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Bundesversammlung.

Die gesetzgebenden Räte sind am 1. Juni 1931, um 18 Uhr, zur 12. Tagung der 28. Legislaturperiode zusammengetreten.

Im N a t i o n a l r a t e eröffnete der Präsident, Herr Dr, Sträuli, die Tagung mit folgender Ansprache: Es liegt mir die betrübliche Pflicht ob, auch diese Session mit einem Gedenkwort an verstorbene Kollegen zu eröffnen.

Am 29. März ist in Küsnaoht am Zttrichsee T h e o d o r O d i n g a 66 Jahre alt gestorben. Lange Monate war er leidend ; eine schwere Krankheit zerstörte nach und nach seine starken körperlichen und geistigen Kräfte, und als der Tod an sein Krankenlager trat, erschien er als Erlöser.

Der Lebenslauf Theodor Odingas war nicht ein alltäglicher. Viele von uns werden mit einigem Erstaunen hören, dass er mit 22 Jahren an der Hochschule Zürich den Doktorhut erwarb mit einer Arbeit über das deutsche Kirchenlied in der Schweiz im Reformationszeitalter. In der Tat hatte Odinga germanistische Studien gemacht, namentlich deutsche und englische Literatur studiert. Auch betätigte er sich in seinem Fache eine Reihe von Jahren, zuletzt als Rektor der Töchterschule Âarau. Dann aber bog er in einen andern Lebensweg ein, der von seinem ursprünglichen recht verschieden war: er wurde Industrieller, indem er 1893 in ein Asphaltgeschäft in Horgen trat. Aber auch diese gewerbliche Tätigkeit bildete nicht den Abschluss seiner Entwicklung. Immer mehr trat seine organisatorische Wirksamkeit als Förderer des G-ewerbestandes in den Vordergrund, und damit war er schliesslich auf dem Gebiete angelangt, auf dem sich seine eigentliche Lebensarbeit aufbaute : er war der Vertreter und Vertrauensmann des Gewerbestandes geworden. Viele Jahre war Odinga Präsident des zürcherischen Gewerbeverbandes, ebenso Mitglied der Direktion des Schweizerischen Gewerbeverbandes. An seinem Grabe ist in lebhafter Weise zum Ausdruck gelaugt, welch guter Berater er dem schweizerischen Gewerbe stets war. Dabei verlor der Vertreter gewerblicher Interessen die grossen Linien nie aus dem Auge. Stets reihte er spezielle Standesfragen in den Kreis allgemeiner Betrachtungsweise ein.

Die Mitglieder der Bundesversammlung wissen das. Im Nationalrat, in den er 1912 eintrat, war sein Wort in gewerblichen Dingen ein gern gehörtes und massgebendes. Besondere Verdienste hat sich der Verstorbene erworben als Präsident der
Zolltarifkommission. Es war keine leichte Aufgabe, die Stelle, die vorher durch die hervorragenden Fachkenner Alfred Frey und Mosimann trefflich besetzt war, in würdiger Weise auszufüllen. Aber der ehemalige Philologe hat sich mit erstaunlicher Rasch-

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heit und Sicherheit, dank seines praktischen Geschickes und seiner gute» Auffassungsgabe, in die schwierige Materie eingearbeitet. Manch treffliches Referat, ausgezeichnet durch Ruhe und Sachlichkeit, haben wir von ihm gehört. Seine nächste Aufgabe wäre die Berichterstattung über das Zolltarifgesetz gewesen -- es war ihm nicht mehr vergönnt, sie durchzuführen.

Kam die Nachricht vom Hinschiede des Herrn Odinga niemandem von uns unerwartet, so hat dagegen die Kunde vom Ableben des Herrn Dr. G e o r g B a u m b e r g e r sicherlich alle in hohem Masso überrascht.

Er war ja kein Junger mehr, er zählte 76 Jahre. Aber man wusste und beobachtete täglich, dass er als frischer und unermüdlicher Kämpfer mitten im politischen Leben stand. In der Tat: noch am 20. Mai hat er an einer Sitzung des Grossen Stadtrates von Zürich teilgenommen, und am 21, Mai wohnte er der Konferenz zur Beratung eines neuen Getreidegesetzes in Zürich bei. Aber kaum zu Hause angelangt, versagte plötzlich sein Herz und fand sein Lebenswerk ein jähes Ende. Rasch tritt der Tod den Menschen an: von einer Stunde zur andern ward aus dem rastlos Tätigen ein stiller Mann.

Baumberger war Journalist und Politiker. Die Stationen seine» Wirkens waren He'risau, St. Gallen und Zürich. Aus kleinen zu grössern und grossen Verhältnissen vorwärts schreitend, wuchsen mit der Grosse der Aufgabe und Verantwortung seine Kräfte und seine Bedeutung, Er hat für seine Partei, der er Organisator und Führer war, Grosses geleistet. Aber er war nicht ein schroffer und einseitiger oder gar verbissener Parteimann. Sein ausgeglichenes Wesen, seine Frohnatur und seine feine Kultur stellten ihn auf ein höheres Niveau. Und wenn er oft berufen war, in den politischen Kampf zu ziehen : nie war er unnötig scharf und verletzend, er stritt mit den blanken Waffen der Sachlichkeit und verstand es oft, auch den tüchtig angepackten Gegner durch frohen Humor zu versöhnen.

Wir alle haben Georg Baumberger gekannt, und sicherlich waren ihm alle wohlgesinnt. Er ist im Jahre 1919 in den Nationalrat getreten.

Sie werden dem Urteil zustimmen, dass er hier eine bedeutsame Rolle spielte und dass durch das Verschwinden dieser markanten Gestalt in unserem Kollegium tatsächlich eine Lücke entstanden ist. In manchen wichtigen Fragen ergriff er das Wort. Es geschah nach einlässlichem
Studium und Überlegen der Materie. Und sympathisch klang in seinen Reden eine Grundsaite seines Wesens mit, seine warme Heimatsanhänglichkeit, seine Liebe zum Volke und sein soziales Fühlen. War das nicht auch der Boden, aus dem seine Motion über die Entvölkerung der Berggegenden erwuchs?

Die Begründung seines Anzuges und die unablässige Wirksamkeit für seine Lieblingsidee zeugen für seine humane, hochgemute Sinnesart.

Er hatte im Sinn, in der dritten Sessionswoche nochmals auf die ganzo

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Angelegenheit einen zusammenfassenden, in die Zukunft gehenden Blick -au werfen; das wäre ihm ein Herzensbedürfnis gewesen. Nun hat ihm der unerbittliche Tod Schweigen geboten.

Meine Herren ! Wir haben zwei tüchtige, liebenswürdige, stets gefällige Kollegen verloren. Wir bewahren ihnen ein freundliches Andenken.

Ich bitte Sie, sich zu Ehren der Verstorbenen von Ihren Sitzen zu erheben.

Die Ansprache des Präsidenten des S t ä n d e r a t e s , Herrn Charmillot.

ist in der französischen Ausgabe des Bundesblattes (1931, Bd. I, S. 719) veröffentlicht worden.

In den N a t i o n a l r a t sind neu eingetreten : Herr Gustav A l t h e r r , Regierungsrat, von und in Speicher, an Stelle des zurückgetretenen Herrn Dr. A. Hofstetter; Herr Dr. Albert O e r i, Chefredaktor, von Basel und Zürich, in Riehen, an Stelle des zurückgetretenen Herrn Dr. R. Miescher; Herr Wilhelm Otto P f l e g h a r d , Architekt, von St.Gallen und Steckborn, in Zürich, an Stelle des verstorbenen Herrn Dr. Th. Odinga; Herr Dr. Ludwig S c h n e l l e r , Fürsprecher, von und in Zürich, an Stelle des verstorbenen Herrn Dr. G. Baumbergcr.

In den S t ä n d e r a t ist neu eingetreten ; · Herr Ernst L o e p f e , Buchdruckereibesitzer und Verleger, von und in Rorschach, an Stelle des zurückgetretenen Herrn J. Geel.

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Aus den Verhandlungen des Bundesrates.

(Vom 22. Mai 19310 Als Delegierte des Bundesrates an den in Prag vom 5. bis 8. Juni 1931 stattfindenden XV. internationalen landwirtschaftlichen Kongress werden abgeordnet die Herren : Professor Dr. Laur, Direktor des Schwei-zerischen Bauernverbandes, in Brugg, und Dr. Porchet, Regierungsrat, Vizepräsident des genannten Verbandes, in Lausanne.

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03.06.1931

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