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Bericht des

Schweiz. Konsuls in Ancona (Hrn. Konrad Blumer von Schwanden, Glarus) über das Jahr 1873.

(Vom 23. Juni, eingegangen 30. Juli 1874.)

An den hohen Schweiz. Bundesrath.

Allgemeines.

Was die Produkte der L and cul tur anbetrifft, so ist das verflossene Jahr nicht unter die gesegneten zu zählen. In Folge des sehr milden Winters hat sich die Kornsaat frühe entwickelt und zwar dermaßen, daß die Felder Ende Februar soweit voran waren, wie dies in gewöhnlichen Jahren erst Ende April der Fall zu sein pflegt. Zum fernem Fortgedeihen hätte die Witterung in der Folge mild und von fruchtbaren Regengüssen begleitet sein sollen; statt dessen wurde die Temperatur kalt und trocken, und die Vegetation plötzlich aufgehalten. Daß die Kornfelder durch diesen plötzlichen Temperatur-Wechsel leiden mußten, brauche ich wohl kaum hinzuzufügen. Zu diesem allgemeinen Schaden gesellte sich noch der partielle einzelner Striche dieses Konsularbezirkes, welche durch den Hagel heimgesucht wurden, wobei zu bemerken ist. daß überhaupt in den letzten Jahren dieser Konsularbezirk öfter als früher und in ausgedehnterer Weise vom Hagel heimgesucht wird, was Viele der Abholzung der Wälder zuschreiben wollen. --

822 Dem starken Regen des Frühlings folgte die Trockne, welche von Ende Juni mit wenigen Unterbrechungen bis Ende September andauerte. Die Folge davon war, daß die Mais-Ernte litt, welche i« ebenen Gegenden nur 1/3 und auf den Höhen etwas mehr als die Hälfte einer gewöhnlichen Ernte ergab.

Der Wein-Ertrag war ebenfalls karg und es braucht Zeit, bis die Folgen der schlechten Ernte wieder überwunden sind. Die Gutsbesitzer, denen natürlicherweise ein großer Theil der gewöhnlichen Einkünfte fehlte, waren doch genöthigt, ihre Bauern zu ernähren, und dieser Umstand hat nicht nur auf der einen Seite, die Verhältnisse der Grundeigentümer beeinträchtigt, sondern auch auf der andern die Bauern in Schulden gebracht, und es wird Jahre brauchen, bis sie im Stande sein werden, diese wieder abzuzahlen. Die Noth zeigte sich hauptsächlich im Winter, wo ungeheure Quantitäten von Mais eingeführt werden mußten, die BU.

äußerst hohen Preisen verkauft wurden, da sie sich in den Händen der Spekulation befanden.

Neue i n d u s t r i e l l e Etablissemente sind in nächster Umgebung keine gebaut worden und es fehlt, wie in meinem letztjährigen Bericht bereits bemerkt, an Unternehmungsgeist, sowie auch au den nöthigen Geldmitteln. Die Seidenspinnereien sind die nämlichen geblieben und außer wenigen rühmlichen Ausnahmen (meistens von Ausländern) wird im Allgemeinen in diesem Cousularbezirk wenig gethan, um das Produkt zu verbessern. Die Leute werden jedoch mit der Zeit durch Schaden klug werden, und fangen an, wenn auch langsam, sich zu überzeugen, daß sie weder Geld noch Mühe scheuen dürfen, um ihr Gespinnst zu verbessern, damit sie mit den Produkten anderer Länder und Oberitaliens concurriren können. Sie werden sich belehren und überzeugen lassen, daß, was vor Jahren gut geheißen wurde, heute nicht mehr gut ist, und daß heutzutage mehr verlangt und andere Ansprüche gemacht werden, als dies vor Jahren der Fall war.

Daß der H a n d e l im Allgemeinen unter den obwaltenden Umständen leiden mußte, versteht sich wohl von selbst. Die mißrathene Ernte und die Theuerung der notwendigsten Lebensmittel erklären dies zur Genüge. Natürlich wird auch das Gold- und Silber-Agio, welches der Consument bei Allem, was er kauft,, bezahlen muß, sehr verspürt. Die Bewohner unseres Konsularbezirkes, welche sich hauptsächlich von Landbau, Fischerei und, Rhederei nähren, dachten früher nie ans Auswandern; jetzt jedoch sieht mau die Bevölkerung, deren Kräfte im Lande selbst nothwendig wäre, ihr Glück in Amerika suchen, indem sie im Lande die nöthigen Mittel nicht findet, um ehrbar durchzukommen..

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Es sind dies unglückliche Zustände, und angenommen auch, daß das Uebel hauptsächlich von einem Fehljahre herrührt, so wäre immerhin anzunehmen, daß die Regierung, wenn sie auch nicht im Stande ist, dem Uebel ganz abzuhelfen, doch die Mittel ergriffe,, welche ihr zu Gebote stehen, um demselben entgegen zu wirken.

Die V e r k e h r s m i t t e l sind die nämlichen geblieben. Der Betrieb der römischen Eisenbahn, d. h. der Linie von Ancona via, Falconare-Foligno nach Rom, sollte in die Hände der Südbalm übergehen; jedoch ist man bis dato noch zu keiner Verständigung in diesem Sinne gekommen. Für den Handel wäre dies ein großer Vortheil, indem vorauszusehen ist, daß alsdann der Dienst besser besorgt würde, als es jetzt der Fall ist. Die Dampfschifflinien sind die nämlichen geblieben.

Oeffentliche Bauten.

Die Baulust im Allgemeinen ist sehr gering. Der Corso in Ancona ist immer noch nicht vollendet und nur wenige neue Häuser sind aufgeführt worden. Die Quaibauten schreiten ihrer Vollendung entgegen. Die Ausbaggerung des Hafens wird langsam betrieben, so daß größere Schiffe stets noch nicht bei den Magazzeni generali löschen können, und man sich nach wie vor der Lichtschiffe bedienen muß, was dem Handelsstande bedeutend mehr Spesen verursacht. Die alte Barake, welche als provisorischer Bahnhof seit über 10 Jahren figurirt, steht immer noch. Der neue Bahnhof, welcher etwas näher der Stadt kömmt, ist bereits im Bau begriffen ; jedoch hat der Uebernehiner für den Bau 3 Jahre Frist. Die Verbindung der Magazzeni generali mit dem Quai der westlichen Seite des Hafens durch einen Sc-hienenstraug bleibt stets noch im Stadium des Projekts. Die Finanzen dieser Stadt sind in einer ganz traurigen Lage und es werden weder die ZinsCoupos der gemachten Anleihen noch die ausgeloosten Obligationen eingelöst, was unsere Bankinstitute in der Schweiz beachten mögen.

Nach dieser allgemeinen Uebersicht gehe ich zu einer speziellen Besprechung derjenigen Artikel über, welche hauptsächlich den Handel hiesigen Consularbezirkes ausmachen.

Ausfuhrartikel.

H a n f . Die Hanf-Ernte im Jahre 1873 war im Allgemeinen sehr reichlich. Was die Qualität anbetrifft, so war sie schön, be-

824 .sonders in Cesena, wo dieses Produkt sich jährlich besser gestaltet.

Der Hanf von Ferrara wuchs mit großen Fasern auf und eine große Partie war mangelhaft. Der bessere Gargiolo wurde, wie gewöhnlich, nach Holland und Belgien exportirt, wie auch ein ziemliches Quantum nach Frankreich, der Schweiz und Deutschland gieng. Der Cordaggio hat seine Käufer in England und Amerika gefunden. Die Preise waren in Bologna von Lire 118 bis 125 je nach Qualität per 100 Kilogramm, in Cesena von L. 111 bis 125, in Ferrara von L. 108 bis 116. Die Aussichten auf die nächstjährige Ernte sind nicht günstig zu nennen und es steht zu befürchten, daß die Preise hoch gehalten sein werden.

Weinstein.

Die 1873er Weinernte ist iu jeder Hinsicht, wie bereits angedeutet, als verfehlt zu betrachten. Zu Anfang des Jahres war man zu den besten Hoffnungen berechtigt; im April trat jedoch Kälte mit Hagelschlag ein, und was hiedureh nicht zerstört war, wurde durch die darauffolgende, langanhaltende Dürre vollständig ruinirt. Die Gesammt-Produktion von Weinstein war daher eine sehr geringe und erreichte kaum 140 Tons, wovon circa :l/i für die chemischen Fabriken Süddeutschlands und Oesterreichs eportirt ·wurden, während der Rest nach England und Amerika verschifft wurde.

Die hiesigen Ankaufspreise variirten zwischen 170 und 200 Lire per 100 Kilogr., und es war das geringe Produkt bald gana disponirt.

H alb r a f f i n i r ter Cremor.

Durch die ausnahmsweise hohen Preise für Weinstein waren die Fabrikanten genöthigt, hauptsächlich Weinstein-Staub und Weinstein-Hefe zu verarbeiten, was natürlich eine Verminderung der Qualität zur Folge hatte. Trotzdem war die Nachfrage sehr bedeutend und wurde viel nach Neu-York und England exportirt.

Die Preise hielten sich fortwährend hoch und zwar von 250 bis 280 Lire per 100 Kilogr.

Raffinirter Cremor.

Das ganze Produkt wurde nach Ocsterreich und Norditalien versandt; nur ein kleiner Theil gieng nach London. Die Preise yariirten zwischen 280 und 300 Lire per 100 Kilo.

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Holz.

W a l l n ü ß h o 1z.

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Die im letztjährigen Bericht angedeuteten traurigen finanziellen Verhältnisse unserer Provinz haben es so weit gebracht, daß dieser einst so bedeutende Export-Artikel nächstens nicht, mehr aufgeführt werden kann. Dieses Faktum, sowie auch die veränderte Mode in England, wo anstatt der bisher üblichen WallnußholzMeubles jetzt hauptsächlich solche von Mahagoni beliebt sind, verursachten einen bedeutenden Rückgang der Preise. Im ganzen wurden von hier circa 500 Cubikmeter nach Frankreich und England exportirt und dafür 100 bis 280 Lire per Cubikmeter bezahlt.

Eichenholz.

Sehr bedeutende Quantitäten Eisenbahnschwellen wurden wieder von hier aus verschifft, theils nach dem Orient, theils nach Sicilien und Piémont. Preis 43/t à 5 Lire per Stack franco Bord, für gewöhnliche Dimensionen.

Lamm-undZiegenfelle.

In Folge des strengen Winters und der darauffolgenden Trockenheit waren die Thiere nicht recht genährt worden; auch -wurde der Ertrag durch große Sterblichkeit in der Quantität sehr beschränkt. Preise standen hoch : circa L. 3. 20 für Lammfelle im Sortiment per Stück. Von den Lammfellen (im ganzen zirka 250,000 Stück) giengen 150,000 Stück nach Deutschland, 30,000 nach Frankreich, 40,000 nach England und der Rest, zirka 30,000, nach Oesterreich und in die Fabriken von Neapel.

Schwefel.

Die ganzen Provinzen Romagna, Umbrien und die Märchen sind wegen dieses Artikels in Aufregung: Jeder will Minen entdecken, Jeder schürfen. Unglücklicherweise sind jedoch die finanziellen Verhältnisse unserer Provinzen derart, daß diese Industrie meist von unbemittelten Leuten an Hand genommen wird. Die Sache kann daher nicht den richtigen Aufschwung nehmen und es wäre zu wünschen, daß die geschäftlichen Verhältnisse Europas im Allgemeinen sich wieder bessern möchten, damit das Vertrauen zurückkehrte und fremdes Kapital die hiesige Schwefel-Industrie unterstützte. Es ist durch die an verschiedenen Punkten der genannten Provinzen vorgenommenen Schürfungen festgestellt, daß das hiesige

826 Schwefelbecken an Ausdehnung dem sicilianischen nahe kömmt und daß, was Qualität anbetrifft, unser Produkt unübertroffen ist.

Die Preise waren im Ganzen ziemlich hoch, nämlich L. 18--20 per 100 Kilogr.

Seide.

Die im Jahr 1873 in der Provinz Ancona produzirte Seide wird ungefähr das Quantum vom vorhergegangenen Jahr erreicht haben, d. h. 40,000 à 45,000 Kilo; jedoch ist der Rohstoff dazu nicht ausschließlich in der Provinz gezogen, sondern es geben dazu andere, mehr oder weniger naheliegende Provinzen ihren Tribut, indem an die zwei Hauptcocons-Märkte Jesi und Osimo nicht über Kilo 300,000 Cocons gebracht wurden ; dies ist Übrigens je. nach Conveniez der andern Cocons-Märkte jedes Jahr der Fall, da die Cocons-Ernte der Provinz die gegenwärtig funktionirenden Filanden nicht versehen, könnte.

Auch im verflossenen Jahr verleitete das Beispiel der Lombardei und Piemonts unsere Spinner, sehr hohe und von Anfang der Campagne an unerschwingliche Preise für die Cocons auszulegen; die Preise der guten annuellen Japan-Cocons (grün) hielten sich auf L. 7 und mehr, und einheimische gelbe Cocons wurden mit L. 8 bis 11 bezahlt, je nach Qualität und voraussichtlichem Ergebniß in Seide.

Die ersten Seidenpreise, von denen aber nur wenige. Spinner Nuzen gezogen, theils wegen der fast augenblicklich eingetretenen Suspension der Ankäufe, theils weil sie dieselben unter den wahrscheinlichen Selbstkosten fanden, standen auf L. 115 à 10!). 50, je nach Qualität, so zwar, daß 115 für ganz exceptionelle Waare und 109. 50 für ganz gute, classische Waare bewilligt wurde. Drei Monate nachher kaufte man die gleiche Waare, die, im Juni 109. 50 bezahlt wurde, zu L. 98 und von da an kam es mit, kleinen Reprisen dazu, daß man im Mai 1874 für den Saldo einer Partie, deren erste und weniger gute Hälfte à L. 109. 50 gekauft war, noch L. 78 erlösen konnte.

Auch im Jahr 1873 verführte der immerfort schleppende, Geschäftsgang viele Seidenspinner dazu, ihre Seide auf fremde. Plätse zu senden, was jedenfalls auch zum Abschlage- beigetragen hat.

S t r u s e n , deren Produktion in der Provinz vielleicht nicht ganz Kilo 15,000 erreichte, wurden für ganz classische Waare à L. 15 bewilligt, gute und schöne Waare à L. 14 à 13, und es wurde, was nicht im Sommer und Herbst verkauft worden, noch tiefer begeben wegen des schlechten Abganges der daraus verfertigten Artikel.

827 Die in Jesi errichtete Carderie betheiligte sich an diesen Ankäufen mit circa 4--5000 Kilo, die aber noch gegenwärtig, nebst anderwärts gekauften Vorräthen, in den Magazinen dieses Etablissements liegen, da solches vor Herbst'schwerlich wird arbeiten können.

Die letztes Jahr schon angezeigte Rückkehr zu den im Lande produzirten Saamen von einheimischer, gelber Race kann auch für 1873 bestätigt werden, und zwar in vermehrtem Maß, wegen des meistentheils guten Ersatzes derselben und der immer mehr sich bestätigenden schlechten Ergebnisse der japanesischen Cartons.

Einfuhr.

Manufakturwaaren.

Der Handelsverkehr zwischen Italien und dem Auslande war in den verschiedenen Manufakturwaaren durchaus kein lebhafter.

Hauptsächlich läßt sich der Ausfall in der Einfuhr dieser Artikel der durch die Mißernte entstandenen Theuerung der Lebensmittel, sowie dem steten Steigen der Valuta zuschreiben. .

G a r n e , sowohl r o h e , als g e b l e i c h t e , nehmen in der Einfuhr zu, trotz der im Inlande in Betrieb stehenden Spinnereien, welche eben den Bedarf bei Weitem nicht^ decken. Hingegen hat die Einfuhr in g e f ä r b t e n Garnen abgenommen, da der Zollunterschied zu bedeutend ist und die inländischen Färbereien allen Ansprüchen gerecht werden.

Baumwollwaaren.

Hier hat die Einfuhr in einzelnen Artikeln, wie g e d r u c k t e C a t t u n e , abgenommen; dagegen waren die Zufuhren von ged r u c k t e n T a s c h e n t ü c h e r n (besonders türkisch rotheu) bedeutend, da die einzige inländische Druckerei eingieng.

B u n t g e w e b t e S t o f f e , sowohl Toggenburger- als englische und deutsche, sind von den italienischen Märkten durch inländische Fabrikate jetzt ganz verdrängt.

W o l l s t o f f e , ' schwere, wurden gar nicht eingeführt, da durch den milden Winter der Verkauf ins Stocken gerieth, so daß alle Lager überfüllt blieben, während ferner die fabelhaft gesteigerten Preise dieses Artikels den Muth zu neuen Bestellungen vollständig nahmen. Nur in H a l b w o l l e und l e i c h t e n Stoffen hat die Einfuhr zugenommen, und zwar wurde größtenteils deutsches Fabrikat eingeführt. Von S t r u m p f waaren wurde etwas Weniges aus England und Sachsen bezogen, indem auch dieser Artikel durch

828 die. vermehrte > Leistungsfähigkeit der Fabriken in Mailand und Genua, welche selbst exportiren, eine Hemmung erlitt.

In B'a.ri d w a ar en sind die Schweiz und Barmen von dem italienischen Markte ganz auf die Seite geschoben ; dagegen hat erstere ihrerseits in Z u g b ä n d e r n und E l a s t i q u e s sowohl englische als deutsche Fabrikate in den Hintergrund gestellt.

L e i n e n -W a a r e n.

Die bisher eingeführten Handgewebe sind durch die gediegenere und billigere inländische Fabrikation von der Einfuhr gänzlich ausgeschlossen und nur in leichteren gebleichten und gedruckten Leinen machte sich noch Bedarf ausländischer Erzeugnisse fühlbar..

Die früher aus der Schweiz gekommenen T o i l e s R u s s e s finden gar keinen Absatz mehr in Italien; hingegen, herrscht stets reger Begehr nach g e d r u c k t e n l e i n e n e n T a s c h e n t ü c h e r n , vorzugsweise schweizerischer Produktion.

Getreide.

Vor der WaizenrErnte und selbst noch heim Dreschen waren die Ansichten über das Ergebniß sehr getheilt und ungewiß; obwohl die schlechte Witterung die Pflanze in ihrem üppigen Wachsthuin getroffen hatte, konnte man das Defizit sehr in Frage stellen, später aber mußte man dann wahrnehmen, daß das Ergebniß besondersin unsern. Provinzen und in den Abruzzen durchschnittlich knapp ausgefallen war. Zuerst sprach man von L. 33 per 100 Kilo; aber dieser Preis lockte keineswegs unsere Gutsbesitzer an, da sie eines .höhern gewiß waren. Die Noth im allgemeinen Verbrauch und der Mangel am Markte ließen nach und nach diePreise auf 37 und 39 Lire per 100 Kilo steigen. Zu dieser Erhöhung trug noch die Unvorsichtigkeit des Aufkaufens der Militärvorräthe in unsern Provinzen sei, wodurch die Depots fast erschöpft wurden. Die Preise stiegen noch mehr bis auf einen Punkt, der in den Zeiten der größten Knappheit nicht erreicht worden war.

In diesem letzten Zeiträume des Jahres 1873 bezahlte man das Getreide 42--43 Lire und in einigen Fällen kam es bis zu 44 per 100 Kilo, während das hohe Agio des Goldes eine größere Einfuhr, welche sehr wünschenswerth gewesen wäre, verhinderteDie Saison scheint mit schwächern Preisen zu schließen; aber die allgemeine Meinung ist, daß wir keinen starken Preisrückgang von einiger Dauer haben werden, da die neuen Produkte ziemlich verspätet und die Depots leer sind.

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Die große Hitze und Trockenheit verursachten ungeheuren Schaden auf den Maisfeldern und das Resultat war dort ebenfalls ein sehr trostloses, so daß auch für diesen Artikel die Preise fortwährend stiegen. Man mußte Anfangs zu den. venezianischen und piemontesischen Gattungen seine Zuflucht nehmen; aber diese genügten keineswegs. Stadtverwaltungen und Landbesitzer machten große Einkäufe und so hatten wir auch bald steigende Preise, die bis zu L. 28 gingen. Die Hausse hörte indessen noch nicht auf, man mußte sich zu ausländischen Qualitäten wenden, und es hatten diejenigen von Salonichi in unsern Provinzen den Vorzug. Preise stiegen bis zu L. 33. 50 und 35. Später jedoch verringerten die vielen Zufuhren die Nachfrage, so daß die Saison mit L. 30 und 31 schloß.

Auch die B o h n e n - E r n t e war mangelhaft; das für den Bedarf Nothwendige wurde aus der Puglia, bezogen und es giengen die Preise bis auf L. 36 per 100 Kilo.

Häute.

Das vergangene Jahr 1873 war nicht so glänzend für den Handel in Fellen und Leder, wie das vorhergehende; vielmehr war das Geschäft in diesem Fache sehr- unbeständig und endete mit entschiedener Stille. Zu diesem Resultat trugen mehrere Gründe bei: Erstens ist zu bemerken, daß die schlechte Ernte um Vieles den Verbrauch von verarbeitetem Leder verringerte; dadurch winden die Depots stark vermehrt, also auch das Geschäft um so schwieriger und um so niedriger die Preise. Sodann kam die WienerHandelskrisis störend hinzu, indem man eine Menge verarbeiteten Leders nach Wien zu senden gepflegt hatte, besonders Sohlen, welcher Ausweg nun auch fehlte. So entstund eine stets größere Differenz zwischen dem immer theurern Preis des rohen Leders und dem Ertrage des verarbeiteten; dies wirkte einschränkend auf die Einkäufe von Seite der Gerber einerseits und der Händler anderseits. Diese Zurückhaltung im Kaufen hält noch immer an, da die Preise unverändert hoch sind Und ebenso der Sconto für unser Papier.

Die Einfuhr, besonders von Indien, welche im Jahr 1872 so bedeutend war, hat sich um Vieles vermindert, weil man in den nahen Plätzen Venedig und Triest sehr viel angehäufte Waare hatte, und so die Ordres von unsern Handelshäusern dorthin abgegeben wurden, zumal da auf den genannten Plätzen besser gekauft werden konnte, als im Produktionslande.

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Im Jahre 1873 verfügte die Stadtbehörde, daß die rohen Felle sämmtlich in den Magazzeni generali deponirt werden sollten, .was außer größern Auslagen auch viel mehr Mühe verursachte; es ließen daher mehrere Häuser ihre Waare nach Genua, Venedig und Triest gehen, weil von dort aus schneller und bequemer in das Innere des Landes versandt werden konnte.

Metallwaaren.

Die außergewöhnlichen Verhältnisse, in welchen im Jahr 1873 sich der Handel in Eisenwaaren unerwartet befand, ließen in den letzten Monaten einen bessern Geschäftsgang hoffen; aber .diese Erwartung wurde bald getäuscht. Der im Januar 1873 in England ausgebrochene Strike zwischen Fabrikanten und Arbeitern zwang für ein Vierteljahr die ganze Eisen- und Kohlen-Industrie jenes Hauptproduktionslandes zur Unthätigkeit, welche nicht allein seine eigenen Interessen, sondern auch die des gesammten Europa schädigte. Es ist hier nicht der Ort, die Gründe aufzusuchen, welche jene Crisis herbeiführten; es genügt zu konstatiren, daß das Kapital, ohnmächtig gegen die vereinigten Arbeitskräfte, sich schwere Bedingungen auferlegen lassen mußte, worunter die Verminderung der Arbeitszeit und Erhöhung des Lohnes die bedeutendsten waren. Als unausbleibliche Folge traten höhere Preise der Eisenwaaren ein; dieselben erreichten fast das Doppelte des Durchschnitts der frühern Jahre. Frankreich ·und Belgien, welche von jenen Fragen nicht berührt waren, konnten England entsprechende Conkurrenz machen, und selbst Italien, welches im Vergleich zu jenen in diesem Artikel nur eine untergeordnete Stellung einnimmt, sah sich in der Lage, seine neubelebte Produktion zu verdoppeln und verbesserte sie der Art, daß es sich theilweise von dem feinen Eisen aus Kärnthen und Steiermark emanzipiren konnte. Im Anfang des Jahres verkaufte man zu L. 37. 50 die gewöhnlichen inländischen Stangen, und zu L. 42 diejenigen von englischer oder französischer Provenienz.

Colonialwaaren.

Zucker.

Während unsere hiesigen Importhäuser im Jahre 1872 oft Convenienz fanden, auf dem Markte von Marseille Einkäufe zu machen, hat im Laufe des Jahres 1873 Holland wieder seine frühere Stellung behauptet.

831 Ich glaube nicht weit fehl zu gehen, wenn ich das in Aucoua direkt importirte Quantum auf 2700 Tons schätze, wovon circa 2000 auf Holland fallen.

Frankreich sandte kleinere Quantitäten von pulverisirter Waare, mußte jedoch den Raffinerien von Pisa und Sampierdarena den Platz räumen, indem der dort verarbeitete, pulverisirte egyptischo Zucker nicht nur hinsichtlich der Qualität, sondern auch wegen des niedern Preises starke Concurrenz ausübte; es ist vorauszusehen, daß diese Qualität hauptsächlich in der Bürgerklasse die Stelle der Piles einnehmen wird. Im Betrag von circa 300 Tons wurde österreichischer rafflnirter Zucker eingeführt. Es hatte den Anschein, als ob gewisse Marken dieser Provinzen wegen der niedrigen Kosten sich regelmäßigen Absatz auf unserm Markte verschaffen könnten; jedoch war der Zucker wegen des schlechten Beigeschmacks nicht beliebt.

Kleine Quantitäten wurden von der neuen Raffinerie LigureLombarda eingekauft, deren Produkt hinsichtlich der Qualität nichts zu wünschen übrig läßt. -- Die Geschäfte in diesem Artikel waren auch im verflossenen Jahr hinsichtlich des damit erzielten Verdienstes befriedigend.

Was den Artikel K a f f e e anbetrifft, so hat derselbe den im Jahre 1872 angefangenen Weg des Aufschiagens nur fortgesetzt.

Da die Consumtion sich au die hohen Preise gewöhnt halte, so gab dieser Umstand Veranlassung zu neuen Operationen, deren Resultate sehr befriedigend ausfielen. Die Qualitäten von Rio de Janeiro, welche den hiesigen Hauptconsum bilden, wurden in ziemlich bedeutenden Quantitäten eingeführt, und zwar von Genua, Marseille und Liverpool. Diejenigen von St. Domingo und Babia, welche sonst weniger begehrt sind, waren es wegen der relativ niedern Kosten ebenfalls.

In P f e f f e r waren die Operationen unbedeutend, indem die Spekulation wegen der hohen Preise sich nicht veranlaßt sah, Geschäfte von Belang zu machen, und es somit beim puren Gousuin blieb.

Der direkte Bezug aller dieser Artikel von Ostindien will bei den hiesigen Kaufleuten noch immer keinen rechten Aufschwung nehmen. Das nahe Venedig dagegen hat das Wichtige einer direkten Importation besser verstanden, und es haben auch die Geschäfte mit jenen Ländern bedeutend an Ausdehnung gewonnen.

Bundesblatt. Jahrg. XXVI. Bd. II.

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Bericht des schweiz. Konsuls in Ancona (Hrn. Konrad Blumer von Schwanden, Glarus) über das Jahr 1873. (Vom 23. Juni, eingegangen 30. Juli 1874.)

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