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Aus den Verhandlungen der schmelz. Bundesversammlung.

(Vom

3. und 4. Dezember 1866.)

Am 3. Dezember 1866 ist die Bundesversammlung zur ersten Session der VlI. Amtsperiode zusammengetreten.

Der ...lltersprästdent des Nationalrathes, Herr Grossrath Hunkeler, aus dem Kanton Luzern, eröffnete die Verhandlungen mit solgender Ansprache : .

,,Meine Herren Kollegen.

,,Jndem ich mich dem Rufe unterziehe, als Alterspräsident die siebente Amtsperiode

des schweizerischen Nationalrathes zu erössnen,

begrüsse ich Sie mit Hochachtung und heisse Sie herzlich willkommen.

,,Wenn ich nun dem Drange nicht zu widerstehen vermag, von diesem Ehrende aus, auf welchen mein Alter mich geführt hat, einige Worte an Sie zu richten , so .nag Jhnen nicht bange werden. Jch werde kurz sein, weil ich überhaupt weder Beruf noch Lust habe, viel Rednerei zu treiben, und weil ich aus Erfahrung weiss, dass Sie ihre Zeit lieber den Geschäften widmen, als lange Reden anhören.

"Alls die schweizerischen Räthe vor drei Jahren neu sich konstituirten, erwartete man noch mit einiger Spannuug den Erfolg, welchen der von dem Kaiser der Franzosen ausgegangene Vorschlag eines Bürstenkougresses zur Regulirung der europäischen Differenzen haben werde.

Bis zu unserer legten Sizung im Heumonat hatte die Lage sich mächtig veräußert. Jn verschiedenen Reichen raste die Kriegsfurie aus schauerliche Weise. Mit Bangigkeit harrten wir am Morgen aus die Berichte, welche der Tag und der Abend, und am Abend aus die Berichte, welche der Morgeu bringen werde. Danken wir der Vorsehung , dass diejenigen unter uns nicht getäuscht wurden , welche der Hoffnung sich hinzugeben den Muth hatten , unser Vaterland werde nicht in den Strudel der kriegerischen Ereignisse verwikelt werden.

,, Seither hat die Wuth des Sturmes sich gelegt. Aber wenn wir die Felder und Reiche überbliken , durch welche er gezogen , und uns nicht täuschen lassen durch schwunghaste Siegel und Triumphberichte, was finden wir? Antwort: nichts Anderes als unendlich harte und unzählbare Wunden aus allen Seiten , umgestürzte Throne und Völker, die, ohne dass man nach ihrem Willen fragte, ihre Herrscher wechselten.

296 ^Fragen wir uns dann: Welches ist der Ersaz für alle diese Anstrengungen und ungeheuren Opser^ Jst ein grosse.: Erfolg für die soziale Entwiklung der Menschheit errungen worden.^ Jst das Gluk der Volker in den betroffenen Ländern gefordert und für die Zukunft gesicherte^ Meine Herren. Erlassen Sie mir, meine individuelle Meinung auszuspreehen. Die Beschichte wird einst uusern Rachkommen ein Bild der Thatsachen darlegen und deren Folgen konftatiren.

"Fragen wir ferner: Auf wie lange ist der Sturm gebannt Jst durch die ungeheuren Kämpfe ein Zustand in den europäischen Staatenverhältnissen geschaffen worden, der als Absehluss einer Beriode betrachtet werden dars, so dass die Volker mit Beruhigung ihre geistigen und materiellen Kräfte den fruchtbringenden Arbeiten des Friedens wieder widmen dürfen ^ ^,Die öffentliche Meinung in alleu Zaudern, in welchen eine solche sieh aussprechen darf, gibt uns darüber eine ausserordentlieh wenig bexuhigeude Antwort.

,,Jn verschiedenen Ländern Beigen sich brennende Fragen, die leicht die Volker abermal unter die Waffen rusen Tonnen, und zwischen allen Staaten herrscht ein gewisses Misstraueu , vielfach eine gereizte Stimmung. Daneben die Energie , die allüberall entwikelt wird , und die kolossalen Opfer , die gebracht werden , um die Armeen zu reorganistren , resp. zu vermehren , sie auf das beste auszubilden und mit den vortrefflichsten Waffen auszurüsten. Das Alles sind nicht die Anzeichen eines dauernden ^riedenszustandes , troz des alten Sprichwortes : .^i vi.... p.^cem p.^ra bcllum , wenn du den frieden erhalten willst, so rüste dich zum Kriege.

,,Wir Schweizer speziell haben zwar von Ballen Mächten sormliche und seierliehe Znsicherungen unserer Neutralität, und mit allen Volkern suchen und unterhalten wir freundschaftliche Beziehungen. Wir verlangen von keinem Volke , vou keinem Staate etwas anderes , als dass unsere Ehre , unsere Freiheit und unser Gebiet unangetastet bleibe . dagegen bieten und gewähren wir gerne Jedem, der in die Lage kommen kann, es zu wünschen , nicht nur den territorialen Sehuz , sondern auch den Mitgenuss au unsern freien Jnstitntionen. Man sollte demnach glauben, es liege dermalen in den allgemeinen Jnteressen von Europa , unsere Neutralität ausrecht zu erhalten , dass wir sorglos und mit aller Bexuhigung der Zukunft entgegensehen dürfen. Allein. ist einmal das Wort K r i e g ausgesprochen, so regiert die Gewalt, sie kennt keinen Anspruch ans Recht und Gerechtigkeit. sie kennt keine Grenzen und keine Rükstcht. Das war in frühern Zeiten so , und ist leider heutzutage noch so. Darum , meine Herren Kollegen , ist die Behandlung der Vorschläge des Bundesrathes über Vermehrung, Bildung und Ansrüstung unserer Wehrkraft eines unserer wichtigsten Traktanden.

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,,Ailerdi..gs ist die Betrachtung sehr bemühend, selbst sehr beschämend, dass die .Kultur unseres Zeitalters darin gipfeln zu wollen scheint , nnübertresfliche Maschinen zu erfinden , wie die Menschen einander auf das Leichteste und Schnellste zernichten können ; und dennoch, wir können uns dagegen nicht verschliessen , der ist entschuldbar, der zu diesen Mitteln^ nur greift, um seine Existenz, ^ seine Ehre und seine Freiheit zu schüfen, aber wer für andere ^weke dazu greift, maggie schwere Verantwortlichkeit dasür tragen.

,,Meine Herren Kollegen. Jn den nächsten Tagen schon werden die vereinigten schweizerischen Räthe zu einer Erneuerung des Bundesrathes schreiten , ein .^lkt von der allergewichtigsten Bedeutung.

Mit der wärmsten Theilnahme wird er von unsern Mitbürgern erwartet.

Wohl bei keinem .Geschäfte wäre aber der Versuch einer Jnfluenzirung von dem Stuhle des Präsidenten ^aus weniger am Plaze , als bei diesem Wahlgeschäfte. Jch hielte sie auch sonst sür ganz zweklos , weil ich die Ueberzeugu..g habe , die Repräsentanten des schweizerischen Volkes und der Kantone werden wissen , bewährte Kräfte zu Ehren zu ziehen, uud wo sich eine Luke ergeben sollte , sie durch ebenbürtige frische zu ersezen.

,,.^lm Schlösse noch wenige ^ Worte über einen Gegenstand , der uns in der abgeflossenen ...lmtsperiode vielsaeh beschäftigt hat und uns vielleicht , oder selbst wahrscheinlich auch in der gegenwärtigen beschäftigen wird : ich meine die Revision unserer Versassung. Es .nag solche gel.en , die schon gegen den Gedanken daran einen Widerwillen hegen und b..i der mindesten Veränderung den Einsturz des Gebäudes befürchten. ändere mögen vielleicht eine vielseitige Umge-

staltung als unerläßliches Bedürfnis sür das Glük und die Wohl-

fahrt des ....^chweizervolkes betrachten. Rnn scheint es mir, dass auch hierin , wie in allen menschlichen Verhältnissen , der besonnene ^ortschritt die meiste Gewähr sür eine gesunde , naturgemäße und nachhaltige Fvrtentwiklung des Bnndesrechtes und der Versassung darbiete.

Die altern Mitglieder des Rathes dürfen wohlgemnth dabei mitwirken,

in der Eriu^rnug , dass auch sie in ihrer Jugend manche Veränderung angestrebt und wirkliche Verbesserungen erzielt haben.

Die jüngern Mitglieder mochte ich bitten , zu bedenken , dass manches Jdeal , geistig ausgesasst und au.h in Schrist oder Wort dargestellt , vortrefflich sein mag , aber bei dem Versuche seiner Verwirklichung vielsach eine andere Gestalt annimmt. Warum ^ eben weil das . gewöhnliche .Leben der Menschen ^...nig^r ideal als praktisch sieh macht. Jch halte es daher nicht für rathsam, ein Gebäude, in welchem das Schweizervolk seit 18 Jahren gluklieh, mit Ehren uud vielfach beneidet gewohnt hat, den ^lammen zu übergeben und über seiner Asche einen neuen Bau zu unternehmen. Es ist gan.^ gewiss um so weniger rathsam , wenn bei dem nenen Bau, wie es ..nch sehon geschah, Baumeister und Bauleute zu-

298 sammen wirken sollen, welche ganz verschiedene Blane haben, und Zweke verfolgen, die einander ganz entgegengesezt sind.

,,Run, meine Herren Kollegen, hat das Alter steh seinen Tribut

selbst gezahlt ; es hat zu Jhnen gesprochen. Jck bitte Sie, mieh wohlwollend ^u beurtheilen, und gehe zur Behandlung der .Geschäfte über.^

Der Nationalrath bestellte am 4. Dezember sein Büreau wie fofgt : Präsident: Herr Jules Bhilippin, eidg. Oberst, von und in Reuenburg .

Vizepräsident : ,, J. J. Stehlin, e.dg. Oberst, von und in

Basel.

Stimmenzähler :

,,

Jakob A d a m , eidg. Oberstlieutenant , von

Allsehwyl, in Liestal ;

., ^ Dr. Heinrich H o n e g g e r , Staatsauwalt , von Hinweil, in Zollikon bei Zürich , ,, Karl St^ger, Regierungsrath , von und in Schw...^..

,,

Abraham Daniel Me^stre , Grossrath , von Thierrens , in Baderne.

Das Bureau des Ständeraths wurde am 3. Dezember in nachstehender Weise bestellt: .Präsident: Herr Ehr.stian Sah li, .^ürspreeher, von Wohlen, in Bern , Vizeprästdent : ,. Dr. J. J. plumer, Bundesriehter , von und in Glarus.

Stimmenzähler: ^, Eugène B o r e l, Staatsrath , ^on und in ^ .

Reuenburg , ,, Jo^t W e b e r , Buudesrichter , von Hohenrain, in Luzern.

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