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Aufgabe und Struktur des Paul Scherrer Instituts (PS1) Bericht über die Inspektion der Geschäftsprüfungskommission des Ständerates an den Bundesrat

vom 23. November 1992

Sehr geehrter Herr Bundespräsident, sehr geehrte Herren Bundesräle.

mit dem vorliegenden Bericht unterbreiten und erläutern wir Ihnen im wesentlichen folgende Feststellungen und Anregungen: - Arn Paul Scherrer Institut (PSI) wird hochwertige wissenschaftliche Arbeit an Aufgaben von grosser Bedeutung geleistet- Für die Zukunft ist die Erhaltung und Weiterentwicklung dieses Standards jedoch nicht gesichert. Es bestehen Probleme sowohl im Bereiche der Strukturen als auch in jenem des Lcistungsauftrags.

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Für den Bereich der allgemeinen Energieforschung (sog. nicht-nukleare Energieforschung) sind Varianten zu prüfen, die von der Weiterführung im bisherigen Planungsrahmcn bis zur Auslagerung in eine oder mehrere Forschungsstätten nach dem Muster der Fraunhofer-lnstitute reichen.

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Bericht l

Anlass und Vorgehen

Schon küre nach der Fusion von SIN und E1R zum PSI im Jahre 1987 hat sich die Finanzkommission des Nationalrates über die geplante Entwicklung orientieren lassen. Im Jahre 199Ü hat die Finanzdelegation die Bemühungen des Instituts unterstützt, den nicht-nuklearen Teil der Energicforschung angemessen zu fördern.

Sie stellte fest, dass die Synergien, die aus der Fusion erwartet worden waren, erst bescheiden ausgefallen seien.

Bei der Prüfung des Geschäftsberichts 1990 bcfasste sich die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates ausfuhrlich mit der Frage, welchen Stand die beabsichtigte Gleichstellung der nicht-nuklearen mit der nuklearen Energieforschung erreicht habe und wie der noch immer offenkundige Rückstand der nicht-nuklearen Forschung aufgeholt werden könne. Im Anschluss daran beauftragte die Kommission ihre zuständige Sektion 11 mit einer Inspektion beim PSI. Im Laufe der Inspektion zeigte sich, dass das Thema vom Verhältnis der beiden Energieforschungsbereiche zueinander auf den gesamten Leistungsauftrag des PSI sowie auf seine Strukturproblcrne ausgedehnt werden musste.

Die Geschäftsprüfungskommission sieht in der vorliegenden Inspektion einen Beitrag zum Dialog zwischen Parlament und Forschung. Das Ziel ist es, im Verhältnis zwischen politischer Anforderung und wissenschaftlicher Freiheit die notwendige politische Einflussnahme so zu umschreiben und auszuüben, dass für die Forschung des Bundes im Bereich des PSI optimale Bedingungen geschaffen werden können.

Zur Durchführung der Inspektion hörte die Sektion an insgesamt sieben Sitzungen Vertreter des PSI, des Bundesamtes für Energiewirtschaft, des Schweizerischen Schülrales (neu: ETH-Ral), der Gruppe für Wissenschaft und Forschung, des Wissenschal'tsrates sowie Experten aus Wissenschaft und Industrie an und besprach den Schlussbericht mit dem Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern, Herrn Bundesrat Cotti, der sich den Leitlinien des Berichts und seinen Empfehlungen im grossen und ganzen anschlicsscn konnte. Ferner sichtete sie eine umfangreiche Dokumentation. Der vorliegende Schlussbericht wurde von der Geschäftsprüfungskommission des Ständerates am 23. November 1992 verabschiedet. Alle beigezogenen Personen unterstützten die Inspektion offen und bereitwillig; die Sektion dankt ihnen dafür. Das PSI hat es begrüsst, dass sich Parlamentarier gründlich mit seinen Problemen auseinandersetzen.

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HH. Sländeräte Onkcn (Vorsitz), Büliler Robert, Schallberger, Frau Simmen (ersetzt durch Roth)

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Feststellungen Entstehung und Auftrag des PSI

Die Fusion von SIN und EIR ist ein Ergebnis der Hayek-Studie über den Schulratsbereich. Aufgrund früherer Ideen sowie nach Konsultation von internationalen Experten empfahl die Firma Hayek in einer Detailstudie dem Schulrat die Fusion der Institute. Dieser setzte dazu im Auftrag des Bundesrates eine Projektleitung ein, die Konzept, Ziele und Strukturen des neuen Instituts entwickelte.

Am 30. November 1987 beschloss der Bundesrat das EIR und das SIN zum PSI zusammenzulegen. Gleichzeitig erliess er eine Verordnung über diese Forschungsanstalt. " Danach ist das PSI «eine nationale, multidisziplinäre Forschungsstätte für Naturund Ingenieurwissenschaften. Seine Forschungstätigkeiten betreffen die folgenden Bereiche: a. Kern- und Teilchenphysik, b. Strahlenmedizin, -biologie, -hygiène.

c. Materialwissenschaften inkl. Festkörperforschung.

d. Kernenergietechnik (insbes. nukleare Sicherheit und radioaktive Abfälle), nicht-nukleare Energietechnik sowie energiebezogene Umweltwissenschaften.» Das PSI «entwickelt und betreibt grosse und komplexe Forschungsanlagen, die die Möglichkeiten der Hochschulinstitute übersteigen. Es unterstützt die Ausbildung an Hochschulen und anderen Lehranstalten» und erbringt «Dienstleistungen für den Staat, andere öffentliche Körperschaften und die Wirtschaft» (Art. 2).

Das PSI arbeitet komplementär, d. h. nicht in Konkurrenz, zu den kantonalen und eidgenössischen Hochschulen (Art. 3). Es unterstützt schliesslich die für nukleare Sicherheit zuständigen Aufsichtsbehörden des Bundes (Art, 5).

Das PSI ist somit nicht nur eine Forschungsstätte, sondern hat auch bedeutende Aufgaben im Bereiche der Ausbildung und erbringt wichtige Dienstleistungen für institutsfremde Forscherinnen und Forscher und für andere Bundesstellen (insbesondere für das Bundesamt für Energiewirtschaft [BEW] und dessen Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen [HSK], das Bundesamt für Gesundheitswesen [BAG] und das Bundesamt für Umwelt, Wald und Landschaft [BUWAL]). Die heutigen Aufgabenbereiche des PSI sind im wesentlichen Weiterentwicklungen der Aufgabenbereiche der früheren Institute EIR und SIN.

Das EIR wurde im Jahre 1955 von einer Anzahl von Schweizer Unternehmen unter dem Namen Reaktor AG gegründet. Ziel war es, die Entwicklung und Nutzung der Kernenergie in der Schweiz voranzutreiben. In den 60er Jahren zog sich die Privatwirtschaft aber aus der eigenständigen Reaktorentwicklung in der Schweiz zurück. Der Bund übernahm die Reaktor AG 1960 und gründete das EIR als Annexanstalt der ETH. Zunächst beschäftigte sich das EIR ausschliesslich mit der angewandten Forschung zur Nutzung der Kernenergie und mit der Herstellung von Radioisotopen. In den 70er Jahren kamen in bescheidenem 11

Verordnung des Bundesrales vom 30. November 1987 über das Paul Scherrer Institut, SR 424.3

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Rahmen Forschungsarbeiten im Bereich nicht-nuklearer Energien und im Bereich der energiebezogenen Ümwellforschung dazu. Die Industrie hai das EI R auch nach der Abtretung an den Bund noch beeinflusst. Von seinem Ursprung her eine industrielle Unternehmung, die innerhalb von fünf Jahren einen Reaktor gebaut hat, blieb das Institut im wesentlichen auf Fragen der Technik und der Ingenieurwissenschaften ausgerichtet.

Demgegenüber war das SIN seit seiner Gründung im Jahre 1968 ein Institut der schweizerischen Hochschulen. Es diente ihnen als nationales Forschungslabor mit internationalem Anspruch. Rund um den Kern des SIN, die 600-MeV-Beschleunigeranlage, sind Labors angeordnet, die es gestatten, dank der hohen Intensität der erzeugten Strahlen Präzisionsmessungen durchzuführen und äusserst seltene Vorgänge zu registrieren. Stammgebiel dieser Forschung ist die Kernund Teilchenphysik. Diese hat zum Ziel, Aufschluss über die Struktur der Materie und der Wechselwirkungen, denen diese unterworfen ist, zu gewinnen. Von der gleichen Beschleunigeranlage profitieren aber auch Experimente der Biowissenschaften sowie der Festkörperforschung und der Matcrialwissenschaften.

In grober Vereinfachung lassen sich die beiden Teile, aus denen sich das PSI zusammensetzt, mit den Stichworten Naturwissenschaft einerseits, Technik und Ingenieurwissenschaft anderseits skizzieren. Das Bild wird der differenzierten Situation zwar nicht ganz gerecht, kennzeichnet aber doch ein Klima - und zugleich ein Spannungsverhältnis -, das im Institut anzutreffen ist.

Ziel der Fusion war es, eine Antwort auf die jahrelangen Diskussionen über die Zukunft der beiden Institute SIN und EI R zu geben. Sowohl im Bereiche der Teilchenphysik wie auch in jenem der Kernenergie waren grundlegende Veränderungen im Gange, die den Alleingang der beiden Institute auf Dauer als fraglich erscheinen Hessen. Die Hayek-Studie von 1986 sah daher die Schaffung eines nationalen schweizerischen Forschungslaboratoriums als die optimale zukünftige Variante für den Fortbestand der in EIR und SIN aufgebauten Kapazitäten an. Bei der Konkretisierung dieser Vorstellung durch einen Lenkungsausschuss der beiden Institute ergaben sich im Jahre 1987 folgende allgemeine Ziele der Fusion: - Anpassung des wissenschaftlich-technischen Auftrags unter Einbezug der längcrfristig zu erwartenden Entwicklungen.

Die Aufgabe des neuen Instituts wurde aber im Konzept des Leitungsausschusses weiterhin sehr breit definiert: - Das PSI «ist als nationales Zentrum für Grundlagen- und angewandte Forschung konzipiert. Insbesondere hat es die Mission, grosse oder komplexe Forschungseinrichtungen zu entwickeln, zu realisieren und zum Nutzen der Hoch-

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schulen und der Wirtschaft zu betreiben. Es unterhält enge Verbindungen zur wissenschaftlichen Gemeinschaft des In- und Auslandes und trägt durch Forschungs- und Entwicklungsprogramme auch an die Ausbildung von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und Ingenieurinnen und Ingenieuren bei.

Es trägt durch Forschung, Beratung und Dienstleistungen den Bedürfnissen des Landes Rechnung».

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Die Forschungsbereiche des PSI

Das PSI besteht aus fünf Forschungsbereichen und zwei Logistikdiensten: Der Forschungsbereich l befasst sich mit Kern- und Teilchenphysik sowie mit der Beschleunigertechnologie. Am 600-MeV-Ringzyklotron mit seinen beiden Injektoren werden immer noch qualitativ hochstehende Experimente durchgeführt. Diese befassen sich mit der Wechselwirkung unter den Elementarteilchen mit seltenen Zerfällen solcher Teile oder mit stark wechselwirkenden Teilchen, Der Forschungsbereich 2 umfasst die Biowissenschaft^ am PSI. Hier geht es darum, in Medizin, Biologie, Pharmazie und Ökologie wissenschaftliche Fragestellungen, in die ionisierende Strahlungen und radioaktive Stoffe involviert sind, zu bearbeiten. Im einzelnen geht es etwa um die Tumortherapie mit Pionen oder mit Protonen, um Radiopharmaka oder um Strahlenbiologie und Radioökologie.

Der Forschungsbereich 3 umfasst die Festkörperforschung und die Materialwissenschaften, ebenso Bereiche der Chemie und der technischen Physik. Im einzelnen geht es etwa um die Neutronenstreuung, die Mionenspektroskopie oder um den Festkörperlaser. Die Festkörpertechnologie ist ein eigentlicher Schwerpunkt des PSI geworden. Sie beinhalt Herstellungsverfahren für neuartige Materialien und Methoden zu deren Bearbeitung in Micro- und Nanometerdimensionen. Das PSI soll hier einen entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Hochtechnologie in der Schweiz liefern.

Der Forschungsbereich 4 (nukleare Energieforschung) übernimmt im wesentlichen die Grundfunktion des ehemaligen EIR, nämlich die Forschung, Entwicklung und Ausbildung im Bereich der Kernenergie. Die Forschungsschwerpunkte liegen bei der Reaktorsicherheit, der Entsorgung radioaktiver Abfälle und der Weiterentwicklung der Reaktortechnik. Der Bereich leistet Ressortforschungsarbeiten, insbesondere für die Hauptabteilung für die Sicherheit von Kernanlagen, und führt andere forschungsorientierte Dienstleistungen für Elektrizitätswirtschaft und Industrie durch. Er sorgt ferner für eine breite fachübergreifende Grundausbildung von Fachleuten in der Kerntechnik mit dem Ziel, auch noch in 10-15 Jahren das kerntechnische Know-how im Bereich Reaktorsicherheit und Reaktortechnik in der Schweiz in ausreichendem Masse sicherzustellen.

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Der Forscluingsbereich 5 (allgemeine Encrgieforschung) studiert grundlegende Probleme der Energietechnik bei der rationellen Nutzung fossiler Energien und bei der Speicherung und Umwandlung von Energie und erforscht die Möglichkeiten einer vermehrten Nutzung erneuerbarer Energien. Er belassi sich auch mit den Auswirkungen der Energienutzung auf die Umwelt. Einen Schwerpunkt bildet die Hochtemperatur-Solartechnik, welche Sonnencncrgie direkt in transportier- und speicherbare chemische Energie überführt. Einen weiteren Schwerpunkt bildet die Verbrennungstechnik (z. B. die emissionsarme Verbrennung fossiler Brennstoffe).

Der technisch-wissenschaftliche Fachbereich in seinen Abteilungen Elektroingenieurwesen, Maschineningenieurwesen und Computing bietet den Forscherinnen und Forschern die nötige technische Unterstützung zur Durchführung ihrer Projekte. Dieser Betrieb plant, baut und beireut die hochkomplexen Systeme und Anlagen des PSI.

Der letzte Fachbereich umfasst die eigentliche Administration, den Personaldicnsl, den PR- und Informationsdienst sowie die Betriebsdienste (Bauten, Versorgung und Entsorgung), Er ist das Führungsinstrument der Direktion und bietet dem Gesamtinstitut Dienstleistungen der Logistik an.

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Leitung und Umfeld des PSI

Die Fusion suchte einen Ausgleich zu finden zwischen möglichst weitgehender Autonomie der Laboratorien in ihren wissenschaftlichen Tätigkeiten einerseits, optimaler Integration und Abstimmung der Tätigkeilen, ausgerichtet auf eine Gesamtpolitik des Instituts, anderseits. Organisatorisch wurde eine Balance zwischen einer reinen Linienorganisation und einer dezentralen Organisation nach Forschungseinheiten gesucht. Die heutige Direktion besteht daher aus dem Direktor, dem stellvertretenden Direktor sowie den sieben Leitern aller Bereiche des PSI. Nach dem Konzept des Lenkungsausschusses von 1987 hat die Direktion folgende Aufgaben zu erfüllen: - Wahrnehmen der wissenschaftlichen Gesamtverantwortung, - Frühcrkcnnung, - Impulse für langfristige Entwicklungen, - Planung, - Gesamtoptimierung, - Mittclbeschaffung und Personalpolitik, - Controlling, - Auditing, - strategische Führung der Grossprojekte.

Die Erfahrung zeigt nun allerdings auch im PSI, dass eine Direktion aus neun Personen zwar für Fälle wertvoll ist, in denen ein Konsens gefunden werden kann, jedoch nicht optimal funktioniert, wenn Entscheide gefällt werden müssen.

Solche sind aber bei knappen Mitteln und veränderten Forschungsprioritäten unausweichlich.

Für das PSI kommt erschwerend hinzu, dass es eine Serie von Direktorenwechseln hinter sich hat: Auf Direktor Blaser, der als früherer SIN-Direktor die Fu-

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sion leitete, folgte im April 1990 Direktor Menth, der das Institut bereits im Juli 1991 wieder verliess, weil er darin seine unternehmerischen Vorstellungen nicht verwirklichen konnte. In der Folge wurde das Institut vom stellvertretnden Direktor Hirt geführt, bis am 1. April 1992 Direktor Eberle sein Amt antrat. Die Aussprachen, die die Sektion mit allen genannten Personen geführt hat, bestätigten zudem den Eindruck, dass sie recht unterschiedliche Konzeptionen von der Aufgabe des PSI hegen. Die Hcterogenität der einzelnen Forschungsbereiche und die unterschiedliche Anwendungsname der Projekte gestalten jedem Direktor, insbesondere in bezugauf das Verhältnis von PSI und Industrie eine Wahl zutreffen zwischen verschiedenen möglichen Rollen, die das PSI erfüllen soll. Das Spektrum reicht von einem Ort exzellenter Grundlagenforschung über ein nationales anwendungsorientiertes Dienstlcistungslabor bis zu einem TechnologietransferZentrum zur Förderung der industriellen Nutzung wissenschaftlicher Ergebnisse.

Während die einzelnen Forschungsbereiche je durch fachlich kompetente und engagierte Forschungskomitees unterstützt und beraten werden, fehlte der Direktion des PSI bis vor kurzem eine entsprechende ganzheitliche Forschungskommission. Die Beratende Kommission des PSI konnte von ihrer Zusammensetzung wie auch vom erforderlichen Aufwand her angesichts der Komplexität der Aufgaben des PSI nur eine sehr beiläufig-allgemeine Funktion erfüllen. Höhere Erwartungen werden in die neu geschaffene Forschungskommission des PSI gesetzt.

Diese soll die Direktion nun auch konkret bei der Prioritätcnsctzung unterstützen. In erster Linie soll sie wissenschaftlich orientierte Beurteilungsgrundlagen und Empfehlungen ausarbeiten, die bei Entscheidungen über die mittel- und längerfristigen Entwicklungen am PSI behilflich sein können. Sie beurteilt neue interne Vorhaben sowie solche auf der Grundlage von Drittmitteln, evaluiert länger laufende Projekte und soll frühzeitig erkennen, ob in neuen Forschungsgebieten eine Innovation beim PSI wünschenswert ist. Damit wird versucht, dem Ungleichgewicht der Kräfte zwischen der Fachbercichsebene und der Direktionsebene zu begegnen.

Das PSI ist direkt dem ETH-Rat (früher: Schulrat) unterstellt. Dieser hat nach dem neuen ETH-Gesetz vom 4. Oktober 1991 die grundlegenden Ziele für das PSI festzulegen und seine Entwicklungspläne zu genehmigen. Er untersteht seinerseits dem Direktor der Gruppe für Wissenschaft und Forschung im Eidgenössischen Departement des Innern.

Neben dieser hierarchischen Linie unterliegt das PSI jedoch noch zahlreichen querverlaufenden Einflüssen, von denen der stärkste über die Hauptabteilung für die Sicherheit von Kernanlagcn zum Bundesamt für Energiewirtschaft im Eidgenössischen Verkehrs- und Energiewirtschaflsdepariemeni führt. Das PSI hat nicht nur die Aufgabe, die für die nukleare Sicherheit zuständigen Aufsichtsbehörden des Bundes zu unterstützen, sondern es untersteht im Bereiche der nuklearen Sicherheit und des Strahlenschutzes sowie der Sicherung einer eigentlichen Aufsicht durch die Hauptabteilung für die Sicherheit von Kcrnanlagen bzw.

der Sektion Nukleartechnologie und Sicherung im Bundesamt für Energiewirtschaft. Das PSI dient somit auch als Labor dieses Bundesamtes, das für seine Aufgaben auf wissenschaftliche Unterstützung angewiesen ist. Die Folge davon ist, dass in der heutigen Praxis eine direkte Auftragshierarchie zwischen der HSK und dem Forschungsbereich 4 des PSI besteht, die von der Direktion PSI kaum

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bccinClusst werden kann. Formale Unterstellung unter das Eidgenössische Departement des Innern und materielle Auftragserteilung durch das Eidgenössische Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartement bringen damit die Leitung des Instituts in eine zwiespältige Führungsposition.

Wohl werden die Forschungsschwerpunkte im Bereich der Nuklearenergie in grossen Zügen vom Bundesrat alle vier Jahre im Konzept der Energieforschung des Bundes festgelegt. Bezeichnenderweise wird aber auf die Frage, wer konkret über das Mass des Notwendigen im Bereich der Nuklearenergie-Forschung zu entscheiden habe, nicht die Direktion des PSI, sondern das Bundesamt für Energiewirtschaft angegeben.

Weitere Einflüsse üben auch die kantonalen und eidgenössischen Hochschulen sowie die Fachschaftcn der Kernforschergemeinschaft, der Medizin und der Hightech-Industrie aus.

Organisationsstruklur und Umwelt erschweren es heute der PSI-Dircktion, ihre Aufgabe zielbcwusst zu erfüllen. Das PSI ist - insbesondere nach der Ablehnung seines Antrags zur Durchführung des B-Mesonen-Projektes - im ETH-Bereich nicht seiner eigentlichen Bedeutung gemäss eingebettet.

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Entwicklung des PSI unter politischen Vorgaben

Die Fusion war von der Erwartung getragen gewesen, dass die Zusammenlegung hinreichende Einsparungsmöglichkeiten bringen werde, um bei sinkendem Personalbestand neue Schwerpunkte setzen und insbesondere die nicht-nukleare Energieforschung aufbauen xu können. Aufgrund einer Standortbestimmungfür die einzelnen Forschungsgebiete war es jedoch bereits dem Lenkungsausschuss der beiden früheren Institute im Jahre 1987 klar, dass die Vorstellungen über die zukünftige Entwicklung der einzelnen Sektoren insgesamt «nicht mit den gegebenen Randbedingungen eines umfangmässig eher abnehmenden Instituts in Einklang zu bringen» waren. Es wurde daher vorgesehen, «relativ harte Prioritäten» zu setzen.

Die mittelfristige Planung für die Jahre 1988-1993 sah vor, vor allem den Bereich der nicht-nuklearen Encrgicforschung zu Lasten anderer Bereiche, insbesondere der nuklearen Energieforschung zu verstärken. Bei gleichzeitigem Auf- und Abbau dieser Bereiche wurde die Verstärkung aber vorgenommen, bevor der Abbau wirksam wurde. 1990 zeigte sich, dass die mangelnde Koppelung von Aufgaben- und Finanzplanung dazu führte, dass ein Engpass in den Budgetmitteln entstand. Verursacht war dieser durch einen grossen Verpflichtungsüberhang aus dem Jahre 1989, durch hohe Sachmittelbedürfnisse für Erneuerungen und Neuinvestitionen sowie durch Folgckostcn aus Drittmittelverträgen. Es wurde daher beschlossen, das Personal um 100 Stellen abzubauen.

Der Personalbestand des PSI betrug im Juli 1988 766 Etatstellen, zusätzlich 152 Stellen aus dem Kredit für Lehre und Forschung sowie 83 Stellen aus Krediten Dritter (d. h. ausserhalb des PSI): total 1001 Stellen. Bis im Juli 1991 hatten sich die Etalstcllcn auf 684 reduziert, während jene zu Lasten des Kredits für Lehre und Forschung auf 238 angestiegen waren und die Drittkredite sich auf 139 Stel-

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len erhöht hatten: total 1061 Stellen. Diese Zahlen verstehen sich ohne Doktoranden, Kantinenpersonal, Lehrlinge und Hilfskräfte. Mit diesen zusammen betrug das Gesamttotal im Jahre 1988 1126 und im Jahre 1991 1191 Stellen.

Die Pcrsonalentwicklung am PSI war somit in den ersten vier Jahren durch einen Abbau der Etatstellen gekennzeichnet, der aber durch eine Belastung des Kredites für Lehre und Forschung in mindestens dem gleichen Ausmass kompensiert wurde, sowie durch ein Ansteigen der von Dritten finanzierten Personalstellen.

Seither bemüht sich das PSI, insbesondere die Personalstellen zu Lasten des Kredits für Lehre und Forschung wieder abzubauen, um die notwendigen Mittel für Sachauslagen sicherzustellen. Das PSI versucht ferner, die beschränkten Eigenmittel durch Beiträge von dritter Seite zu ergänzen. Dies gestattet, Finanzierungslücken zu beheben, und sichert auch einen erhöhten Praxisbezug der so finanzierten Projekte. Andererseits sind diese Finanzierungsquellen nicht auf Dauer garantiert und schaffen die Gefahr einer Abhängigkeit vom Auftraggeber. Ferner sind Drittmittel in sehr unterschiedlichem Ausmass für die einzlncn Forschungbereiche erhältlich. Beispielsweise wird die nukleare Energieforschung auf diese Weise mehr als doppelt so intensiv unterstützt wie die allgemeine Energieforschung (von den 18 Mio. Fr. Fremdmitteln des Jahres 1989 entfielen 29% auf die nukleare Energieforschung, während nur 13% für die allgemeine Energieforschung aufgewendet wurden).

Die Handlungsfähigkeit des PSI wird einmal dadurch wesentlich vermindert, dass die in der Vergangenheit eingegangenen Verpflichtungen einen grossen Teil der verfügbaren Sachmittel noch auf längere Frist binden, sodann aber auch durch den grossen Investitionsbedarf, den das Institut aufgrund der früheren Vernachlässigung bei der Erneuerung von Anlagen hat.

Die Leitung des PSI wird in ihrer Handlungsfähigkeit aber auch durch politische Vorgaben wesentlich eingeengt. Bereits im Jahre 1984 hat der Bundesrat dem PSI eine konstante Forschungstätigkeit im Kernenergiebereich vorgeschrieben. Daraus hat sich eine zweite Vorgabe ergeben, wonach der Anteil der Energieforschung am PSI nicht unter 40 Prozent sinken darf. Im Beschluss über die Fusion hat der Bundesrat ferner die Ausgewogenheit zwischen dem nuklearen und dem nicht-nuklaren Bereich der Energieforsschung verlangt. Der damit angestrebte Aufbau der nicht-nuklearen Energieforschung bis zum Niveau der nuklearen Energieforschung liesse sich somit nur erreichen, wenn der Gesamtaufwand für Energieforschung am PSI über 40 Prozent hinaus erhöht würde. Als eigentliches Ausbaugebiet des PSI ist jedoch die Materialwissenschaft, insbesondere die Festkörperphysik, erklärt worden/Damit sieht sich das PSI ausserstande, die Energieforschung über den bisherigen Anteil von 40 Prozent der Institutsmittel hinaus zu erweitern.

Unter diesen Rahmenbedingungcn wird vom PSI Unmögliches verlangt: Bei gleichbleibendem Gesamtvolumen der Energieforschung soll der grössere Teil, die nukleare Forschung, konstant gehalten werden, während der kleinere Teil, die allgemeine Energieforschung, auf das Niveau der nuklearen Forschung aufgestockt werden soll.

Das PSI hat in diesem Dilemma versucht, die Differenz durch Drittmittel auszugleichen: Im Kernenergiebereich wurden die internen Mittel des PSI abgebaut

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und durch Drittmittel ersetzt, womit interne Mittel für den nicht-nuklearen Bereich frei wurden, der seinerseits mehr Mühe hat, Drittmittel zu beschaffen. Diese Ausweichslösung wurde aber offenbar vom Vorsteher des Eidgenössischen Departements des Innern nur bedingt anerkannt, weil er die Ausgewogenheit auch in bezug auf die Driltmittel anstrebte. Ohne massive Aufstockung bei den eigenen Mitteln des PSI ist somit eine Lösung des Problems nicht denkbar.

In dieser Situation haben alle Seiten den Eindruck, sie kämen zu kurz: Während sich die PSI-Leitung in ihrer Handlungsfreiheit dadurch eingeschränkt fühlt, dass sie die nukleare Energieforschung wegen den Forderungen der HSK nicht weiter reduzieren darf, kritisiert das Bundesamt für Energiewirtschaft, das SIN habe das doppelt so grosse EIR «geschluckt» und das Amt müsse sich dauernd dagegen wehren, dass die Bereiche, die sich mit Energieforschung befassen, nicht insgesamt weiter abgebaut würden.

Alle diese Schwierigkeiten haben dazu geführt, dass der personelle Ausgleich zwischen nuklearer und nicht-nuklearer Encrgieforschung am PSI, der bereits für das Jahr 1990 geplant war, nun frühestens 1995 verwirklicht werden kann. Dannzumal sollen aus PSI-eigenen Mitteln je 95 Stellen finanziert werden. Für die nukleare Energieforschung sollen 60 Stellen aus Drittmitteln hinzukommen, während für die allgemeine Energieforschung 40 Stellen aus Drittmitteln und 20 Stellen aus Sondermitteln des Bundes zu finanzieren wären. Im Total sollen für beide Bereiche je 155 Stellen zur Verfügung stehen. Zur Zeit sind im Nuklearbereich ca. 115 Stellen aus PSI-Mitteln und 60 Stellen aus Drittmitteln finanziert- Für den nicht-nuklearen Bereich lauten die Zahlen 87 bzw. 30. Insgesamt besteht heute mit 175 zu 117 noch immer ein erhebliches Missverhältnis gegenüber der politisch geforderten numerischen Vorgabe.

Schwierig ist der Vergleich des Personalaufwandes für die nukleare und die nichtnukleare Energieforschung deshalb, weil der Vergleich zwischen den beiden Forschungsbereichen keine schlüssigen Aussagen gestattet. So sind beispielsweise in der allgemeinen Energieforschung neben dem Forschungsbereich 5 auch der Forschungsbereich 3 und das PSI Zürich tätig. Anderseits befasst sich der Forschungsbcreich4 neben der nuklearen Energieforschung auch mit dem Betrieb des Saphirreaktors sowie des Hotlabors für Forschungsaufträge und Dienstleistungen. Deshalb ergibt eine funktionale Betrachtungsweise ein anderes Bild als die Gegenüberstellung von Organisationseinheiten. So standen im Juni 1991 dem Forschungsbereich 4 mit 222 Stellen bloss 95 Stellen im Forschungsbereich 5 gegenüber (PSI-cigene Mittel und Drittkredite zusammen). Bei funktionaler Betrachtung hingegen rechnet das PSI für den gleichen Zeitpunkt mit einem Total von 171 Stellen im Bereich der nuklearen Energieforschung und mit 109 Stellen im Bereich der nicht-nuklearen Forschung. Das Problem bleibt allerdings bei jeder Betrachtungsweise ungelöst.

Noch schwieriger ist ein Vergleich mit den Verhältnissen vor der Fusion. Mitte der 80er Jahre waren nach Schätzungen des PSI ungefähr 160 Personenjahre der nuklearen Energieforschung und ca. 75 Personenjahre der allgemeinen Energieforschung gewidmet. Es hat somit längerfristig keinen Abbau im Bereich der nuklearen Energieforschung gegeben, wohl aber einen Aufbau im Bereich der allgemeinen Energieforschung.

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Das PSI im Rahmen der schweizerischen Energieforschung

Rund 10 Prozent der gesamten schweizerischen Forschungsaufwendungen entfallen auf den Bereich der Energie (800 Mio. Fr.). Drei Vierlei davon werden durch die Privatwirtschaft aufgebracht. Ein Viertel erbringt die öffentliche Hand. Diese verwendet von den 200 Millionen verfügbaren Franken 35 Prozent für die nukleare Energieforschung und 65 Prozent für die nicht-nukleare oder allgemeine Energieforschung. Gesamtschweizerisch wird diese somit stärker gefördert als die nukleare. Anders sind die Verhältnisse innerhalb des PSI, wo die nukleare Energieforschung heute mehr Gewicht hat als die nicht-nukleare. Das PSI betreut allerdings 60 Prozent der nuklearen Energieforschung der Schweiz (der Rest wird grösstenteils an der ETH-Lausanne bearbeitet); sein Anteil im Bereich der nichtnuklearen Energieforschung beträgt hingegen nur 20 Prozent.

Im internationalen Vergleich steht die Schweiz mit ihren Energieforschungsaufwendungen insgesamt gemessen am Anteil des Bruttoinlandprodukts nach Japan an zweiter Stelle. Die schweizerischen Forschungsausgaben im Energiebereich zeichnen sich ferner durch eine hohe Stabilität aus, wobei sich für die nicht-nukleare Energieforschung eine konstante Zunahme abzeichnet. In diesem Bereich kommt der Schweiz zum Teil eine führende Rolle zu.

Die Koordination der Energieforschung ist vor allem im nicht-nuklearen Bereich eine schwierige Aufgabe. Das Bundesamt für Energiewirtschaft, das die öffentlichen Energieforschungsaktivitäten in der Schweiz zu begleiten hat, bedauert das zum Teil vorhandene Konkurrenzdenken. Wesentliche Fortschritte wurden durch die Schaffung der Sektion Energieforschung im Bundesamt für Energiewirtschaft und durch die Einsetzung der Eidgenössischen Energieforschungskommission (CORE) gemacht. Diese berät das Bundesamt in der Forschungsplanung und in der Koordination mit der Energieforschung ausserhalb des Bundes. Für die Koordination mit den wichtigsten Forschungspartnern innerhalb der Bundesverwaltung besteht eine Arbeitsgruppe CREDA. Damit sind die notwendigen Strukturen gegeben, um die gegenseitige Kommunikation sicherzustellen.

Mit dem Ziel, die vorhandenen Mittel möglichst wirksam einzusetzen, erstellt die CORE jeweils ein Konzept der Energieforschung des Bundes, gerade jüngst erst für die Jahre 1992-1995. Dieses setzte in den sechs Hauptbereichen der Energieforschung folgende Prioritäten: - Die Entwicklung von Verfahren und Anlagen für die rationelle Energienutzung soll massiv verstärkt werden.

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Die Mittelzuteilung soll bis 1995 für Kernspaltung und Kernfusion auf rund 86 Millionen Franken pro Jahr stabil gehallen werden, während sie für die rationelle Energienutzung, die fossilen Energien, die erneuerbaren Energien und die unterstützenden Techniken von jährlich 129 Millionen (1991) auf 150 Millionen Franken ansteigen soll.

Zur Zeit läuft eine Begutachtung der schweizerischen Encrgieforschung, die sowohl die Aktivitäten der öffentlichen Hand als auch die Wirkungen der Energieforschung evaluieren soll.

Das PSI nimmt an der nationalen Energieforschung teil, Indem es rund 20 Prozent seiner Sachmittel und 25 Prozent seiner personellen Kapazitäten dafür aufwendet. Diese verstärkt es durch den Beizug der Mittel bestimmter Auftraggeber (Bundesamt für Energiewirtschaft, NEFF, NAGRA, Industrie etc.). Hauptsächlicher Auftraggeber ist das Bundesamt für Energiewirtschaft, das mit je rund 2 Millionen Franken an der nuklearen bzw. nicht-nuklearen Energieforschung des PSI beteiligt ist. Zwcitwichtigster Auftraggeber ist der Nationale Encrgieforschungsfonds (NEFF), eine Stiftung, die durch die vier Energieträger der Schweiz gegründet wurde. Sie fördert die Forschung und Entwicklung bei der Energiebeschaffung, der Energieverteilung und der Energieanwendung. Sie betreibt keine eigene Forschung, sondern gewährt nur finanzielle Unterstützung. Der NEFF hat im übrigen kein eigenes Forschungsprogramm mit eigenen Schwerpunkten, sondern reagiert ausschliesslich auf Unierstützungsgesuche. Obwohl die Auflösung des NEFF bereits beschlossen ist, reicht das Stiftungsvcrmögen noch über das Jahr 1993 hinaus. Bis 1996 wird diese Quelle von Drittmitteln für das PSI jedoch vollständig versiegen.

Die Drittmittel des PSI sind allerdings, wie schon angedeutet, ungleich verteilt: Während die Kernkraftwerke einen wachsenden Beitrag an die nukleare Energieforschung des PSI leisten, erhält der Forschungsbereich allgemeine Energieforschung verhältnismässig wenig Beiträge von der Energiewirtschaft. Aus der Sicht des PSI hat dies zwei Gründe. Zum einen handelt es sich bei der Gas- und Ölwirtschaft um eine Händlcrgemeinschaft und nicht um einen Betreiber von energietechnischen Anlagen. Die Händler haben jedoch kein wesentliches Interesse an der Forschung. Zum andern verfolgt die nicht-nukleare Energieindustrie sehr viele kleine Projekte mit kurzem Zcithorizont. Dies erlaubt ihr keine grösseren Beiträge an die Forschung des PSI. Daher fehlt der allgemeinen Energieforschung eine aktive Interessengemeinschaft, die ihre Anliegen im PSI ähnlich engagiert vertreten könnte, wie dies die Kernkraftwerke tun.

Insgesamt zeigt der Überblick, dass die Rolle des PSI für die beiden Energieforschungsbereiche eine unterschiedliche ist: Für die Kernspaltung ist das PSI das massgebliche Forschungszentrum in der Schweiz; für die allgemeine Energieforschung ist das PSI neben den Hochschulen des Bundes und der Kantone nur einer von verschiedenen Standorten.

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Probleme Organisation Mangelnde Integration von SIN und EIR zu einem Ganzen

Die Hayek-Studie hatte vor allem die Synergien betont, die durch die Zusammenlegung geschaffen werden können. Sie hatte allerdings auch vorgeschlagen, eine starke Ein-Mann-Führung zu schaffen, um die bei einer so umfassenden Restrukturierung auftretenden Probleme erfolgreich lösen zu können.

Auch für den Lenkungsausschuss EIR/SIN blieb die Effizienzerhöhung eines der wichtigen allgemeinen Ziele der Fusion. Mit seiner Forderung nach einer ausgewogenen Balance zwischen einer reinen Linienorganisation und einer dezentralen Organisation nach Forschungseinheiten schwächte er die integrative Kraft der Direktion jedoch bereits ab. Immerhin sollten alle Tätigkeiten innerhalb einer Gesamtpolitik des Institutes aufeinander abgestimmt und integriert werden.

Heute fehlt dem Institut sowohl von seinem Konzept wie von seiner Organisation her die integrierende Kraft. Auch wenn die Bezeichnung als «Gemischtwarenladen» nicht zutrifft, ermangelt dem stark diversi fixierten Grossinstitut doch eine Vision, eine übergreifende Zielsetzung, die seinen inneren Zusammenhalt begründet. Die Zukunftssorgen, die sowohl das EIR wie das SIN belastet hatten, sind mit der blossen Zusammenlegung nicht behoben worden. Die Fusion hätte die Voraussetzung schaffen können, um den Forschungsarbeiten in Würenlingen eine neue zukunftsträchtige Ausrichtung zu verleihen; genau dies jedoch unterblieb. Statt dessen wurde auf der einen Seite mit quantitativen Vorgaben der Nuklearenergie eine Bestandesgarantie gewährt und der allgemeinen Energieforschung ein Rahmen ohne Inhalt gesetzt, auf der andern Seite mit der Ablehnung der B-Mesonen-Fabrik der Teilchenforschung am PSI ein möglicherweise schicksalshafter Schlag versetzt. Die Orientierungsprobleme am PSI blieben somit ungelöst, Die Empfehlung, die der Schweizerische Wissenschaftsrat am 30. Juli 1991 dem Eidgenössischen Departement des Innern abgegeben hat, bleibt unverändert gültig: Nach einer Phase der Neu- und Umstrukturierung des PSI, welche unvermeidlicherweise mit einer Verunsicherung der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter verbunden war, ist nun eine klare Zielsetzung unbedingt erforderlich.

Auch nach den Feststellungen der Geschäftsprüfungskommission ist die Integration der ungleichen Partner SIN und EIR bisher zuwenig gelungen. Das Fehlen gültiger Zielvorgaben und Prioritäten hat beim häufigen Direktorenwechsel dazu geführt, dass das Schwergewicht zwischen den verschiedenen Bereichen des PSI und die Konzeption der Aufgaben des PSI insgesamt mehrmals verschoben worden sind. Einerseits ist ein erheblicher Gestaltungsraum für die Führung des PSI notwendig, anderseits darf die Ausrichtung nicht von Zufälligkeiten bestimmt werden.

Empfehlung l Der Bundesrat sollte gestützt auf Vorarbeiten des ETH-Rates und der Gruppe für Wissenschaft und Forschung klare Zielvorgaben und politische Richtlinien setzen, 1476

innerhalb (lerer die Führung der PSl die Ausrichtung der Arbeit und die Prioritäten selbst bestimmen kann (vgl. die Optionen und Varianten hinten unter den Ziff. 42 und 43).

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Ungenügende Synergieeffekte

Die erhofften Synergieeffekte der Fusion sind vor allem im Infrastrukturbereich feststellbar. Im Projektbereich fehlen sie nach Aussagen Beteiligter weitgehend.

In den Forschungsbereichen 2 und 3 können zwar heute Forschungstätigkeiten durchgeführt werden, die vorher von beiden Instituten getrennt betrieben wurden. Besonders deutlich sind die Synergien im Bereich der Biowissenschaften, während sie in den angestammten Bereichen der beiden früheren Institute - in der Kernenergie und in der Teilchenphysik - schwach sind. Insgesamt fehlt es noch vielfach an einer echten interdisziplinären Kooperation. Zum Teil wird sogar bezweifelt, ob grösscre übergreifende Projekte innerhalb des PSI überhaupt verwirklicht werden können. Jedenfalls lässt sich die Fusion nicht durch das bereits erreichte Mass an Zusammenarbeit rechtfertigen. Wenn fünf Jahre nach der Fusion noch immer darauf hingewiesen wird, die Ausschöpfung möglicher Synergien brauche mehr Zeit, vermag dies wenig zu überzeugen. Das PSI bedarf eines neuen Impulses, wenn es zur ursprünglichen Zielsetzung zurückfinden will.

Bis heute fehlt im PSI eine integrierte Projekt- und Finanzplanung. Nach der Fusion wurde eine Projektplanung erarbeitet und dem Bundesrat zur Genehmigung vorgelegt, ohne dass zugleich die entsprechenden Finanzmittel geplant worden wären. Gleichzeitig ist ein Personalzuwachs eingeleitet worden, ohne dass die nötige Infrastruktur sichergestellt gewesen wäre. Das PSI leidet noch heute unter den Folgen dieser Planungsfehler.

Empfehlung 2 Unter der Voraussetzung, dass das PSI die Zielsetzungen der Fusion weiterhin verwirklichen soll (vgl. hinten Ziff. 42), sind Synergieeffekte der Fusion auch in der materiellen Forschungsarbeit anzustreben, Identität und Gemeinschaftssinn sind zu stärken.

Für das gesamte PSt ist eine integrierte Projekt- und Finanzplanung zu entwickeln.

313

Unklare Führungsstrukturen (vgl. vorne Ziff. 23)

Die Oberleitung des PSI durch den bisherigen Schulrat vermag nicht zu befriedigen. Das Beispiel des Entscheids über die B-Mesonen-Fabrik zeigt unabhängig vom Ausgang des Verfahrens, dass die Kommunikation in beiden Richtungen nicht so spielte, wie dies zu wünschen wäre.

Das Projekt einer B-Mesonen-Anlage ist nach allen wissenschaftlichen Stellungnahmen seriös vorbereitet worden und hätte der Schweiz gestattet, auf europäischer Ebene weiterhin einen massgeblichen Beitrag zur Erforschung der Teilchenphysik zu leisten. Im Schulral hat das Projekt bis vor der letzten Sitzung, 1477

die diesem Geschäft gewidmet war, überwiegend Anerkennung gefunden. Erst die Vernehmlassung bei den Kantonen und den wissenschaftlichen Institutionen der Schweiz ergab ein ungünstiges Bild. Sogar die Beratende Kommission des PSI verweigerte ihm aus forschungs- und industriepolitischer Sicht die Priorität.

Der Schulratspräsident konnte im September 1989 schliesslich bekanntgeben, dass der damals designierte künftige PSI-Direktor auch ohne das Projekt für das Institut insgesamt und insbesondere für den Fachbereich l eine international gute Zukunft sehe. Damit ist das Projekt offenbar vor allem an der mangelnden Unterstützung durch das PSI und seine Organe selbst sowie am Pluralismus der schweizerischen Forschungsinteressen gescheitert.

Der Schulrat hat dem PSI bisher keine richtungsweisende, strategische Führung angeboten; das PSI hat sich seinerseits keine seinem Gewicht angemessene Stellung im Schulratsbereich zu verschaffen vermocht. Bezeichnenderweise sind auch die Schwerpunktprogramme, die nach dem Scheitern der B-Mesonen-Fabrik erarbeitet wurden, zunächst völlig am PSI vorbeigelaufen.

Empfehlung 3 Der neue ETII-Rat muss seine strategische Führungsftmktion gegenüber dem PSI entschiedener wahrnehmen als bisher der Schulrat und sich dem PSI wieder mit stärkerer Anteilnahme zuwenden.

Die Beratende Kommission für das PSI bildet bisher nicht jenen kompetenten Gesprächspartner und Impulsgeber mit Kontrollfunktion, den das Institut haben rnüsste, damit ihm die für Forschung notwendige Autonomie zugestanden werden kann. Das Verhältnis der Beratenden Kornmission zur neuen Forschungskommission des PSI ist überdies zu klären.

Empfehlung 4 Die Zusammensetzung der Beratenden Kommission für das PSI sollte weniger nach politischen Kriterien als nach solchen der fachlichen Kompetenz bestimmt werden. Eine Erneuerung ist anzustreben. Die internationale Gemeinschaft der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollte stärker vertreten sein.

Die Beratende Kommission sollte sich vermehrt um die Verbindung zwischen PSI und wirtschaftlicher Praxis bemühen.

Die Direktion des PSI hat unter den gegebenen Führungsstrukturcn einen schweren Stand. Die Unterstellungs- und Auftragsverhältnisse des PSI sind unklar: Obwohl dem Schulrat unterstellt, wird das Institut in den Bereichen F 4 und F 5 stark durch die HSK bzw. das BEW gesteuert. Gewichtige Interessengruppen (vor allem die Kernkraftwerke) nehmen zudem direkt auf den Bundesrat Einfluss; dieser greift ebenfalls unmittelbar auf das PSI ein. Insgesamt mangelt es an konsequenter Delegation der Entscheide an die Linie, insbesondere an die Direktion PSI. Im herrschenden Ungleichgewicht der Kräfte aus dem Umfeld des PSI ist eine geradlinige Führung des Instituts kaum möglich.

Empfehlung 5 Die Direktion PSI ist in die Lage zu versetzen, ihre Entscheidungskompetenzen wirksamer wahrzunehmen; das PSI ist eindeutig dem ETH~Bereich zu unterstellen.

1478

Die Bedürfnisse der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen Im Bundesamt für Energiewirtschaft dürfen nicht unter Umgehung des Dienstweges geltend gemacht werden.

Die interne Organisationsstruktur des PSI ist im wesentlichen ein Aneinanderreihen der Teilbereiche, wie sie sich nach der Fusion aus den ehemaligen Instituten ergeben haben. Die Struktur hat daher wenig integrative Wirkung. Die Direktion ist ausgesprochen flach, d. h. jeder Bereich ist in ihr direkt vertreten.

Führungsproblemc schafft zudem der Umstand, dass ein Teil der Fachbereiche von Professoren geleitet wird, die nur 20 Prozent ihrer Arbeitskraft dieser Leitungsfunktion widmen können, weil sie schwergcwichtig als Hochschuldozenten tätig sind. Damit wird zwar eine Absicht verwirklicht, die bei der Fusion ausgesprochen wurde, nämlich die Verbesserung der Beziehungen zwischen PSI und Hochschulen, Der Nachteil dieser Massnahme für die Institutsführung dürfte jedoch grösser sein als ihr Nutzen. Eine prüfenswerte Lösung des Dilemmas liegt in der Schaffung eigentlicher Forschungsprofessuren, mit denen keine Lehrverpflichtungen und wenig administrative Belastungen verbunden sind. Der Leiter eines Bereichs oder Labors sollte jedenfalls den Schwerpunkt seiner Tätigkeit eindeutig im PSI haben.

Empfehlung 6 Für die interne Organisationsstruktur sind alternativ folgende Modelle zu prüfen: a. Sirafftmg der Direktion als Oberleitung über den zwei Bereichen Grundlagenforschung (F Ì bis F 3; mehrheitlich aus dem SIN) und Energieforschung (F4und F5; zur Hälfte aus dem EIR) - Modell «integrierte Spartenstruktur» b. Gruppierung der PSl-Forschungsprojekte auf Zeit um den von der verstärkten Direktion verwalteten Projektpool; eine Projektorganisation ersetzt (oder überlagert) hier die Bereichsorganisation - Modell «PSI als Projektorganisation» c. Denkbar sind auch Kombinationen von Spartenstruktur (a) und Projektorganisation (b). Je nach dem Entscheid über die primären Optionen, die am Schluss unter Ziffer 42 zur Diskussion gestellt werden, lässt sich die Fiihrungsstruktur wesentlich vereinfachen.

Führungsprobleme schafft schliesslich auch die beamtenrechtliche Stellung der Grosszahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am PSI. Das Beamtenstatut steht im Gegensatz zur Dynamik des heutigen Forschungsbetriebs und zum wachsenden Erfordernis einer rascheren Erneuerung der Wissenschaftler-Teams.

Ein Forschungsinstitut, das Spitzenleistungen erbringen will, sollte im wissenschaftlichen Personal ein niederes Durchschnittsalter aufweisen. Aus diesem Grunde wurde nach der Fusion die Zahl der Stabsstellen zugunsten des Kredits Unterricht und Forschung reduziert. Weitere Anstrengungen sind nötig.

Empfehlung 7 Der ETH-Rat sollte prüfen, ob sich in seinem Bereich die Anstellungsbedingungen für bestimmte Personalkategorien flexibilisieren lassen und das Beamtenstatut gelockert werden kann.

1479

32

Zukünftiger Leistungsauftrag des PSI

Die wissenschaftliche Leistung des PSI kann von einer parlamentarischen Kommission kaum beurteilt werden. Nach den verfügbaren Standards gilt die Qualität der Arbeit jedenfalls in den Schwerpunktbereichen als hochstehend: sie hat jedoch, zumindest im Inland, an Nimbus und Ausstrahlung verloren.

Anzeichen für künftige Qualitätsprobleme liegen vor. Bereits erwähnt wurden der allgemeine Erneuerungsbedarf des in die Jahre gekommenen Instituts und die alternde Teilchenbeschleuniger-Anlage. Hinzu kommt, dass die wissenschaftliche Attraktivität des PSI zu sinken scheint.

Auf nationaler Ebene besteht im Bereiche der Teilchenphysik ein Trend der Forscherinnen und Forscher vom PSI weg und hin zum CERN. Der genannte Trend gilt insbesondere für die jüngeren Forscherinnen und Forscher, so dass dem PSI überwiegend die ältere Generation verbleibt. Einen starken PSl-Bezug haben vor allem noch die kleinen Universitäten der Schweiz, International ist die Attraktivität der Anlage allerdings nach wie vor hoch. Schwer zu interpretieren ist der Umstand, dass die beiden Konkurrenzanlagen in Los Alamos und Vancouver dabei sind, sich umzuorientieren. Zur Zeit jedenfalls steigt dadurch das Interesse an der Anlage des PSI. Offenbar bemühen sich aber vor allem osteuropaische Forscherinnen und Forscher um eine Mitarbeit am Institut.

In ähnlichen Schwierigkeiten befindet sich der Bereich der Nuklearenergieforschung. Seit dem bereits geschilderten Verlust der industriellen Basis in der Privatwirtschaft und als Folge des Moratoriums für Kernkraftwerke schwindet das Interesse an Forschungsarbeiten im Bereich der Nukleartechnologie in der Schweiz.

In dieser Situation des Umbruchs und -jedenfalls teilweise - der Verunsicherung sucht jede Abteilung separat nach ihrer Rechtfertigung. Mit verschiedenen kleineren Projekten werden die Lücken gefüllt: Das PSI droht einer gewissen Verzettelung zu erliegen.

Empfehlung 8 Die Gefahr einer Verzettelung des PSI muss durch einen konzentrierten Leistungsauftrag abgewendet werden. Das PSI muss in der Lage sein, international bestqualifizierten Forscherinnen und Forschern stimulierende Bedingungen anzubieten und wieder vermehrt junge Forscherinnen und Forscher anzuziehen.

321

Zur Problematik politischer Vorgaben für die Forschung

Ein staatliches Forschungsinstitut lebt notwendigerweise im Spannungsfeld von politischen Rahmenbedingungen (Zielvorgaben, Mittelbeschränkungen) und wissenschaftlicher Kreativität (Forschungsfreiheit), Politische Vorgaben sind zwar unerlässlich; sie sollten aber fördernd und anspornend sein und den forschungsnotwendigen Freiraum möglichst wenig einschränken. Daher stellt sich die Frage, wie politische Vorgaben am besten formuliert werden. Die Form, in der diese heute für das PSI geschieht, vermag nicht zu überzeugen. Das PSI wird politisch zu stark über die Beschränkung des Mitteleinsatzes geführt. Die 1480

Geschichte des Instituts seit der Fusion deutet auf die Gefahr hin, dass die Mittel nicht auf die Ziele, sondern die Ziele auf die Mittel ausgerichtet werden.

Der Ruf des neuen Direktors nach «einfachen Leilplanken» und möglichst grosser Handlungsfreiheit im gesetzten Rahmen ist daher verständlich, aber nicht leicht zu erfüllen. Am einfachsten sind die heute geltenden quantitativen Vorgaben zu bestimmen; sie sind jedoch bei näherem Zusehen kontraproduktiv. Sie erwecken nämlich bloss den Anschein, ein Forschungsgleichgewicht zu schaffen.

Qualitativ hingegen schaden sie der Forschung insgesamt und tragen zum Vcrwaltungscharakter des Instituts bei. Beispielsweise haftet der Forderung nach Gleichstellung von nuklearer und nicht-nuklearer Energieforschung am PSI etwas Zufälliges an. Ohne dass geklärt wäre, welcher Teil der durchaus wünschenswerten Förderung der allgemeinen Energieforschung in der Schweiz am PSI angesiedelt werden soll, wird einfach der Mittelrahmen dieses Bereichs vergrössert. Dies bildet weder einen Ansporn zu höherer Qualität, noch begünstigt es den optimalen Miliclcinsatz.

Wie können also politische Vorgaben möglichst sinnvoll gefasst werden? Zur Auswahl stehen aus der Sicht der. Geschäftsprüfungskommission folgende Varianten: a. quantitative Vorgaben nach heutigem Muster (60% Grundlagenforschung - 40% Energieforschung; innerhalb der Energieforschung 50% nuklear und 50% nicht-nuklear), b. Schwerpunktbildung und Zielvorgaben zum Inhalt der Forschung (z. B.

Festkörpcrforschung oder Solarchemie-dabei werden entweder nur Bereiche oder aber auch materielle Forschungsziele angegeben), c. Vorgabe von Konkurrenzkriterien zur Bewertung von Projekten (hier stellt sich das Problem der Vergleichbarkeit nach Qualität, Umsetzungschancen, Zeithorizont usw.), d. Interessenlagc der privaten Wirtschaft (gefördert wird, wofür die Wirtschaft durch entsprechende Beteiligung und finanzielles Engagement den «Tatbeweis» erbringt), Empfehlung 9 Grundlage politischer Vorgaben sollten die Schwerpunktbildung und die Formulierung von Zielvorgaben zum Inhalt der Forschung (Variante b) bilden. In diesem Rahmen ist für ausgewählte Projekte auch ein gewisser Wettbewerb (Variante c) zwischen Forschungsvorhaben anzustreben. Ebenfalls für einen Teil der Projekte ist das Interesse der privaten Wirtschaft (Variante d) zu berücksichtigen.

Insgesamt sollten politische Vorgaben in einen Leistungsauftrag ausmünden, der die inhaltlichen, qualitativen Ziele setzt, aber die Freiheil in der Forschung selbst und im Mitteleinsatz wahrt.

Forschungsinstitute wie das PSI brauchen einerseits einen klaren Auftrag, anderseits aber auch eine gewisse Freiheit und Beweglichkeit im Einsatz der Mittel, damit neue Projekte und unverhoffte Entwicklungen berücksichtigt werden können.

Quantitative Vorgaben wie sie heute bestehen, sind als untauglich abzulehnen.

Die Leistungsaufträge für die einzelnen Forschungsbereiche am PSI sind über eine Prioritätensetzling miteinander zu. verknüpfen.

1481

Widersprüchliche Vorstellungen herrschen im Kreise der befragten Personen in bezug auf das Erfordernis der Forschungsplanung (Kontinuität, Koordination und Vermeidung von Doppelspurigkeiten) einerseits, die Forderung nach Konkurrenz unter den Forscherinnen und Forschern und ihren Projekten als Ansporn zu Qualitätsleistungen anderseits. Unbestritten ist, dass unter den Bundesanstalten und zwischen ihnen und den kantonalen Universitäten ein koordinierender Austausch stattfinden soll. Wieweit Kreativität und Leistungsniveau besser durch Wettbewerb der Projekte oder im wissenschaftlichen Diskurs (z. B. bei der periodischen Rechenschaftsablage vor dem wissenschaftlichen Beirat des Projekts) sichergestellt werden können, bleibt offen. Zu vermeiden sind jedoch auf alle Fälle sichere «Pfründe» gut eingeführter Institutionen, die gleichsam nach Gewohnheitsrecht und vergleichsweise mühelos zu Forschungsgeldern gelangen, während innovative Mitbewerber weniger zum Zuge kommen.

Empfehlung 10 Die forschungsplanung (auf der Ebene des Bundes und seiner Anstalten) und die einzelnen Projektabläufe haben zu gewährleisten, dass rechtzeitig festgestellt werden kann, wo Synergien genutzt oder Doppelspurigkeiten vermieden werden können und wo bewusst ein Forschungswettbewerb ermöglicht werden soll.

322

Das Problem der Dienstleistungsforschung am PSI

In wichtigen Teilbereichen hat das PSI sogenannte Dienstleistungsforschung für die Verwaltung zu betreiben, eine Arbeit, die von verschiedener Seite als zweitrangig angesehen wird und die dem Renommee des Instituts insgesamt nicht besonders förderlich ist. Hauptbeispiel dafür ist die Rolle des PSI als «wissenschaftlicher Begleitapparat» der Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernkraftwerke im Bundesamt für Energiewirtschaft.

Empfehlung 11 Die Geschäftsprüfungskommission anerkennt die Notwendigkeit der Dienstleistungsforschung am PSI. Diese Art von Tätigkeit ist jedoch nicht die eigentliche Aufgabe eines nationalen Forschungsinstituts. Sie darf daher die Handlungsfreiheit des PSI nicht einschränken. Grundsätzlich sind die Vollkosten solcher Aufträge den Auftraggebern zu verrechnen.

Je nach dem Entscheid über die primären Optionen (vgl. Ziff. 42) sind in diesem Rahmen unterschiedliche Lösungen denkbar, um den Bedarf der Hauptabteilung für die Sicherheil der Kernanlagen nach eigenen Labors zu decken.

323

Zum Verhältnis von Grundlagenforschung und angewandter Forschung (vgl. vorne Ziff. 22)

Die Tätigkeit der Forschungsbereiche 1-3 lässt sich summarisch als Grundlagenforschung, jene der Forschungsbereiche 4 und 5 als angewandte Forschung bezeichnen. Die Unterscheidung von Grundlagenforschung und angewandter For1482

schung ist allerdings nicht unbestritten. Sie dient hier zur Charakterisierung der verschiedenen Gebiete innerhalb des PSI nach ihrer schwerpunktmässigcn Ausrichtung. Dabei kommt in allen Bereichen anwendungsorientierte Forschung vor.

Die Unterscheidung ist unter dem Gesichtspunkt der vorliegenden Inspektion in mehrerer Hinsicht bedeutsam: Sie markiert in etwa die Trennlinie zwischen dem früheren SIN und dem EIR; in ihr lebt das alte Zugehörigkeitsbewusstsein der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter weiter. Wie zwischen nuklearer und allgemeiner Encrgicforschung legt auch hier die quantitative Abgrenzung eine «künstliche» Aufteilung der Mittel (60% Grundlagen-40% Energieforschung) fest. Insbesondere die Grundlagenforschung ist von der wissenschaftlichen Entwicklung her einem grundlegenden Wandel unterworfen: sie vor allem ist es, die einer neuen motivierenden Zielsetzung bedarf.

Empfehlung 12 Das Verhältnis von Grundlagenforschung und angewandter Forschung sollte nicht quantitativ festgeschrieben werden.

Die Vorgabe des Bundesamtes für Energiewirtschaft, wonach die Energieforschung am PSI konstant (und damit bei mindestens 40% der Aufwendungen) zu Hallen sei, ist im Rahmen einer neuen Konzeption für die Aufgaben des PSI zu überprüfen.

324

Zum Verhältnis von nuklearer und nicht-nuklearer Energieforschung

Die unterschiedlichen Interessen des EDI und des EVED am PSI haben zur Vorgabe geführt, die beiden Energieberciche quantitativ gleichzustellen. Diese Regel wurde später unter dem Ziel eines «Energiefriedens» in der Schweiz von den beiden zuständigen Departementsvorstehern ausdrücklich bestätigt. Offenbar hat dabei jedoch keine vertiefte inhaltliche Auseinandersetzung über die Vorund Nachteile einer solchen Vorgabe stattgefunden; man hat sich auf eine Zahlenlösung beschränkt, die auf den ersten Blick einleuchten mag.

Doch wird damit nur der Anschein von Gleichbehandlung erweckt. Weder sind die Pcrsonalslcllcn ein taugliches Vergleichskriterium für das Mass der Forschungsanstrcngung (Qualitätsfrage), noch ist das PSI repräsentativ für die Verteilung der öffentlichen Energieforschung in der Schweiz. Schliesslich fehlt der allgemeinen Energieforschung ein Lcistungsauftrag, der jenem entspricht, den die Hauptabteilung für die Sicherheit der Kcrnanlagen aufgrund der PSI-Verordnung für den Forschungsbercich 4 nach ihren Bedürfnissen laufend formulieren kann.

Insgesamt mag die quantitative Gleichstellung der beiden Forschungsbereiche im PSI eine Massnahme darstellen, die ursprünglich «psychologisch» wirksam war. Auf Dauer stellt sie jedoch keinen echten Beitrag zum Energiefrieden in der Schweiz dar und liefert keinen Ansporn zu einer allgemeinen Energieforschung von internationaler Bedeutung.

1483

Empfehlung 13 Die Vorgabe der quantitativen Gleichstellung der Forschungsbereiche 4 und 5 im PSI ist fallen zu lassen. An ihre Stelle haben Zielvorgaben zu treten, a. mit deren Hilfe das Mass des Notwendigen an Inlandforschung im Nuklearbereich bestimmt werden kann und b, die es gestatten, einen nationalen Leistungsauftragfür die allgemeine Energieforschung zu formulieren.

Im einzelnen sind diese Zielvorgaben abhängig von den Entscheidungen über die primären Optionen des PSI (vgl. hinten Ziff. 41 und 42).

Wohlgemerkt: Die entscheidende Förderung der nicht-nuklearen Energieforschung, wie sie mit der Vorgabe, diese auf das Niveau der nuklearen anzuheben, beabsichtigt war, bleibt weiterhin unbestritten und nötig. Nicht die Zielsetzung der heute gültigen Prioritätensetzung kritisiert die Geschäftsprüfungskommission, sondern das gewählte Vorgehen.

Näher abzuklären sind die Gründe für die heutigen Schwierigkeiten der nicht-nuklearen Forschung am PSI, Drittmittel zu beschaffen. Soweit die Gründe in der Auflragsvergebung durch Bundesstellen liegen, sind sie zu beseitigen.

Empfehlung 14 Die Finanzierungslücke, die durch die Auflösung des N E FF entsteht, ist in geeigneter Form zu schliessen, Der Forschungsbereich 5 am PSI macht nicht den dynamischen Eindruck, den eine Forschungsdisziplin im Aufbruch erwecken sollte. Zum Teil mag dies daran liegen, dass der Leiter für seine anspruchsvolle Funktion nur zu 20 Prozent verfügbar ist. Die Qualität der Projekte dieses Bereichs wird zudem von verschiedener Seite und von Fall zu Fall unterschiedlich beurteilt. Ohne dazu Stellung zu nehmen, ist festzuhalten, dass zweifellos hochwertige Projekte vorliegen, aber nicht immer gesichert ist, ob diese wirklich an das PSI gehören und ob sie die Unterstützung der Privatwirtschaft finden. Die nicht-nukleare Forschung des PSI ist offenbar ungenügend bekannt. Das PSI sollte vermehrt Anstrengungen unternehmen, um die Wirtschaft - insbesondere die kleinen und mittleren Unternehmungen - über seine Tätigkeit zu informieren.

Die Geschäftsprüfungskommission anerkennt die Schwierigkeit, im Bereich der erneuerbaren Energien Drittmittel zu beschaffen, weil die meisten Projekte heute noch weit von der Wirtschaftlichkeit entfernt sind. Das entbindet das PSI jedoch nicht von der Aufgabe, anwendungsorientiert zu arbeiten und dafür private Partner zu suchen.

Empfehlung 15 a. Das PSI sollte noch stärker als bisher die Zusammenarbeit mit der Wirtschaft suchen, sie über die Ergebnisse ihrer Forschung informieren und dabei gegenseitige Synergien anstreben. Dabei wird das PS/ allerdings zwischen möglichst vielfältigen Dienstleistungen an die Industrie einerseits, Schwerpunktsetzungen für die eigene Tätigkeit anderseits ein Gleichgewicht suchen

1484

b. Das PSI sollte seine Anstrengungen vermehren, einen Teil seiner altgemeinen Energieforschung unter Beteiligung Privater zu verwirklichen.

4

Grundfragen zur Zukunft des PSI

41

Problemlage

Die Geschäftsprüfungskommission ist im Rahmen ihrer Inspektion auf eine Reihe von Problemen gestossen, die nach Massnahmen rufen. Anregungen und Empfehlungen dazu sind in diesem Bericht dargelegt worden. Der Gesamteindruck der Kommission erschöpft sich jedoch nicht in diesen Einzelproblemen. Vielmehr verknüpfen sich die Einzelfragen zu einem Komplex grundsätzlicher Fragestellungen rund um die Weiterexistenz des PSI.

So ist beispielsweise unsicher, ob die Synergieeffekte bei der heutigen Konzeption des PSI wesentlich verbessert werden können. Struktur und Aufgabenvielfalt des PSI als Gegebenheiten erschweren es überdies, der Gefahr einer Verzettelung durch einen konzentrierten Leistungsauftrag zu begegnen. Die Identitätskrise des PSI ist möglicherweise mehr als nur die Folge der gescheiterten B-Mesonen-Fabrik. Es stellt sich heute die Frage, ob die Fusion grundsätzlich der richtige Weg war, oder ob aus den Tendenzen der gegenwärtigen wissenschaftlichen und technischen Entwicklung nicht allenfalls ganz andere Schlüsse für die Zukunft des Instituts zu ziehen wären. Ausgangspunkt der nachfolgenden Überlegung ist folgendes: Ein nationales Forschungszentrum von der Grosse des PSI braucht eine Rechtfertigung. Diese liegt entweder in einem nationalen Auftrag zur Förderung einer forschungspolitischen Aufgabe von landeswciter Bedeutung, etwa der Förderung einer übergreifenden technologischen Entwicklung, im Betreiben von Grossanlagen oder im Zusammenführen von Forscherinnen und Forschern mit ausserordentlicher Kompetenz. SIN und E1R hatten ursprünglich einen solchen nationalen Auftrag von vorrangiger Bedeutung: das Betreiben einer Beschleuniger-Anlage zur Entwicklung der Teilchenphysik in der Schweiz einerseits, den Aufbau der Schweizerischen Nukleartechnologic anderseits.

Das ehemalige EIR hat seinen ursprünglichen Auftrag mit dem Absterben der privatwirlschaftlichen Nukleartechnologie in der Schweiz und dem Moratorium für Kernkraftwerke weitgehend verloren. Ihm verbleibt überwiegend die DienstIcistungsforschung zugunsten der HSK und der Betreiber der Kernkraftwerke.

Hier stellt sich die Frage, ob die für eine unabhängige Beurteilung der Sicherheitsfragen erforderlichen Kenntnisse in der Schweiz überhaupt noch langfristig aufrecht erhalten werden können. Es ist zu prüfen, ob eine schweizerische Beteiligung an ausländischen Projekten in Ländern, die noch industriell an der Nukleartechnik arbeiten, das Ziel nicht besser verwirklichen würde. Die Auffassung der HSK, der heulige Stand der Kernenergieforschung am PSI sei weiterzuführen, um die Option Kernenergie aufrecht zu erhallen, wird am PSI jedenfalls bestritten. Sinnvoll und wissenschaftlich herausfordernd wäre die Kernenergieforschung allenfalls als Beitrag an ein internationales Projekt, etwa zur Entwicklung eines Kernkraftwerks, das noch eine Stufe sicherer ist als die heutigen. Dies jedoch scheint in der Schweiz aufgrund der gesellschaftlichen und politischen Um-

1485

stände und in Ermangelung einer eigenen industriellen Basis nicht mehr möglich.

Es geht hier also wie in anderen Bereichen schweizerischer Politik um den Ersatz einer schwierig gewordenen Autonomie durch eine fruchtbare Kooperation. Damit verbunden stellt sich auch die Frage, wie notwendig das Postulat der Unabhängigkeit der Schweiz bei der Beurteilung von nuklearen Sichcrheitsfragen in Zukunft überhaupt noch sein wird.

Das ehemalige SIN steht mit seiner Hauptfunktion als Betreiber von Grossanlagen vor einem Investitionsengpass. Die Ablehnung der B-Mesonen-Fabrik hat Irritationen ausgelöst und ein Vakuum hinterlassen; eine neue wissenschaftspolilische Weichenstellung ist jedoch nicht erfolgt. Hier stellt sich nun die Frage, ob sich das Institut in einem «Rückzugsgefecht aus der Teilchenphysik» befindet.

Soll es langfristig weiterbestehen, braucht es eine neue Herausforderung und Hauptaufgabe. Die blosse Fortschreibung des Bisherigen bringt entweder einen starken Qualitätsabfall oder verlangt progressiv steigende Investitionen, die von der Schweiz längerfristig nicht getragen werden können.

Der Verlust dieser während vielen Jahren unbestrittenen, vorrangigen und im eigentlichen Sinne «nationalen» Aufgaben hat zu einer Art «Identitätskrise» im PSI geführt. Es fehlt auch den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern das einigende und motivierende Bewusstsein einer gemeinsamen, nationalen Rolle des Instituts. Das PSI bildet heute ein Konglomerat unterschiedlichster Projekte und Forschungsbereiche, was die wünschbare Identifikation der Forschergemeinschaft mit ihrem Institut erschwert. Nach dem Scheitern der B-Mesonen-Fabrik und dem ungenügenden Anschluss an die Schwerpunktprogramme des Bundes herrscht ein unklares Selbstverständnis.

Offen ist auch, wie viele der zahlreichen Aufgaben des PSI wirklich zwingend einem nationalen Forschungszentrum zugewiesen werden müssen und welche genausogut an Universitäten, ja selbst an innovativen Ingenieurschulen erfüllt werden könnten. Das PSI befindet sich im Umbruch, aber es weiss noch nicht, wohin. Seine Hauptfunktion im SIN-Bereich als Betreiber von Grossanlagen ist mittelfristig nicht gesichert. Grundsätzliche Entscheidungen über das Konzept des PSI und insbesondere über die künftige Gewichtung der verschiedenen Bereiche sind nötig.

Schlicsslich ist auch die
gesellschaftliche Rolle des PSI zunehmend umstritten.

Seine Funktion im Verhältnis von Wissenschaft - Ausbildung - Technik - Industrie - Verwaltung wird von verschiedener Seite unterschiedlich gekennzeichnet, etwa als - Stätte der Grundlagenforschung, ungeachtet ihrer Nutzung durch Industrie und Verwaltung; - Ort der Verknüpfung von Grundlagenforschung und angewandter Forschung (soweit diese nicht von der Industrie selber geleistet werden kann); damit verbunden sind Dienstleistungen an die Bundesverwaltung; - Technologie-Transferzentrum, das seine wissenschaftlichen und technischen Ergebnisse an die interessierten Unternehmungen weiterzugeben versucht; - Ort der Zusammenarbeit einer Bundesanstalt mit den Hochschulen des Bundes und der Kantone und mit der Privatwirtschaft, insbesondere im Rahmen gemischter Projekte von öffentlicher Hand und Privatwirtschaft.

1486

Welche Gewichtung unter diesen möglichen Rollen des PSI vorgenommen werden soll, ist eine Frage, die unter verschiedenen Aspeklen politisch zu beantworten ist.

Die hier aufgezeigten Grundproblerne des PSI sind auch dem neuen Direktor dieses Institutes und dem Schulrat nicht entgangen. Auf beiden Ebenen wird zur Zeit an einer strategischen Neuausrichtung gearbeitet, die im Jahre 1993 vorgelegt werden soll.

Der Direktor hat vor der Sektion dargelegt, wie er gedenkt, die Fusion von SIN und EIR /.um PSI zu vollenden. Er glaubt, dies auch unter den geltenden Rahmenbedingungen verwirklichen zu können, ersucht jedoch um mehr Flexibilität im Personalbereich, Die Geschäftsprüfungskommission unterstützt den grossen Einsatzwillen des neuen Direktors. Dieses ist eine notwendige, wenn auch nicht hinreichende Bedingung für den angekündigten «Aufbruch zu neuen Ufern». Darüber hinaus müssen für das PSI konzeptionelle Grundlagen erarbeitet werden, die auch politisch getragen sind und längerfristig gelten.

Empfehlung 16 Das gesellschaftliche Profil des PS/ bildet eine Vorgabe für die Konzeptarbeiien und mnss auf politischer Entscheidungsstufe bestimmt werden.

Die neue Leitung des PSI sollte in Zusammenarbeit mit dem ETH-Rat und der Gruppe für Wissenschaft und Forschimg klare Vorstellungen über die Zukunft des PSI entwickeln und dabei eine grundsätzliche Gewichtung der verschiedenen Bereiche und der laufenden Projekte vornehmen. Dabei dürfen die bisherigen quantitativen Vorgaben für die interne Mittelzuteilung keine Rolle mehr spielen.

42

Primäre Optionen

Der Hauptcntscheid, der zu treffen ist, betrifft das Schicksal der Fusion von EIR und SIN zum PSI. Zu beurteilen ist die Frage, ob die Zielvorstellungen und die Konzepte, unter denen die Fusion beschlossen worden ist, noch Gültigkeit haben und ob die Leistungsfähigkeit im Rahmen heutiger Ziele durch die Fusion im angestrebten Masse gesteigert werden kann. Die Antwort fällt unterschiedlich aus, je nachdem ob die Aufgaben im Bereiche der Teilchenphysik und der Nukleartechnologie auf Dauer bejaht werden oder nicht, und je nachdem ob grosse Anstalten oder kleinere Institute in den betreffenden Forschungsbereichen für effizienter gehalten werden.

Beim Entscheid über die primären Optionen sind die drei Szenarien zu berücksichtigen, welche die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates in ihrem Bericht vom 2. April 1991 über die Technologiepolitik skizziert und dem Bundesrat zur näheren Prüfung überwiesen hat. Ein erstes Szenario besteht darin, dass der Industriestandort Schweiz auch künftig erhalten bleibt und sich zu einem HighTech-Platz entwickelt. Ein zweites Szenario ist die Tertiarisierung der schweizerischen Wirtschaft und die sich daraus ergebende Ent-Industrialisierung (Nutzung der Vorteile der geoökonomischen, kulturellen und wissenschaftlichen Stellung der Schweiz in Europa). Ein drittes Szenario besteht darin, dass regional sowohl 1487

der Industriestandort Schweiz erhalten und ausgebaut wird, als auch die Tertiarisierung zunimmt.

Für die Zukunft des PSI ergeben sich zwei primäre Optionen und mehrere Untervarianten: 421

Option «Vollendung der Fusion»

Diese Option hält an den bisher vorgegebenen Zielen des PSI fest und geht grundsätzlich davon aus, dass dafür eine grosse nationale Forschungsanstalt notwendig sei. Das erfordert zwingend: a. die vertiefte Integration der früheren Institute zu einer echten Einheit, b. die Bestimmung einer motivierenden Hauptaufgabe in einem zukunftsträchtigen Forschungsgebiet und c. die Schaffung einer forschungsgerechten Organisationsstruktur.

422

Option «Korrektur der Fusion»

Diese Option geht davon aus, dass die Zukunft der Grundlagenforschung am PSI nicht mehr in der Teilchenphysik zu suchen ist. Sodann nimmt sie an, dass sich das Wissen auf dem Gebiete der Kerntechnik in der Schweiz ohne eigene Nuklearindustrie nicht auf Dauer halten lässt. Diese Option erfordert: a. die Neuorientierung des PSI von der Teilchenphysik weg zu neuen Forschungsbereichen und b. die konsequente Zurückstufung der Nuklcartechnologie am PSI (bis auf bescheidene Labors für die laufenden Bedürfnisse der HSK), dafür Intensivierung der wissenschaftlichen Kooperation mit ausländischen Forschungsstatten, insbesondere durch Beteiligung an ihren Projekten.

Die allgemeine oder nicht-nukleare Energieforschung kann unter beiden primären Optionen unterschiedlich behandelt werden (vgl. dazu Ziff. 43).

Empfehlung 17 Alte bisher in diesem Bericht empfohlenen Massnahmen stehen unter dem Vorbehalt eines vordringlichen Grundsatzentscheides über zwei primäre Optionen: zu prüfen ist, ob die Fusion von SIN und EIR zum PSI erfolgreich vollendet werden kann oder ob sie auf der Grundlage einer veränderten Zielsetzung korrigiert werden muss.

43

Varianten für die Ausgestaltung der primären Optionen

431

Generell

Grundsätzlich stellt sich die Frage, ob effiziente forschungsgerechte Strukturen nicht wesentlich mehr Flexibilität benötigen, als sie in einem Grossbetrieb mit tausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern möglich ist. Dem Vorzug der «kritischen Masse» an Forschungskapazität, den grosse Anstalten haben, steht die Schwerfälligkeit des Apparates gegenüber, der Wisscnschaftlerinnen und Wissenschaftler mit Verwaltungsarbeit belastet und die Innovation hemmt.

1488

Empfehlung 18 Es xollle gepriift werden, ob frojekte und Bereiche, dienicht iinlrennbarmii lechnischen Grossanlagen am PSI vei'bimden sind, dnlich tind/oder organixaiorixcli Z unabhangigen fnstititten veraelbstandigi werden kitnnen.

432

Im Bereich nidit-nukleare Energieforschung

Fiir jcdc dcr hciden primaren Optionen bleien sich mchrerc Variantcn fiir die nichl-nuklcarc Energieforschung an.

Diese unterscheiden sich vor allem in der Einschatzung der Frage, ob diese Forschung insgesamt odcr teilweise aus dcm PSI ausgclagcrt wcrdcn solltc. Ohnc die hohe Prioritat, die der allgemeinen Energieforschung zusteht, im geringsten anzuzweifeln, muss die Frage aufgeworfen werden, ob sic ?.u Rccht dem PSI angegliedert worden ist, Zurn Tell wird sie dort al.s Fremdkorper empfunden. Soweit Anlagen des PSI fiir die allgerneine Energieforschung erforderlich sind, konnten sic auch von externen Benutzern in Anspruch genommcn wcrdcn.

Einpfehlung 19 Fiir den Bereich nichl-nuklearer Energieforschung sind folgende Varianten zii priifen: a. Weiierfiihrung am FSI inner neucn, in einem Leisntngsaitfirag praziseformulierien Kahmenbedingiingen (s. dazii Einpfehlung 8).

b. Vergabe geeigneier Projekie an Dritie (z- B- Universitciten, H'I'L).

c. Austageriing des ganzen Bereiclu in eine oder melirere Forschungsstätten etwa nach dem Muster der J-rannhofer-lnstitiite, Nicht mehr zur Diskussion stehl fiir die Geschaflspriifungskomrnission die Fortfuhrung des Ist-Zustandes mil scincn problemalischcn prozcntualcn Limiten, die wcdcr der Icchnisch-wissenschaftlichen Dynamik noch der Qualitatsforderung in dcr Forschung dienlich sind.

Dic GcschHI'tsprulungskommission des Standerates bittet den Bundesrat, zu diescm Bericht und seinen Empfehlungen bis Ende Februar 1993 Stellung xu nehmen.

Die Kommission biuel den Bundesrat ferner. bis Endc J u n i 1994 einen Bericht uber den Stand der Folgen zu crslatten, die den vorstchcndcn Empfchlungcn bis dahin gcgcbcn worden sind.

23. November 1992

Fiir die Fassung der Seklion: Dcr Prasidcnl: Onken Der Sekretar: Mastronardi Fiir die Fassung der Kommission: Der President; Cavadini Jean

5'J32

60 Bundcsbkm 14S.Jahrgang. Dd.l

1489

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

Aufgabe und Struktur des Paul Scherrer Instituts (PSI) Bericht über die Inspektion der Geschäftsprüfungskommission des Ständerates an den Bundesrat vom 23. November 1992

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Foglio federale

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1993

Année Anno Band

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17

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93.005

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04.05.1993

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1463-1489

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10 052 588

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