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Schweizerische Bundesversammlung.

Die gesetzgebenden Räte der Eidgenossenschaft sind am 2. Dezember 1912, nachmittags 4*/2 Uhr, zur ordentlichen Wintersession zusammengetreten.

Neue Mitglieder: Im N a t i o n a l r a t : Herr Bonhôte, Eugen, Advokat, in Neuenburg.

,, Grieder, Albert, Regierungsrat, in Liestal.

., Grobet-Roussy, Henri, Fabrikant, in Lausanne.

Im S t ä n d e r a t : Herr Keller, Gottfried, Fürsprecher, in Aarau.

Im Nationalrate eröffnete Herr Präsident Wild die Session, mit folgender Ansprache: Meine Herren Nationalräte!

Wenn Sie dem Sprechenden einen kurzen Rückblick auf die Spanne Zeit gestatten, während welcher er an der Leitung Ihrer Verhandlungen beteiligt war, so werden Sie mit ihm vor allem der zahlreichen und schmerzlichen L ü c k e n gedenken, welche der Tod in die Reihe unserer obersten Landesbehörde gerissen hat.

Mit herzlichem Danke erinnern wir uns der Geschiedenen, die alle in vorbildlicher Treue ihres Amtes gewaltet haben. Sie haben in sich so mannigfache treffliche Eigenschaften des Geiste» und Herzens, so charakteristische Merkmale ihrer engern Heimat und so viel Hingebung und Verständnis für ihre grössere Aufgabe bewiesen, dass ein Stück Geschichte unseres Landes und ein Bild seiner Eigenart an unserem Auge vorüberzieht, wenn wir uns ihre Gestalten und ihr Wirken in die Erinnerung zurückrufen.

In seiner grossen Mehrheit neu bestellt, mit frischen Kräften ausgestattet, wird dem B u n d e s rat die so vielfach begehrte N e u o r d n u n g s e i n e r T ä t i g k e i t leichter werden. Sie ist nun in die Bahn geleitet. Mögen wir uns aber daran erinnern, das» die Institution nur das Eine, das Massgebende aber deren

392 Träger sind. Wo die Neugestaltung zur Vereinfachung führen kann, wenn sie geeignet ist, das Zusammenarbeiten aller Organe zu sichern, und insbesondere, wenn sie Verantwortlichkeit und damit wirkliche Schaffensfreude in möglichst breite Schichten der Beamtenschaft bringen wird, kann sie der freudigen Zustimmung aller Volkskreise sicher sein. Sie wird auch einem tief empfundenen Bedürfnis entgegenkommen, wenn sie Garantien schafft für eine .auf Erfahrung und sichern Überblick begründete Leitung der äussern Angelegenheiten.

Das Schweizervolk hat indem B e s u c h e des D e u t s c h e n K a i s e r s einen wertvollen Beweis der f r e u n d s c h a f t l i c h e n G e s i n n u n g erblickt, die das Oberhaupt des grossen Nachbarreiches beseelt. In seiner sympathischen Wertschätzung der öffentlichen Verhältnisse und namentlich der geistigen Faktoren unseres Lebens liegt ein Klang harmonischen Verständnisses beider Völker, der im ganzen Lande auf das angenehmste empfunden worden ist.

Aus dem Verlaufe der m i l i t ä r i s c h e n Ü b u n g e n , welche zurzeit jenes Besuches stattfanden, haben wohl weite Kreise des Volkes die beruhigende Überzeugung geschöpft, dass unser Volksheer mit aller Entschlossenheit für seine hehre Aufgabe vorbereitet wird, dem Vaterlande Schutz und Schirm zu sein, wenn seine Integrität von irgend einer Seite angetastet werden sollte.

Es war der Schweiz beschieden, auf ihrem neutralen Boden ·die Verhandlungen stattfinden zu sehen, die nach langen Kämpfen den F r i e d e n zwischen zwei uns befreundeten Mächten herbeiführten.

An den gewaltigen Völkerringen auf der b a l k a n i s c h e n H a l b i n s e l nimmt die ganze Welt Anteil. Unsere Wünsche -als neutraler Staat richten sich auf die baldige Beendigung der Feindseligkeiten und einen allen Verhältnissen gerecht werdenden frieden, der dem Weitergreifen des Kampfes vorbeugt und dauernde, haltbare Regelungen schafft.

Die Annahme der V e r s i c h e r u n g s g e s e t z e durch das Volk, die in kundige Hände gelegte ungesäumte Organisation der Versicherungsanstalt wird ein wichtiges Mittel zur Betätigung praktischer Solidarität im ganzen Schweizerlande bieten. Mögen bald auf Grund ermutigender Erfahrungen und getragen vom Geiste der Gerechtigkeit gegenüber den minder Bemittelten weitere Massnahmen sich verwirklichen lassen, welche dem Alter and der Invalidität ihre peinigendsten Schrecken nehmen !

393 Die Revision des F a b r i k g e s e t z e s , welcher Sie binnen kurzem einen bedeutenden Teil Ihrer Beratungen zu widmen haben werden, kann ein weiterer Schritt auf dem Wege zur fortschreitenden Besserung der Arbeitsbedingungen der Industriebevölkerung werden.

, Stehen wir als ein industrielles Exportland auch in hohem Masse unter dem Zwang äusserer Umstände, so werden wir, gewiss im allgemeinen Einverständnisse, doch zu bedeutungsvollen Entschlüssen gelangen. Dadurch werden vielerorts bereits ohne gesetzlichen Zwang verwirklichte Fortschritte mit gesetzlichen Garantien umgeben, und wo die Verhältnisse zurückgeblieben sind, wichtigen Verbesserungen gesetzlich Eingang verschafft werden.

Den Räten wird die bedeutungsvolle Arbeit beschieden sein, die richtigen Grenzlinien zu suchen und festzulegen, innert welchen erkleckliche Fortschritte in den Arbeitsbedingungen sich mit der Erhaltung der Arbeitsgelegenheit gegenüber dem Weltwettbewerb vereinigen lassen.

Nekrologe.

Wir beklagen den Hinschied zweier geschätzter Kollegen, welche dem Rate jahrzehntelang angehört haben.

Jules C a l a m e - C o l i n , Vertreter des Kantons Neuenburg ·seit 1895, ist einem Herzleiden im August erlegen, das schon lange an ihm nagte, ohne seiner Arbeitslust und Arbeitskraft Abbruch tun zu können. Ein Angehöriger der Uhrenindustrie, ein Sohn ihrer Heimat, der jurassischen Berge, hat er in seiner geschäftlichen und öffentlichen Tätigkeit sich ihr mit Eifer und Erfolg gewidmet. In einem seltenen Masse vereinigte er Freundlichkeit und Herzensgüte mit praktischem Sinne und einer vollen Hingebung an die öffentlichen Interessen. In allen Fragen des Verkehrs, der Finanzen und der Staatsverwaltung zu Hause, machte er sich seinem Heimatkanton in mannigfachster Weise nützlich. In unserem Rate war er mehrere Amtsperioden hindurch Referent über das Finanzwesen und gab in dieser Eigenschaft einem alten Postulate, der Errichtung von Postsparkassen, neues Leben. An den Verhandlungen der Kommission für die Revision des Fabrikgesetzes nahm er, bereits durch Krankheit geschwächt, doch unter Aufbietung aller Energie, regsten Anteil.

Wir sahen in ihm einen Mann scheiden, der allen ein lieber Kollege, dem Lande ein treuer und aufopferungsfähiger Bürger war, Bmndesblatt. 64. Jahrg. Bd. V.

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Romeo M a n z o n i , der feurig beredte Vertreter des sonnigen Südens unserers Vaterlandes, ist vor wenigen Tagen zur Erde bestattet worden. Schon seit Jahren hatte ihm schwere Krankheit die aktive Teilnahme an unsern Verhandlungen er» schwort und schliesslich verunmöglicht. Mit Bedauern sahen wir ihn aus unsern Reihen verschwinden, den Redner von Gottes Gnaden, der das klangreiche tdiom seiner Heimat in hinreissendem Pathos ertönen liess.

Ein feiner Geist voll idealen Schwunges und erfüllt vom Drange, seinen Mitmenschen Hülfe und Erhebung zu bieten, hat er in seinem Heimatkanton als Führer auf geistigem Gebiete gewirkt. Voller Sympathie hingen seine Mitbürger an ihm, sein Talent schätzend, seinen edlen Sinn verehrend. Noch im Tode hat er einer tiefgehenden Bestrebung seiner Sprachgenossen durch grosse Vergabung neuen Impuls gegeben. Ihn beseelte dabei wohl die patriotische Absicht, seine engere Heimat durch Kräftigung ihrer kulturellen Selbständigkeit zu einem um so überzeugteren Gliede des Gesamtvaterlandes zu machen.

Nicht immer konnten wir alle den Ansichten beipflichten,, die er vertrat, wenn er auf das Wehrwesen zu sprechen kam.

Aber ein leiser Wunsch durchflutete uns doch alle bei dem Anhören seiner machtvollen Rede, es möchte sich manches bald so ideal umgestalten, wie seine Phantasie es verheissungsvoll voraussah.

Der beredte Mund ist verstummt, das Parlament um eine seiner oratorischen Zierden ärmer. Dem Vaterlande hat er in seiner Weise immer dienen wollen. Eine Säule schweizerischen Sinnes an der Südmark, wird er im Gedanken seiner Volksgenossen fortleben.

(Der Rat erhebt sieh zu Ehren der beiden Verstorbenen von den Sitzen.)

Der Nationalrat wählte am 2. Dezember zu seinem Präsidenten Herrn Dr. Karl S p ah n, von und in Schaff hausen, bisherigen Vizepräsidenten, und am 4. Dezember zu seinem Vizepräsidenten Herrn Dr. Alfred von P l a n t a , in Reichenau.

Im Ständerate eröffnete Herr Präsident Calonder die Session mit folgender Ansprache:

395 Meine Herren Ständeräte !

Seit der letzten Session hat der Bundesrat drei wichtige Hassnahmen getroffen, um die Anwendung des Bundesgesetzes über die Kranken- und Unfallversicherung vom 13. Juni 1911 vorzubereiten. Er hat den Verwaltungsrat der eidgenössischen Unfallversicherungsanstalt in Luzern gewählt, welcher sich bereits konstituiert hat und in Funktion getreten ist. Es gereicht unserem Rate zur hohen Ehre, dass aus seinen Reihen der Präsident und Vizepräsident dieser verantwortungsvollen Behörde hervorgegangen sind. Sodann wurde eine eidgenössische Kommission eingesetzt, bestehend aus den Vertretern der verschiedenen Krankenkassen, zur Vorberatung und Begutachtung der gemäss Bundesgesetz zu subventionierenden Krankenversicherung. Und endlich beantragt der Bundesrat mit Botschaft vom 29. Oktober 1912 die Schaffung einer neuen Abteilung des Industriedepartementes, eines Bundesamtes für soziale Versicherung, welches in erster Linie dem Vollzug des Bundesgesetzes sowohl hinsichtlich der Kranken- als hinsichtlich der Unfallversicherung zu dienen hat und daneben auch weitere Fragen der sozialen Versicherung verfolgen und begutachten soll.

Diese bundesrätliche Vorlage ist dringlich und sollte, wenn immer möglieh, im Laufe dieser Session erledigt werden. Dies auch für den Fall, dass die Bundesversammlung die Weisung einer neuen Behörde ablehnen sollte. So hat die Tätigkeit des Bundes in umfassender Weise eingesetzt, um endlich den in Art. 34bis der Bundesverfassung niedergelegten sozialpolitischen Gedanken der Versicherung gegen Krankheit und Unfall, wenn auch in bescheidenem Umfange, in die Tat umzusetzen. Wir dürfen zuversichtlich hoffen, dass es gemeinsamer, sachkundiger Arbeit trotz aller Schwierigkeiten gelingen werde, diese Versicherungsaufgaben zum Segen unseres Volkes zu erfüllen und die begründeten Anspräche der verschiedenen Interessenkreise zu befriedigen.

Im Oktober wurde nach langen, mühsamen Unterhandlungen der Friede von Lausanne zwischen Italien und der Türkei abgeschlossen. Es freut uns, dass diese Einigung auf Schweizerbpden zustande gekommen ist.

Alsbald nachher brach der Balkankrieg zwischen Bulgarien, Serbien, Griechenland und Montenegro einerseits und der Türkei anderseits aus, einer der blutigsten Kriege, die jemals vorgekommen sind. Die Schweiz hat selbstverständlich auch gegen-

396 über diesem letzten Kriege die Neutralität erklärt und strikte befolgt, wie sie dies auch gegenüber dem türkisch-italienischen Kriege getan hatte.

Im September erwies der Deutsche Kaiser unserer Republik die hohe Ehre seines Besuches und benutzte die Gelegenheit, um unsere diesjährigen Manöver in der Ostschweiz mit der grössten Aufmerksamkeit zu verfolgen. Die Bundesversammlung war beim Empfang des Deutschen Kaisers in Bern durch die Präsidenten der beiden Räte vertreten. Die durch diesen Besuch kundgegebene, i'reundnachbarliche Gesinnung des Deutschen Kaisers und des Deutschen Reiches wurde überall in unserem Lande mit aufrichtiger Freude und warmer Sympathie erwidert. Die Begrüssungsrede unseres Bundespräsidenten, worin er für die hohe Ehre des Kaiserbesuches herzlich dankte und hervorhob, wie grosses Gewicht wir auf gute Beziehungen zum Deutschen Reiche legen, sowie die Worte der Wertschätzung und Freundschaft, welche der Deutsche Kaiser gegenüber der Schweiz aussprach, fanden in unserem Volke freudigen Widerhall.

Meine Herren Ständeräte !

Seit der letzten Session sind zwei Mitglieder der Bundesversammlung vorn Tode abberufen worden : Nationalrat Jules Calame-Colin und Nationalrat Romeo Manzoni.

Nationalrat C a l a m e - C o l i n wurde im Jahre 1852 in Chauxde-Fonds geboren und entstammte einer alten jurassischen Familie.

Sein Vater war Inhaber und Leiter eines bedeutenden Uhrengeschäftes in Chaux-de-Fonds, und früh entschloss sich der jungo Jules Calarne ebenfalls für den kaufmännischen Beruf. Nach Absolvierung der Volksschule in Chaux-de-Fonds und einer höheren Schule in Neuenburg besuchte er die Handelsschule in Mülhausen.

So trat er, mit einer guten allgemeinen und beruflichen Bildungausgerüstet, in das väterliche Geschäft, das er später, zusammen mit seinem Bruder, übernahm. Er leitete dieses Fabrikations- und Exporthaus mit ebenso grosser Energie als Umsicht, so dass es sich rasch zu hoher Blüte und grossem Ansehen entwickelte.

Keine Arbeit war ihm zu viel, keine Anstrengung zu gross. Er studierte unablässig und mit offenem Blick die Fragen der Uhrcnfabrikation und die Bedingungen der verschiedenen Absatzgebiete.

Seine zahlreichen, ausgedehnten Geschäftsreisen ins Ausland dienten dazu, seine beruflichen Kenntnisse ebensowohl wie seine allgemeine Bildung zu erweitern. Mit geschäftlichem Weitblick ver-

B97 band Calame-Colm absolute Zuverlässigkeit des Charakters und wohlwollende Gesinnung gegenüber seinen Arbeitern und gegenüber seinen Konkurrenten. Sein Gesichtskreis war aber nicht nur auf die eigenen Geschäftsinteressen beschränkt, ihm lagen vielmehr stets auch die allgemeinen Interessen seines Geburtsortes Chaux-de-Ponds am Herzen. An dem glänzenden Aufschwung, welcher dem grossen Dorf, als bedeutendstem Zentrum des schweizerischen Uhrenhandels, während jener Zeit beschieden war, hat er grossen persönlichen Anteil gehabt. Und gross war seine Autorität in allen Kreisen der Uhrenindustrie, bei den Arbeitern, wie bei den Fabrikanten.

Es war ganz natürlich, dass einem solchen Manne auch im öffentlichen Leben grosses Zutrauen entgegengebracht wurde, und anderseits hatte er von Haus aus eine starke Neigung für die Politik, das lebhafte Bedürfnis, in die Fragen der öffentlichen Wohlfahrt einzugreifen. Im Jahre 1888 wurde er zum erstenmal in den Stadtrat von Chaux-de-Fonds und im Jahre 1889 in den Grossen Rat seines Kantons gewählt. Als er sich 1891 von den Privatgeschäften zurückzog, liess er sich von seinen Parteifreunden bestimmen, sich ganz in den Dienst der öffentlichen Interessen zu stellen. Er wurde der anerkannte Führer der konservativen Partei seines Kantons, und im Jahre 1895 erfolgte seine Wahl in den Nationalrat, wo er sich der Fraktion des Zentrums anschloss. In allen seinen öffentlichen Stellungen hat er mit grosser Hingebung gewirkt und sich bleibende Verdienste erworben. Wir haben ihn im Nationalrat an der Arbeit gesehen, und es ist wohl niemand unter uns, der seiner Pflichttreue und seiner Arbeitsfreudigkeit nicht volle Anerkennung zollen möchte.

Nationalrat Calarne-Colin war als ehemaliger Kaufmann und Industrieller in vorzüglicher Weise für die Behandlung der vielen wirtschaftlichen Angelegenheiten qualifiziert, die ständig auf den Traktandenlisten der Bundesversammlung stehen. Auf diesem Gebiete hat er, namentlich auch als Mitglied zahlreicher Kommissionen, tatkräftig und mit grossem Verständnis gearbeitet.

Calarne-Colin war ein ausgesprochener Anhänger konservativer Grundsätze. Seinem politischen Ideale entsprach möglichste Selbständigkeit der Kantone und möglichste Beschränkung der Einmischung des Staates in wirtschaftliche Probleme. Aber sein praktischer Sinn, geläutert durch reiche Erfahrung, bewahrte ihn vor jedem unfruchtbaren Kultus der Theorien. Die tatsächlichen Bedürfnisse des Lebens waren für ihn entscheidend. Wo immer sich die Notwendigkeit ergab, den faktischen Verhältnissen in

398 ihrer neuen Gestaltung durch entsprechende Reformen gerecht zu werden, da war er mit der ganzen Kraft seiner Überzeugung dabei. So gehörte er, um nur ein Beispiel anzuführen, bekanntlich zu den Hauptbefürwortern der Postsparkasse. Er erblickte in dieser Institution vor allem ein wirksames Mittel, um den Sparsinn des ganzen Volkes, namentlich der Jugend nnd der armem Leute, zu fördern.

Calame-Colin stand fest zu seiner Überzeugung, die er mit viel Temperament zu vertreten pflegte. Aber er wusste auch die Gesinnung seiner Gegner zu schätzen und verliess nie den Boden sachlicher Erörterung. Im persönlichen Verkehr war er stets dienstfertig und von herzgewinnender Liebenswürdigkeit.

Vor einigen Jahren befiel ihn ein schweres Herzleiden, und seither nahmen seine Kräfte 'rasch und zusehends ab; aber er hielt sich mit äusserster Energie aufrecht und nahm an allen Sitzungen des Rates und der Kommission mit ungeschwächtem Interesse teil. So war er, ein Schatten bloss der frühern robusten Gestalt, auch zur letzten Junisession erschienen, deren Sitzungen er bis zum Schlüsse besuchte und in deren Verlauf er mehrmals das Wort ergriff. Dabei bewahrte er sich bis zuletzt seinen goldenen Humor, seine freundliche Art. Aus dem kranken, abgemagerten Gesichte leuchtete der edle Bntschluss, trotz aller körperlichen Leiden auch den letzten Rest seines Lebens der Arbeit, der Wohlfahrt des Landes zu widmen. Das Leben ohne Arbeit hatte für ihn keinen Wert. Nur der Tod konnte seiner uneigennützigen öffentlichen Tätigkeit ein Ende machen. CalameColin starb am 10. August in Nauheim, wo er Linderung seiner Leiden gesucht hatte. Wir werden dem liebenswürdigen, pflichtgetreuen Kollegen ein dankbares Gedenken bewahren.

Nationalrat Romeo M a n z o n i erblickte das Licht der Welt im Jahre 1847 im Dorfe Aragno am Fusse des Monte Generoso, in jener lieblichen Gegend unseres Vaterlandes, die sich in den blauen Fluten des Ceresio spiegelt. Er besuchte nach Absolvierung der Volksschule zunächst das Gymnasium zu Lugano. Zu jener Zeit gärte es gewaltig im italienischen Volke von der wechselvollen Bewegung des Risorgimento, und zahlreiche politische Flüchtlinge kamen über die Grenze und fanden ein Asyl im Kanton Tessin, darunter Männer von hoher klassischer Bildung mit kühnen, neuen Ideen. Mehrere dieser italienischen Flüchtlinge wirkten damals als Professoren am Tessiner Lyzeum. So auch der berühmte Catäneo, ein intimer Freund Mazzinis, der

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innige Freude am lebhaften Geist des jungen Romeo Manzoni empfand und nachhaltigen bestimmenden Einfluss auf ihn gewann.

Nach Beendigung der Gymnasialstudien bezog Manzoni zu seiner weiteren Ausbildung die Akademie der Künste und Wissenschaften in Mailand, wo ihn namentlich der Professor Ruggero Bonghi, der nachmalige berühmte Schriftsteller, Parlamentarier und Minister, mächtig anzog und in seiner Neigung für die literarischen .und philosophischen Studien bestärkte. Zum Schlüsse studierte er auf der Universität Turin, woselbst er das Doktorexamen bestand.

Manzoni wirkte zunächst mehrere Jahre als Lehrer am Lyzeum in Reggio Calabria auf der äussersten Spitze Süditaliens.

Später treffen wir ihn als Professor am Lehrerinnenseminar in Pruntrut. Bald aber zog es ihn nach dem Kanton Tessin, an dem er mit allen Fasern seines Herzens hing. Er fühlte den Drang in sich, als Erzieher der Jugend seine gegen die katholische rKirche gerichteten Ideale und Grundsätze anzuwenden und so im Volke auszubreiten, und zwar gründete er eine höhere Töchter· schule, in Mareggia, um die Töchter der liberalen Familien dem Einflüsse der Priester zu entziehen. Er leitete diese Anstalt während längerer Zeit mit grosser Hingebung, gab sie später .aber aus verschiedenen Gründen auf und zog sich nach Lugano zurück, wo er neben seiner politischen Tätigkeit belletristischen und historischen Studien oblag. Er hat im Laufe der Jahre zahlreiche Werke von bleibendem Werte über die verschiedensten .Gegenstände geschrieben und wird allgemein als ein Meister der italienischen Sprache anerkannt. Sein Ruf als geistvoller Schrift·steller drang bis über die Grenzen unseres Landes.

Alsbald nach seiner Rückkehr in seinen Heimatkanton nahm er an dessen politischen Kämpfen lebhaften Anteil. Er wurde hierzu getrieben durch sein ungestümes Temperament, durch seine Kampfnatur, durch sein leidenschaftliches Interesse für das Wohl des Tessinervolkes. Neben Rinaldo Sirnen, unserem allzufrüh dahingeschiedenen Kollegen, war er ein Hauptführer der Septemberrevolution von 1890. Aber einige Jahre nachdem seine Partei ans Ruder gelangt war, trennte er sich von seinen früheren .politischen Freunden, die nach seiner Auffassung -- namentlich auf kirchenpolitischem Gebiet -- den Gegnern zu viele Konzessionen machten, und gründete eine neue radikale Partei, die sogenannte estrema sinistra, deren Haupt er bis zuletzt geblieben ist.

Der Bundesversammlung hat Romeo Manzoni seit 1895 mit «iner kurzen Unterbrechung bis zu seinem Tode angehört. Kulturkämpferische Debatten von Belang fanden während dieses Zeit-

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raumes im schweizerischen Parlament nicht statt, so dass es auch, Herrn Manzoni an genügendem Anlass fehlte, nach dieser Richtung, die seiner Lebensauffassung und seiner ganzen Vergangenheit am nächsten gelegen hätte, hervorzutreten. Konkrete wirtschaftliche Fragen, die unser politisches Leben heute so sehr beherrschen, interessierten ihn verhältnismässig wenig, und auch diese beurteilte er gerne nach theoretischem Gesichtspunkte. Erlebte für seine Ideale und von seinen Idealen, die er stets mit enthusiatischem Schwung der Rede vertrat, die ihn aber manchmal recht weit von den Wirklichkeiten des Lebens ablenkten..

So bekämpfte er die Auslagen für die Ausbildung und Schlagfertigkeit unserer Armee, aus voller, ehrlichster Überzeugung zwar, aber in einseitiger Betonung des Friedensideals und unter Verkennung der wahren Sachlage und der Lehren unserer Geschichte.

Neben dieser systematischen Opposition gegen die Militärausgaben betrafen seine grossen kunstvoll, aufgebauten Reden fast ausschliesslich das kulturelle Verhältnis zwischen, dem Kanton Tessin und der Eidgenossenschaft. Dieser Frage hatte er seine ganze Aufmerksamkeit zugewendet, und er vertrat den Standpunkt, dass die Eidgenossenschaft der italienischen Sprache und Kultur zu wenig Rechnung trage. Manches, was Romeo Manzoni hierüber vorgebracht hat, hält einer objektiven Kritik nicht stand.

Sein leidenschaftliches Temperament störte auch hier in manchen.

Punkten das Gleichgewicht seines Urteils.

Aber diese Unstimmigkeiten treten heute zurück vor der grossen patriotischen Idee, die den feurigen Tessiner bewegte.

Manzoni forderte vermehrte Pflege der italienischen Sprache und Kultur, um das geistige Band zwischen dem Kanton Tessin und der übrigen Eidgenossenschaft zu stärken, um seinem Kanton einen grösseren Anteil an unserem nationalen Leben zu verschaffen, damit die Schweiz ihre internationale Mission als Vermittlerin zwischen germanischer und lateinischer Kultur besser erfüllen könne. Diese edlen Bestrebungen stehen durchaus im Einklang mit dem Denken und Fühlen des Schweizervolkes, das in der freien Entfaltung aller unserer Sprachen und in der gemeinsamen Arbeit aller Landesteile eine vornehme Quelle unserer intellektuellen Kraft und Regsamkeit erblickt. Und gevviss hatte Manzoni recht, wenn · er davon ausging, dass ein intensiveres Studium der italienischen Sprache seitens der Eidgenossen deutscher und französischer Zungen unserem ganzen Lande zum grossen Vorteil gereichen würde. Manzoni war sich dessen bewusst, dass die Annäherung zwischen den einzelnen Sprachgruppen sich nur

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auf dem Wege der Gegenseitigkeit vollziehen könne, und dass auch die Eidgenossen italienischer Zunge sich immer mehr bemühen müssen, die Sprache und Eigenart der Deutschschweizer kennen und verstehen zu lernen. Wenn er diese Seite der Frage und überhaupt die in den tatsächlichen Verhältnissen liegenden Schwierigkeiten nicht hervorhob, so erklärt sich das aus seiner Stellung als Vertreter des kleinen italienischen Sprachgebietes, dessen Postulate er mit stärkstem Nachdruck gegenüber der deutschen und französischen Schweiz glaubte geltend machen zu sollen. Auch Manzoni, der sicherlich oft nicht recht verstanden wurde, wollte im Grunde gar nichts anderes, als den edlen Wetteifer unserer verschiedenen Sprachgruppen für das Wohl des gesamten Vaterlandes auf der Grundlage gegenseitigen Verständnisses und gegenseitiger Unterstützung. In diesem Sinne wollte er durch liebevolle Pflege seiner Muttersprache die Solidarität und Kraft des Schweizervolkes stärken. Das erhellt auch aus seinem von edler Vaterlandsliebe diktierten Testament, in dem er zugunsten dieser seiner Bestrebungen ein namhaftes Legat^ den grössern Teil seines Nachlasses, ausgesetzt hat.

Romeo Manzoni wurde in den letzten Jahren durch vielfaches Familienunglück und durch schwere Krankheit heimgesucht. Schon lange haben wir ihn nicht in der Bundesversammlung gesehen. Nun ist er seinen Leiden, die er mannhaft ertrug, erlegen. Freund und Gegner werden der Überzeugungstreue und der idealen Gesinnung des Verstorbenen stets mit Hochachtung gedenken.

Ich ersuche Sie, ineine Herren Ständeräte, zur Ehrung unserer verstorbenen Kollegen, National rat Calame-Colin und Nationalrat Romeo Manzoni, sich von Ihren Sitzen zu erheben.

Der Ständerat bestellte am 2. Dezember sein Bureau wie folgt: Präsident: Herr K u n z , Gottfried, von Diemtigen, in Bern, bisher Vizepräsident.

Vizepräsident : Herr R i c h a r d , Eugen, alt Staatsrat, von und in Genf.

I. Stimmenzähler : Herr S i m o n , Henri, von Ste-Croix, in Grandson.

II. Stimmenzähler: Herr Lusser, Florian, von und in Altdorf.

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