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Aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung.

Die e i d g e n o ssts eh e n gesezgebenden Räthe, welche ihre ordentliche Sommersession unterm 14. Juli d. J. auf den 6. November vorzugsweise zur Behandlung der Revision der Bundesverfassung vertagt hatten, find am leztgenannten Tage wieder in Bern zusammengetreten.

Die Sizungen wurden mit Brästdialansprachen erosfnet.

Die Ansprache des Präsidenten vom Rationalxathe, Hrn. Rudolf Brun n er von Bern, ist folgende: .

Meine Herren l

Die Session, welche wir heute beginnen, ist für unser Vaterland

die wichtigste und folgenschwerste seit dem Jahre 1848. Sehen wir

von dem verunglükten Revisionsversuehe des Jahres 1866 ab, so handelt es sich zum ersten Male wieder um einen entschlossenen Schritt.

vorwärts in eidgenossischen Dingen. Bei dem komplizirten Organismus unserer staatliehen Verhältnisse darf sieh indessen Riemand unter uns die Schwierigkeiten dieses Beginnens verhehlen , und wenn es mir zu Ansang dieser Session gestattet ist, einen Wunsch auszusprechen, so ist es d e r , dass die Bundesversammlung von 1871 ihre Ausgabe mit dem gleichen Erfolge losen moge , mit welchem die konstituirende Tagsazung

von 1848 die ihrige gelost hat.

Freilieh tritt der verschiedene Eharakter dieser beiden Perioden auf den ersten Blil. hervor. Während ...as Jahr 1848 nach .einem ersehütternden Sturme aus den Trümmern des alten Staatengebäudes den neuen Bundesstaat sich erheben sah, trägt die Revisionsbewegung des Jahres 1871 , bis jezt wenigstens, das Gepxäge sriedlicher und . ruhiger Entwiklung. Manche wollen sogar gerade hierin den Beweis gesunden haben, dass die Revision der Bundesverfassung zur Stunde noch kein wirkliches Bedürsniss des Volkes sei, sondern nur von oben herab mit künstlichen Mitteln zu einem solchen gemacht zu werden suehe.

Diese Anficht beruht indessen aus einer unrichtigen Schlussfolgerung.

Der Unterschied in dem Charakter der beiden Revisionsperiode.n findet seine ausreichende Erklärung in der Verschiedenheit des Z w e k e s und.

der zu dessen Erreichung anzuwendenden Mittel.

^00 Die gegenwärtige Revistonsbewegung beabsichtigt nicht den snnd..^ mentalen Umbau unsexs Bundes, wie dies im Jahre 1848 notwendig geworden war . sie lässt vielmehr die Grundpfeiler unsers 'Bundesstaates unberührt und will die bestehende Verfassung nicht zerstoren, sondern nur mit den inzwischen neu entstandenen Anforderungen der Zeit in Einklang bringen.

Eben so verschieden, wie der Zwek, sind heute anch die Mittel zur Durchführung einer Revision unserer eidgenossischen Versassung. Unter der alten Tägsazung war es nachgerade unmoglieh geworden, den AnForderungen der überwiegenden Mehrheit des Schweizervolkes ans friedlichem We^e zu genügen, und es bedurste eines gewaltsamen Zn^ sammenstosses zwischen der alten und neuen Zeit, um die Umgestaltung

des Bundes zu Stande zu bringen. Heute dagegen gibt uns die Ver-

fassung selbst die Mittel an die Hand, um ans friedlichem Wege zu allen wünsehbaren Verbesserungen zu gelangen.

Es wäre desshalb nach der Ansicht des Sprechenden ein ossenbarer Trugschluß, aus der ruhigen, gemessenen Haltung unsers Volks gegen^ über der Revistonssrage aus die Abwesenheit eines wirtlichen Revisionsbeditrsnisses zu schliessen.

Werfen wir einen Blik aus alle Gauen unsers Landes, so sehen wir überall die Revisionssragen aus der Tagesordnung. Jn der Vresse, in Vereinen und in ofsentlichen Versammlungen werden die Vorschläge der vorberathenden Behorden besprochen, und fortwährend langen Wünsche und Anträge an die Bundesversammlung ein. Der Grund, wesshalb bis je^t nicht hestiger gedrängt worden ist, liegt in dem Vertrauen, welches das Schweizervolk zur Stunde noch ^und ich hosfe mit Reeht) in den guten Willen und den fefteu Entsehluss seiner obersten Räth.^ sezt, die Revision zu einem gedeihlichen Absehlusse zu bringen.

Sollte jedoch - entgegen aller Voraussicht .-- dieses Vertrauen des Volkes getäuscht werden. sollte namentlich die Bundesversammlung aus Mangel an gegenseitigem Entgegenkommen der verschiedenen ^raktionen nichts Rechtes ^u Stande bringen, dann, ^neine Herren, konnen wir auck, überzeugt sein, dass jene vertrauensvolle Stimmung im Volke.

^anz andern Gesühlen Plaz machen würde. Rieht Gewalttat und Revolution wären zwar zu fürchten, aber Misstrauen gegen die Behorden, ein unbehaglicher Zustand, dessen folgen ans allen Gebieten des ossentlichen Lebens sich geltend machen und jeden Fortschritt erschweren, wenn nicht ganz verhindern würben. Doch ich bitte ab, wenn .ieh hier .eine Eventualität berührt habe, die nicht eintreten wird. Denn in der That: warum sollten .vir uns bei einigem guten Willen über dasjenige, was noth thut, nicht einigen konnen^ Wer von uns kann im Ernste

801 Gestreiten, dass auch in unserm Vaterlande ^in dem abgelaufenen Zeitraum von 23 Jahren, in der Periode der Eisenbahnen und Telegrapheu, Vieles anders geworden ist.^ ^ ^ Jm Jahre 1848 mochte man noch schweizerischen Handel und Verkehr 25 unterstellen. Heute ist dies nicht mehr eines grossen theiles unserer Bevölkerung

ohne grossen Uebelstand den verschiedenen Gesezgebnngen moglich. ohne die Jnteressen schwer zu verleben.

Jm J^hre 1848 liess sich die versassungsmässige Zurüksezung des niedergelassenen .^chweizerbürgers gegenüber dem eigenen Kantonsbürger als eine Uebergangsbestimmnng noch rechtfertigen, heute in ^olge des erleichterten Verkehrs und der . dadurch bewirkten Veränderung der Riederlassungsverhältnisse erscheint jene Zurüksezung als eine unbillige

Ungleichheit, doppelt unbillig, weil sie gerade denjenigen am härtesten trisft, dem keine oder nur wenige Mittel zur Versügung stehen.

Was

muss uns übrigens gegenüber dem .^lnslande sür ein Gesühl beschleichen,

wenn wir sehen, dass bei uns, im politisch sreieften^ Lande Europa^, noch heute der Schweizer im Falle der Verarmung xüksichtslos aus dem Kantone vertrieben werden kann , dem er den besten Theil ..seiner .Kräfte geopfert hat .^ Wahrlich, wenn vor drei Jahrhunderten die Tagsazung der alten Bundesordnung es sür ihre Bflicht erachtete, in diese.

Riederlassungsverhältnisse ordnend einzugreifen, so wird wohl auch ^der neue Bund besugt sein, die erwähnten Uebelstände zu beseitigen, und wie der mäehtig ausstrebende m o n a r c h i s c h e Bundesstaat jenseits des Rheines, so sollte auch der r e p u b l i k a n i s c h e Bundesstaat der schweizerischeu Eidgenossenschaft im Stande sein, einem jeden seiner Bürger, wo er sich aneh in seinem Vaterlande bleibend niederlässt, eine Heimat zu sichern. Zur Heimat gehört aber auch die Gründung eines selbstständigen Hausstandes. Hier wird der Bund berusen sein, die für

die sittlichen Zustände des Volkes so wichtige Einrichtung der Ehe unter

seinen besondern Schuz zu nehmen, nachdem es nicht gelungen ist, die säm.ntliehen Kantone zur Beseitigung der längst veralteten künstliehen Ehehindernisse zu bewegen.

Ernstliche Verhandlungen werden serner die Fragen veranlassen, welche sich aus die Glaubens- und Gewissensfreiheit beziehen. Rieht über ^ den Grundsa^ selbst wird sieh der ...Streit erheben, aber über die Folgen, welche aus demselben abzuleiten sind. ...lus diesem Gebiete ist der Konflikt ^wischen Staat und Kirche nur dann zu vermeiden, wenn die lettere sich ossen und ohne Rükhalt den vom Staate ^um Schnze.

der Gewissensfreiheit des Einzelnen getroffenen Anordnungen unterzieht, und ^war anch da, wo diese Anordnungen mit den hergebrachten kirel^ liehen Sazungen im Widerspreche stehen sollten. Hier bedarf es namentlich ^na.^ den neuesten Ereignissen in der katholischen Kirche vo.r.

^02 Seiten des Staates eines eben so festen^. als taktvollen Auftretens, und

nicht mit Unrecht hat sich die offentliehe Meinung unsers Landes. lebhast mit der Frage beschäftigt, welche Kompetenzen dem Bunde zu einex wirksamen Durchsührung des Brinzips der Gewissensfreiheit in sämmtichen Kantonen zu übertragen seien.

Gestatten Sie mir endlich, unter den vielen nur noch e i n e n Revifionspunkt hevorzuheben, der nieht bloss zu den wichtigsten, sondern aueh ^u den bestrittensten^ gehort. Es betrifft dies die Frage, o b und in w e l c h e r W e ^ s e eine direkte Jntervention des Volkes bei der Gesezgebung des Bundes zuzulassen sei. Auf diesem Gebiete werden die Geister anf einander plazen, und hier wird eine Verständigung

gesucht werden müssen,^ wenn die Räthe schliesslich nicht das Resultat

ihrer Beratungen in den Wind schlagen wollen. Nachdem die .^olksgesezgebung oder das sogenannte Referendum in dieser oder jener Form und Ausdehnung in den meisten schweizerischen Kantonen festen Fuss gefasst hat, ist es naeh meiner innigsten Ueberzeugung eine politische Unmöglichkeit, mit einer eentralifirenden Bundesrevision durchzudrängen, ohne diejenigen Rechte, welche dem Volk der Kantone entzogen werden, dem Schweizervolk zu übertragen. Wir werden damit . allerdings in der Gesezgebung etwas langsamer vorwärts^ kommen , allein unser Volk wird sieh mehr als bishex mit dem Gang der eidgenossischen Angelegen- ^ heiten vertraut machen und steh allmälig überall daran gewohnen, schweizerische Fragen nieht nnr dnrch die kantonalen Brillen zu betrachten.

Die Befürchtung, dass dieses Referendum des Schweizerpolkes ohne den hemmenden Zusaz ^des Ständevotums - dem Einheitsstaat zutreibe, scheint aus einer vorwiegend doktrinären Ausfassung zu eutspringen. Läugnen lässt sich natürlich nicht, dass in ^Foderativstaaten jeder eentralisirende Schritt im gewissen Sinn eine Annäherung an den Einheitsstaat bildet, und von diesem Standpunkte ausgehend, war namentlich die gegenwärtige Bundesverfassung ein bedeutender Sehritt in dieser Richtung. Jch verweise Sie beispielsweise auf die Omnipotenz der vereinigten Bundesversammlung in den Eompetenzkouflikten zwischen Bund und Kantonen. Richt nur haben die leztern als solche gar keine Stimme, sondern es versehwindet überdies die Bedeutung des Ständerathes zu einem guten Theile gegenüber der viel zahlreicheren Vertretung des Nationalrathes. Und dennoch haben bisher die Kantone stets eine genugsame Garantie für ihre versassungsmässige Souveränetät in den foderalistischen Gesinnungen der Bundesvers...mmlung selbst gesunden, und diese Garantie werden sie -- vielleicht nur in noch hoherem Masse -- auch im Sehweizervolke finden, wenn dasselbe sieh über die gesezgeberischen Erlasse seiner obersten Räthe ans-

zusprechen hat. Die Geschichte unsers Landes, die ......ielgestaltlgkeit

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nnsers politischen Lebens und die natürliche Abneigung des Volkes gegen büreaukratisehe Vielregiererei sind auf lange Zeit hinaus noch unüberwindliche Hindernisse für den Einheitsstaat.

Jch darf nicht sehliessen, ohne noch eines Ereignisses zu erwähnen, das zwar mit unsern Revisionsverhandlungen nicht in unmittelbarer Verbindung steht, aber dennoch für die Entwiklung der schweizerischen Verkehrsverhältnisse von unabsehbarer Bedeutung ist. Die Erstellung der Gotthardbahn ist nunmehr gesichert, und die Schweiz kann stolz darauf sein, dass sie zu diesem grossartigen internationalen Werke das Jhri^e in vollem Masse beigetragen hat, und dass schweizerische Staatsmänner einen hervorragenden Antheil ^an diesem gewaltigen Erfolge des menschlichen Geistes genommen haben.

Und nun, meine Herren, gehen wir an unsere Arbeiten, und moge die schweizerische Eidgenossenschaft, welche in diesem Jahre die Brobe gegen Aussen glüklich bestanden hat, in dem kommenden Jahre sich der weit schwerern Brobe im Jnnern ebenfalls gewachsen zeigen .

Der Brasident des .Ständerathes, Herr Dr. A. Keller aus dem Aargau, hielt folgende Eröffnungsrede: Mein^ Herren Ständeräthe l Gemäss dem in lester Session gefaxten Beschlusse der Bundesversammlung sind wir schon heute zum Beginn der reglementarischen Wintersizung versammelt.

Außerordentliche Arbeit fordert ausserordentliche Zeit. Reben den ordentlichen Gesehästen erwartet die Räthe das ausserordentliche, umfangreiche Traktandum der Revision unserer Bundesverfassung.

Jch heisse Sie, meine Herren Kollegen, zur Lösung der uns diesmal gestellten grossen Aufgaben mit erhöhten Gefühlen willkommen.

Wir dürfen mit einigem Muth an die uns gewordene Arbeit gehen. Rieht bloss, weil die Schwierigkeiten einer guten That den Muth eines mannhasten Sinnes erhohen, sondern vorzüglich aneh desswegen, weil un^ dabei der Genius der Freiheit unseres Vaterlandes zur Seite steht, der nichts als Weisheit, Gerechtigkeit, Gemeinfinn und Fortschritt vo^n uns verlangt.

Bei allen menschliehen Arbeiten mnss der Himmel, bei vielen die Witterung helfen. ^ür unsere Arbeit ist das Wetter im Allgemeinen

nicht schient. Es ist zur Zeit etwas Zug nach Fortschritt nnd Volkerfreiheit in der Lust.

804 Sehen wir uns ein wenig in und ausser den Grenzen des Landes nach der Witterung um .

Kein fremdes Machtgebot tönt heute in den Austausch unserer Ansichten hinein ; kein drohend Gewitter von Aussen her legt unfern Berathungen eine Fessel an, oder zeichnet ihrem Gang gebieterisch Richtung und Ziel vor.

Die böhmische Ezeehenfxage, welche zur Zeit das Kaiserreich an der Donau bewegt, berührt kein Jnteresse unseres Vaterlandes.

.^uch die mehr als freien Allokutionen des seltsamen, sogenannten ,, Gefangenen^ im Vatikan haben im Lande nicht die Teilnahme gewekt, welche der Rothrns der fernen Brandstätte von E^ieago bei uns hervorrief.

Das Königreich Jtalien arbeitet an der Organisation einer gedeihlichen Verwaltung und einheitliehen Gesezgebung, um in den Fortschritten der Zeit die Garantie seiner Zukunft zu finden.

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Unsere Rachbar-Ration im Westen erhebt sich wieder ans den Trümmern der über sie verhängten Katastrophe und ordnet unter dem Banner der Republik, in deren Brinzipien und Besestigung immer allgemeiner die Bedingung der Rationalwohlsahrt erkannt wird, die schwer

gestörten Verhältnisse.

Das neue deutsehe Reich hat den innern Ausbau seines ^ationalismus durch Centralisation fortschrittlicher Gesezgebung aus allen denjenigen politischen und sozialen Gebieten begonnen, deren Einheit nicht nur die Kraft, sondern auch das nationale Leben und Bewnsstsein eines Volkes bedingt --- ein Beginnen, welches, mit weiser ^lehtung der historischen Jndividualitäten fortgesezt, auch uns manchen lehrreichen Fingerzeig znr ....achahmnng gibt. Zudem hat das greise Reichsober-

haupt den Völkern feierlich den Frieden zugesagt. Und es ist alter Völkerglaube, dass eines melden Wort heilig und unverbrüchlich sei.

Endlich dürfte auch der Kampf der Geister, welcher steh ans dem religiös kirchlichen Gebiete im Schosse der beiden christlichen Bekennt. nisse erhoben hat, und der vorab von der deutscheu Wissenschaft und Dialektik so ents.^ieden geführt wird, kanm welche .Beunruhigung m unsere Verhandlungen bringen. Vielmehr werden wir, auf der Hochwarte der Zeit, leieht die Zeichen augnriren, welche hier der Freiheit, der Wahrheit, dem Fortschritt, .^er bürgerlichen und sittlichen Reehtsordnung entgegen stehen. Wir werden dabei auch sofort die Gefahren er-

kennen , denen zu begegnen wir das Recht , die ..^flieht und die Mittel haben.

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Das, meine Herren Ständeräthe, ist der Umblik an unsern Marken.

Sie sind Befriedet. Ueberall sind unsere Raehbarn mit der eigenen Hausordnung beschäftigt. Wir verhandeln heute nicht unter dem Druk fremder Verhältnisse, - ein Glük, dessen sich die Eidgenossen, wenn sie in wichtigen Dingen tagten, nicht immer zu freuen hatten .

Aber auch die innern Anstände unseres Landes, meine Herreu .Kollegen, sind, Dank der gütigen Vorsehung l im Allgemeinen so beschaffen, dass sie unsere Entschliessungen nicht vorübergehend und einseitig beeinflussen können.

Zwar will der Landmann in einzelnen Ernten ein theilweises Missjahr beklagen , und die H.ochwasser des Rheins haben an unserer ostliehen Grenze abermals schweres Unglük angerichtet und die eidgenossische Bruderliebe in Anspruch genommen.

Allein fast in allen Zweigen der Jndustrie hat die Arbeit solch^ schwunghasten Zug, dass, so lange dieser bleibt, auch bei hohen Preisen der Lebensmittel von einer nothigen Zeit nicht die Rede sein kann.

Und wenn die Arbeitgeber .im Lande das goldene Vliess des Gesehästs in loyaler und wahrhaft gerechter Weise auch zu Gunsten der arbeitenden .Hand, und nicht bloss zu Gunsten des arbeitenden .Kapitals buchen, so werden sie - denn das Sehweizervolk ist von der Ratnr seines Landes an Arbeit gewohnt un.^ will arbeiten -- die von Aussen eingeführten Arbeiter^.Revolten leicht beschworen, und mit der Ma^.ht der Gerechtigkeit und Humanität die Moral und Dogmatik der internati^ nalen Lebensphilosophie nachhaltig besiegen.

Ueberall im Haushalt der Kantone ist rege Thätigkeit , überall sucht das Leben neue Adern und beschleunigte Vermittlungen des Ver-

kehrs . überall streben ^die Bildungsanstalten der Jngend und des

Volkes aus der Bahn des Fortsehrittes den providentionellen Zielen unseres Geschlechtes zu.

Und mag unser Auge da und dort einen Stillstand oder gar eine Erscheinuug des Rükschrittes wahrzunehmen glauben, es ist Täuschung.

Auch der Fruchtbaum hat seinen Winter. Unter den entlaubten Zweigen leben tief im Grund der Erde die Wurzeln ^dennoch fort, und sammeln ^u den Blüten des^ neuen Frühlings neuen Trieb. Auch im Gebiete

des Geistes übt die Elastizität ihr ewiges Recht. Mit dem Drnl...

wächst auch da die Spannkrast, bis sie den Druk bricht und in rascher Entwiklung den gehemmten Fortschritt wieder ausgleicht. Die Lehre,

dass sich der Geist nicht dämpfen lasse, ist nicht nur in der Schrift zu

lesen, sie ist anch aus allen Blättern der Geschichte der Menschheit bewahrheitet.

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Doch richten wir unsern Blik auch aus die Werke unserer vereinigten Rationall......^ . Kühne ...^trassen haben den Troz unseres Hoch.^ebirgs gerochen ; wo die Technik richtig war, hat s.e die wilde RiesenGewalt untrer Ströme ihren Gesezen unterthan gemacht. unter trefslieher Leitung der Arbeit und des Gemeinsiuns der Bürger schreitet, bisher mit glüklichem Fortgang das grosse Werk der JuragewässerKorrektion seiner segensreichen Vollendung entgegen.

Aber noch mehr l Wahrend den .Bewässern des Jura unabsehbare ...Rümpfe entrissen und in fruchtbare Auen umgesehafsen worden, ist durch internationales Bündniss mit unsern Rachbaren im Rorden und Süden die Anssührung eines noch grösseren Werkes aus unserem Boden an die Tagesordnung des nächsten Dezenniums gesezt worden. Jn den lezten Tagen wurden die ^Verträge über die Sicherung der Geldmittel für den Riesenbau der Gotthardbahn unterzeichnet, und bereits hat die Organisation der Ausführung begonnen. Zugleich stellt die Vervollkommnung der Technik dem Unternehmen eine kürzere Vollendung in Aussicht. Jn den Zonen der Bahn denkt man schon überall daraus, sich mit der künstigen grossen Lebensader des europäischen Verkehrs in Ver...

bindnng zu bringen.

Die Sage der Hellenen feiert im Göttersohne Herakles mit den zwölf Arbeiten den Vorkämpfer der hellenischen .Kultur gegen die rohen Gewalten der Ratur. Doch hat selbst der Sohn des Zeus es nicht gewagt, aus den Garten der Hesperiden die goldenen Aepsel aus heimischen Boden zu bringen. Er trug das schwierige Werk dem Riesen ^.ltlas aus.

Die Schweiz, dem schönen Lande der Hellenen in Ratur und Versassungen so vielsach verwandt, ist aus dem Kreis der M.^.the herausgetreten^ und hat heute ohne Herakles und Atlas, und denno^ mit

mehr als herkulischer Arbeit, aus den Flügeln des Dampses durch das

Urgestein des Gebirgs den Zugang zu den hesperischen Gärten errungen.

Das Vaterland wird die Ramen seiner Söhne , welche dem grossen Werke seit Jahren ihren Geist, ihre Ausdauer und die gan^e .^rast ihrer Energie geliehen haben, zur ewig dankbaren Erinnerung unvertilgbar in den Granit. des St. Gotthard eingraben.

Gehen wir daher, meine ^Herren Kollegen, unter all' diesen guten Auspizien muthig an die Lösung der in diesmaliger Session auch uns gewordenen schwierigen Ausgaben l Unter den ordentlichen Gesehästen wird der vom h. Bundesrathe eingebrachte V o r a n s c h l a g dermalen unsere Ausmerksamkeit in erhöhtem Masse in Anspruch nehmen. Wir werden dabei das Problem zu beantworten haben, wie die immer wachsenden Forderungen der Zeit an

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die ^Eutsaltu..g einer reicheren Rationalkraft im Bunde mit dem Gebot der Oekonomie vereinbart werden konne, damit der ^Bund der Ration keine Last werde, sondern vielmehr den Ruf eines, wenn auch nicht hablichen, so doch soliden republikanischen Gemeinwesens sich bewahre.

Ebenso wird der Entwurf eines abgeänderten Bn..desgesezes über den Bau und .Betrieb von E i s e n b a h n e n im Gebiete der Eidgenossenschast um so mehr die gründlichsten Erörterungen von uns fordern, als dabei die hoheitiiche Rechtssphäre des .Bundes, die Rechte und Jnteresseu der Kantone, und zugleich die wohlbegründ.eten Rechte und Jnteressen der neuen Verkehrsinstitnte selbst gleichzeitig in Frage kommen, und ihre Konkurrenz in einer Weise zu ordnen ist, dass ste alle ihre richtige und gerechte Stellung finden, und gleichzeitig die Wohlfahrt des Landes und die Verkehrsbedürsnisse des Einzelnen gewahrt werden^ Auch der vom Rationalrathe bereits Behandelte Entwurf eines Gesezes über polizeiliche Massregeln gegen V i e h s e u c h e n , worüber sich ^ebenfalls der deutsche Reichstag bereits zu einem legislatorischen Erlasse veranlasst sah, wird uns seine Bedeutung um so uäher legen, als sich das Gesez mit dem Sch..ze eines der kostbarsten Kapitalien unseres Ratioualreichthu...s und seiner Ertragnisse beschäftigt.

Die Hauptaufgabe aber, zu deren Lösung die eidgenossischen Räthe dermalen versammelt sind, ist die R e v i s i o n u n s e r e r B u n d e s v e r s a s s u n g , seit der neuen Organisation der Eidgenossenschaft im Jahr

1848 unstreitig die wichtigste und schwierigste ^rage, welche während^

dieser Zeit an die eidgenössiehen Räthe herantrat.

Doch was soll ieh bei Jhnen, meine Herren Kollegen, nur ein Wort über die Wichtigkeit und die Schwierigkeit dieser Aufgabe verliereu ^ ^ül^len und wissen wir ja Alle zusammen, dass dabei die Augen der ganzen Ration aus uns gerichtet und aus unsere EntSchliessungen die Jnteressen aller Kantone und unserer Mitbürger im Einzelnen gespannt sind .

Bei dem grossen und diametralen Widerstreb der Ansichten über die wichtigsten Grnndsäz... , welche bereits von den vorberathenden Kommissionen in Revision gezogen und von zahlreichen Bürgern noch in Revision verlangt werden, wäre . es wohl mehr als unbescheiden, wenn ieh Sie heute von dieser Stelle ans mit meinen personliche..

Ansichten behelligen wollte.

Das aber darf ich sagen, ja ich erachte es in meiner Bricht, es vor Jhnen anszusprechen : Dem alten Janns gleich werden wir bei der Revision unseres eidgenössischen Grundgesezes^ vorgehen müssen.

Bei jedem Schritte, den wir thun, müssen wir vorwärts bliken und zugleich rükwärts schauen, um die Z..^u..st der Ration und ihre.... Jnst^utiou......

in natürliche Verbindung mit der Vergangenheit zu bringen. Dann wird allwärts ans dem alten guten Stamm neues kräftiges Leben auch in die neuen Edelreiser treiben.

Und noch ein Zweites darf ich nicht verschweigen : Die Frage der Bnndesrevision liegt heute nicht mehr so theilnamlos, wie noch vor zwei Jahren, vor unserm Volke da. Besprechungen der Behörden, der Bresse, der Vereine haben das Jnteresse. an der Frage allerorts gewekt und die Ansichten vielfach abgeklärt und festgestellt.

Man erwartet heute in der Sache etwas von den Rätheu. Es mnss etwas Reues, Besseres in vielen Verhältnissen geschaffen werden.

Einzelne Fragen sind brennend geworden.

Wäre die angehobene Revisionsarbeit ohne. Erfolg, die Revision würde nicht me^r liegen bleiben. Rene Anregungen würden nicht lange aus sieh warten lassen. Und wer weiss, ob dann die Arbeit nochmals in den bisherigen Händen bliebe ^ Darum, hochgeachtete Herren Ständeräthe, lassen Sie uns mit Muth und Ausdauer, mit gutem Glauben an die Notwendigkeit des Fortschrittes , in Allem aber mit Weisheit und sreundeidgenössischem Entgegenkommen an das ernste schwierige Werk gehen, und der Gott, der in schwerer finsterer Zeit bei den Vätern auf dem Rütli war, er wird die Sohne auch heute in der Bestellung des Rechtes und der Freiheit ihrer Zeit nicht verlassen.

Jeh erkläre die dermalige Wintersession des schweiz. Ständerathes für eröffnet.

Als neues Mitglied des N a t i o n a l r a t h e s ist am ^. Rovember eingetreten: Herr .^llbreeht Friedrich B o r n , von Riederbipp (Bern),

Fabrikant in Herzogenbnchsee, gewählt am 1. Jnli 1871 vom VIH. eidg.

Wahlkreise, in Ersezung des am 24. Mai gl. J. verstorbenen Hrn.

Vrofessor Leuenberger.

Am ..... Rovember 1871 trat Herr Regierungsrath Gottlieb Z i e g l e r , von und in Winterthur, in den Nationalrath als neues Mitglied ein.

Derselbe wurde gewählt am 29. Oktober 1871 vom Ill.

eidg. Wahl..

kreise, an der Stelle des zurükgetretenen Hrn. I)r. Spörri.

Jn den S t ä n d e r a t h sind aueh zwei neue Mitglieder gewählt worden, nämlich : vom Danton Hessin.

,,

,,

Gens

Herr

Earlo D o t t a , Grossrath und eidg.

Oberstlieutenant, von und in Airolo:.

Herr James F a z.,., Grossrath, von und in Genf.

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11.11.1871

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799-808

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