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Bericht des

Schweiz. Generalkonsuls in Livorno (Hrn. Fehr-Schmöle - von St. Gallen) über das Jahr 1872.

(Vorn 30. April 1873.)

An den hohen Schweiz. Bundesrath.

E r s t e r T h ei l .

  1. Lage im Allgemeinen nnd Handelsgesetzgebung.

Ohne Stoff zu dem gegenwärtigen Bericht, der für die Schweiz von irgend einem Interesse sein könnte, und wie bisher ohne statistische Daten, mußte ich denselben verspäten, was zu entschuldigen bitte. Als Mitglied der hiesigen Handelskammer trachtete ich zwar im verwichenen Jahr, die Aufmerksamkeit derselben auf letzteres Fach zu leiten, und wurden ziemlich gute Vorarbeiten gemacht; aber jeder Anfang ist schwer und zeitraubend. Umsonst wartete ich auf die Vollendung und den Druck des Berichtes, der vor Ablauf eines Monats kaum fertig sein dürfte, und mußte ich mich nun mit Aufnahme der nachfolgenden wenigen Daten aus den noch etwas verworrenen Konzepten begnügen.

Florenz blieb, auch ohne Hauptstadt zu sein, auf seiner Höhe und mit Livorno in ziemlichem Handelsverkehr, während Livorno selbst sich noch nicht von dem harten Verlust des ' Freihafens erholen und aus seiner bisherigen Apathie herausarbeiten konnte, ja

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selbst die durch die Regierung prinzipiell schon längst beschlossene Erstellung eines Docks zur Mauthniederlage und von Petroleumlagern außerhalb der Stadt, wurde nur fortwährend besprochen, jedoch ohne wirklich Hand an das Werk zu legen, was wohl im Jahre 1873 endlich der Fall sein dürfte. Dem Mangel an ersterem wurde abgeholfen mittelst Verlängerung der ausnahmsweisen Bewilligung der Entrepots fictifs (Magazzini fiduciari benannt), während die gefährliche Nachbarschaft der Petroleumlager noch in den Kellern und den Packhäusern der Stadt blieb.

In einem, und zwar nicht in dem wünschbarsten Fache ist in Livorno, wie auf manch anderem Platze, eine wesentliche Vermehrung bemerkbar, nämlich in jenem der Fonds und des Bankverkehrs, der seit der am 19, Februar 1872 erfolgten Eröffnung der stark besuchten Handelsbörse sehr bedeutend zugenommen hat. In diesem Fache blieb Livorno einer der ersten Plätze Italiens.

Der Waarenverkehr hat zwar auch wieder zugenommen, aber nicht so stark, ' wie in anderen italienischen Seehäfen, und lange nicht so sehr, als es die jetzt geschmälerten Verdienste und die Vermehrungo und enorme Vertheuerung aller Lebensbedürfnisse er.

fordern würde.

Laut der Aufnahme der Handelskammer aus den Mauthregistern betrug im Jahre 1872 auf dem See- und Landwege die Einfuhr L. 96,896,120 eine Vermehrung aufweisend gegen 1871 von L. 16,614,265 und ,, 1870 ,, ., 25,392,276 und die Ausfuhr .

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. ,, 62,379,458 mit, einer Verminderung gegen 1871 von L. 15,690,478 und einer Vermehrung gegen 1870 von L. 1,347,259 wobei zu bemerken, daß der Werth der verschiedenen Artikel nach den officiellen Preisangaben der Mauth berechnet wurde, welche durchschnittlich bedeutend unter dem wirklichen Werthe stehen.

Unter den Einfuhren aus der Schweiz finde ich nachstehende, die ich jedoch viel zu nieder gehalten und durchaus nicht normgebend glaube, was dadurch erklärlich ist, daß die Mauth sich um den Ursprung der gleich taxirten Waaren aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich sehr wenig bekümmert, während die Empfänger bei mehreren Artikeln, wie Sammet, Seidenwaaren etc. unsere Fabrikate als französische zu verkaufen trachten ; auch dürften dia Bundesblatt. Jahrg. XXV. Bd. IT.

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Reisenden in Uhren und Bijouteriewaaren dieselben gleich auf dem ersten italienischen Platze verzollen, nämlich: Baumwollengewebe .

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. Kilo 34,485 Flachsr und Hanfgewebe .

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,, 1,680 Wollengewebe im Werthe von . L.

623 Gallons und Band .

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. Kilo 1,565 Mercerie .

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,, 621 Uhren .

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. Stücke 7,614 Goldarbeiten im Werthe von . L. 4,775 Die Zahl der eingelaufenen Schiffe belief sich in den Jahren : 1872 auf 6.048, Tonnengehalt 1,018,069, Bemannung 79,150, 1871 ,, 5Ì6S9, 986,987, ,, 75,101, 1870 v 5,634, ,, 942,129, ,, 74,963, 1869 ,, 5,930, ,, 917,000, ,, 76,953, mithin auch 'eine ziemliche Vermehrung aufweisend, und werden die Segler immermehr durch die Dampfschiffe verdrängt, worunter viele sehr große den hiesigen Hafen regelmäßig anlaufen.

Im Fache der Handelsgesetzgebuug erfolgte gar nichts Neues; die projektirten Aenderungen liegen noch in Arbeit.

2. Erzeugnisse der Landwirthschaft, der Bergwerke und der Industrie.

Toscanas Weizenernte, durch die Witterung benachtheiligt, war eher klein, jener von 1871 etwas nachstehend, und Preise blieben das ganze Jahr hindurch ziemlich hoch, ja von September bis Dezember steigend, besonders für den weichen Weizen zur Brodbäckerei auf L. 30 a 39 per Kil. 100 und für den weniger seltenen harten für Pasten und Zwieback auf L. 29 a 38.

Maïs war in der ersten Hälfte des Jahres wegen der Kargheit der 1871er Ernte selten und wurde bis L. 28 per Kil. 100 bezahlt; der gute Ernteausfall ermäßigte den Preis auf L. 17 a 18, der aber bald wieder auf L. 22 stieg.

Der Vorrath in fremden Weizen Ende des Jahres war in Livorno ganz ungewöhnlich klein, bloß circa 100,000 Hectoliter betragend, und das Geschäft zur Ein- und Ausfuhr das ganze Jahr ziemlich belebt.

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Von Bohnen und anderen Hülsenfrüchten wurde ziemlich viel geerntet, ja selbst etwas ausgeführt.

Toscanas Seidenernte war reich in Bezug auf Quantität sowohl als Qualität und die gute Waare aus gelben Cocons, 9 a 11 und 10 a 12, galt circa L. 100 per Kil. 1. Es blieb jedoch sehr Vieles unverkauft, und im November-Dezember neigten sich Preise zum Sinken, weil die schwächeren Eigner selbst mit Facilitäten zu verkaufen wünschten. Demungeachtet kam es nur im April 1873 zu größeren Abschlüssen und nun, wo die neuerdings eingetretene schlechte Witterung Besorgnisse für die nächste Ernte erregte, zogen sich die Verkäufer zurück und sind Preise wieder steigend. Von fremder Seide hatte man nur unbedeutende Zufuhren.

Von Olivenöl (hauptsächlich superfeinem zum Speisen, nur wenig zum Brennen und für Fabriken) erwartete man nach dem kleinen Ertrage von 1871/1872 eine sehr starke Ernte und die Olivenwälder standen prachtvoll.

Leider fingen jedoch schon Mitte September heftige Regengüsse an, welche die bedeutenden Ueberschwemmungen des October veranlaßten,i und mit heftigen O O Südwinden abwechselnd, mehrere Monate anhielten. Die Oliven wurden durch letztere zu frühe, unreif und massenhaft von den Bäumen abgeschlagen, die Witterung erlaubte deren schleunige Einsammlung und Pressung nicht, selbst die Bäume litten durch die Feuchtigkeit und die Gutsbesizer sahen ihrs schönen Hoffnungen vereitelt; sie bekamen kaum die Hälfte der erwarteten vollen Ernte und theilweise noch von weniger guter Qualität.

Auch die Weinernte war sehr klein, scheint selbst dieses Jahr nicht viel zu versprechen.

Nur die Viehzucht lieferte ganz brillante Resultate, bei bedeutender Ausfuhr von Hornvieh und Schweinen, besonders nach Frankreich, zu immer steigenden sehr hohen Preisen.

Mehrseitig wurde der Wunsch geäußert, die Regierung möchte die Ausfuhr durch einen höheren Zoll erschweren, weil man besorgte, die Abnahme der Viehzucht werde den Ackerbau beeinträchtigen, auch abgesehen von der für die Mittelklassen schon sehr lästigen Höhe der Fleischpreise, aber das Ministerium ließ sich nicht darauf ein.

Für die Gutsbesitzer war das 1872er Jahr im Ganzen genommen ziemlich schlecht.

Die Borsäureerzeugung spielte die bisherige sehr brillante Rolle, und auch von Marmor wurde wieder etwas mehr exportirt, obwohl die Sendungen nach Frankreich die frühere Höhe bis jetzt nicht

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wieder erreichten. Von den verschiedenen Bergwerken sind nur O einige ein bischen besser gegangen. Von schönem Eisenerz deiElba wurden verschiedene Posten mit bedeutender Preiserhöhung für Frankreich und England genommen; aber zu dem mehrmals besprochenen Verkauf oder Verpachtung der Gruben, nebst den Hochöfen in Follonica, hat sich der Finanzminister Sella bis jetzt noch nicht entschlossen.

Masson's Eisen- und Walzwerke in Colle bei Siena (durch Livorneser gegründet) lieferte letztes Jahr sehr schöne Resultate und ist eben im Begriff, die Gebäulichkeiten und Arbeiten .zu verdoppeln, indem es zu dem bisherigen Actienkapital von L. 600,000 weitere L. 600,000 gegen mehrjährige Schuldscheine aufnahm.

Die Schmelzöfen Perseveranza in Piombino für Stahl nach Bessmer's System und gehärtetem Eisen zu Kriegsprojektilen, Schiffspanzern etc. gingen an eine Actiengesellschaft mit l 1/2 Millionen Lire über,7 welche unter der LeitungO des früheren Eigners, Herrn O v Bozza, dieser wichtigen Industrie mehr Ausdehnung geben soll.

Orl ando's Schiffswerfte in Livorno, mit großem Dry dock zur Erstellung und Reparirung von eisernen und hölzernen Schiffen jeder Größe,7 erfreute sich einer regelmäßigen Arbeit.

O O Die mit starkem Kapital in Livorno gegründete Actiengesellschaft behufs Erzeugung von Soda, Chlorkalk etc. in Grosseto aus dem Meerwasser, scheint auf wichtige bis jetzt noch nicht überwundene Schwierigkeiten gestoßen zu sein.

Der mit bedeutenden deutschen Kapitalien erfolgte Ankauf großer Ländereien in der Val di Chiana bei Arezzo, zur Erzeugung von Runkelrübenzucker, scheint gute Resultate zu versprechen. Bis jetzt konnten aber nur Proben des Fabrikates zu Markts gebracht werden.

Die früher für Livorno so sehr bedeutende Korallenfabrikation wurde durch die Seltenheit und ganz ungewöhnlich hohen Preise des Rohstoffes auf sehr wenig reduzirt, ungeachtet der anhaltenden guten Frage für alle europäischen Plätze und Russisch Asien. OstIndien, bisher der stärkste Abnehmer für die geringeren Sorten, blieb bei den höheren Preisen freilich beinahe ganz zurück.

Immer mehr dehnen sich dagegen die inländischen Wollfabrikanten, und besonders die Baumwollenweber mit Färberei und Druckerei aus, den fremden Fabrikanten stets schwerere, ja oft unüberschwingliche Konkurrenz machend, obwohl sie sich seit dem im August 1872 erfolgten Sturze der großen Spinnerei des Herrn G. G. Egg in Neapel nicht mehr so billiges neapolitanisches Garn verschaffen konnten, wie früher. ·

309 Auch die durch den Krieg veranlaßte Fabrikation von feinen Männcrhüten und manch anderem Pariser Artikel muß nun wieder mit der französischen Konkurrenz kämpfen, fährt aber, durch den hohen Stand des Geldagios begünstigt, fort zu arbeiten.

3., 4. u. 5. Ein- und Ausfuhr im Allgemeinen und betreffs der Schweiz.

Wie sub Nr. l angeführt, mit der weiteren Bemerkung, daß die Darnpfschifffahrt stets zunimmt und immer neue Linien, nun auch nach Nord- und Süd-Amerika, errichtet wurden.

In unseren Schweizer-Manufakturwaaren war leider eher eine Abnahme des Verschleißes bemerkbar, wenn schon die angeführten Zahlen aus den Registern der Mauth, wie schon gesagt, durchaus nicht als normgebend zu betrachten sind. Der Geschäftsgang war jedoch regelmäßig und gut, hauptsächlich, weil Toscanas Märkte nicht überführt wurden, wie es früher manchmal geschah.

Die gefärbten mehrfarbigen baumwollenen Artikel, croisirte und glatte Schirmstoffe, Religieuses, Mouchoirs, Madras und weiße Mouchoirs genossen eines leichten regelmäßigen Absatzes, während jener der Sarsinets und Futterzeuge, sowie der Drills zu Männerkleidern, wegen der inländischen Konkurrenz abgenommen hat.

Die St. Galler und Appenzeller Fabrikate, nämlich Mousselines, glatte und brodirte Jaconais, damascirte und gestickte Vorhänge nebst mehreren Damenartikeln genossen eines regelmäßigen, wenn auch nicht sehr bedeutenden Verschleißes.

Unsere Seidensammte, sowohl ganz Seide als gemischt, scheinen wieder etwas mehr durch die französischen verdrängt zu werden, sowie Seidenstoffe für Damen in den feinen schweren Sorten. Von leichteren nebst Futterzeugen lieferte Zürich ziemlich viel, und waren die Basler Bänder von Baumwolle und Seide in allen, besonders aber in den feinen Sorten, sehr beliebt. Seidene Schirmstoffe blieben auch beliebt ungeachtet des stockenden Vorraths der Fabriken vom Mailändischen und Piémont etc., die sich aber in Bezug auf Qualität nicht bewährten.

In den Schweizer Elastiques für Schuhe und Halbstiefel, die man allen anderen, auch den einheimischen vorzieht, scheint der Verschleiß zugenommen zu haben.

Unsere Uhren und Goldarbeiten fanden an dem allzusehr vertheuernden Steigen des Goldagios und der Wechselcourse ein starkes Hinderniß, letztere dann auch noch in der zunehmenden inländischen Fabrikation.

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8. Eisenbahnen und Yerkehrswege.

Dieses interessante Kapitel bietet leider wenig Erfreuliches zu berichten, denn, obwohl die Einnahmen beinahe · aller italienischen Bahnen starke 10 °/o mehr als im Jahre 1871 betrugen, so wurde 1872 in meinem Bezirke nur eine ganz kleine neue Strecke zwischen Monte Amiata und Grosseto dem Betriebe übergeben.

Jene von Spezia nach Sestri di Levante dürfte kaum dieses Jahr fertig werden. Zur Vollendung der Hauptader von der französischen Grenze über Genua, Spezia, Pisa, Livorno nach Rom, und an der letztes Jahr angeführten direkten Verbindungsbahn von Pisa nach Colle, Salvetti, Rom, wird stark gearbeitet. Da diese, wie schon bemerkt, Livorno umgehen und von der Hauptlinie herausschneiden würde, hat der hiesige Gemeinderath nebst der Handelskammer die Studien einer anderen noch kürzeren Linie von Viareggio längs dem Meere nach Livorno, Cecina (auf der Linie nach Rom) unter Umgehung Pisas beendigen lassen, und ist mit Auftreibung der Mittel zur Ausführung derselben beschäftigt, was schwer sein wird.

Toscanas Hauptlinien, sowie alle Zugänge nach Rom, gehören der Gesellschaft der römischen Bahnen mit dem Hauptsitz in Florenz, welche sich, ungeachtet der mehrmaligen Unterstützung der Regierung, noch nicht aus den finanziellen Bedrängnissen herausarbeiten konnte, so daß der Betrieb sehr mangelhaft ist und die durch die Regengüsse des October verursachte Unterbrechung der Linie Livorno-Civitavecchia-Rom bis heute noch nicht vollkommen wieder hergestellt wurde. Die Passagiere müssen für eine kleine O O Strecke die gewöhnlichen Wagen benutzen, während die Waaren auf dem viel weiteren Weg über Florenz-Arezzo versandt werden. -- Unter Androhung der Fallimentserklärung fand sich der MinisterPräsident veranlaßt, Vorschläge zum Rückkaufe zu machen; die Actionäre beauftragten eine spezielle Commission mit den Unterhandlungen und Berichterstattung, und der Rückkauf wird wahrscheinlich zu Stande kommen. Ob die Regierung den Betrieb selbst zu übernehmen oder den Wiederverkauf beabsichtige, ist noch unbekannt.

9. u. 10. Banken, Zins- und Discontofnss.

Die hier am 1. Juni 1871 eröffnete Filiale der italienischen Nationalbank dehnte ihre Wirksamkeit fortwährend aus. Bekanntlich wurden deren Actien am 13. April "1872 von 80,000 %uf

311 100,000 gebracht und am 15. November 1872 verdoppelt, stets mit Prelation zu Gunsten der früheren Actionäre, so daß gegenwärtigO 200,000 Actien ausgegeben sind im Nominalwerthe von D O L. 1000, mithin 200 Millionen Lire, auf denen jedoch bis Ende Dezember nur L. 600 per Actie einbezahlt worden sind, also 120 Millionen.

Ungeachtet die Dividende für 1872 blos L. 133 betrug, stand der Preis der Actien von L. 1000 immer sehr hoch, nämlich vom Januar bis Juli zwischen L. 3800 und 4000, vom Anfang October bis zur Verdoppelung der Actienzahl von L. 4300 bis 4600 und von da bis Ende Dezember zwischen L. 2650 bis 2880. Bei dem allgemeinen Sinken der Wertpapiere stehen sie heute (30. April) auf blos L. 2420.

Die toscanische Nationalbank mit 30,000 Actien im Nominalwerthe von 30 Millionen Lire, wovon blos 21 Millionen einbezahlt sind, und die nun den Ex-Finanzminister Cambray Digrry zum General-Director erwählte, gab 1872 L. 77 Dividende. Deren Actien von L. 1000 standen ebenfalls hoch, nämlich im Januar 1872 auf circa L. 1800, vom März bis September circa L. 1700, dann bis Mitte November auf L. 2060 steigend, Ende Dezember auf L. 1810 und heute (30. April) auf L. 1715.

Die Banca del Popolo setzt ihre kleinen Operationen fort, die jedoch kaum bemerkenswert!!, gleich jenen der Banca Agricola Nazionale, die im Februar eine Filiale hier eröffnete. Mit der Errichtung einer neuen Credit-Anstalt unter dem Titel ,,Banca die Livorno8 ist man eben beschäftigt, da der Platz bis jetzt nur zwei bedeutendere Geld-Institute besaß, Genua dagegen viel mehr.

Der Disconto war bei den beiden ersten Banken für Wechsel das ganze Jahr 5 °/o und gegen Depositen vom Januar bis Juli 5l/î °/,,, vom August bis Dezember 5 °/o, bei Privaten stets circa */2 °/o billiger- und das Geld immer häufig, mit Ausnahme der Monate Dezember 1872 und Januar 1873, wo die Krisis von Genua auch auf hier etwas einwirkte.

Das Goldagio schwankte vom Januar bis August zwischen 7 und 8 °/o, im September zwischen 9 und 10 °/o, vom October bis 'Dezember nach und nach auf 12 °/o steigend und steht heute (30. April) auf 17l/s °/o. Kleinsilber war selten über '/* °/° weniger werth.

Sehr störend und drückend war für den Handel, ja für die ganze Bevölkerung, das abermalige anhaltende Steigen des Goldagios und der Wechselkurse auf das Ausland wegen der daraus

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Ziemlich allgemein glaubt man, daß die Ursachen nicht ausschließlich in der vermehrten Banknoten-Circulation zu suchen seien, welche wenigstens Seitens der italienischen Nationalbank nicht übertrieben ist, wenn nur die vielen anderen Banken, besonders die ganz und gar nicht dazu ermächtigten, besser regulirt und im Zaurae gehalten werden, wie es der Minister Sella eben beabsichtigt.

Ein die Börsen und die fremden Course beherrschender Hauptgrund lago in der Betheiligung Italiens an der Ogroßen französischen O O O Anleihe, welche nicht gleich einbezahlt, sondern in Erwartung des Steigens des Goldagios in Frankreich größtentheils mittelst stets erneuerten Wechseloperationen gedeckt wurde, wozu noch das Uebel kam, daß die Franzosen die italienischen Werthpapiere, von denen sie gar viele besaßen, massenhaft nach Italian zurücksandten, wobei es sich um sehr starke Summen handelte. -- Italiens Reichthum hat unbezweifelt bedeutend zugenommen, aber in der eigenen Bankwährung (weshalb das Geld im Lande auch fast immer häufig war) nicht in Guthaben, auf das Ausland.

Nächst diesem lag wohl der wichtigere, wirklich richtige Grund darin, daß der Betrag der Einfuhren jenen der Ausfuhren wegen der mittelmäßigen 1872er Ernte überstieg. Massen von Getreide und manch' Anderes mußte mit Gold, oder dem stets mangelnden fremden Papier bezahlt werden, während bedeutende Quantitäten Fabriköl in Unter- und Seide in Ober-Italien noch unverkauft bleiben sollen.

Es ist noch zu früh, um über die Ernte von 1873 ein gründliches Urtheil zu fällen, jedoch sind die Aussichten im Allgemeinen nicht sehr günstig.

11. Versicherungen.

In Livorno selbst wurden noch keine neuen Gesellschaften zu diesem Zwecke gegründet, wogegen immer neue Agenturen van ausländischen eröffnet werden. Von den schweizerischen sind vertreten : der schweizer Lloyd von Winterthur, Baloise von Basel, · Neuchateloise von Neuchatel, die Schweiz von Zürich, wogegen die Helvetia von St. Gallen ihre hiesigen Geschäfte der Italia von Genua übertrug.

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12.

Schweizergesellschaften.

Die Schweizer Wohlthätigkeits-Gesellschaft unterstützte im Jahre 1872 65 Landsleute mit Fr. 988. .40, wie aus dem an das hohe politische Departement der Schweiz eingesandten gedruckten Jahresbericht erhellt.

In Florenz sorgt das Konsistorium der evangelischen Kirche für die Unterstützung der Armen.

Der Schweizerverein in Livorno zur Förderung des geselligen Zusammenhaltens zählt 71 Mitglieder, wovon 30 der Schweiz, 29 Deutschland, 3 Italien, 2 Holland, l Dänemark, 5 Oesterreich und l England angehören. Die ähnliche Gesellschaft in Florenz blieb noch viel einfacher und beschränkter.

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Aus den Verhandlungen der schweizerischen Bundesversammlung.

Am 14. November 1873 hat der Nationalrath zwei im Kanton Tessin am 2. dieses Monats erfolgte Wahlen von Nationalräthen validirt, nemlich: 1) die Wahl des Herrn Emilio C en s i, Advokat, von Lamone, in Breganzona, gewählt im 39. eidg. Wahlkreise; 2) die Wahl des Herrn Agostino Gatti, Gutsbesizer, von und in Dongio, gewählt im 40. eidg. Wahlkreise.

Am 15. November hat der Ständerath seine Sizungen bis zum 4. Dezember ausgesezt. .

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Bericht des schweiz. Generalkonsuls in Livorno (Hrn. Fehr-Schmöle von St. Gallen) über das Jahr 1872. (Vom 30. April 1873.)

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15.11.1873

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