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Aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung.

Am 3. Juli 1871 sind die gesezgebenden Räthe der schwer. EidGenossenschaft zur ordentlichen Sommersession in der Bundesstadt zusammengetreten.

Die Verhandlungen im R a t i o n a l . : a t h e eröffnete der abtretende Präsident, Herr Regierungsrath Fr. A n d e r w e r t aus dem Thurgau, mit folgender Ansprache: ,, Herren Nationalräthe l ,,Seit der Dezemberversammlung haben wir Ereignisse durchlebt,.

welche in der Sehweizergesehiehte einen ehrenvollen Plaz einnehmen werden.

Die Feldzugspläne der kriegführenden Mächte führten grosse Armeen derselben an unsere Grenze , und in deren unmittelbarer Rahe folgten sich eine Reihe blutiger Gefechte. Die französische Armee, von ihrer.

Rükzugslinie abgeschnitten, in den Flanken und im Rüken g..fasst,

sah sich in die Rothwendigkeit versezt, auf unsern neutralen Boden überzutreten und por den schweizerischen Truppen, welche kaum den vierten Theil ihrer Stärke besassen, die Waffen niederlegen zu müssen. Der Sieger blieb an den Grenzen stehen.

"Die rasche Abwikelnng der Kriegsbegebenheiten, welche uns das 85,000 Mann starke französische Heer, aus allen Waffengattungen bestehend und mit einer zahlreichen Feldartillerie versehen, ins .Land brachte, hatte unverkennbar ihre gefährliche, unsere Sicherheit bedrohende Seite. Sparsame Rüksiehten auf die bescheidenen Finanzen der EidGenossenschaft und das Bestreben, die .Lasten des schweizerischen Volkes nicht über die strikteste Rothwendigkeit hinaus zu vermehren, bewogen die Bundesbehörden, nieht während des ganzen Krieges eine starke ...ewaffnete Macht zur Grenzbewachung versammelt zu halten, sondern sich

auf das Röthigste zu beschränken. Allein im entscheidenden Augenblike

waren die schweizerischen Milizen aueh rasch bei der Hand und haben geleistet , was man billigexweise von ihnen erwarten darf.

Sie bewiesen - Offiziere und Soldaten --.. Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit im

^25 .Dienst, Ausdauer in den Strapazen und a.nte Mannszucht. Hohe Anerkennung verdient der Oberbefehlshaber, der mit den sehwachen Streitkrästen, die ihm zur Verfügung standen, durch klare Voraussicht, durch einsichtige Anordnung und durch energische Entschlossenheit es perstand, die Unvexlezbarkeit unseres Gebietes, sowie die Ehre und die Jnteressen de... .Landes ausgezeichnet zu wahren.

,,Die gesammte schweizerische Bevölkerung gab sieh darauf einem schönen Wetteifer in den Werken der .Nächstenliebe hin, indem sie gleichzeitig ihren ..Behörden die Erfüllung der nationalen Verpflichtungen leicht machte. Sie trug dem Unglüke und dem Elende einer geschlagenen .^lxmee eine humane und christliehe Gesinnung entgegen, so dass wir mit freudigem Stolze auf diese Tage allgemeiner Wohlthätigkeit zurükbliken dürfen. Wi... zeigten damit auch der Welt, was ein Gemeinwesen, das auf den Gxundsäzen sreiex Selbstxegiernng beruht, feine Bürger für die öffentlichen Angelegenbeiten erzieht, ihnen in tausendfältiger Beziehung die Jnitiative selbst überlasst, auch in den Tagen dex Ueberxasehung und des Hereinbxeehens unerwarteter Ereignisse zu leisten vermag.

,,Wenn in dieses schöne Bild thatkräftiger Bewegung im Volke und zugleich der festesten Ordnung ein einziger Misston fiel, dex aus dex Zusammenwixkung sehr verschiedenartiger und unklarer Motive hervorging, so hat auf der andern Seite das rasche Eingreifen dex Bundesautorität und das naehherige saehgemässe Amten der eidg. Gerichte auch jenseits des Rheines die Beruhigung gewähren sollen, daß das schweig. Volk in seiner Gesammtheit sich nicht einseitiger und verwerflicher Voreingenommenheiten oder thorichter Missstimmung über die Siegesersolge des neuen Reiches hingibt , sondern mit dem deutschen Volke im besten nachbarlichen Einpernehmen zu leben sich bestrebt.

,,Die Schweiz hat somit die internationalen Verpflichtungen. welche ihr der deulseh^sranzösisehe Krieg auserlegte. mit Ehren ersüllt. Aus der andern ...^eite dürsen wir ebensalls anerkennen, dass die kriegführenden

Mächte, indem sie der Schweiz die Kraft und die Entschlossenheit für

die Wahrung ihrer Neutralität zutrauten, dieselbe als nicht bloss aus dem Bergament stehend angesehen, sondern getreu ihren Zusicherungen sie in dex That und Wahrheit geachtet haben. Wenn wir auch hieraus eine Beruhigung sur die Zukunft schöpfen, so dürsen wir gleichwohl um desswillen die ^ände nicht in den Schoss legen. Die gewaltigen Exsehütterungen, die dex Völkerstreit hervorrief sind noch nicht ganz ^ux Ruhe gekommen und zittexn immer noch nach. Der Friedensschluß von Frankfurt hat bekanntlich die Lage dex Schweiz in strategischer Beziehung nicht verbessert, vielmehr geschwächt, indem derselbe das künstige Ausfallsthor für eine grosse, in ihrem hergestammten kriegerischen Geiste nicht niedergeworfene Ration hart an unsere Westgrenze verlegt. Wix

926 haben also alle Veranlassung, der Vermehrung und Hebung schweizerischer Wehrkraft volle und angespannte Aufmerksamkeit zuzuwenden, und Sie, meine Herren, werden sowohl die darans abzielenden Vorschläge des Bundesrathes ans der Traktandenliste für die gegenwärtige Session mit Befriedigung wahrgenommen haben, als auch die Bundesrevision für durchgreifendere Reformen im Militärwesen gerne benuzen wollen.

.,Jn den jüngsten Tagen wurde uns von einer andern Seite her ein Beweis des Vertraues entgegengebracht. Das italienische ..Parlament genehmigte den Gotthardvertrag und bewilligte an die Uebersehienung der schweizerischen Alpen eine Summe, welche das Zustandekommen^ dieses grossten schweizerischen Rationalwerkes endlich nach jahrelangem Streben und Ringen wohl ausser allen Zweifel stellt. Die Jdee der Solidarität der Volker in der Verfolgung zivilisatorischer Ziele hat einen glänzenden Erfolg errungen, und wir konnen uns nur freuen, dass aus unserm Boden eine solche Allianz für Friedenszweke ihre praktische Verwirklichung finden soll. Man wollte zwar hüben und drüben .allerlei politische Motive als hinter dem Gotthardvertrage stekend wittern. Auf jener Strasse mögen wohl die Jdeen der Volkernnabhängigkeit, der

Geistessreiheit und der Bildung sich die Hände reichen ; und solche

Strömungen haben wir in ihren Konsequenzen nicht zu fürchten, weil nach menschlicher Voraussteht ihre ^pizen nicht g e g e n uns, sondern f ü r unsere Sache gerichtet sind. Jnzwischen ist durch die Sicherung des Gotthardunternehmens bereits ein Wettkamps für die Vervollständigung des schweizerischen Eisenbahnnezes entbrannt, und sie hat überdies den .Anstoss gegeben, die Stellung des Bundes, resp. des^ Staates ^. den Eisenbahngesellschasten in einem den Jnteressen der Gesammthei^ und der Staatshoheit förderlichen ^inne neu zu regeln. Eine diessällige Gesezesvorlage steht aus unserer Geschäst^liste.

,,Jn der bevorstehenden Gesezgebungsperiode wird die durch einlässliche Kommissionalverhandlnügen vorbereitete B u n d e s r e v i s i o n die Thätigkeit der eidg. Räthe in vorzngsweisem Masse in .Anspruch nehmen.

Jch will mich darüber nicht verbreiten, indem von dieser Stelle aus sehon Vieles über den gleichen Gegenstand gesprochen wurde. Eine Betrachtung wird mir durch die Zeitgeschichte ausgedrängt, die ich an die Bundesrevision anknüpfen möchte, von vornherein das individuelle Gepräge einer solchen Verbindung zugebend. Die s o z i a l e Frage trat in der furchtbaren Katastrophe von Baris unverkennbar als hauptsächlich leitendes und antreibendes Element hervor. Trozdem dass die un^Neuerlichen Blut^ und Brandorgien die Herzen aller gesitteten Mensehen mit Abscheu und Jngrimm erfüllten und alle politischen Barteien ohne Ausnahme in der Vernrtheilnng der an der Menschheit und an den Errnngenschasten und Monumenten der Zivilisation begangenen Verbrechen übereinstimmen, so mnss man anderseits doch zugeben, dass vor-

927 handene Jdeen nicht auf dem blossen Wege der Repression beseitigt werden konnen , und verschiedene Erscheinungen deuten darauf hin, d^ die soziale Frage ihren Entwiklungsgang weiter wandelt, und mitunter selbst über unsere Marchen hinüberspielt. Glüklicherweise haben in der Schweiz die Gegensäze von Reich und Arm, von Kapital und Arbeit nicht jene tiefe Klusl gezogen , geben die oberen Schichten der Gesellsehaft nicht jenes ausregende Beispiel von Ln^us, Korruption und er.bar.nnngslosem Egoismus , sind die unteren Klassen nicht mit jenem todtlichen Hasse gegen die Bessergestellten ersüllt, wie all' dies in anderen Ländern vorzukommen pflegt. Die Republik^ vermag zwar auch nicht jedem ihrer Bürger das Glül. und das Wohlbehagen ^u ver.schassen ; allein sie war doch von jeher bemüht, das Unglük und das Elend, welches aus der Arbeitslosigkeit, aus der Krankheit und dem ^Alter herkommt, moglichst zu mildern. Eine grosse Reihe von KreditInstituten, von Voruehtskassen, von Versorgung^ und Krankenanstalten legen dafür Zengniss ab.

,,Es ist dies aber nicht Alles, was geschehen kann. Der Staat soll, nebstdem er die körperliche und geistige Entwiklung der Unmündigen unter seinen besonderen Schuz stellt, auf bessere und verstärkte Schul-

Bildung aller ..^olksl.lassen, aus vollständige Beseitigung aller der Hinder-

nisse und Schranken, welche bisher der freien Bewegung und ...lnsiedlung entgegenstanden und die Arbeit b e e i n t r ä c h t i g t e n , hinsteuern, sowie die Versorgung und Unterstüzung der Armen und Kranken aus Grundlagen stellen, welche der jezigen Gesellschaft und ihrer Zirkulation und nicht derjenigen verschwundener Zeiten angepasst sind. Dem .Arbeiter soll, nachdem er seine Kräste ausgebraueht, alt und krank geworden ist, die Freiheit .^er .^lnfie.^lung und eine menschenwürdige Existenz gesichert sein und derselbe nicht wie eine verdriessliche Last hin- und hergeschoben werden konnen.

,,Wenn der Staat diese Garantien leistet, so darf

er wohl das

meiste Uebrige dem Sinne für T h ä t i g k e i t und S p a r s a m k e i t , so wie der Freiheit der Selbstbestimmung anheimstellen.

^,Die angedeuteten Ziele lassen sich nur aus dem Wege der B u n^ d e s r e v i s i o n voll und einheitlich für das ganze schweizerische Volk erreichen, und nachdem in Dieser Richtung die daherigen Vorlagen hinter den berechtigten Erwartungen zurükgeblieben sind, bleibt es der Vlenax^erathung der eid. Räthe vorbehalten, noch ein Mehreres beizufügen und zur Abstellung sozialer Uebel so weit beizutragen, als es innert den Rahmen der Ordnung und des Rechts moglich sein wird.

,,Mit diesem Wunsche erkläre ich die ordentliche Session des Rationalrathes für 1871 als eroffnet.^

928 Der Vizepresident des S t ä n d e r a t h e s , Herr Landan.mann I)r. H e l l e r aus dem Aargau, eröffnete die Verhandlungen dieser Behörde mit folgender Ansprache: ,,Meine Herren Ständeräthe l ,,Unfer Herr Präsident, der heute mit perdienten Ehren nieder von diesem Stuhle herabgestiegen wäre, hat in Folge der periodischen

Wahlen seines Heimatkantons Luzern sein Mandat als Mitglied des

Schweiz. Ständerathes dem hohen ^rossen Rathe daselbst zurük^eben, geleitet von dem republikanischen .Bedanken, er dürfe nur so lan^e der Vertreter seines Kantons in dieser Behorde bleiben, als er das Bewusstsein habe, der Präger der politischen Ansichten der Mehrheit semer

Mitbürger zu sein.

Derselbe hat mich desshalb ersucht, Jhnen , hochgeachtete Herren Kollegen, zur Eröffnung Jhrer dermaligen Sizung seinen herzlichen Scheidegrnss zu sagen und Jhnen zugleich für die ihm erwiesene langjährige, freundschaftliche Kollegialität zu danken, mit der Bitte^ Si^ möchten .hm auch ferner ein wohlwollendes Andenken bewahre^, wie Sie von seiner Seite eines gleichen versichert sein dürfen.

,,Jch weiss aber, dass Sie bei unserm heutigen Wiedersehen sich noch anderer lieber Kollegen erinnern, die nicht mehr in unserer Mitte erschienen sind. Wir gedenken dabei vor Allen mit Hochachtung des sel. Hrn. Landammann Dr. R o t h , des Mannes, mit dem der Tod dem Vaterlande einen seiner besten und biedersten Sohne, und den Aeusseren Rhoden von Appenzell einen treuen Landesvorsteher und unver-

gesslichen Wohlthäter entrissen hat. Die Dankbarkeit seines Volkes hat

ihm, ^u seiner wie zur eigenen Ehre, eine würdige Erinnerung geweiht und uns, wir sreuen uns dessen, den ^ohn ^um Raehfolger des .Katers gegebeu.

.,^o heisse ich Sie denn, hochgeachtete Herren Ständeräthe, zu unserer diesjährigen ordentlichen Sizung von Herzen willkommen .

,,Jch füh^e, ^ch habe zu viele Worte uber die Veränderungen in unserm engen Familienkreise gemacht , während seit unserm Seheiden aus der Bundesstadt abermals so grosse, so denkwürdige, so entsezliehe, für die Welt im .Allgemeinen und sür unser Vaterland im Veson^ern so folgenreiche Ereignisse an unsern Augen vorüber gegangen sind, und dabei so inhaltschwere Worte an die Vertreter eines freien Volkes sprechen.

,,Seit unserer lezten Versammlung wurde der furchtbare Krieg zwischen unsern beiden Rachbaren beendigt.

,,Die moderne Metropole der Romanischen Eivilisation, deren Bluthe seit Jahren den Wurm des Unheils im Herzen trug, erlag nach harter Be-

lagerung dem Geist, der Kriegskunst, der Disziplin, der Tapferkeit der

.

929 ^manischen Heere, unterstuzt ...on der Rathlofi^keit und ^v^traeht der Belasten selbst.

,,Di.. Nation, die schon mehr als einmal die Diktatur Europas ^esaf.., erlebte die Tage, wo fie ^or der Welt ohne Armee, ohne Feldherr, ohne Regierung dastand, und ihre bisher gefürchteten Adler vom Sieger den Frieden um nnerhorte Milliarden, um des Landes militäriseh...

Grenze und zwei Diademe. seiner Bxovinzen erkauften.

,,Und noch sollte das unwirkliche Nachbarland den .Polarstern nach dem Hafen des Friedens und der heiligen Ordnung des gesezes nicht finden l Seit Monaten liegt es in zweifelsehweren Wehen der ..^...rteien.

Mit Verbrechen und Wahnfinn wollte eine derselben die Geburt der rothen Republik erzwingen. Mit Entrüstung legte der edle Republikaner E a s t e l a r jenseits der V.^renäen vor den Eortes seines Landes Protest gegen eine solche Republik ein, indem er erklärte: ,,Wenn i r g e n d e i n e Sache sieh rein v o n Schuld u n d V e r b r e c h e n w a h r e n mu^, so ist es die S a c h e der Freiheit, der D e m o k r a t i e , der

Republik ^

,,A^er dieses Frankreich, von Aussen besiegt, im Herzen durch die ^rauel emes Bürgerkrieges tief verwundet, von Vielen als sterbender Fechter am Boden betrachtet, dieses Frankreich ist gleichwohl nieht bezwungen. Jn wenigen Tagen kann es dem Sieger die enorme Kriegssehuld bezahlen, und in kurzer Zeit wird das Franzosisehe Volk, .oenn es, wie zu hoffen, in der Schule seiner Geschichte die offenen Geheimnisse einer richtigen Selbsterkenntnis findet, wieder mit der ihm geführenden Geltung unter den Volkern dastehen. Wenn Frankreich die kehren seiner Heimsuchung richtig verwerthet, so hat es in seiner Niederlage einen grossern Sieg errungen als verloren.

,,Aus der andern Seite ist das altehrwürdige Deutschland, dessen innere Zersplitterung und dynastischer Separatismus bisher die Freude seiner Feinde, der Sehmerz seiner Vatrioten und das Sprichwort der Volker war, als ein einiges Vaterland aller seiner Kinder, als ein eini^ Rationalheer unter einem kaiserliehen Kriegsherrn , mit einer Rationalversassung und in deren Gefolge mit einem einigen Rational.recht, aus dem blutigen Kriege hervorgegangen.

,,Man augurirt nach den Folgen dieser Ereignisse, die Einen be.^orgt, die Andern hoffnungsreich.

Diese Folgen haben begonnen.

Ohne Romerzug des neuen. Deutsehen Kaisers ist die ewige Roma so eben die Refideuz und politische Hauptstadt der vereinigten Jtalienisehen Ration geworden ; unter den Fittigen des neuen Reichsadlers schlägt die Deutsche Wissenschast ihre Romerschlaehten für die Freiheit des Geistes und der Vernunft ewiges Recht ; dem Vatikan find die Strebeziele naeh den Tagen von Eanossa aus den hoffnungsreichen Vliken gerükt.

930 "Durch den Vollzug eines langst gefällten Verdikts des Weltgerechtes ist der Kirchenstaat verschwunden , und das ^atximonium .^etri mit der ^onstantinischen ,,Schenkung^ ist im .Königreich Jtalien

angegangen. So hat das bisher dem päpstlichen Stuhle unter-

worfen... Volk durch freies Plebiszit entschieden. Von den 167,548 eingeschriebenen Wählern sind 135,291 zur Urne geschritten; 133,681 haben für die Vereinigung mit Jtaiien, und 1507 dagegen gestimmt.

Jn Rom selber sprachen fich 40,785 Stimmen gegen ..^ für den

Abfall von ihrem bisherigen .Landesherrn aus. Wollten Eidgenossen, f r e i e Schweizer , gegen diese Thatsaehe Reklamationen erheben, so würden sie vergessen, dass nicht nur die Gründung, sondern der ganze heutige Territoriaibestand des Schweizerbundes seiner Zeit ein gleicher Abfall vom Hause Oesterreich und vielen andern Dynasten, ja endlich selbst ein Abfall vom Kaiser und heil. Romischen Reich war. -- Einspru.l.. ist Schweizern nicht erlaubt, wenn ein anderes Volk aus sein

Rütli politischer Selbstbestimmung geht l

,,Und welch^ erhabene Aufgebe war in den Stürmen und drangsalvollen Tagen dieser grossen Ereignisse unserem Vaterlande, der e.rmen kleinen Republik in der Felsenburg Europa^, der gefriedeten Neutralität des Schweizerpolkes beschieden ^ .,Dem Unglüke des Krieges, hüben und drüben, bot unser Boden

ein schulendes As^l dar, und die Herzen alles Volkes, der Greis bis zum Sehulkinde, brachten ihm Opfer der Theilnahme, der Humanität, der Bruderliebe und Gastfreundschaft entgegen. Der Republik der Eidgenossen war beiderseits jedes Ungiük heilig.

"Der Vertreter der Eidgenossenschaft bei dem franzosischen Volk...

blieb in den Schreken und der Roth der belagerten Hauptstadt Frankreiehs aus seinem diplomatiseli Dosten, und erhob das Wappen unserer.

Republik zum Schild und Hort für Jedermann, der Rath, Schuz und

Hilfe suchte.

,,Unsere Grenzarmee stand auf den ersten Ruf der Bundesbehorde nach wenigen Tagen, willig und bereit, zum Sehuze des .Landes und zur Wahrung unserer völkerrechtlichen .^flieht an den Marken, und bestand auf Märschen und Dosten im wilden Jura znr harten Winterszeit die Soldatenprobe mit Ehren.

,,Unfere Bataillone waren Zeugen einer in der Geschichte des Vaterlandes noch nicht verzeichneten Katastrophe. An den Marken von Verri.^res erbat sieh von ihr eine geschlagene Armee, über 80,000 Mann mit Ross und Wagen allzumal, ge^en Entwaffnung, Zuflucht und Rettung ....us dem Boden unserer Neutralität. Die Eidgenossenschaft bewies,

dass ihr keine Forderung der Völkerpflieht zu hoch ist; und di.^ Ge-

sehiehte wird davon Ehremeldung thun, dass der jüngste ihrer Sohne, .^tadt und Land Reuenburg, in jenen Tagen Wunder sozialer Moral

.^

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geübt hat.

Die Jnternirung und Verpflegung der Besiegten , im strengen Winter doppelt schwierig, gab dem Bund, den Kantonen und selbst jedem Schweizerherzen Anlass zu ungezählten Werken der gleichen Moral. Der Bund, die Kantone, die Armee, die Bürger - sie Alle hatten schwere Bflichten zu erfüllen und grosse Opfer zu bringen. Die pflichten wurden gethan ; die Opfer wurden gebracht ; auch die Rachwehen der Krankheiten, und sogar schwere Unglükssälle, wie einer den Kanton Waadt betrossen, wurden verschmerzt ; ja zulezt hat auch die bemühende Störung, welche die Thonhalle an der Limmat in den Abschluß der Katastrophe brachte, bei der Justiz des Bundes ihre Sühne und durch das Organ der Bundesanwaltschaft die richtige, nieht minder versöhnende Würdigung gesunden.

,, Seither ist uns der Genius des Friedens wieder ein freundlicher geworden.

,,Ueber den Gotthard herüber hat uns Jtalien zum Riesenwerke, das eine neue Zukunft in sich trägt, die starke Rachbarhand gereicht; und gleichzeitig hat am Bodensee ein neuer Schienenweg uns enger mit den Deutsehen Rachbaren verbunden.

,,Die Bfleger unserer Rationalwaffe und ihrer bedeutungsvollen . Olympischen Feste, die Vereine des vaterländischen Schüzenbundes, haben in den jüngsten Tagen ihre häuslichen Missverständnisse ausgeglichen und sieh zur .Losung ihrer grossen nationalen Aufgabe wieder die treue Bruderhand gereicht.

,,Und derselbe Schuzgenius ist es, der in den abermaligen Verheerungen unseres schönen Rheinthaies der östlichen Grenze eine neue Mahnung sendet, mit gemeinsamer Hand und von Bundes wegen auch die wilden Ströme unserer Hochgebirge in die Schranken der Ordnung zu bringen und selbst der Wohlfahrt des Landes dienstbar zu machen.

,,Aber es ist auch derselbe Finger wohlwollender Mahnung und Warnung , welcher unsere Aufmerksamkeit auf gewisse Erscheinungen unserer Verwaltung lenkt, um auch hier die Segnungen des Bundes gegen verderbliche Strömungen der Zeit zu schüfen und sicher zu stellen.

,,So ist, hochgeachtete Herren Kollegen, Dank der gütigen Vorsehung. wieder eine kurze Spanne Zeit mit grossen , lehrreichen

Ereignissen an uns vorüber geeilt.

Wir smd glüklich aus ihren

Gefahren hervor gegangen.

,,Allein das Glük ist nur gut, so lange ihm die Weisheit zur Seite geht, und jedes Glük ist ein Unglük, wenn es zur Verblendung

führt.

,,Die Selbstüberhebung ist eine schlechte, eine gefährliche Lehrmeifterin, wie für den einzelnen Menschen, so für ganze Rationen.

,,Jm ^rossen Wettkampse der Geister aus der Bahn ewigen Fortschritte..., wehe dem Volke, das heute nichts von andern Völkern lernt l

^2 Und wehe den Führern der Völker und Staaten, welche die Leitsterne lhrer Führung bei den Jrrlichtern der Tiefe, und nicht in der Hohe der Zeit, ..m ewigen Horizont der Wahrheit, des Rechts uno der Freiheit suchen l ,,^luf das System des gegenseitigen Unterrichtes ist das heutige ^en, ist die freie, gesicherte Existenz des Individuums und der Rationen basirt und angewiesen.

,,Das sind die Lehre.. und Warnungen , welche die Ereignisse der ^eit uns vor die Augen halten.

,,Sie gelten auch uns, hochgeachtete Abgeordnete der sehwei^che...

Kantone, und uns a l l z u m a l l ,,Um uns richtiger und inniger zu verstehen, um immer ...inige...

zu werden, müssen wir Alle fort und fort von einander lernen, und h a b e n auch immer von einander zu lernen : ein Danton vom andern, eine Rationalitat von der andern. keiner unter uns ist so klein, keiner so fern an den grenzen gelegen, von dem die Andern nichts zu lernen hatten. Und wenn man zusammenkommen will, so muss man einander entgegen gehen , oder dann sich zusammen stossen lassen. Denn einander fremd bleiben, das können, das d ü r f e n Bundesgenossen nieht.

,,Unter den diesjährigen Traktanden der Bundesversammlung wird es vorab und in erster Lini... die Revision der Bundesverfassung sein, welche uns Allen diese .Lehren der Geschichte und der gegebenen Verhältnisse zur Beherzigung nahe legen wird.

,,Die übrigen .^raktanden der gegenwärtigen Session gehe.., mit Ausnahme von einige.. wenigen, nicht über den Rahmen der gewöhnlichen Geschäfte hinaus. Dagegen werden die Abänderung des Bundesgesezes über den Bau und Betrieh der Eisenbahnen , wenn jezt schon daraus eingetreten wird, sodann verschiedene Fragen über die Vervollkommnung unseres Wehrwesens, die Abänderung der Bostta^.en u. A. Jhre Thätigkeit in hoherem Masse in Anspruch nehmen.

,,Sei es aber, meine Herren Kollegen, Grosses oder Kleines, ln Allem moge der Geist gegenseitigen Wohlwollens und bundesbrüdexlicher Treue, bei aller Verschiedenheit der Ansichten, unsere ^Verhandlungen tragen und leiten l ,,Moge in jeder ernstern Frage Jeder von uns es beurkunde^, dass er der Vertreter eines Bundesgliedes sei, das in der Kraft und Eintraeht der Gesammtheit die Stärke, Sicherheit und Wohlfahrt de^ Ein..

zelnen sueht .

^Etner für Alle, Alle für .^inen l Gott erhalte das Vaterland l^ ,,Jeh erkläre die dermalige ordentliche Sommersession des ^chweiArischen Ständerathes sür eroffnet.^

^

...

Di... Bureau^ beider Räthe sind in nachstehender Weise. bestellt worden : 1) N a t i o n a l r a t h .

Bradent: Vizepräsident:

Herr Rudolf Brunne r, Fürspreeher, von und in .Bern, bisheriger Vizepräsident der Behörde .^ ,, Mo^e V a u t i er, von ..^enf, in Eaxoua^e ,

Stimmenzähler: Herr J.^h. Baptist Gaud^, von Rappers^eil; ,, ^arl .Z^xo, von Thun; ,, Joseph Arnold, von Altdorf; ,, Ehar.les Band, von Aples (Waadt).

2) S t ä n d e r a t h .

Vräfident:

Herr Dr. Augustin R e l i e r , von Sarmenstorf, in Aaxau ; Vizepräsident: ,, .^arl. .^appeler, von Fxauenfeld, in Zürich.

...^timmenzähler : Herr Easpar Jean Z urlind en, von und in Ean^-

Vlve.^ ;

,,

Heinrich Stamm, von Thingen, in Schaffhausen.

Jm .)...tonalrathe find als neugewählte Mitglieder ^schienen; Herr Vaul Wnlliemoz, von Vuarrens (Waadt), Bezirkseinnehmer, in Valerne, gewählt am 15. Januar d. J. im 41. eidg.

Wahlkreise, ....n der Stelle des am 26. November 1870 verstorbenen Hrn. Daniel Me^stre, von Thierrens.

,, Theodor Wixz, von Sarnen (Obwalden), Präsident des .^antonsrathes und des .^riminalgerichts von Oswalden, gewählt an der Stelle des ...m 7. Mai 1871 verstorbenen Hrn. Landammann Dr. Jos. Simon Et lin im 16. eidg. Wahlkreise am

2^. Mai d. J.

Jm S t ä n d e r a t h s erschienen folgende neue Mitglieder: Für.Lu^rn: Herr Alois .^opp, Schultheiß, von Ebikon, in .Ludern; ,. Dr. Josef Zemp, ..^xossrathspräfident, von und in Entlebueh.

,, Zug: Herr Jakob Hildenbxand. .).egierun^srath, von und in Eham.

,, Appeseli A. Rh. : Herr Dr. Arnold Roth, L...ndesst...tth...lter, von ,, Grauenden:

und in Teufen.

Herr Hans Hold, Rechtsanwalt und .^t-Regierungsrath, von Arosen, in Ehur.

^ndesb^. ^^. .

.

.

^ .

^ . ^-. .^.

^^

934 Für Wallis:

Her... Felix E laufen, Grossrath und Advokat, von Mühlebach, in Brieg; ,, Josef R i on, Grossrath und Advokat, .....m

Vex, in Sitten.

,, Reuenburg:

ST

Herr Fritz B e x t h o u d , Literat, von und in Fleurier.

Aus den Verhandlungen des schweizerischen Bundesrathes.

(Vom 30. Juni 1871.)

Herr I)r. Friedrich K o h l r a u s c h , von Rinteln (Kurhessen), seit 1870 Professor für technische und mathematische Physik am eidg. Vol...technikum, hat die Entlassung von dieser Stelle infolge seiner Berufung nach Darmstadt nachgesucht , und es ist ihm dieselbe vom Bundesrathe unter Verdankung der geleisteten gnten Dienste aus Ende März 1872 er.theilt worden.

(Vom 3. Juli 1871.)

Mit Rote vom 29. vorigen Monats hat der Herr Ministerresident der Vereinigten Staaten von Nordamerika dem Bundesrathe angezeigt, dass seine Regierung , in Beriiksiehtigung diesseits geäußerter Wimsehe, an ihre diplomatischen Vertreter und .Konsuln Weisung ergehen lasse, auf Vläzen, wo keine schweizerische Vertretung besteht, den Schweizern diplomatischen Sehnz zu gewähren, wenn dieselben darum nachsuchen.

Diese Mittheilung hat der Bundesrath bestens verdankt.

Mit Rote vom 25. Mai d. J. hat der fehweizerisehe Konsul in Buenos-Ayres dem Bundesrathe zur Kenntniss gebracht , dass die dortseits den Einwanderern gewährte freie Aussehisfung und WeiterVerorderung nach den Provinzen wieder ausgehoben worden sei,

^) S.el,e Bundesblatt v. I. .t87o, Band In, Seite .^94 und 998.

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

Aus den Verhandlungen der schweiz. Bundesversammlung.

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1871

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27

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Numéro d'affaire Numero dell'oggetto Datum

08.07.1871

Date Data Seite

924-934

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10 006 928

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