armen und Bedrängten beseelt und mit grosser Tatkraft ausgestattet, nahm er sich sehr bald mit Eifer der Lage der Heimarbeiter seines Halbkantons an. Schon im Jahre 1900 gründete er einen Heiniarbeiterverband und leitete diesen während Jahren mit vielem Erfolge. Als im Jahre 1903 die übrigen Verbände des Textilgewerbes sich zu einer Organisation zusammenschlössen, wvirde der rührige Pastor von Hundwil auch hier an die Spitze berufen. In der Folge trat er für seine Heimarbeiter auch mit der Peder ein. Er redigierte längere Zeit das Zeitungsorgan «Heimarbeiter» und gab auch grössere Schriften heraus. Diese rege Tätigkeit verschaffte dem Seelenhirten von Hundwil rasch eine ausgesprochene Popularität und brachte ihm den Ehrentitel des appenzellischen «Weberpfarrers» ein.

Auch im politischen Leben, wo Pfarrer Eugster sich der sozialistischen Partei anschloss, trat er bald hervor. Schon im Jahre 1900 wurde er in den Käntonsrat gewählt, in dem er sich mit Wärme und Entschiedenheit für die Interessen seiner Schützlinge einsetzte. An der Landsgemeinde von 1918 wurde er durch ein starkes Mehr in die Eegierurig berufen und gehörte dieser bis zu . seinem Ableben an. In dieser Stellung leistete er namentlich während der Kriegsjahre dem Lande wertvolle Dienste. So war ihm die nicht immer leichte und dankbare Aufgabe der Lebensmittelversorgung übertragen, die er nach besten Kräften zu lösen suchte. In den nachfolgenden Jahren schenkte er seine Aufmerksamkeit vor allem den Gebieten der Sozialfürsorge, wie Altersversicherung und Arbeitslosenfürsorge. "Überall erwies sich Howard Eugster mehr als der Mann .der praktischen Arbeit, der realen Fürsorgewerke und wohl weniger als der laute und unfruchtbare Theoretiker.

Im gleichen Lichte erscheint die Tätigkeit des Herrn Eugster als Mitglied des .Nationalrates, in den er im Jahre 1908 von seinem Heimatkanton gewählt worden war. Er zählte auch in Bern nie zu den grossen Eufern im Streite, wenn es aber galt, soziale Gedanken und Postulate in der Bundesgesetzgebung zu

21 verwirklichen, da stellte der klare Kopf rückhaltlos seine reiche praktische Erfahrung zur Verfügung und trat in eindrucksvollen Voten für das ein, was ihm notwendig schien. Es war sogar in unserem Eate erkennbar, in wie hohem Masse dieser würdige Vertreter Appenzells auch bei vielen Mitgliedern anderer Parteien Sympathie und Hochachtung genoss. Der Sprechende war ja jahrelang aus nächster Nähe Zeuge, wie kollegialisch und vertrauensvoll er mit dem regierenden Landammann seines Landes, unserm verehrten Kollegen Baumann, in seiner schlichten Art die Anliegen seines Heimatkantons besprach.

Herr Nationalrat Eugster-Züst war nicht nur ein sachkundiger und eifriger Führer und Berater der Arbeiter seines Heimatlandes, er war auch ein treuer Diener seines ganzen Volkes.

Auch er hat sich ein ehrenvolles Andenken in beiden Bäten gesichert.

In den N a t i o n a l r a t sind neu eingetreten die Herren: Jakob R u h , Regierungsrat, von und in Buch (Schaffhausen), au Stelle des verstorbenen Herrn A. Rahm ; Dr, Theodor G a b r i e l , Regierungsrat, von Ennetbürgen, in Staus, an Stelle des verstorbenen Herrn H. von Matt; Dr. Anton M e u l i , Anwalt, von Nufenen, in Chur, an Stelle des verstorbenen Herrn Dr. G. Hartmann ; Peter F l i s c h , Lehrer, von Tschappina (Graubünden), in Walzenhausen, an Stelle des verstorbenen Herrn H. Eugster.

In den S t ä n d e r a t ist neu eingetreten: Herr Dr. Henri M o u t t e t , Regierungsrat, von Courchapoix, in Bern, an Stelle des verstorbenen Herrn P. Charmillot.

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