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Auslieferungsvertrag zwischen

der Schweiz und Grossbritannien.

Nachdem der s c h w e i z e r i s c h e B u n d e s r a t h und Ihre M a j e s t ä t die Königin des V e r e i n i g t e n Königr e i c h e s v o n G r o ß b r i t a n n i e n u n d I r l a n d behufs besserer Verwaltung der Rechtspflege und zur Verhütung von Verbrechen innerhalb der beiden Gebiete und Gerichtsbarkeiten es für zwekmäßig befunden haben, daß Personen, welche d e r i n u diesem Vertrage aufgeführten strafbaren Handlungen beschuldigt oder wegen solcherverurtheiltt und vor der Justiz flüchtig geworden sind, nuter bestimmten Umständen gegenseitig ausgeliefert werden sollen, so haben sie behufs Abschließung eines diesfallsigen Vertrages zu ihren Bevollmächtigten ernannt : Der Bundesrath der schweizerischen Eidgenossenschaft: seinen Vice-Präsidenten, Herrn Bundesrath F. A n d e r w e r t, Vorsteher des eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements, und

Ihre Majestät die Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland: den ehrenwerthen Hussey-Crespigny V i v i a n , Mitglied Ihres höchst ehrenwerthen Bathordens, Ihrer Majestät Minister-Residenten bei der schweizerischen Eidgenossenschaft, welche, nachdem sie sich gegenseitig ihre Vollmachten mitgetheilt und dieselben in guter und gehöriger Form befunden, die folgenden Artikel vereinbart und abgeschlossen haben.

515 Artikel I.

Ihre Majestät die Königin des Vereinigten Königreiches von Großbritannien und Irland verpflichtet sich, unter den Voraussezungen und Bedingungen des gegenwärtigen Vertrages, a 1J1 e P e r s o n e n , und der schweizerische Bundesrath verpflichtet sich, unter den gleichen Voraussezungen und Bedingungen a l l e P e r sonen, mit Ausnahme der schweizerischen Ang e h ö r i g e n , auszuliefern, welche wegen eines der im Artikel II aufgezählten, auf dem Gebiete des andern vertragenden Théiles verübten Verbrechen oder Vergehen angeklagt, oder wegen eines solchen durch die Gerichte des einen der beiden kontrahirenden Staaten verurtheilt worden sind und auf dem Gebiete des andern Staates gefunden werden.

Falls der schweizerische Bundesrath die Auslieferung eines Individuums, welches in dein Vereinigten Königreiche eines der im Artikel II aufgezählten Verbrechen oder Vergehen sich schuldig gemacht, aber in die Schweiz sich geflüchtet hätte, wegen seiner Eigenschaft als Schweizer nicht bewilligen könnte, verpflichtet sich der schweizerische Bundesrath, die strafrechtliche Erledigung der Anklage nach Maßgabe der Gesezgebung des Heimatkantons des Angeklagten zu übernehmen, und die' Regierung des Vereinigten Königreiches verpflichtet sich, sämmtliche bezügliche Akten, Depositionen und Beweisstüke dem schweizerischen Bundesrathe mitzutheilen, sowie im diplomatischen Wege zu vermittelnde Requisitorien des schweizerischen Richters unentgeltlich vollziehen zu lassen.

Artikel II.

Die strafbaren Handlungen, wegen deren die Auslieferung zu gewähren ist, sind folgende: 1) Mord, mit Inbegriff des Kindsmordes, und. Mordversuch.

2) Todtschlag.

83 Nachmachen oder Verfälschen von Metallgeld, Ausgeben oder Inverkehrsezen nachgemachten oder verfälschten Metallgeldes.

4) Fälschung, Nachmachen oder Verändern, sowie die Verausgabung dessen, was nachgemacht, gefälscht oder verändert ist, nämlich die Verbrechen, welche in den Strafgesezen der beiden Staaten als Nachmachen oder Verfälschen von Papiergeld, Banknoten oder andern Werthschriften enthalten sind ; ferner die Fälschung oder Verfälschung anderer öffentlicher oder Privaturkunden, sowie das Ausgeben oder Inverkehrsezen und der wissentliche Gebrauch solcher nachgemachter, gefälschter oder verfälschter Papiere.

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5) Unterschlagung oder Diebstahl.

6) Betrug, resp. Erlangung von Geld oder andern Sachen durch falsche Vorspiegelungen.

7) Bezüglicher Bankerott, resp. Verbrechen gegen das Gesez betreffend Bankerott.

8) Untreue von Seite eines Verwalters und Beauftragten, Bankiers, Agenten, Kommissionärs, Verwalters von Vermögen Dritter, Vorstandes, Mitgliedes oder Beamten irgend einer Gesellschaft, soweit dieselbe nach den dannzumal bestehenden Gesezen als Verbrechen behandelt wird.

9) Nothzucht.

10) Entführung von Minderjährigen.

11) Menschenraub.

12) Einbrechen oder Eindringen in ein Wohnhaus in verbrecherischer Absicht zur Tages- oder Nachtzeit.

13) Brandstiftung.

14) Raub mit Gewalttätigkeit.

15) Drohungen mittelst Brief oder auf andere Weise, mit der Absicht, zu erpressen.

16) Meineid und Anstiftung zum Meineid.

17) Böswillige Eigeuthnmsbe.schädigung, insofern sie von Amtes wegen als Verbrechen verfolgt wird.

Die Auslieferung findet auch statt wegen Theilnahme an einer7 der vorbezeichneten strafbaren Handlungen, mag sie vor oder nach deren Verübung stattfinden, vorausgesezt, da 1À diese Theilnahme nach der Gesezgebung beider Kontrahenten strafbar ist.

Artikel ìli.

Ein flüchtiger Verbrecher kann in jedem der beiden Länder verhaftet werden auf Grund eines Verhaftsbefehles, der von einem Polizeimagistraten, Friedensrichter oder von einer andern kompetenten Behörde erlassen wird, auf eine solche Strafanzeige oder Klage und auf einen solchen Beweis oder nach einem solchen Verfahren, daß nach der Ansicht der Behörde, welche den Verhaftsbefehl erläßt, dessen Erlaß gerechtfertigt wäre, wenn das Verbrechen in demjenigen Theile der Gebiete der Vertragsparteien begangen, oder die betreffende Person in demjenigen Theile der Gebiete der Vertragsparteien verurtheilt worden wäre, in welchem der Magistrat, Friedensrichter oder die andere kompetente Behörde Gerichtsbarkeit

51T ausübt. In einem solchen Falle soll jedoch in dem Vereinigten Königreiche der Beklagte so schnell wie möglich vor einen Polizeimagistraten in London gesendet werden.

Diese Ansuchen um provisorische Verhaftung mögen vermittelst der Post oder durch den Telegraphen gemacht werden, vorausgesezt, sie enthalten die Angabe, daß sie von einer gerichtlichen oder andern kompetenten Behörde abgesendet worden seien. Solche Requisitionen müssen eine allgemeine Bezeichnung des Verbrechens oder Vergehens und die Erklärung enthalten, daß ein Verhaftsbefehl gegen den Verbrecher bestehe, und daß dessen Auslieferung verlangt werde.

Er soll in Uebereinstimmung mit diesem Artikel sowohl in der Schweiz als auch in dem Vereinigten Königreiche des Verhaftes entlassen werden, wenn nicht binnen dreißig Tagen von dem diplomatischen Agenten desjenigen Landes, welches dessen Auslieferung verlangt, das Auslieferungsbegehren gemäß den Vorschriften dieses Vertrages gestellt wird.

Artikel IV.

Das Auslieferungsbegehren muß immer auf diplomatischem Wege gestellt werden, und zwar in der Schweiz durch den englischen Gesandten an den Bundespräsidenten, und in Großbritannien durch den schweizerischen Generalkonsul in London, welcher von Ihrer Majestät für die Zvveke dieses Vertrages als diplomatischer Repräsentant der Schweiz anerkannt wird, an den Staatssekretär für die auswärtigen Angelegenheiten.

Artikel V.

In der Schweiz soll folgendes Verfahren stattfinden: Im Falle das Auslieferungsbegehren gegen eine a n g e k l a g t e Person gerichtet ist, muß eine authentische Kopie des von einem kompetenten Beamten oder Magistraten erlassenen Verhaftsbefehles.

der das Verbrechen oder Vergehen, dessen sie angeklagt ist, klar bezeichnet, vorgelegt werden, und von einer gehörig legalisirten Darstellung der Thatsachen und der Beweise, gestüzt auf welche der Verhaftsbefehl bewilligt worden ist, begleitet sein.

Wenn das Auslieferungsbegehren eine v e r u r t h e i l t e Person betrifft, so muß es von einer authentischen Kopie des Urtheiles begleitet sein, worin das Verbrechen oder Vergehen, wegen dessen sie verurtheilt wurde,3 angegeben ist.

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518 Mit dem Auslieferiingsbegehren müssen ferner das Signalement der reklamirtên Person, und wenn möglich noch andere Informationen und Details, welche zur Feststellung ihrer Identität dienen mögen, vorgelegt werden.

Nach geschehener Prüfung dieser Schriftstüke wird sie der "Bundesrath derjenigen Kantonsregierung übersenden, auf deren Gebiet der Verfolgte sich befindet, damit der Leztere durch einen gerichtlichen oder polizeilichen Beamten über ihren Inhalt einvernommen ·werde.

Die Kantonsregierung wird das Einvernahmsprotokoll nebst sämmtlichen Akten und allfällig weiterem Berichte dem Bundesrathe übersenden, welcher nach erfolgter Prüfung derselben, im Falle von keiner Seite Einsprache erhoben ist, die Auslieferung bewilligen und seinen Entscheid sowohl der Gesandtschaft von Großbritannien, als auch der betreffenden Kantonsregierung mittheilen wird, lezterer behufs Uebergabe des auszuliefernden Individuums an derjenigen <Grenzstelle und an diejenige auswärtige Polizeibehörde, welche im einzelnen Falle von der großbritannischen Gesandtschaft zu bezeichnen ist.

Wenn die zur Feststellung des Thatbestandes oder der Identität des Angeklagten vorgelegten Akteustüke oder die von den schweizerischen Behörden zu gleichem Zvveke gemachten Erhebungen ungenügend erscheinen sollten, so wird dem diplomatischen Vertreter Großbritanniens unverzüglich davon Mittheiluug gemacht behufs weiterer Nachweise. Werden sie nicht vor Ablauf von 15 Tagen beigebracht, so wird der Verhaftete in Freiheit gesezt.

Falls gegen die Anwendbarkeit dieses Vertrages eine Einsprache vorliegt, wird der Bundesrath sämmtliche Akten dem schweizerischen Bundesgerichte übersenden, welches über die Bewilligung oder Verweigerung der Auslieferung definitiv zu entscheiden hat.

Der Bundesrath wird den Entscheid des Bundesgerichtos der großbritannischen Gesandtschaft mittheilen. Lautet derselbe auf Bewilligung der Auslieferung, so wird der Bundesrath die Vollziehung anordnen, wie in dem Falle, wo er von sich aus die Auslieferung bewilligt hat. Ist dagegen vom Bundesgericht die Auslieferung abgelehnt worden, so wird der Buudesrath sofort die Freilassung des Verhafteten verfügen.

Artikel VI.

In dem Reiche Ihrer Britannischen Majestät, mit Ausnahme der .Kolonien und auswärtigen Besizuiigen, soll verfahren werden wie folgt: O O / O

519 A. Wenn es sich um eine angeklagte Person handelt, wird das Auslieferungsbegehren von dem diplomatischen Vertreter der schweizerischen Eidgenossenschaft dem Hauptstaatssekretär der auswärtigen Angelegenheiten Ihrer Majestät Regierung eingereicht.

Dieses Begehren soll von einem Verhaftsbefehl oder einem anderen gerichtlichen Aktenstük von gleichem Werthe, ausgestellt von einem zur Untersuchung der dem Angeklagten in der Schweiz zur Last gelegten Handlungen kompetenten Richter oder andern Beamten, begleitet sein, sowie von den gehörig legalisirten, vor diesem Richter oder Beamten beschworenen oder feierlich als Wahrheit erklärten Depositionen oder Aussagen, aus welchen die in Frage stehenden Handlungen klar hervorgehen, und welche überdies das Signalement der reklamirten Person und genügende Details enthalten zur Feststellung ihrer Identität.

Der genannte Hauptstaatssekretär soll diese Aktenstüke dem Hauptstaatssekretär Ihrer Majestät für das Departement des Innern mittheilen, welcher mittelst eigenhändig unterzeichneter und mit seinem Siegel versehener Ordre einem Polizeimagistraten in London von dem gestellten Auslieferuogsbegehren Mittheilung macht und ihn beauftragt, wenn genügender Grund dazu vorliegt, den Verhaftsbefehl gegen den Flüchtigen zu erlassen. Nach dem Empfange dieser Ordre des Staatssekretärs, und auf die Vorlage solchen Beweises, welcher nach der Ansicht des Magistraten den Erlaß des Verhaftbefehles rechtfertigen würde, wenn das Verbrechen in dem Vereinigten Königreiche verübt worden wäre, soll er den Verhaftsbefehl erlassen.

Wenn die reklamirte Person verhaftet worden ist, so soll sie vor den Magistraten, welcher den Verhaftsbefehl erlassen hat, oder vor einen andern Polizeimagistraten in London gebracht werden.

Wenn der hierauf zu produzirende Beweis ein solcher ist, daß er gemäß dem englischen Geseze hinreichen würde, um den Verhafteten zur Aburtheilung vor das Gericht zu verweisen, falls das Verbrechen, dessen er angeklagt ist, im Vereinigten Königreiche verübt worden wäre, so soll der Polizeimagistrat dessen Versezung in das Gefängniß verfügen, um die Ordre des Staatssekretärs zum Vollzuge der Auslieferung abzuwarten, und dem Staatssekretär sofort ein Attestat über diese Verfügung mit Bericht über den Fall mittheilen.

Nachdem seit der Verfügung über die Versezung des Verhafteten in das Gefängniß eine Zeitfrist verflossen ist, welche nie weniger als fünfzehn Tage betragen darf, soll der Staatssekretär durch eine von ihm eigenhändig unterzeichnete und mit seinem Siegel versehene Ordre den Transport des auszuliefernden IndiviBundesblatt 32. Jahrg. Bd. IV.

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duums in denjenigen Meerhafen anordnen, welcher zu dessen Auslieferung an die schweizerische Regierung im einzelnen Falle bezeichnet werden wird.

B. Wenn es sich um eine v e r u r t h e i l t e Person handelt, s» soll gleich verfahren werden, wie wenn es sich um eine angeklagte Person handeln würde, ausgenommen, daß in dem Verhaftsbefehle, welcher von dem diplomatischen Vertreter der Schweiz zur Unterstüzung des Auslieferungsbegehrens einzureichen ist, das Verbrechen oder Vergehen, wegen dessen das reklamirte Individuum verurtheilt wurde, klar dargestellt und auch der Ort und das Datum des Urtheils angegeben werden müssen.

Als Beweis muß das Strafurtheil beigebracht werden, welches von dem zuständigen Gerichte des die Auslieferung begehrenden Staates gegen den Verurtheilten erlassen worden ist.

C. Personen, welche in contumaciam verurtheilt worden sind, werden in Auslieferungsangelegenheiten wie Angeklagte behandelt und als solche ausgeliefert.

D. Nachdem der Polizeimagistrat die Versezung des Angeklagten oder Verurtheilten in das Gefängniß verfügt hat, um die Ordre des Staatssekretärs zur Vollziehung seiner Auslieferung abzuwarten, hat diese Person das Recht, um eine Verfügung auf ,,habeas corpus" einzukommen. Wenn sie hievon Gebrauch macht, so soll die Auslieferung verschoben werden bis nach dem Entscheide des Gerichtshofes über ihr Gesuch, und kann nur stattfinden, wenn der Entscheid für den Patenten ungünstig lautet. Im leztern Fall kann das Gericht gleichzeitig die Vollziehung der Auslieferung verfügen, ohne die Ordre des Staatssekretärs abzuwarten, oder es kann die Beibehaltung des Verhaftes verfügen bis nach Erlaß jener Ordre.

Artikel VII.

Die Behörden des ersuchten Staates haben bei der Prüfungweiche ihnen nach den vorstehenden Bestimmungen obliegt, den beschworenen oder feierlich als Wahrheit erklärten Depositionen und Zeugenaussagen, welche in dem andern Staate zu Protokoll genommen sind, deßgleichen den Abschriften hievon, und ebenso den im andern Staate erlassenen Haftbefehlen und Urtheilen oder Abschriften hievon, volle Beweiskraft beizulegen, vorausgesezt, daß in diesen Schriftstüken angegeben ist, daß sie durch einen Richter, eine obrigkeitliche Person oder einen andern Beamten dieses Staates unterzeichnet oder bescheinigt seien, und daß sie durch Beidrükung des

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Amtssiegels eines britischen Staatsministers oder des schweizerischen Bundeskanzlers beglaubigt sind.

Das persönliche Erscheinen von Zeugen darf nur verlangt werden zur Feststellung der Identität der Person des Verfolgten mit derjenigen des Verhafteten.

Artikel VIII.

Wenn der zur Bewilligung der Auslieferung genügende Beweis nicht binnen zwei Monaten von dem Tage der Ergreifung des Flüchtigen an beigebracht wird, so ist der Ergriffene auf freien Fuß zu sezen.

Artikel IX.

In Fällen, wo es nöthig sein mag, wird die schweizerische Regierung bei den englischen G-erichtshöfen durch die Kronanwälte, und die englische Regierung bei den schweizerischen Behörden durch die kompetenten schweizerischen Beamten vertreten sein.

Die beiden Regierungen werden den Repräsentanten des andern Staates, welche ihre Intervention behufs der Verwahrung und Sicherung der auszuliefernden Person verlangen, auf ihren Gebieten die nöthige Hilfe gewähren.

Für die aus diesem Artikel entspringende Rechtshilfe wird gegenseitig auf jede Vergütung von Kosten verzichtet.

Artikel X.

Der gegenwärtige Vertrag ist auf Verbrechen und Vergehen anwendbar, welche vor seiner Unterzeichnung begangen worden sind. Die ausgelieferte Person darf jedoch wegen keines andern in dem andern Lande vor der Auslieferung begangenen Verbrechens oder Vergehens zur Beurtheilung gezogen werden, als wegen desjenigen, für welches die Auslieferung gewährt worden ist.

Artikel, XI.

Ein flüchtiger Verbrecher soll nicht ausgeliefert werden, wenn die strafbare Handlung, wegen welcher seine Auslieferung verlangt wird, einen politischen Charakter an sich trägt, oder wenn er nachweisen kann, daß der Antrag auf seine Auslieferung in Wirklichkeit mit der Absicht gestellt worden ist, ihn wegen eines Verbrechens oder Vergehens politischer Natur zu verfolgen oder zu bestrafen.

522 Artikel XII.

Die Auslieferung soll nicht stattfinden, wenn seit der begangenen strafbaren Handlung oder der Einleitung der strafgerichtlichen Verfolgung, oder der erfolgten Verurtheilung nach den Gesezen des ersuchten Staates Befreiung von der strafgerichtlichen Verfolgung oder der erkannten Strafe eingetreten ist.

Artikel XIII.

Die Auslieferung soll nicht stattfinden, wenn die von der schweizerischen Regierung verfolgte Person im Vereinigten Königreiche, oder die Seitens der Regierung des Vereinigten Königreiches verfolgte Person ir einem Kanton der Schweiz, wegen derselben strafbaren Handlung, wegen welcher die Auslieferung beantragt wird, in Untersuchung gewesen und außer Verfolgung gcsczt worden, oder sich noch in Untersuchung befindet, oder bereits bestraft worden ist.

Artikel XIV.

Wenn die von der schweizerischen Regierung verfolgte Person im Vereinigten Königreiche, oder wenn die seitens der Regierung des Vereinigten Königreiches verfolgte Person in einem Kanton der Schweiz wegen einer andern strafbaren Handlung in Untersuchung liegt oder verurtheilt worden ist, so kann die Auslieferung verschoben werden, bis diese Person in gehörigem Rechtsgang in Freiheit gesezt worden ist.

Wird ein solches Individuum wegen Verpflichtungen, die dasselbe mit Privatpersonen abgeschlossen hat, in jenem Lande, in welchem es Zuflucht genommen hat, gerichtlieh verfolgt, so soll dessen Auslieferung dennoch stattfinden, dabei aber der beschädigten Partei das Recht vorbehalten bleiben, ihre Ansprache vor der kompetenten Behörde geltend zu machen.

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Artikel XV.

Wird ein Individuum von einer der beiden Vertragsparteien auf Grund des gegenwärtigen Vertrages zur Auslieferung reklamirt, zugleich aber auch dessen Auslieferung von eiuer oder mehreren andern Mächten wegen anderen auf deren Gebieten begangenen Verbrechen oder Vergehen verlangt, so ist dasjenige Gesuch im Vorgänge zu bewilligen, welches das älteste im Datum ist.

523 Artikel XVI.

Alle in Beschlag genommenen Gegenstände, welche zur Zeit der Verhaftung der auszuliefernden Person in deren Besiz waren, sollen, wenn die zuständige Behörde des um die Auslieferung ersuchten Staates die Ausantwortung derselben angeordnet hat, bei Vollziehung der Auslieferung mitübergeben werden, und diese Ueberlieferung soll sich nicht bloß auf die entfremdeten Gegenstände , sondern auch auf Alles erstreken, was zum Beweis der strafbaren Handlung dienen kann.

Die Ablieferung dieser Gegenstände soll auch dann stattfinden, wenn die bereits bewilligte Auslieferung wegen der Entweichung oder des Todes der auszuliefernden Person unmöglich geworden ist, es wäre denn, daß die Ansprüche dritter Personen in Betreff der erwähnten Gegenstände deren Ablieferung nicht zulassen.

Artikel XVII.

Die vertragenden Theile verzichten darauf, die Erstattung derjenigen Kosten, welche ihnen aus der Festnahme und dem Unterhalte des Auszuliefernden und seinem Transport bis zur Grenze des requirirten Staates erwachsen, in Anspruch zu nehmen, willigen vielmehr gegenseitig darein, diese Kosten selbst zu tragen.

Artikel XVIII.

Die Bestimmungen des gegenwärtigen Vertrages sollen auf die Kolonien und auswärtigen Besizungen Ihrer Großbritannischen Majestät Anwendung finden.

Der Antrag auf Auslieferung eines flüchtigen Verbrechers, welcher in einer dieser Kolonien oder auswärtigen Besizungen Zuflucht gefunden hat, soll bei dem Gouverneur oder bei der höchsten Behörde der betreffenden Kolonie oder Besizung durch den in derselben residirenden schweizerischen Konsul, oder in Ermangelung eines solchen durch den anerkannten Konsularagenten eines andern Staates, welchem die Wahrung der schweizerischen Interessen in der fraglichen Kolonie oder Besizung anvertraut wird, gestellt werden.

Der Gouverneur oder die höchste Behörde, welche oben erwähnt sind, sollen bezüglich solcher Auslieferungsbegehren möglichst konform mit den Bestimmungen des vorliegenden Vertrages entscheiden. Es steht ihren indeß frei, die Auslieferung zu bewilligen oder den Fall ihrer Regierung zum Entscheide zu überweisen.

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Ihrer Großbritannischen Majestät soll es jedoch freistehen, in den britischen Kolonien und auswärtigen Besizungen über die Auslieferung solcher Individuen, die in der Schweiz ein im Vertrag genanntes Verbrechen begangen haben, aber innerhalb dieser Kolonien und auswärtigen Besizungen Zuflucht gefunden haben, auf möglichst gleicher Grundlage mit den Bestimmungen des gegenwärtigen Vertrages besondere Anordnungen zu treffen.

Begehren betreffend die Auslieferung von Verbrechern, welche aus einer Kolonie oder auswärtigen Besizung Ihrer Großbritannischen Majestät geflüchtet sind, sollen nach den Bestimmungen der vorstehenden Artikel des gegenwärtigen Vertrages behandelt werden.

Artikel XIX.

Der gegenwärtige Vertrag soll zehn Tage nach der von den hohen Kontrahenten in gesezlicher Form geschehenen Veröffentlichung in Kraft treten.

Nach dem Inkrafttreten dieses Vertrages wird derjenige, welcher am 31. März 1874 zwischen den beiden hohen Vertragsparteien abgeschlossen wurde, beidseitig als aufgehoben betrachtet, und er soll nur noch auf ein solches Verfahren Anwendung finden, das nach Inhalt seiner Vorschriften bereits stattgefunden hätte oder angefangen worden wäre.

Jeder aufkünden, schluß der jedoch die

der beiden hohen Kontrahenten kann diesen Vertrag indem er sechs Monate vor dem Endtermin seinen EntGegenpartei mittheilt. Eine solche Aufkündungsfrist darf Dauer eines Jahres nicht übersteigen.

Der Vertrag wird ratifizirt und die Ratifikationen sollen bald möglichst in Bern ausgewechselt werden.

Zur Urkunde dessen haben die beiderseitigen Bevollmächtigten die gegenwärtige Uebereinkunft unterzeichnet und ihre Siegel beigedrükt.

So geschehen zu Bern, den 26. November des Jahres eintausend achthundert und achtzig.

(L. S.) Anderwert.

(L. S.) C. Tivian.

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Auslieferungsvertrag zwischen der Schweiz und Grossbritannien.

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04.12.1880

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