438

ST

B

eri

ch

t

der

Minderheit der Rekurskommission .des Ständerathes in Sachen Gschwind-Hohler.

(Vom 10 Dezember 1870).

Tit.l Die Minderheit beantragt, den Rekurs zu schüfen, gestützt auf foi-

gende rechtliche Gesichtspunkte :

  1. Bei der Behandlung des Gegenstandes sal.len gänzlieh ausser alle Berücksichtigung der in Aeten mit so grosser Weitschweifigkeit behandelte E r b s c h a s t s h a n d e l und die p e r s o n l i c h e n A n t e e e d e n tien des Rekurrenten.

Der Fall präsentirt sich als eine rein rechtliehe Frage über die Z u s t ä n d i g k e i t der B a s l e r G e r i c h t e . Dabei kann man, .ohne denselben im allernnndesten zu alteriren, zugeben, dass der Reeurrent ein übel beleumdetes Subjeet und die Hundertmillionenerbschast ein Schwindel sei.

Wenn dessenungeachtet der Reeurrent in der Saehe selbst bezüg-

lieh des Gerichtsstandes R echt hat, so kann man ihm dieses Recht nicht aus solchen Gesichtspunkten absprechen, ohne die fatalsten Konsequenzen in den Begriff Rechtsgleichheit selbst zu bringen.

2. Das Vergehen, dessen der Reeurrent schuldig befunden wurde, ist nun dasjenige der A m t s ehrverletzun g d u r c h die B r e s s e

439 (Bamphlet), verübt an der h. R e g i e r u n g des Cantons B a s e l s t a d t .

Dabei ist ^u beachten, dass a) erwiesener Massen das Bamphlet g e d r u c k t wurde im Kanton Aaxgau; b) der A u t o r .^chwind- Hohler A n g e h ö r i g e r des K a n t o n s B a s e l l a n d ist und dort il. Therw.^ sein Domizil hat; c, dass die Druckschrift bei den in verschiedenen Kantonen und sogar angrenzenden Staaten (Frankreich und Baden) wohnenden Erbsprätendenten zu beziehen war, also eine durchaus nicht auf ^ die S t a d t B a s e l b e s c h r ä n k t e V e r b r e i t u n g erlangt hatte.

3. Jn Folge dessen müssen die durch das Bundesrecht aufgestellten Grundsätze uber den Gerichtsstand bei Bressv er g eh e n zur Anwendung kommen, und n.icht, wie die Gerichte pon Baselstadt angenommen haben, die G r u n d s ä t z e über g e w ö h n l i c h e Jnjurien.

, Desshalb ist also absolut ans den Fall nicht a n w e n d b a r die Entscheidung der Bundesversammlung in Sachen V i n e e n z Müller gegen E u r t i , wo es sich um k e i n B r e s s v e r g e h e n handelte, sondern um eine e i n f a c h e Jnjuxie, verübt durch einen von .^lltdors nach St. Gallen gesandten Brief.

Ebenso ist werl.hlos das Eitat über das forum delibi commis.^ da gerade bei Bressvergehen ganz s e l b s t s t ä n d i g e und in ganz anderweitigem Sinne lautende Grundsätze maßgebend sind. .

4. Ebenso ist wohl ^u beachten, dass das spezifisch baselstädt^sehe S t r a s r e c h t gegenüber den bestehenden bundesrechtlichen Grundsätzen nicht d e r o g i r e n kann. denn weder der Verfasser noeh der Drucker sind diesem kantonalen Strasreeht absolut unterworfen.

5. Schon naeh gemeinrechtlichen Grundsätzen nun ist der Gexichtsstand von Baselstadt nicht haltbar . denn für Vressvergehen hasten A u t o r , Drucker oder V e r l e g e r , und diese müssen da verklagt werden, wo sie ihren wirkliehen Gerichtsstand haben, und nicht

da, wo sich zufälliger Weise die L e s e r des Blattes oder des Werkes.

befinden, denn nicht an d i e s e m le^teren, rein ^usällig en

Umstand hängt die Zuständigkeit des Gerichtes.

Die Verbreitung einer Drucksehrift kann ja ohne alles Zuthun dieser Bersonen an verschiedenen Orten erfolgen und die von der Mehrheit adoptirte Theorie hätte z. B. bei der periodischen B r e s s e die bedenklichsten Folgen.

6. Zu diesem Gesichtspunkte nun kommt, dass die BnndesverSammlung in mehrern Fällen g r u n d s ä ^ l i c h d i e F r a g e s c h o n l ä n g f t e n t s c h i e d und z. B. dem von Brosessor Vfotenhauer ausgearbeiteten

440 b e r n e . r i s e h e n Bressgeseize formlieh die Genehmigung v e r w e i g e r t hat, weil es gerade die je^t dem Reeurrenten gegenüber angewendeten Grundsä^e über den Gerichtsstand ausgestellt hatte.

Rach diesen vorausgeschickten Erörterungen sollte schon aus den entwickelten Gesichtspunkten klar sein, dass der Reenrrent n i ..h t der Basler Gerichtsbarkeit unterworfen ^sein konnte. An diesem Sat^e andert der Umstand, dass derselbe von den Behörden von Basel in Gew a h r s a m genommen wurde, gar nichts.

Jm Gegentheil. bildet gerade das hiebei beobachtete Versahren einen sehr wesentlichen Erschwernngsgrund.

Gschwin^..Hohler befand sich zur Zeit, als seine öffentlich.. Vorla^ dung pnncto Amtsehrverlet^ung erschien, in L ö r r a c h .

Es ist ganz li.^u.d, dass die badischen Behörden weder b e f u g t w a r e n , ihn aus Grund dieser .Anklage z u p e r h a s t e n , noch viel weniger, ihn a u s z u l i e f e r n .

Die Auslieferung wurde erst möglieh gemacht durch ein Reeditoriale, in welchem es sehrcharakteristischheisst: ,,dass d e r V e r dacht a u f g e t a u c h t s e i , e r k ö n n t e b e i e i n e m B e t r u g e be-

theiligt sein."

Erst jel^t erfolgte die Auslieferung und diese .anklage allein

bildet den R e c h t s t i t e l , welchen die Basler Unter^uchuugsbehorden zur^ Verhastung seiner Berson anführen konnten. Run ist aber durch die Aeten dargethan. dass d i e s e A n k l a g e e i n e g r u n d l o s e war; dass sie fallen gelassen und Reeurrent desswegen nicht einmal vor Gerieht gestellt wurde. Damit fiel das Reeht, ihn im Verhaft zu halten, überhaupt ihn seiner personlichen Freiheit zu berauben, d a h i n und es kann nicht angehen, dass er nun, weil man ihn einmal festgenommen hatte, gewaltsam wegen des Vergehens der A m t s e h r v e r l e t z u n g z u r ü c k b e h a l t e n und v e r u r t h e i l t wurde.

Es ist das eine Bartie des .^roeedere^s, die ganz entschieden als verwerflich bezeichnet werden muss und wahrscheinlich nur desswegen gewagt wurde, weil Reeurrent eben ein schlecht beleumdeter Mann zu sein seheint, mit dessen Rechten man es nieht gar zn genau nehmen zu müssen glaubte.

Dieser zusallige thatsächliehe Umstaud kann aber die Zuständigkeit der Gerichte von Baselstadt nieht begründen.

Es ist indessen noch ein ganz anderer und ebenso entscheidender Gesichtspunkt für den Rekurs anznsnhren, der vollständig übersehen wurde.

Wenn selbst die von. Bund ausgestellten Grundsä^e über die Handhabung der B r e s s s r e i h e i t und des d a b e i zur Anwen-

441 ..^

d u n g k o m m e n d e n F o r u m s gar nicht e inmal da w ä r e n , so ist das gegen den Reeurrenten gefällte Urtheil eine flagrante R e c h t s t e r l e t^ u n g . denn in keinem Falle kann er wegen eines Bressvergehens s c h l i m m e r behandelt werden, .als wegen eines g e m e i n e n Verbrechens.

Run stellt das Bundesgefe^ über die Auslieferung ...on Verbrechern seitens der Kantone folgende Gesichtspunkte aus: 1. Wenn sich der Thäter nicht mehr aus dem Territorium des begangenen Vergehens befindet, so muss seine A u s l i e f e r u n g bei der Regierung seines eigenen Kantons begehrt werden, also hier bei der ..Regierung von Baselland. Hiefür ist rein gar nichts geschehen, er wurde wie gefagt in einem fremden Staate unter der Vorgabe einer Betrugsklage verhastet und seiner personlichen Freiheit in rechtswidriger Weise beraubt.

2. Befindet sich der Thäter aber schon im Bereich der Behorden ^ des Kantons, wo er das Vergehen beging, so hat er persönlich das Recht, zu begehren, dass er pon den Gerichten des Heimatkantones beurtheilt werde. (Vergl. das Bundesgese.^ nnd den Konflikt zwischen Thurgau und St. Gallen im Falle Grübler in W^l, in der Ullmerschen Sammlung.) Reeurrent war also b e f u g t , zu v e r l a n g e n , dass die Gerichte von Baselland ihn beurtheilen.

Ungeachtet er dieses Begehren nun w i e d e r h o l t sowohl in der Unterfuchung selbst als vor beiden Jnstanzen in Baselstadt gestellt hat, so hat man ihm dieses Recht v e r w e i g e r t und damit das Stressende Bnndesgese^ .. erlebt.

Das Urtheil ist daher in doppelter Richtung hinfällig und gestützt darauf wird beantragt:

  1. Sei der Rekurs begründet.
  2. Sei das betreffende Erkenntniss des Basler AppellationsGerichtes ausznheben.

Bern, den 10. Dezember 1870.

Für die Minderheit der Rekurskommission :

.^el, Ständerath.

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

Bericht der Minderheit der Rekurskommission des Ständerathes in Sachen GschwindHohler. (Vom 10. Dezember 1870).

In

Bundesblatt

Dans

Feuille fédérale

In

Foglio federale

Jahr

1871

Année Anno Band

1

Volume Volume Heft

12

Cahier Numero Geschäftsnummer

---

Numéro d'affaire Numero dell'oggetto Datum

25.03.1871

Date Data Seite

438-441

Page Pagina Ref. No

10 006 829

Das Dokument wurde durch das Schweizerische Bundesarchiv digitalisiert.

Le document a été digitalisé par les. Archives Fédérales Suisses.

Il documento è stato digitalizzato dell'Archivio federale svizzero.