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Schweizerische Bundesversammlung,

Bei Eröffnung der Sitzung vom 26. Juni gedachten die Präsidien beider Räte des am 24. Juni in Lyon ermordeten Präsidenten der französischen Republik.

Herr Nationalratspräsident B r e n n e r äußerte sich folgendermaßen : Meine Herren Kollegen!

Während der kurzen Spanne Zeit, seit welcher unser Rat seine Sitzungen unterbrochen hat, ist unsere Schwesterrepublik Frankreich in tiefste Trauer versetzt worden.

Marie François Sadi C a r n o t , Präsident der französischen Republik, ist das unglückliche Opfer eines wahnwitzigen Verbrechens geworden. Die That eines ruchlosen Meuchelmörders hat ein großes Land eines großen Bürgers beraubt und eine ganze Nation mit Schrecken und Entrüstung erfüllt.

Die Präsidentschaft des so jählings aus seiner hohen und verantwortungsvollen Stellung gerissenen Staatsoberhauptes bedeutet für Frankreich die Mehrung seines Ansehens im Rate der Nationen und eine glückliehe Periode stetiger friedlicher Entwicklung. Und der Name Carnot ist auf alle Zeiten mit der siegreichen Abwehr der gegen die Grundpfeiler der republikanischen Staatsform gerichteten Angriffe ruhmvoll verknüpft.

Der große Tote galt insbesondere uns Schweizern als der Inbegriff eines überzeugungstreuen Republikaners, der von dem festen Willen beseelt war, den demokratischen Formen der Verfassung seines Landes lebendigen Geist einzuhauchen, und ein leuchtendes Vorbild uneigennütziger Pflichterfüllung und unantastbarer Lauterkeit der Gesinnung zu sein.

Ich weiß mich daher mit Ihnen, den Repräsentanten des schweizerischen Volkes, in voller Übereinstimmung, wenn ich in Ihrem Namen das französische Volk und seine Behörden bei Anlaß des erlittenen schmerzlichen Verlustes von dieser Stelle aus unserer herzlichsten Teilnahme versichere, und die zuversichtliche Hoffnung ausspreche, daß Frankreich den schweren Schlag, von dem es betroffen worden, überwinde und daß seine republikanischen Institutionen auch aus dieser herben Krisis ungeschwächt hervorgehen werden.

95 Meine Herren Kollegen ! Ich lade Sie ein, diesen tiefempfundenen Gefühlen dadurch Ausdruck zu geben, daß Sie sich von Ihren Sitzen erheben.

Auf Antrag des Herrn Präsidenten wurde hierauf noch einstimmig beschlossen, nachfolgendes Telegramm an die französische Deputiertenkarmner zu adressieren : ,,Der schweizerische Nationalrat übermittelt der französischen Deputiertenkammer den Ausdruck seines lief'sten Beileides an dem großen Verluste, den die französische Republik soeben in der Person ihres allseitig verehrten und hochgeschätzten Präsidenten erlitten hat, sowie seine lebhafte Entrüstung über das schändliche Verbrechen, dessen Opfer Herr Carnot geworden ist."1 Die Worte des Herrn Ständeratspräsidenten de T o r r e n t e lauteten : Hochgeachtete Herren !

Kaum einige Monate sind verflossen, seit Ihr Präsident, Herr M u n z i n g e r , als Wortführer der einmütigen Stimmung Ihres Rates, in beredten Ausdrücken das gegen die französische Abgeordnetenkammer gerichtete Attentat gebrandmarkt hat. Glücklicherweise hatte dieses Attentat keine verhängnisvollen Polgen, sondern bot vielmehr den Vertretern-des französischen Volkes Anlaß, eine allgemein bewunderte Kaltblütigkeit an den Tag zu legen. Und schon wieder hat sich ein abscheuliches Verbrechen ereignet, dessen Opfer Herr C a r n o t , der Präsident der französischen Republik, geworden ist; aber diesmal hat die Frevlerhand ihr Ziel leider nur zu gut erreicht, und mit Entsetzen und tiefstem Schmerze hat die ganze Welt gestern die Nachricht vernommen, daß das Oberhaupt Frankreichs ermordet worden sei. In dem Augenblicke, als Herr Carnot, mitten in der Ausübung seiner amtlichen Funktionen, bei einer jener großen Kundgebungen den Vorsitz führte, die von der Lebenskraft des französischen Volkes auf dem Gebiete der Künste sowohl als auf demjenigen des Handels und der Gewerbe ein so glänzendes Zeugnis geben, ist er dem Dolche des Mörders erlegen. Herr Carnot hat den Staat in allen Lagen mit vollkommener Würde und feinem Takt vertreten, mit seiner wohlwollenden Gemütsart schuf er um sich herum gleichsam eine Atmosphäre der Freundlichkeit und des Friedens, und man hätte meinen mögen, das Leben dieses Mannes, der so durch einen gewaltsamen Tod der Liebe und der Achtung des französischen Volkes entrückt worden ist, hätte vor allen andern Anspruch auf besondern Schutz gehabt.

Wir bezeugen der Regierung der französischen Republik unsere innigste Teilnahme bei dem Verluste dieses hervorragenden Staats-

96 mannes, der ihre Geschicke lenkte, und zugleich drücken wir ihr unseren tiefgefühlten Abscheu über eine so fluchwürdige That nus.

Wir hegen den Wunsch, dieses tragische Ereignis möge die Entwicklung der republikanischen Einrichtungen Frankreichs, die dem Staate mehr als zwanzig Jahre lang Gedeihen, Fortschritt und Frieden gesichert haben, in keiner Weise beeinträchtigen.

Und ebenso hoffen wir, diese wiederholten Fi-evelthaten, die nicht sowohl gegen die einzelnen Personen, als vielmehr gegen die bestehende Staatsordnung gerichtet sind, werden dazu fuhren, daß die erhabenen Grundsätze der christlichen Lebensweisheit wieder hochgeachtet werden ; denn diese allein vermögen die menschliche Gesellschaft vor dem Untergange zu retten, der ihr von Seiten der anarchistischen Bestrebungen droht.

Wir gestatten uns auch, die Hoffnung auszudrücken, dieses schmerzliche Ereignis werde die Bestrebungen zur Erhaltung des Friedens, dessen die Völker in so hohem Maße bedürfen, in keiner Weise durchkreuzen, und ganz Europa, einig in der Verdammung des begangenen schrecklichen Verbrechens und durchdrungen von dem Gefühle der gesellschaftlichen Solidarität, werde unserem Nachbarstaate seine warme Teilnahme bei dem Unglück bezeugen,0 das ihn betroffen hat.

Von diesem Gefühle ausgehend, hochgeachtete Herren, beehre ich mich, Ihnen zu beantragen, sich dem Bundesrate anzuschließen und in Ihrem Namen sowohl als im Namen der schweizerischen Stände der Regierung der französischen Republik die Versicherung darzubringen, daß wir von ganzem Herzen an der öffentlichen Trauer <ier französischen Nation, unserer Nachbarin und Freundin, teilnehmen.

Meine Herren! Ich lade Sie ein, sich von Ihren Sitzen zu erheben, um das Andenken des großen Toten zu ehren.

Der Ständerat beschloß einstimmig die Absendung nachfolgenden Telegramms: ,,An Seine Excellenz Herrn Challemel-Lacour, Präsidenten des Senats, Paris.

,,Der schweizerische Ständerat hat mich beauftragt, dem französischen Senate seine schmerzliche Teilnahme bei dem tragischen Tod des Herrn Präsidenten Carnot auszudrücken und ihm den tiefgefühlten Abscheu über das Verbrechen zu bekunden, das Frankreich seines allgemein hochgeachteten Oberhauptes beraubt hat.

,,Der Präsident des Ständerates : JI. de Torrente."11*

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