598

# S T #

Bericht des

Schweiz. Generalkonsuls in Madrid (Hrn. Paul Chapuy von Genf) über das Jahr 1872.

(Vom 25. März 187 '.)

An den hohen Schweiz. Bundesrath.

Einleitung.

Die Lage Spaniens im Allgemeinen.

Man kann das Jahr 1872 als eines der unproduktivsten und unglücklichsten, welche Spanien seit 1868 durchgemacht hat, ansehen.

Um sich daher einen richtigen Begriff von der Abnahme des Nationalreichthums während jenes Jahres 1872 zu machen, genügt es, den Stand der Reute Ende Dezember 1871 mit jenem zur entsprechenden Zeit 1872 zu vergleichen.

1871 3prozentige innere Schuld 30,25, äußere 34,65 1872 ,, ,, ,, 25,95, ,, 30,20 heute am 24. März ,, ,, 18,25.

Dieselben Ergebnisse sind auch im Einfuhr- und im Ausfuhrhandel bemerklich, doch sind diese Ergebnisse nur annähernd zu

699 bestimmen, du clic Handolsstatistik über die, zwei lezten Jahre noch nicht amtlich erschienen ist.

Einfuhr.

1871 1872

320,629,850 280,794.917

Ausfuhr.

312,728,600 265,4^,710

Gesetzgebung über Handel und Zoll*.

Obgleich die- bereits zwischen der Schweig und Spanien bestehenden Handelsbeziehungen thatsächlich umfangreich sind, so ist dojh sicher, daß diese Beziehungen umfangreicher und nutzbringender für beide Länder sich gestalten könnten, doch müssen, um dieses zu erreichen, mancherlei Hindernisse weajiïoraumt werden. Diese Hindernisse sind rein künstlicher Natur, da sie auf Schwierigkeiten Seitens der Zoll-, Fiskal- und Postverwalhuig beruhen. Ton diesen Hindernissen ist zweifelsohne das grüßte sicherlich die. Zollgesetzgebung dieses Landes, welche, trot/, mehrerer höchst wichtiger Reformen, heute noch die umständlichste in Europa ist. In der Thal fehlt ihr nichts, was den Scbutzzollapparat charakterisirt : Sehr hohe, fast prohibitive Zölle auf eine große Anzahl verarbeiteter Artikel, sowie auf viele Rohprodukte. -- Differenzialtaxeri -· Verbot der Küstenschifffahrt durch Ausländer -- Compulsation der Tarife für Artikel, welche in höchst arbiträrer Weise klassifizirt sind - verworrene Verordnungen -- vexa tonache Formalitäten u. s. w. Mit einem Wort, nur mit großen Schwierigkeiten und endlosen Verzögerungen gestattet die Verwaltung den auswärtigen Produkten den Eingang.

Jedoch ist in dieser Beziehung seit 1868 ein sehr fühlbarer Fortschritt vorhanden und man hegt die, Hoffnung, daß die Republik die seit; langer Zeit gewünschten nützliehen Reformen einführen werde. IJobrigens kann dem auch nicht anderà sein, da jede im Sinne der Handelsfreiheit eingeführte Reform eine Zunahme der Zolleinkünfte nach sich ge/.ogen hat. Es knuii bei Speditionen nach Spanien nicht genugsam empfohlen werden, die gewissenhafteste.

Genauigkeit in Bezug auf Qualität und Quantität der /u versendenden Waaren zu beobachten, da löst immer die geringste Ungcnanigkeit bezüglich der einen oder der andern Angabe genügt, um Konfiskation der Waare oder mindestens eine hohe Buße Seitens de« spanischen Zollamtes zu motivircu.

Um diesem Uebclstande auszuweichen, genügt es, einen guten Speditor zu haben, und /.war: in Marseille für die Einfuhr durch die Häfen des mittelländischen Meeres; in Irmi oder Bayonne für die. Einfuhr über die Nordgränze; endlich bei Perthus oder bei der Junquera, wenn die Einfuhr über die Osrtgränze geschehen soll.

7

«*O

600

Erzeugnisse das Ackerbaues, des Bergbaues und des Gewor-bÜöisses.

  1. A c k c v b a u .

In den kulturfähigcu Gegenden erfreut sich Spanien eines wahrhaft bevorzugten Bodens; doch ist nicht zu vergessen, daß die Halbinsel in dieser Beziehung viel Aehnlichkeit mit dem benachbarten Afrika hat. Neben Gründen von wunderbarer Ertragfähigkeit erstrecken sich ungeheure Ebenen von unüberwindlicher Unfruchtbarkeit, entweder in Folge von Wassermangel oder in Folge der eigentümlichen Bodenbeschaffenhcit.

Nach meiner Meinung sind Jene im Irrlhuin, welche glauben, daß Spanien im Stande sei, viel mehr als gegenwärtig zu produziren, wenn man erwägt, daß in vielen Provinzen die Bodenkultur zu einer kaum zu übertreffenden Entwickelung gediehen ist, (Katalonien, Valencia, Ausante, Murria, Nieder-Andalusien, Navarra, baskische Provinzen). Was jene anbetrifft, welche in dieser Beziehung am meisten zurUkgebliebcn sind, so ist es weniger die Kultur als der Maugel an Vieh, welcher durch den damit verknüpften Mangel an Dünger die Produktion beschränkt.

..; Spanien hat einen Flächenraum von 494,558 Q-Kilomcter.

Die Balearen ,, ,, ,, 4,814 ,, ... Die Canarächen Inseln ,, ,, 7,2(50 ,,

·/.usammen 506,638 Q|-Kilometer.

Der kontinentale Theil weist etwas mehr als die Hälfte seines Flächenraumes als bebaut auf, der Rest liegt brach.

Im Süden und im Innern theilt man das ertragfähige Land in t r o k e n e n und in bewässerten Boden ein.

Auf Ersterem 'erzielt man nur Ungewisse Ernten, während die Produkte des Lezteren staunenswerth in Bezug auf Quantität erseheinen, dagegen. aber in Be/ug auf Qualität, wie auch immer die Ernte zu klassifixiren ist, viel zu wünschen übrig lassen.

Der bebaute Boden zerfällt in: Ackerboden .

.

.

29,65 Prozent.

Wiesen und Weidegründe 14,00 ,, Wälder .

.

.

.

8,96 ,, Weinberge .

.

.

2,81 ,, Oelbäume .

.

.

1,80 ,, Gärten .

.

.

.

0,06 ,, Felsen, Brachland, Sümpfe 42,12 ,, zusammen

100

Pro/.ent.

60.1

Erzeugnisse des Ackerbaues.

Trote der Fruchtbarkeit eines Thoils seines Bodens kann Spanien, wie ich bereits zu verstehen gab, noch nicht ala ein Getreide produzirendes Land angesehen werden, wie aus den hohen Preisen dieser Produkte und des Brodes in den großen Städten ersichtlich ist. In troknen Jahren, wenn dio Mancha und beide Castilien, diese Kornkammern Spaniens, absoluter Unfruchtbarkeit anheimfallen, fehlt viel daran, daß Spanien seinem Bedarfe au Getreide genügen könnte.

Annähernde tabellarische Uebersicht der Bodenerzeugnisse.

Waizen .

Gerste Roggenv .

Kichererbsen Bohnen Mais * .

Reis Linsen Diverse .

Hektoliter.

1,658,814 674,000 786,000 470,000 345,000 527,000 '248,000 94,000 35,000

Wein Branntwein Oel Rosinen .

Mandeln Haselnüsse Orangen .

Citronen .

Cédrat .

Hektoliter.

15,675,000 420,000 780,000 1,840,000 430,000 11)7,000

1,697,000 748,000 35,000

Viehstand.

In den 49 Provinzen Spaniens flnden sich vor: 24,661,540 Stück Vieh, 760,845 Bienenstöcke.

Der Viehstand zerfallt in : Schafe .

Ziegen .

Großvieh Schweine Esel .

Maulthiere Pferde .

.

.

.

.

.

.

.

17,794,000 2,832,745 1,478,975 1,240,760 570,000 474,670 270,000

Endlich befinden sieh in den 49 Provinzen noch 539 Stationen zur Deckung der Zuchtstutßu.

602 Wollen- und Seidenproduktion.

Seit einigen Jahren oder besser gesagt seit dem Bürgerkriege ist die Wollproduktion in Spanien bedeutend gesunken, und zwar mehr noch in Bezug auf Qualität als auf Quantität.

Gegenwärtig wird die jährliche Produktion feiner Wollen und Merinos berechnet auf 1,500,000 Arroben, ordinärer Wollen auf 450,000 Arroben.

(Die Arroba ist gleich 11 Kilogramm, 502 gr.).

W o l l e n p r e i s e loco.

1." Qualität.

.

.

.

150 Realen per Arroba.

2-a ,, .

.

.

.

140 ,, ,, ,, Segovia- und EstremaduraWolle 130 ,, ,, ,, ,, 2.' .

.

.

.

120 ,, ,, ,, , 3." . ' .

.

110 ,, ,, ,, Talavera-Toledo-AlcalaWolle .

.

. 95, 85 à 80 ,, ,, ,,, Rohe Wolle 1 . Auswahl .

.

.

80 ,, ,, .,

2.

. . .

75 ,,

,

;

3.

,, .

.

70 à 65 B , ., Zu diesen Preisen sind außerdem für das Waschen, Sortiren, Verpackan uoth 7 Realen per Arroba zu berechnen.

Der Verlust in der Wäsche beträgt 62 °/o vom Rohgewicht, somit geben 1000 Arroben nach der Wäsche 380 Arroben. Die beste Zeit für. den Wolleinkauf ist von Mitte Juli bis Ende September.

Seide.

In Spanien beschäftigen sieh nur zwei Provinzen mit Seidenzucht, nämlich M u r c i a und das K ö n i g r e i c h Valencia.

Außerdem hat seit etwa 20 Jahren die Produktion in Folge der Krankheit der Seideuwürmer sehr abgenommen.

Königreich Valencia.

Die jährliche Produktion, welche früher sich auf 35 Millionen Realen belief, ist gegenwärtig auf 25, selbst 22 Millionen Realen gesunken, und zwar sowohl durch die Krankheit der Seidenwürmer, als durch den Ruin der kleinen Grundbestizer, welche der Luxus

603

ihrer Frauen zu Grunde gerichtet hat, und auch durch die wucherischen Darlehen gewisser Spekulanten in Madrid, welche wie Raubvögel über diese Provinz hergefallen sind.

Die irn Königreich Valencia gezogene Seide wird fast in ihrer Gesammtheit zur Deckung des gewerblichen Bedarfes dieser Provinz und Kataloniens verwendet. Die Valencianer stellen Seidengewebe her, welche mit den schönsten und besten Erzeugnissen jeglichen Ursprunges konkurriren können. Sie zeichnen sich vorzüglich durch die Festigkeit des Gewebes und die Schönheit der Farben aus.

M u r c i a.

Miircia produzirt in gewöhnlichen Jahren für ungefähr 14 Millionen Seide, welche fast insgesammt nach Frankreich, und zwar nach Nîmes, Avignon und Lyon ausgeführt wird. Eine ziemliche Anzahl Lyoner haben sich in Spanien niedergelassen, um die Seide aufzukaufen und nach Frankreich zu spedirei!.

Bergbau.

Es gibt wenige Länder, ,,welche, wie Spanien, so reich an Minenprodukten aller Art sind. Wenn das Volli einmal ernstlich an die Ausbeutung seines Bodens gehen wird, so wird es das reichste in Bezug auf Minenprodukte werden.

D u r c h s c h n i t t l i c h e M e n g e der p r o d u z i r t e n Metalle und Mineralien.

Zentner.

Quecksilber .

.

.

.

48,000 Blei 1,266,359 Schmiedeeisen .

.

.

500,000 Eisen in Blöcken .

.

.

540,000 Kupfer 48,978

60.4 ··

I'

.

Zink ·-'·. ' .

.

Messing .

l Zinn .

.

.

Stahl .

.

.

' Regulinisches Antimon Gold, Mark . -- Silber, ,, .

Silberhaltiges Bleierz Bleierz .

.

Kupfererz .

.

Eisenerz Quecksilbererz Zinkoxyd .

Kohlen .

Coaks Zinkvitriol Mangan Graphit .

.

A n traci t * . · .

Alaun . - · Topas . - .

.Schwefel .

Glaubersalz Bleiglätte und Minium Kupfervitriol .

Kobalt und Nickel Sòda .

.

Schwefelsäure . -

.

.

., .

.

.

.

,.

.

.

Zentner.

225,000 4,000 3,280 24,000 1,785 60 100,000 100,000 .

1,298,400 279,000 700,000 8,000 395,000 .

2,785,000 75.000 2,000 1,000 1,200 40,000 10,000» 10 10,000 20,000 . ^ 3,000 1,000 1,500 1,200 14,83»

Bemerkungen.

In der Provinz Cuenca finden sich außerdem noch mehrere Brüche von Steinen für Litographie, deren Produkte den berühmten bayerischen Steinen wenigstens gleich sind, wenn sie dieselben nicht gar übertreffen. Im Jahre 1864 erhielten einige Badenser von der spanischen Regierung, die Konzession zu einem dieser Steinbrüche, doch mußten sie Angesichts der wüthenden Feindschaft der Landesbewohuer den Betrieb einstellen. Gegenwärtig, da die Sitten sich -gemildert haben, könnte man die Ausbeutung dieser Brüche wieder aufnehmen und zweifelsohne mit gutem Erfolge.

Die asturischen Zinkgruben, welche von einer eben so reichen als sachverständigen belgischen .Gesellschaft ausgebeutet werden, gehen einer zukünftigen außerordentlichen Entwickelung entgegen.

605 Der asturische Zink, dem englischen und belgischen Zink weit überlegen, wird diesem auf den Handelsplätzen Großbrittaniens, Belgiens und Frankreichs vorgezogen.

Was ; die asturischen Kohlengruben anbetrifft, welche der Meeresküste nahe liegen, so ist auch ihnen eine glänzende Zukunft vorbehalten, und zwar hinsichtlich der Güte des Produktes und der Leichtigkeit und Billigkeit des Vertriebes.

Die Eisenerze dieser Provinz werden im Allgemoineii nach Frankreich in das Departement des Landes zur Beschickung einiger Hochöfen ausgeführt, deren Produkte sich auf dein fran/.ösischea Markte auszeichnen.

8 a l z.

Spanien besitzt herrliche Salinen, welche, wenn sie in geschickter Weise ausgebeutet würden, eine bedeutende Ausfuhr zulassen würden. Unglücklicherweise beschränkt sich die Gesammtgewinnung sowohl an Stein- als an Seesalz durchschnittlich auf .

.

.

3,984,250 Zentner, von welchen verbraucht werden .

.

.

2,015,760 ,, so daß 1,968,490 Zentner zur Ausfuhr übrig bleiben.

Man berechnet den Verbrauch1 an Salz auf ungefähr 14 Pfund per Kopf. · Dicsü-> Produkt ist in Spanien sehr billig, da ea im Kleinhandel zu 0,14 Ct. per Kilogramm verkauft wird.

Die Steinsalzwerke in Cordona (Catalonien) sind vielleicht die schönsten und reichhaltigsten, welche zu sehen sind. Sie bestehen aus einem hohen Berge von krystallisirtem Salze, welcher auf zehn Jahrhunderte hin Europa mit Salz versehen könnte, da er sehr hoch ist und am Fuße mehrere Kilometer mißt; seine Tiefe ist unberechenbar.

Wenige Reisende besuchen Catalonien, ohne die unvergleichlichen Salzwerke bei Cordona zu besichtigen.

Gewerbfleiss.

Wenn auch seit 1849 der spanische Gewerbsfleiß einen großen Aufschwung genommen hat, so ist er doch noch weit davon entfernt, den Bedarf des Landes zu decken.

606

Die nennenswerthesten Artikel des spanischen Gewerbsfleißes sind folgende: 1) Baumwolle, gesponnen und gewoben.

2) Wollenwaaren und Tücher.

3) Seiden waaren aller Art.

4) Die ,,Mantaa und wollene Deken.

5) Leinengespinnste und ordinäre Gewebe.

6) Schuhwaaren.

7) Hüte und Handschuhe.

,, 8) Feuergewehre und blanke Waffen.

Baum Wollindustrie.

Der Mittelpunkt der Baumwollindustrie ist in Catalonien, in Barcelona und Umgegend: In Sans, Gracia, St. Andrea, St. Martin, Matarò, wo man Fabriken findet, welche den Vergleich mit den schönsten und hervorragendsten des Auslandes aushalten können.

Unglücklicherweise gestattet die Beschaffenheit des Wassers in der Provinz Barcelona nicht, die Kattune, Percaleii u. s. w. schön und dauerhaft zu färben. Deßhalb werden diese sich schnell entfärbenden Kattune nur von 'Jenen getragen, deren Mittel es nicht erlauben, französisches oder schweizerisches Fabrikat zu kaufen.

Tücher.

Wollenwaaren.

Die Tuchfabrikation ist ausgedehnter als die Baumwollindustrie und weist große Bezirke von sehr bedeutender Produktion auf.

In Catalonien: Sabadell und Terrassa.

Im Königreich Valencia: Alcoy.

In Arragouicn: Tjuragoiia.

In Castilien: Bejar.

pie katalonischèn Tücher trifft mit Recht derselbe Vorwurf, welchen man den Kattunen dieser Provinz macht, daß nämlich ihre Farben sehr bald matt werden und schnell unter dem Einfluße des Sonnenlichtes und der Seeluft verschwinden, so daß nur ein Stoff übrig bleibt, welchen man unmöglich tragen kann.

Die in Alcoy gefertigten Tücher leiden auch etwas an diesem Fehler, doch in bedeutend geringerrn Maße.

Jenen von Arragonien und von Castilien ist in Bezug, auf Gewebe und Farbe nichts nachzusagen ; jedoch sind es nur ordinäre Tücher.

Alle Wollenwaaren, Halstücher, Sacktücher, Kleiderstoffe u. s. w. werden in Sabadell und in Terrassa hergestellt, und unterliegen denselben an den Tüchern und Kattunen gerügten Mängeln.

607

Die Seide wird in den Provinzen, wo sie erzeugt wird, gesponnen; aber in Valencia, Rens und Barcelona werden daraus in Bezug auf Solidität und Geschmack vollendete Gewebe hergestellt.

Die Saidengewebe Cataloniens. und namentlich jene vom Hause Escuder in Barcelona sind mit Recht wegen ihrer fast unzerstörbaren Solidität berühmt. Aber diese auf die Herstellung verwendete Sorgfalt erhöht auch-um Vieles den Preis der Stoffe; und da gegenwärtig in Spanien, mehr als anderswo, billige Waare gesucht ist, so ist die Folge davon, daß die Fabrikation durch die aus der Schweiz, Frankreich, England und Deutschland eingeführten Seidenwaareu herabgedrückt wird.

,,Manta" und Decken.

Decken aus gebleichter oder grauer Wolle werden in großem Maßstabe in Valencia, in Alt-Castilien und auf der Insel Majorca gefertigt. Diese Erzeugnisse sind ordinärer Qualität, jedoch Seinkräftig und sehr dauerhaft. Sie werden in ziemlich großen Mengen nach den Antillen und Südamerika ausgeführt.

Betreffend die ,,Manta*, eine Art halb arabischer Mäntel, welche das Landvolk trägt, so kann in deren Herstellung Spanien nicht nur nicht übertreffen, sondern ihm nicht einmal Konkurrenz gemacht werden, weder in Bezug auf Gewebe noch besonders auf Farben, welche von unvergleichlicher Lebhaftigkeit und Schönheit sind.

Jene herrlichen Farben finden sich nur noch in den wollenen Binden, welche aus Sudan und Mittelafrika herüberkommen, vor.

L e i n e n g e s p i n n s t e und Gewebe.

Hanf und Leinengespinnste und Gewebe werden aus Catalonien, Galizien und Asturien bezogen; beide machten sich mehr durch ihre Solidität als durch die Feinheit des Gewebes geltend. Aber die in der Umgegend von Barcelona und nach englischem Spinnsystem erzeugten katalonischen Gewebe sind weit davon entfernt, so viel wie die andern Gewebe, deren Fäden Handgespinnst ist, zu gelten. Während Leztere durch den Gebrauch schön glänzend werden, nehmen die nach englischem System hergestellten Gewebe ein mattes, baumwollartiges Aeußeres an.

Schuhwaaren.

( In Spanien wird viel und schönes Schuh werk hergestellt: Barcelona, Saragossa, Valencia, Madrid, Sevilla; die Balearen weisen großartige Schuhmacherwerkstätten auf. Die Ausfuhr ist für die Antillen und Südamerika, hauptsächlich aber für Buenos-Ayres und Montevideo bestimmt.

608 Hüte und Handschuhe.

Das Gleiche läßt sich von der Hat- und Handschuhfabfikation eagen. Die durch ihre Schönheit und ihre Solidität berßerkenswerthen Handschuhe von'Madrid und Valladolid werden von den Fremden ihrem vaterlandischen Produkte vorgezogen ; außerdem sind sie billiger im Preise.

Waffen.

Spanien besitzt in Na varrà mehrere Gewehrfabriken, welche wegen ihrer Erzeugnisse mit Recht berühmt sind, da dieselben große Solidität und merkwürdige Trefffàhigkeit mit gutem Gesch mak und Eleganz in der Ausführung verbinden. Zu verschiedenen Malen hat die französische Regierung sich an jene Fabriken gewandt "und hat stets nur Grund gehabt, zufrieden zu sein, ihnen ihr Vertrauen geschenkt zu haben.

Was die Hiebwaffcnfabrik in Toledo anbetrifft, so ist deren Ruf zu gut begründet und zu wohl bekannt, als daß ich nöthig hätte, rneLr zu thun, als ihrer zu erwähnen. Noch bemerke ich, daß diese Fabrik in keiner Weise von ihrer 'alten Vollkommenheit abgewichen ist, und daß ihren unnachahmlichen Klingen nur die Damascenerklingen und die algerischen Flissa ebenbürtig zur Seite zu stellen sind.

Außerdem stellt die spanische Industrie fast alle Artikel der ausländischen Industrie her, jedoch noch nicht in genügender Menge, um- den Bedarf des Landes zu decken.

Nachstehend das Verzeichniß der hauptsächlichsten Artikel, deren Herstellung größere Ausdehnung als alle übrigen erlangt: Baumwolle, gezwirnt.

,, gewoben.

Kattun.

Percalen.

Madapolam.

·=Bedrukte Tücher.

Wolle, gesponnea.

,, gewoben.

> Tuche.

,, aus weicher Wolle.

Decken.

Manta's.

J , · Kleiderstoffe.

Sacktücher.

\

"r

3

,

' _

%v

609 Beidenwaaren, glatte.

,, brochirte.

Seidentücher, Manillafacon.

Foulards, brochirt.

Schuhwerk.

Hüte.

" Posamenterie.

Seife.

Farbmaterialien.

Kork.

Trotz der großen Quantitäten Kork, welche Frankreich aus Algier bezieht, so führt doch die Provinz Gerona noch ungeheure Mengen Korkstöpsel dorthin aus; da die Korke aus dieser Provinz;, wegen ihrer Vorzüglichkeit im Vergleich zu allen andern Korkarten, ausschließlich zur Verkorkung der feinen französischen Weine verwendet werden.

Der Korkhandel dieser Provinz allein wird auf mehr als 25 Millionen Realen geschätzt.

JSstremadura und Andalusien liefern ebenfalls Korke, doch ist deren Qualität geringer und es werden dieselben nur für den inländischen Verbrauch benutzt.

Mit Ausnahme der Seife von Mora, welche einen wohlbegründeten Ruf genießt, sind die andern Seifen im Allgemeinen von untergeordneter Qualität und greifen gewöhnlich die Wäsche stark an.

Einige französische Häuser haben Parfümeriefabriken errichtet, doch sind deren Produkte weit entfernt, vollkommen zu sein.

Bemerkungen.

Es gibt noch andere spanische Produkte, welche, genauer betrachtet, unsern Landsleuten von Nutzen sein könnten, zumal ihr Preis verhältnißmäßig niedrig ist.

Ich erwähne besonders: d a s Glaubersalz ; >.

die Marmorarten ; die plastischen Erdarten, und unter den Mineralien: die Kupfer-, Eisen-, Zinn-, Manpan-, Antimon- und Bleierze.

Hinsichtlich des Salzes habe ich bereits erwähnt, daß Spanien die ganze Welt damit versehen könnte.

610 Die spanischen Marmorarten sind im Allgemeinen merkwürdig schön, wie man sich leicht davon durch einen Besuch der reichhaltigen Sammlung im naturhistorischen Kabinèt in Madrid überzeugen kann.

. ' Mehrere dieser Marmorarten übertreffen an Schönheit die kost, barsten, Marmorarten Italiens und der Pyrenäen. Mehr als einmal ist in Paris für diese Marmorarten mehr als Fr. 3500 per Kubikmeter bezahlt worden.

Meiner Meinung nach könnten unsere Baumeister und Bildhauer mit gutem Erfolge diese kostbaren Materialien, sowie andere ornamentale Steine, z. B. Syenit, Diorit, Granit, Porphyr u. 8. w.

benutzen.

Ferner finden sich an mehreren Stellen des Landes plastische und veramische Thonarten Kaolin, Feldspath und andere der veramischen Industrie nöthige Rohstoffe, deren Preis im Auslande genügend hoch ist, um daraufhin deren Ausfuhr zu begründen.

Fürchtete ich nicht, diesen Bericht allzusehr in die Länge ' zu ziehen, so würde ich noch einer großen Anzahl mineralischer Ereeugnisse erwähnen, an welchen Spanien, hauptsächlich aber Audalusien und Asturien, reich sind.

"Unsern schweizerischen Speditoren und Kaufleuten möchte ich ganz besonders anempfehlen, große Sorgfalt auf die äußere Verpackung ihrer Waaren zu verwenden. Mögen sie nicht vergessen, daß sie es mit einem Volke zu thun haben, das in dieser Beziehung leicht durch den äußern Schein zu gewinnen ist.

Hierin sind die Franzosen Allen voraus, was ihren Produkten den Vorzug vor den gleichen Produkten anderer Länder, welche weniger Geschmack bei der äußeren Verpackung ihrer Waaren entwickeln, sichert.

: " · Diese Vorsicht ist hauptsächlich für unsere Seidenwaaren und Bänder nöthig: g

Einfuhr und Ausfuhr.

Der Einfuhr- und der Ausfuhrhandel haben seit 1868 stark abgenommen.

Diese; vier Jahre Fortgesetzter Unruhen können also nicht a,ls Basis einer genauen Aufstellung dienen; es muß daher das Durchschnittsresultat des spanischen Handels von 1856 bis 18.67 genommen werden. > · -. ·' , · ?-

611

Während dieser eilf Jahre erreichte der Handel des Landes im Durchschnitt . . . 2,475,917,879 Realen, also für Einfuhr . . . 1,504,359,816 · ,,f ü r Ausfuhr . . . .

971,358,060] w Wie ich oben bemerkte, waren dieses die Jahre, in welchen Spanien ruhig war und sich eines verhältnißmäßigen Aufblühens erfreute.

Gegenwärtig hat dieser Handel eine ungeheure Abnahme erlitten, welche noch weiter gehen zu wollen scheint.

Wie auch immer sein Einfuhrhandel sein mag, so kann man doch' annehmen, daß Spanien an Rohstoffen . . .

,,. . .^16,45 Prozent, an verarbeiteten Stoffen . . . <>T37,60 ,, an Kolonial- und andern Artikeln 45,95 ,,, 100

Prozent,

einführt.

Hier muß bemerkt werden, daß, abgesehen von dem jeweiligen Wohlstande des Landes, die Einfuhr immer bedeutender als die Ausfuhr ist.

A]u s f u h r.

Durch seinen Ausfuhrhandel im Allgemeinen fuhrt Spanien au*: an Ackerbauprodukten' . . . 62,89 Prozent'.

,, Fischereiprodukten . . . 0,14 ,, ,, Bergbauprodukten . . . . 13,99 ·,,.

,, Fabrikprodukten . . . . 1,37 w ,, wiederausgeführten Artikeln 11,74 ,, ,, verschiedenen Artikeln . . 9,87 n

100

Prozent.

Der schweizerische Handel mit Spanien.

Ausfuhr.

Die Schweiz führt hauptsächlich nach Spanien aus: 1) Uhren und Bijouteriewaaren; 2) St. Galler Artikel; 3) Seidenwaaren von Zürich und Bänder von Basel;, 4) Holzschnitzereien; Bundesblatt. Jahrg. XXT. Bd. II.

44

4512 5) Gfeieraerkäse, Attsyrilh, Wermuth, Kirschwasser; 6) Einige Weißweine von "Waadt; 7) Vevey-Cigarren, welche nach Catalonien eingeschmuggelt werden.

Unter den Produkten, welche die Schweiz nach Spanien liefern könnte, jedoch unter der Bedingung, sie dem Geschmacke des Landes anzupassen, sind anzuführen: ' - 1) Billige Schießwaffen; 2) Werkzeuge und Messer; 3) Glas- und Kristallwaaren, und eine Menge andrer Artikel, welche unser Land billiger als anderswoher liefern kann.

Es ist unmöglich, die Summe zu bestimmen, welche unser Ausfuhrhandel nach Spanien erreicht und zwar in Folge des Umstandes, daß unsere im Transit über Frankreich kommenden Waaren als französische Ausfuhr in die Zollregister eingetragen werden.

Nur in der Schweiz selbst wäre es möglich, genau festzustellen, welche Höhe .unsere Ausfuhr nach der iberischen Halbinsel erreiche.

Spanische Ausfuhr nach der Schweiz.

Mit Ausnahme von etwas Wein, Orangen, trokenen Früchten und einer gewissen Quantität Wolle, welche durch französischen Zwischenhandel zu uns kommt, bezieht die Schweiz absolut gar nichts aus Spanien.

Zu obigen Produkten könnten auch noch die oben erwähnten Bergbauprodukte hinzugezogen werderf.

Später könnte einmal die Frucht des Johannisbrodbaums für unsern Viehstand in Erwägung gezogen werden, doch ist dieses eine Frage, welche noch einiger Studien bedarf, welche eingehend zu besorgen ich mir vorgenommen habe.

.Eisenbahnen und Kommunikationsmittel.

Es genügt,- einen Blick -"auf die Straßenkarte Spaniens zn werfen, um zur Ueberzeugung zu gelangen, daß dieses Land seid großes Hauptstraßennetz sozusagen beendigt hat. Es bleibt nur noch das Stück zu vollenden übrig, welches Gerona in Catalonien mit den Eisenbahnen' des'-' südlichen/Frankreichs verbinden soll. .Dann wird «landauf 'der "Eisenbahn ganz-Spanien -bereisen können, ; und; es wjr'd Spanien durch zwei große Schienenwege mit Frankreich und so,mit

613 Buropa verbunden sein ; der nördliche, welcher den ganzen Norden des Landes, sowie Oberandaluaien und Estremadura durchzieht und der östliche, welcher längs des mittelländischen Meeres hinführt und durch verschiedene Zweigbahnen an mehreren Punkten- mit der nördlichen Linie in Verbindung steht.

Eine große Zahl Nebenlinien sind in der Ausführung begriffen und werden dieselben beide obenerwähnte Hauptlinien mit mehreren Kohlen- und Bergwerken, wie Beimez und Espie in Andalusien, St. Juan de las Abadesa in Catalonien, und den, höchstens 60 Kilometer von der Seeküste entfernten Kohlenwerken in -Asturien verbinden.

Zu diesen Kommunikatiousmitteln sind noch zwei große Schifffahrtskanäle hinzuzurechnen: Der K a i s e r k a n a l in Arragonien, welcher eine Wasserverbindung zwischen Nordspanien und dem mittelländischen Meere herstellt; Der k a s t i l i s c h e K a n a l mit zwei Armen, durch welche man rnit wenig Kosten sämmtliche Produkte der Mancha und beider Castilien bis nach Alar del Rey spedirt, von wo sie per Eisenbahn nach Santander befördert werden.

Betreffend die Provinzial- und Vicinalstraßen, so befinden sich selbe gegenwärtig im kläglichsten Zustande, da sie seit 1868 vollständig vernachlässigt worden sind. Es scheint fast überflüssig, zu bemerken, daß wenn bereits offene Straßen nicht unterhalten werden, noch weniger dem Verkehre neue Wege eröffnet werden, und sollte diese Vernachlässigung noch zwei oder drei Jahre dauern, so wird man in Bezug auf Provinzial- and Vicinalstraßen von vorn anfangen müssen.

Es wird viel von der Eröffnung von Bewässerungskanälen in Spanien gesprochen, doch wird dabei übersehen, daß mehrere schwerwiegende Uebelstände diesem Unternehmen fast unüberwindliche Hindernisse entgegenstellen.

Zunächst würden die Porosität des Bodens und die hohe Lage der Plateaux einerseits große Wasserabsorbtion und andrerseits eine so enorme Wasserverdunstung herbeiführen, daß wohl sicherlich der Kanal im Sommer, gerade zur Zeit, da man seiner am meisten bedürfte, trocken sein würde.

Nimmt man ferner an, daß die Wassermenge beträchtlich genug wäre, um die Verdunstung und Absorbtion zu kompensiren, so würden unvermeidlich bösartige Fieberkrankheiten entstehen, welche die längs der Kanäle wohnende Bevölkerung, hinraffen würden, was ganz unausbleiblich wäre. .

:

614

Bankwesen.

Vor einigen Jahren war die Zahl der Banken und Kreditinstitute in Spanien beträchtlich, da aber diese Institute auf falschen Grundsätzen beruhten, so sind sie, nachdem sie die Aktionäre und die leichtgläubigen Einleger ruiuirt haben, eingegangen mit AuSr nähme : 1) der Bank von Spanien, 2) der Bank jn Barcelona.

Obgleich die erste dieser Banken ihren Sitz in Madrid hat und sie -mit Einziehung der Staatssteuern betraut ist, so ist es ihr doch nie gelungen, .ihre Noten außerhalb der Hauptstadt anzubringen.

Die zweite hingegen, als Repräsentantin der kommerziellen und industriellen · Interessen Cataloniens, erfreute sich williger Annahme ihrer Noten im ganzen Bereiche des frühern Königreiches und selbst auf den Balearischen Inseln, sowie in den Königreichen Valencia und Arragonien.

Zwei wichtige Gründe rnotiviren diese verschiedenen Anschauungen über unsere beiden Banken.

Erstens werden die Noten der Madrider Bank oft und selbst höheren Orts, wie behauptet wird, gefälscht, während jene der Bank in Barcelona fast noch gar nicht in diesem Falle waren und, wenn zufällig dergleichen geschah, die Bank, wie es auch liei der französischen Bank üblich, die gefälschten Noten, ohne Aufsehen au erregen, einlöste, wohingegen die Bank in Madrid die Zahlung gefälschter Noten verweigerte und auf dem Wege der -Presse Lärm schlug. Die Folge eines solchen Verfahrens ist, daß Jedermann (mit Ausnahme Jener, welche die Fälschung leicht erkennen) sich weigert, die Noten jenes Institutes an Zahlung zu nehmen. Gegenwärtig, da ich diese Zeilen schreibe, sind nachstehende Worte an den Schaufenstern vieler Läden in Madrid zu lesen: · ,,Hier werden keine Noten der Madrider Bank an Zahlung genommen."

Zweitens unterliegen die Noten der Madrider Bank im Verkehr einem Damno, welches je nach Umständen von 5 bis zu 20 Prozent steigt, -während die Noten der Bank in Barcelona stets al pari, wo sie zirkuliren, angenommen werden ; sie werden sogar in schwierigen Umständen, wenn. es gefährlich ist, baares Geld mit sich zu führe^ mit Prämie gesucht. .

.

·

615 So steht es fest, daß z. B. ein Reisender, welcher von Barcelona nach Rens, Lerida, Gerona oder Figucrra sich begeben müsste in Anbetracht der gegenwärtigen Lage Cataloniens, es vorziehen wird, sein Geld in Banknoten mit sich zu führen, welche er leichter als gemünztes Geld verbergen kann, welch letzteres, selbst bei oberflächlicher Durchsuchung, nicht verborgen bliebe.

Daher werden gegenwärtig die Noten der Bank von. Barcelona mit Prämie gegen Münze eingewechselt und weil sie stets, ob sie gefälscht seien oder nicht, bei Vorweisung eingelöst werden.

Zinsfuss und Scoato.

Es existirt so zu sagen in Spanien keine gesetzliche Bestimmung über den Zinsfuß und den Sconto. In dieser Beziehung richten sich die Handelsleute nach der mehr oder weniger großen Sicherheit der Häuser, mil welchen sie Geschäfte machen.'

Demnach wechseln Zinsfuß und Sconto je nach den Verhältnissen und den Häusern von 6 zu 15 und selbst 25 Seitt dem die Geschäfte so darniederliegen und das Besitzthum gefährdeist, steigt der Werth des Geldes in außerordentlicher Weise.

Ich kenne spanische Granden, welche Grundbesitz im Werthe von 40 bis 50 Millionen Realen frei von jeder Hypothekarlast besitzen , und welche auf diese Güter Anlehen zu 15 a 20 °/'o Zinsen aufnehmen. Um aber andrerseits die Sache auch im richtigen Lichte zu sehen, muß gesagt werden, daß das spanische Hypothekengesetz, obgleich es zu wiederholten Malen modifizirt worden, dem Darleiher noch nicht die nöthige Gewähr leistet, um ihm die Wiedererlangung seines ausgeglichenen Kapitales zu ermöglichen. Hieraus folgen di» unerhörten Bedingungen jener Darleiher, wenn es sich darum handelt, ihre Kapitalien salbst gegen alle nur wünschbar« Sicherheit auszuleihen.

Die Pfandleiher nehmen 75 vom Hundert. Das Pfandamt in Madrid leiht zu 6 Prozent aus ; es ist ein Segen für die Armen und die kleinen Krämer, was jedoch nicht verhindert, daß dieses Institut so bedeutenden Nutzen erzielt, dass es gegenwärtig einen Palast gegenüber dem schweizerischen Konsulat erbauen laß!., welcher einer der sehenswertesten in Madrid werden wird.

Versicherungswesen.

Es gibt in Spanien zahlreiche Versicherungsgesellschaften, doch die wichtigste von allen ist die "Espagnol" Allgemeine Versicherungs-

616 gésëllsehaft mit'festem Prämiensatz; sie ist die älteste von allen, da sie seit 31 Jahren besteht, und hat eia haftbares Gesellschaftskapital von 15,907,777 Realen.

Sie hat bis dato ausgezahlt : .',!)" Für See- und Feuerschäden 2) Dividende au die Aktionäre

. . . . 74,804,942 Realen.

. : . . 19,478,722 ,, Zusammen - 94,283,664 Realen.

Außer dieser Hauptgesellschaft sind noch zu erwähnen : L'Union, L'Urbaine, The Gresham, und andere französische und englische Gesellschaften, welche, durch thätige und intelligente Agenten vertreten, sehr gute Geschäfte machen.

Jedoch hätte ich zu bemerken, daß die Drohungen, welchen seit einiger Zeit das Eigenthum ausgesetzt ist, sowie die zahlreichen Brandstiftungen ganz geeignet sind, die Thätigkeit der Versicherungsgesellschaften, wie leicht verständlich, erheblich zu vermindern.

Einwanderung.

^ Eine Einwanderung, ähnlich jener der Deutschen in NordAmerika, ist für Spanien nicht vorhanden, denn zwei Hindernisse stellen sich ihr entgegen :

  1. Der' Wassermangel im Brachlande und daher die Unmöglichkeit, sich dort niederzulassen, ehe nicht Kanäle oder doch wenigstens artesische Brunnen gegraben worden.

Als der große König Karl KL landwirtschaftliche Kolonien in der Sierra Morena zu gründen beabsichtigte, war er gezwungen, die Kolonisten in genügender Zahl einzuführen, um den Angriffen und den Räubereien ihrer Nachbarn widerstehen zu können ; in den ersten Zeiten mußten sogar diese Kolonisten durch zahlreiche Trupperi geschützt werden.

Versteht man aber unter Einwanderung den Zuzug zahlreicher Fremdlinge in die industriellen und selbst ackerbautreibenden Bezirke, um'die'Leitung der einen oder der andern zu übernehmen, so ist es sicher,' daß diese' Einwanderung- in sehr bedeutendem Maße uad

61?

ununterbrochen seit 1849 bis 1868, eingerechnet, nach Spanien stattgefunden, hat. Seit jener Zeit hat eine entgegengesetzte Bewegung stattgehabt, da viele Einwanderer nach ihrer Heimat zurückgezogen sind.

, Jedoch kann man bestimmt behaupten, daß alle neuen Fabriken und Gewerbszweige, alle großen Unternehmungen, von Fremden gegründet und noch gegenwärtig von ihnen geleitet werden.

Der Bau der Eisenbahnen und die Deicharbeiten an den Häfen von Barcelona, Mahon, Carthagena, Cadix u. s. w. haben eine Menge Fremder und namentlich Franzosen ins Land gezogen.

Was unsere Landsleute anbetrifft, so haben sie in Bezug auf industrielle Thätigkeit nur in den asturischen Glashütten gearbeitet; es sind meist Waadtländer oder Walliser. Noch kann man einiger guter Ingenieure bei der Leitung der. Eisenbahnbauten erwähnen, sowie einer gewissen Zahl von Stahlgraveuren für Stoffdruk und Schriftgießereien, endlich einiger Mechaniker und Aufseher in den Eisenbahnwerkstätten.

Die überwiegende Mehrheit aber der Schweizer treibt Handel und besorgt den Verkauf unserer vaterländischen Erzeugnisse; die Genfer und die Neuenburger verhandeln Uhren und Bijouteriewaaren, die St.

Galler Erzeugnisse ihres Kantons ; Tessiner und Graubündner stehen meist Hotels, Speisewirthschaften, Kaffeehäusern und Konditoreien ersten Ranges vor. So gehört z. B. das eleganteste Hôtel in Madrid einem Schweizer, Herrn Tololla. Zu diesen Elementen ist noch ein anderes zu zählen, welches aber täglich durch Absterben oder Familienverbindung (denn es verliert sich unter den Landesbewohnern mehr abnimmt. Ich meine die Soldaten der früheren Schweizerregimenter in spanischen Diensten, sowie ihre Nachkommenschaft, welche fast alle das spanische Bürgerrecht erworben, oder wenigsten mit der Nation sich identifizirt haben. Mehrere unserer Landsleute sind als Generäle in den Ranglisten der spanischen Armee verzeichnet, wie Servert, Yauch, Roediger, Chichery u. a.

Schweizerische Vereine.

Nur ein schweizerischer Verein besteht in Barcelona, wo er von großem Nutzen war und noch größeren Nutzen zu bringen berufen ist.

Seit Langem beabsichtigte das Generalkonsulat, einen ähnlichen Verein in Madrid zu gründen, doch hat sich bis jetzt das Bedürfniß nicht fühlbar gemacht, de.nn sobald ein Schweizer hilfsbedürftig

618 'wird, bedarf er nur einer einfachen Angabe, damit alle unsere "wohlhabenden Landsleute in Mudrid sich ihm hilfreich, erzeigen.

Außerdem hat' ein Zusammentreffen von Umständen, welche hier EU erörtern zu weit führen würde, die Gründung dieses Vereins verhindert, doch wird in nächster Zukunft jedes Hinderniß ge-,, hoben sein.

Andererseits besteht ein angelegtes Kapital, welches dieser Gründung als Basis dienen soll; dieses Kapital ist nämlich nichts Anderes als der, nach dem Konsularreglement vom 18. April 1852S dem Generalkonsulat zugefallene Prozentsatz; von Erbschafsliquidationen.

Münzen. Gewichte. Maasse.

M ü n z e n . Da Spanien der, internationalen Konvention von 1867, zur Einführung des Dezimalsystems für'die Münzen und des metrischen Systems für die Gewichte und Maße, beigetreten ist, so, wäre es in der Ordnung, sich nach diesem doppelten System im Verkehr mit Spanien zu richten, sowie es gegenüber den Ländern geschieh^, wo es sich eingewöhnt hat.

Dem ist aber nicht so in Spanien.

Bezüglich der.M'ünze ist alles, was seit 1869 geprägt worden, nach dem Dezimalsystem und nach dem 1867 in der Pariser-Convention 'bestimmten Feingehalt. Nach diesem Feingehalt sind die «panischen Piecetta und der Duro an Werth den entsprechenden französischen, schweizerischen, belgische«, italienischen Münzen gleich.

Daraus folgt, daß das neue Silbergeld um 5 % im Werthe geringer als das alte Silbergeld ist, so daß .5.25 neue Münze für einen Duro oder 5 piécette alter Münze, nöthig sind. Jedoch wird in Folge einer jener so häufig in Spanien vorkommenden Anomalien die neue Münze der alten Münze im Werthe gleichgestellt, wodurch der Regierung ein Nutzen von 5 °/o erwächst.

Eine weitere Folge dieser Anomalie ist, daß der Fremde, welcher hier mit französischem Gelde eintrifft, 5 °/o verliert, da er nur Fr. 4. 75 für jedes Fünffrankenstück erhält, obgleich dasselbe soviel wie die spanischen Stücke neuen Systems werth ist.

Bis also diese Ungerechtigkeit beseitigt ist (und sie kann nur erst darin beseitigt sein, wenn sämmliches ältere Gold- und Silbergeld eingeschmolzen ist), hat alles Geld nach dem Dezimalsystem in Spanien einen Verlust von 5°/o zu erleiden. Man hofft, daß die Republik nicht,zögern wird, diese Unbilligkeit, -welche dem Spanier noch mehr schadet als dem Ausländer, verschwinden, z u . lassen.

619 Maasse und Gewichte.

Obgleich Spanien offiziell dem metrischen System für Maße und Gewichte beigetreten ist, so fährt doch jede Provinz fort, sich ihrer eigenen zu bedienen. Allerdings wendet die Regierung in allen ihren Beziehungen, namentlich im Zollwesen, in der Eisenbahngüterspedition u. a. das metrische System an. Gegenwärtig wird bei den Verwaltungsbehörden des Staates nur nach Meter und Kilogramme gerechnet, was-dem ausländischen Handel von großem Vortheil ist, besonders in Bezug auf Zolldeklarationen, für welche die schärfs te Genauigkeit beansprucht" wird.

Das Verhältnissderr verschiedenen Gewichte und Maße der Halbinsel zum metrischen System bildet eine höchst komplizirte Tabelle, welche man in jedem Reisehandbuch über Spanien finden kann.

Zollvorschriften.

Wolle. Die Einfuhr von Wollgeweben, welche dem Gewichte nach mehr als ein Dritttheil Baumwolle enthalten, ist bis zu 19 Fäden inclusive verboten. Die Andern werden gegen eine Zollgebühr von 1,70 à 15,90 per Quadratmeter zugelassen. Wolle in Ballen zahlt 63 à 148 Realen per Zentner, Vigognewolle dagegen ist zollfrei.

S e i d e n w a a r e n . Die Einfuhr aller. Arten von Scidengeweben ist unter der· Bedingung zugelassen, daß sie nicht mehr als Seide, an Gewicht, Baumwolle enthalten. Der Zoll variirt zwischen 1,18 bis 1,75 Real per Pfund.

B a u m w o l l e . Die Einfuhr gesponnener Baumwolle bis zu Nr. 59 inclusive ist verboten. Die Gewebe sind bis zu Nr. 25 auf den Viertelzoll die Lustrines und Percals bis zu 19 Fäden von der Einfuhr ausgeschlossen. Baumwolle in Ballen zahlt im Nationallager 3,06 Realen per Zentner, wenn sie aus ihrem Produktionslande kommt, und 16 Realen, wenn sie aus den Dépôts spedirt wurde; unter ausländischer Flagge zahlt sie 20 à 24 Realen Zoll per Zentner. · H a n f und L e i n e n . Deren Ausfuhr ist frei und die Einfuhr unter der Bedingung zugelassen, daß die Gewebe nicht über ein Dritttheil ihres Gewichtes Baumwolle enthalten.

G e w e b e mit Seide u n d W olle u n t e r m i s c h t . Deren Einfuhr ist untersagt, sobald sie mit mehr als 7/8 Baumwolle unter-

620 mischt sind, mit Ausnahme neuer Erfindungen, für welche in diesem Falle 40 Prozent vom Werthe zu zahlen sind.

Kork und Korkstöpsel. Die Ausfuhr des Rohstoffes ist untersagt. Bei der Einfuhr werden 80 Ct. per Arrobe bezahlt, bei Korkstöpseln, deren Ausfuhr zollfrei ist, wird bei der Einfuhr 25"/o vom Werthe erhoben.

Papier und Lumpen. Die Ausfuhr von Papier ist frei, von Lumpen aber verboten.

Eingeführtes Papier zahlt 100 Fr. per 1000 Kilogramm, wenn angeleimt, feine Papiersorten zahlen 300 Fr. per 100 Kilogramm.

Gerbmaterialien. Die Ausfuhr von Rinde zur Herstellung von, Gerbstoff ist untersagt, dagegen ist die Einfuhr von Fellen aller Art gegen Zahlung eines geringen Zolles gestattet.

. Eisen Stahl. Kupfer. Die Einfuhr von Gegenständen," welche aus diesen Bietallen gefertigt sind, ist gestattet. Die Ausfuhr ist frei, mit Ausnahme der gänzlich untersagten Ausfuhr von Gold- und Silbererzen, sowie von Schwarzkupfer und Eisen aus den biskayischen Minen welche Ausfuhrzoll zu erlegen haben und zwar: Ersteres 5 Realen 75, Letzteres \ Real per Zentner.

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

Bericht des Schweiz. Generalkonsuls in Madrid (Hrn. Paul Chapuy von Genf) über das Jahr 1872. (Vom 25. März 187 '.)

In

Bundesblatt

Dans

Feuille fédérale

In

Foglio federale

Jahr

1873

Année Anno Band

2

Volume Volume Heft

25

Cahier Numero Geschäftsnummer

---

Numéro d'affaire Numero dell'oggetto Datum

31.05.1873

Date Data Seite

598-620

Page Pagina Ref. No

10 007 679

Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv digitalisiert.

Le document a été digitalisé par les. Archives Fédérales Suisses.

Il documento è stato digitalizzato dell'Archivio federale svizzero.