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Aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung.

Am 6. Juli l 863 sind die gesezgebenden Räthe der schwer. EidGenossenschaft zur

ordentlichen Sommersession in Bern zusammengetreten.

Der abtretende Präsident des Ständerathes, Herr Landammann Vigier von Solotlmrn, hielt folgende Eröffnungsrede: ,,

T it ^ .. .

.

..Wir haben in gegenwärtiger Sizung keine der tiefeingreifenden Fragen zu behandeln, welche bei der Bevolkernng allgemeines nnd ungetheil.tes Jnter..sse erregen ; nichts desto weniger sind es Fragen, welche sur die Fortentwiklung unserer Gesezgebung und in volkswirtschaftlicher Beziehung von weittragender Bedentnng sind.

,,Wenn die Veriode unserer ........chweizergesehiehte von l 830 bis l 848 sich als e i n andauernder Kamps nach politisier Freiheit kennzeichnete und alle Bestrebungen sich iu diesen. grossen geistigen Ringen concentrir1en. wenn vou 1848 bis in die Fünszigersahre die gesezgeberisehe Drganisation unseres Bundes die Thätigkeit der Bnndesversammlnng vorzugsweise iu Anspruch nahm, so sind. wir in gegenwärtigem Moment ans .einen. Standpnnkte angelangt, auf den. wir unter treuer Wahrung der .theuern Güt...r, die uns eine frühere Veriode überlieferte, hauptsächlich die volkswirthschaftlichen Fragen zn berüksichtigen haben.

"Die gegenwärtige Lage unseres s e h w e i z e r i s e h e n Volkslebens benrRundet sich dureh eine ruhige Entwiklnng , und gerade desshaib sollen wir diesen Zeitpunkt d...r Rnhe nnt rastloser Thätigkeit ergreisen, iun die geijtigen nnd materiellen Jnteressen unseres Volkes zu fordern ; denn Keiner von uns weiss, ob nicht eiue nähere oder fernere Znknnst unsere gesamm^en Kräfte auf eineni andern Gebiete in Anspruch nimmt; und .wenn anch .in eh t die dringende Volksstimme uns dazu nothigt, so mogeu wir doch n i e vergessen , dass gerade die oberste .Landesbehorde dazu berufen ist, die Fahne des Fortsehrittes der Bevotkerung v o r a u s z u tragen. Nie soll ...ine spätere Generation unserer Periode den Vorwnrs machen , dass wir eiue günstige Zeit nnbennzt verloren haben , dass die Periode der Sechzigerjahre eine Periode der Erschlaffung war.

,,Roeh bleiben uns wichtige Fragen znr Erledigung. Die g e i s t i g e n Interessen unseres Volkes in verschiedenen Gebieten haben noch lange nicht ihre gehorige Berutsiehtignng gesunden.

"Der ^. 2l der Bundesverfassung, "Unterstüzung ossenllicher Werke", .ist zwar zur Wahrheit geworden; immerhin harrt jedoch noch manch' nüz-

.)9 lu.hes, .segenbringendes Unternehmen^ seiner Beihülse. Den ^llpenftrassen, der ^heinkorrektion schließt sich in gegenwärtiger Siznng die Rhonetorrektion .^n. Dankend wird die Bevolkerung dieser gefährdeten oder von dem Verkehr abgeschnittenen ^.chweizergegeudeu Jhre Beschlösse b.^rüssen, und eine spätere Generation wird , Jhr ^ehasseu se^nen.^ , deren .wohlthätige folgen geniessen.

,,Jn g e s e . . g e b e r i s c h er Beziehung wird Jhnen in dieser ^ung das ^iederlassnngsgesez neuerdings zur Beratlmug vorgelegt werden.

Hüten wir uns bei dessen Berathung, so ^wie bei ähnlichen Fragen, uach doktrinären Part^.inamen zu haschen. Es müsste gewiss als ein Unglük unserer politischen Entw^klung erachtet werden, wenn die Schweizer als Unitarier und Separatisten sich scheiden würden. Wer von uns ist nicht Un i t a r i e r , wenn es gilt, mit vereinten .Kräften ein grosses gemeinerenoss.jehes Werk zu fordern^ ^er von uns ist nicht S e p a r a t i s t , wenn ei..e Z^vangsjake das individuelle Leben , .^ie ^r...iheit . das Streben des Einzelnen ertoden sollte^ ..Wi.htige m i l i t ä r i s c h e ^enerungen unterliegen Jhrer Entscheidung.

Es bedingen dieselben für unsere Verhältnisse starte Ausgaben, herrorgerufen dnreh ^ die in jüngster ^eit uothige Reorganisation nnserer .^lrtilleri...^ und Jnfanteriewafse. Uebersehen wir jedoch nicht, dass diese Umänderuugen geboten waren , w^nn wir nicht mit unseren. Milizwesen aud.ern .^lr^neen gegenüber zurükbleiben und unsere hoffnungsvolle Jugend bei einem allsälligen .^au.pse preisgeben wollten. ^Die verbesserte ^rganisation unserer Milizarmee , die umgeänderten Gesehü^e und Handfeuerwassen , ^ie neuen eidgenossisehen Zeughäuser, ^ie vermehrten ^lebungen haben unsere Wehrkraft derart erhoht, dass wir sie als sichern ...^ehn^ und Hort unserer Unabhängigkeit bezeichnen dürfen.

.Allerdings ist es rich^g^ dass die ^sfentliehen Werke nnd das Militärwes...n u n s e r e f i n a n z i e l l e n f r ä s t e bedeutend in Zuspruch nehmen, und die warnenden .Stimmen , die sich für sparsamere ^erwendu..g unserer ^inanzkraste aussprechen, sind nicht ^u verachten. Die Eid^ genossensehast ha.. seit den legten zwolf Jahren 2l)0 Millionen eingenominen, und es isl die hoehste ^flieht ihrer Vertreter, dass sie ^ie gehorige Verwendung überwachen. Der sparsame ^..inn unseres Volkes will keine Vergeudung; eben so wenig sehrekt er a.. er vor Ausgaben zurük, die seine heiligsten Guter oder aber .^as Gesammtwohl erfordern. .^l) Millionen wurden für Vost und Zolle au die Staatskassen ^er Cantone verabfolgt.

^^ Du. ^onderbundssehuld ^vurde als Zeiehen neuer Verbrüderung getilgt. Die Wiedervereinigung Reueuburgs , ^ie Bese^ung unserer Grenzen, das Polytechnikum, Strassen- und Flusskorrektionen haben bedeutende Opfer ^erfordert. Doch erlaube ich ni ir, es als ein verderbliches ..Streben zu bezeichnen , wenn die Cantone nur Ansprüche au die Eidgenossenschaft maehen, ohne dieselbe auch thatl^rästig ^u unterstehen.

,,Es^ sind in jüngster ^eit auch vereinzelte ...^timnien für Revision unserer Bundesverfassung laut geworden. Unterdrüken wir dieselben nieht l

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Unsere Bundesverfassung ist kein Werk für die Enugk..it. Auch s i e ist der Entwiklung sähig , nie nnd nimm...r sedoch wird dieselbe in einem ^..inne geändert werden , welcher ein ^urnkkommen auf frühere Zeiten bedingt. .Unsere Bundesverfassung hat seit ihrem 15jährigen Bestande bewiesen, dass sie den Keim der Forteut.viklung und Lebensfähigkeit, nicht aber den ^er Verwesung oder des Rüksehrittes in steh trägt.

,,Das Volk fühlt sich glüklieh unter ihr. Die Vertretung in den obersten Landesbehorden hat sich mit ihr befreundet , und manche früher schross einander gegenüberstehende ^ichtnng hat sich unter ihr ausgeglichen.

Die politische Toleranz -.- so ehrenwerth wie die religiose hat kleine lichte politische Meckereien und Kämpfe vor den Gesammtinteresse.. in den Hintergrund gedrängt.

,,Bliken wir aus das politisch.. Leben in den einzelnen Kantonen, so finden wir ein Streben naeh oolksthümlicher demokratischer Erweiterung.

Wenn an.h bei einzelnen R^.visionsbewegnngen ...ie Wogen etwas hoch in das geregelte Staats s eh i ff l.^.reins.hlagen und einige Erscheinungen unser Befremden erregen, so dürfe.. .vir dennoch, ...er Krast der Demokratie, der politischen Bildung unseres Volkes vertrauend, rnl,ig in die Zukunft

bliken.

,,Kein so erfreuliches Bild bietet uns die Lage der übrigen Volker, mit ^enen wir in vielfachen, zum Tl..eil srenndschaftliehen Begehungen stehen.

,,Wenn auch hier das festeste Bewnsstsein uns nicht verlässt, dass Fortschritt in den verschiedenen Gebieten und Riehtungen des menschlichen Geistes in der Geschieht.. begründet ist und das Sehassen und Ringen der edelsten Männer sedes Jahrhunderts , .venn aueh il^r Wirken n.ou.entan scheiterte, nicht ohne Erfolg war, so konnen wir dennoch ein wehmüthiges Mitgefühl bei einzelnen Ereignissen nicht untergrüben.

,,Roch wnthet der brudermbrderisehe Kamps in Amerika, und es drohen um so empsindliehere Sehläge , ^e mehr die ...^ossnung sinkt, dass das amerikanische Volk ans eigener Kraft sieh aus dem ungiüklichen Zustand h.^raus^ureissen .^ermoge.

,,Rod.. sehen wir mit gedrüktem Herren das unendliche Ringen, den

Todeskamps des nach ...^elbststän^igkeit strebenden .^olenvolkes.

,,Der Rns der darniedergedrükten Ration hat auch in den Seh.oeizerthälern einen Wiederhall un.^ Anklang gefunden. Er ^al Anklang g..snnden , .^.il der ^eh^i.,er sein Vaterland über Alles liebt und er die Ausopserungssäl^igkeit für dasselbe auch bei anderen Rationen aehtet

und schält.

.,,Dieselbe Achtung und Smnpathie hat aueh die ..^ehweiz bei den ^olkern Europa^ erworben , und sie .oird dieselbe erhalten , so lange Bürgertngend , n^eise Staatsklugheit und Vertrauen ans die e i g e n e Krast ihr kleines, aber sehones .^,eim..vesen ordnet.

,,Gott erhalte unser Vaterland l^

l0l Die Bureau^ der Rathe sind solgendermassen bestellt worden : 1) im R a t i o n a l r a t h e.

Präsident: Herr Dr. ^ H e e r , von und in Glarus.

Vizepräsident: ,, Vietor R a s s ^ , von Lutr..,, in Lausanne.

^timme.^ähler : Herr K^ G. ^ Mailer, von W.^l, in St. Gallen. ^ ,, Karl .^t^ger, von und in Sehw^.

,, Simon K a i s e r , von Biberist, in ^olothurn.

,, Jules Vhilippin, von und in Renenburg.

2) i m S t ä n d e r a t he.

^räside^t: Herr Eduard Häberlin, von und in Weinselden.

^Vizepräsident: ., Karl Schenk, von Signau, in Bern.

^timmenzähler:

^, J. J. S.ufter, von und in Bühler^lppen^ellA.Rh.).

,,

...l..tonio Bossi, von und in Lugano.

Als neugewählte Mitglieder der Räthe sind erschienen: a. im Rationalrathe.

.Herr Obergerichtspräsident Augustin Ramsperger, von und in Brauen-

feld, gewählt im ^...^...l^.. eidg. Wahlkreise am 7. J.mi d. J.,

in Ersezung des am 24. Mai d. J. verstorbenen Hrn. J. Georg ,, Grossrathspräsident Anton Hunkeler, von .^ehotz, in Luzern, und ,, Staatsanwalt Johann Theiler, von Reid.,ensee, in Ludern, beide gewählt im ^lll. eidg. Wahlkreise am 28. Juni l. J. in Er^ sezung der verstorbenen Herren Joseph Bühl er, von Büron, und ^.ran^ Widn^r, von Gelsiugen.

^ür Uri:

b. im Ständeraths Herr Landeshauptmann Jost Muh e im,

Altdors.

von und in

,, Graubünden: Herr Joh. R o m e d i , von und in Madulein.

,, ^ouis ^ieli, von und in Rh.izüns.

,, Aargau.

,, Grossrath Kart v o n Schmid, von und in Bottstein.

,, Waadt.

,, Oberst Auguste De Loes, von und in Aigle.

., ^taatsrath Jules Roguin, von ^verdon, in Lausanne.

^,. Wallis: ,, Vräfel^t Manriee E v e ^ u o z , von ^onthe^, in

Bitten.

,, ^, Reuenburg:

,,

Vräsekt Jean Autoine R o t e u , von und in Rarogne.

Louis B r a u d t ^ t a u s f e r , von la Ehau^-de..

Fonds, in Reuenbnrg.

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11.07.1863

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