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Bundesblatt 107. Jahrgang

Bern, den 27. Oktober 1955

Band II

Erscheint wöchentlich. Preis 30 Franken im Jahr, 16 Frankem im Halbjahr zuzüglich Nachnahme- und Postbestellungsgebühr Einrückungsbebühr: 60 Kappen die Petitzelle oder deren Baum: -- Inserate franko an ; Stämpfli & Oie. in Bern

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Botschaft des

Bundesrates an die Bundesversammlung über den Ausbau des Osservatorio ticinese der Eidgenössischen Meteorologischen Zentralanstalt in Locarno-Monti ,

(Vom 18. Oktober 1955)

Herr Präsident !

" Hochgeehrte Herren !

'

Wir beehren uns, Ihnen mit nachstehender Botschaft ein Begehren um einen Objektkredit von 610 000 Franken für den Ausbau des Osservatorio ticinese in Locarno-Monti, eines Zweiginstitutes der Eidgenössischen Meteorologischen Zentralanstalt (MZA), zu unterbreiten.

I. Aufgaben und Entwicklung Das Osservatorio ticinese der MZA in Monti- della Trinità, 200 m oberhalb Locamo, in der Nähe der Kirche von Madonna del Sasso, eröffnete seinen Betrieb am 1.Mai 1985. Im Rahmen des allgemeinen, in Artikel 2 des Bundesgesetzes vom 27. Juni 1901 verankerten Zweckes der MZA sollte das neue Institut eine doppelte, praktische und theoretische Aufgabe erfüllen: einmal den Wetterdienst für den Alpensüdfuss versehen und sodann die klimatischen Verhältnisse des Tessins nach allen Eichtungen und unter besonderer Berücksichtigun der bioklimatischen Eigenschaften abklären.

Welche Eolle der Wetterdienst für ein Fremdenverkehrsgebiet wie den Tessin spielt, braucht nicht unterstrichen zu werden. Solange er vom Hauptsitze der MZA in Zürich aus besorgt worden war, hatten seine Prognosen nicht immer die wünschbare Treffsicherheit aufgewiesen. Gehorchen doch die Witterungsverhältnisse auf der Alpensüdseite eigenen Gesetzen, da die Scheidewand des Alpenmassivs das atmosphärische Geschehen tief beeinflusst. Den aus dieser Tatsache für die Wettervorhersage erwachsenden Schwierigkeiten liess sich nur Bundesblatt. 107. Jahrg. Bd. II.

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794 durch die Schaffung einer regionalen Zweigstation der A1ZA in der Südschweiz begegnen. Seitdem hat die Treffsicherheit der Prognosen einen beachtlich hohen Grad erreicht, der in den fünf letzten Jahren 1950-1954 durchschnittlich 82 Prozent ausmacht. Auf Grund eines vorwiegend vermittels. Fernschreiber gesammelten und auf Grund der modernsten Erkenntnisse ausgewerteten Beobachtungsmaterials werden heute zweimal täglich Wetterberichte und Prognosen für den Alpensüdfuss, und seit 1953 auch für das Engadin durch die Landessender verbreitet. Dazu kommt eine grosse Zahl von individuellen Auskünften und Expertisen. Seit 1945 hat die MZA ihr Tochterinstitut in Locamo dank seinen für den Flugverkehr über die Alpen wertvollen Beobachtungsmöglichkeiten ferner in den internationalen Flugwetterdienst eingeschaltet, wie es denn auch den Flugwetterdienst der Armee mit Eat und Tat unterstützt.

(Um diese Flugberatung zu erleichtern, hatte man die wetterdienstliche Abteilung des Instituts während des Aktivdienstes 1940-1945 vorübergehend auf den Flugplatz Locarno-Magadino verlegt.) Damit verbunden ist die Betreuung der Flugwetterbeobachtungsstationen am Südhang der Alpen. Das Osservatorio beratet sodann die Pilotenkurse unserer Armee. Ihm obliegt schliesslich auch die Inspektion des klimatologischen Netzes der meteorologischen und der Eegenmeßstationen im Tessin. Die Durchführung des Wetterdienstes erfordert denn auch weitaus am meisten Zeit, Personal und Baum. Der Sonntagsbetrieb ist hier eine Selbstverständlichkeit.

Aber der Tessin ist bekanntlich nicht bloss Fremdenverkehrs-, sondern auch Heilgebiet, dessen klimatischer Charakter jedoch nur ungenügend durch Messungen der einfachen Stationen des meteorologischen Netzes erfasst werden kann. Das Klima des Tessins zeichnet sich durch eine den Frernden je und je beeindruckende Fülle des Lichtes aus. So bildeten die Strahlungsverhältnisse von Anfang an Gegenstand der klimatologischen U n t e r s u c h u n g e n des Institutes der MZA in Locarno-Monti, das sich dabei an Vorarbeiten der «Associazione climatologica ticinese» anlehnen konnte. Es ist diejenige bundeseigene Forschungsstätte, die sich dem Studium dieser Fragen widmet. Sie geniesst in den wissenschaftlichen Fachkreisen des In- und Auslandes verdientes Ansehen.

Die Forschungen haben - z.B. auf dem Gebiete der Héliothérapie und des Bau-, wesens - zu praktisch bedeutsamen Ergebnissen geführt. An weiteren wichtigen Fragen, mit denen sich das Institut beschäftigt, seien solche aus dem Bereiche der Luftelektrizität und des menschlichen Wärmehaushalts erwähnt sowie aus dem Gebiete der allgemeinen Klimatologie - Untersuchungen über die Niederschlagsverhältnisse, welche für die Wasser- und Energiewirtschaft, beispielsweise für die Maggiawerke, nicht zu unterschätzende Bedeutung erlangt haben. In immer grösserem Umfange werden endlich auch agrarmeteorologische Probleme, beispielsweise die klimatisch günstigsten Lagen für Tabakkulturen geprüft, die sich im insubrischen Klima anders stellen als auf der Alpennordseite.

Über fünfzig wissenschaftliche Veröffentlichungen in in- und ausländischen Fachzeitschriften legen über diese unter ungünstigsten räumlichen Bedingungen entfaltete Tätigkeit des Instituts ein beredtes Zeugnis ab.

795 u. Die Raumnot Das Institut war seit der Betriebseröffnung in einer zunächst gemieteten, kleinen, nicht mehr als 70 m2 Bodenfläche bedeckenden Villa untergebracht, die neben der Dienst-(Dreizimmer-)Wohnung des Institutsleiters zwei bescheidene Arbeitsräume birgt, heute das Arbeitszimmer des Institutsleiters und sein Sekretariat. Als die Eidgenossenschaft 1940 das Haus samt bescheidenem Umschwung zu Eigentum erwarb, kam noch ein altes Gartenhäuschen mit zwei primitiven Bäumen hinzu, von denen einer als Magazin, der andere als Arbeitszimmer von zwei wissenschaftlichen Mitarbeitern benützt wird. Damals wurde sodann ein drittes kleines Gebäude mit zwei Bäumen neu errichtet, in welchen die luftelektrischen , und Strahlungsmessungen vorgenommen und die entsprechenden kostspieligen Instrumente aufgestellt werden sollten; von ihnen beherbergt heute einer, mit Instrumenten überfüllt, zeitweilig einen weiteren wissenschaftlichen Mitarbeiter, der andere dient dem Wetterdienst., In diesem Baum finden als Mobiliar lediglich ein Zeichentisch und drei Fernschreiber Platz; das Geräusch der letzteren' stört die Arbeit empfindlich; während des . Sommers herrscht überdies wegen ungenügender Isolierung eine unerträgliche Hitze. Im Winter sind die Bäume aller drei Gebäude nur elektrisch heizbar -- in kalten Wintern nicht ausreichend -, da u. a. auch die im alten Haupt-(Wohn-) Gebäude an sich vorhandene Zentralheizung betriebsunfähig ist.

Es stehen also dem Institut - bei einem Personalbestand von insgesamt 9 Bediensteten - heute fünf nicht über je 16 m2 messende Arbeitsräume zur Verfügung, unrationell auf drei verschiedene Bauten verteilt. Vollends fehlen folgende Bäume: Bibliothek und Archiv für die stets anschwellende, Dokumentation, Laboratorium, Werkstätte, Dunkelkammer. Dabei ist es jeweils auch unmöglich, einem nicht dem Institut angehörenden Forscher vorübergehend einen passenden Arheitsraum zu überlassen, und als das Institut 1948 für das Volkswirtschaftsdepartement Grossversuche über, die Hagelbekämpfung begann, musste man im Garten eine Militärbaracke aufstellen und teuren zusätzlichen Baum in benachbarten Privathäusern mieten.

Eine bauliche Erweiterung drängt sich deshalb auf, zumal der Geschäftsanfall im Gefolge der steigenden Anforderungen der Öffentlichkeit -- nicht nur der touristisch interessierten Kreise - sowohl auf praktischem als auch auf theoretischem Gebiet in Zukunft eher noch zunehmen wird. Über diese Notwendigkeit waren sich auch die Vertreter der Direktion der MZA und der Bauihspektion Lugano einig, die anfangs 1955 in Locamo prüften, wie der Baumnot am zweckmässigsten abgeholfen werden könne, nachdem sich schon 1953 die Eidgenössische meteorologische Kommission durch einen Augenschein von der völligen Unzulänglichkeit der gegenwärtigen Verhältnisse überzeugt hatte.

HI. Das Erweiterungsprojekt Wegen der beschränkten Platzverhältnisse war ursprünglich geplant gewesen, das jetzige Haupt-(Wohn-)Gebäude durch einen grösseren Anbau nach

796 Osten zu erweitern, wobei erwogen wurde, die Dienstwohnung des Institutsleiters entweder im bestehenden Gebäude zu belassen oder sie allenfalls in dem für diesen Zweck umzubauenden Neben-(Garten-)Häuschen unterzubringen.

Die weitere Prüfung ergab jedoch, dass ein Umbau des Nebenhäuschens unverhältnismässig hohe Kosten verursacht hätte. Im übrigen zeigte sich, dass die Erweiterung des bestehenden Hauptgebäudes durch einen Anbau weder in praktischer Hinsicht noch architektonisch zu befriedigen vermöchte.

Als einzig zweckmässige Lösung erwies sich schliesslich die Beibehaltung der Dienstwohnung im jetzigen Gebäude - wobei sich allerdings Benovationsarbeiten nicht umgehen lassen - unter gleichzeitiger Errichtung eines freistehenden Institutsneubaus für das Osservatorio. Die Weiterverfolgung dieses Projektes war allerdings an die Voraussetzung geknüpft, dass es gelingen würde, zusätzliches Bauland zu erwerben. Durch einen glücklichen Umstand bot sich dem Bund im Frühjahr 1955 Gelegenheit, ein ca. 5600 m2 umfassendes angrenzendes Areal zu kaufen. Durch Bewilligung eines Objektkredites von 159 200 Franken im Eahmen des I.Teiles der Nachtragskredite für das Jahr 1955 (Bundesbeschluss vom 15: Juni 1955) haben Sie diesen Liegenschaftserwerb der Eidgenossenschaft genehmigt. Das neue Terrain erweist sich nicht nur als völlig ausreichend für den dringlich gewordenen Neubau des Osservatorio, sondern schafft auch die räumlichen Voraussetzungen für die Erstellung einer Sonnenbeobachtungsstation der Eidgenössischen Sternwarte, die ebenfalls schon seit langem einem Bedürfnis entspricht. Für deren Errichtung sehen wir vor, Ihnen im Eahmen des Voranschlages für 1956 den erforderlichen Objektkredit von 128 000 Franken zu beantragen. Für die Anforderung eines Kredites in dieser Höhe ist eine besondere Botschaft nicht notwendig. Aber auch der Umstand, dass die Eidgenössische Sternwarte der Eidgenössischen Technischen Hochschule und nicht der MZA angegliedert ist, lässt es als wünschbar erscheinen, die beiden Bauvorhaben getrennt zu behandeln. Während die Sonnenbeobachtungsstation in die südöstliche Ecke mit ihrem freien Horizont zu stehen käme, würde das Osservatorio der MZA den oberen nördlichen Teil einnehmen und mit der dort verlaufenden Kantonsstrasse durch einen kurzen Fahrweg verbunden, so dass sich die beiden Institute in keiner Weise gegenseitig stören würden.

Das Projekt für den Neubau des Osservatorio ticinese ist durch die Direktion der eidgenössischen Bauten ausgearbeitet worden. Der Institutsneubau umfasst bei einer Grundfläche von 22 x 11 m und 3190 m3 umbautem Baum zwei Stockwerke, wovon das zweite sich nicht über die ganze Länge ausdehnt, sondern am westlichen Ende einen turmartigen Aufbau bildet, der zwei Zimmer für die Strahlungsmessungen und die dafür notwendigen Begistrierinstrumente enthält. Das Flachdach ist in der ganzen Länge als begehbare Terrasse ausgestaltet. Die Hauptfassade richtet sich gegen Süden.

Das erste Stockwerk weist im einzelnen folgende Bäume auf: gegen Süden das Kartenzimmer für den Wetterdienst und die Arbeitszimmer der beiden Meteorologen, zwischen denen ein Arbeitszimmer für einen temporären wissen-

797 schaftlichen Mitarbeiter oder einen auf Besuch weilenden fremden Forscher eingeschoben ist ; gegen Norden das Archiv, die Bibliothek und das Fernschreibzimmer.

Im erhöhten Erdgeschoss befinden sich gegen Süden fünf Arbeitszimmer für den Institutsleiter, sein Sekretariat und zwei wissenschaftliche Mitarbeiter sowie ein Konferenzzimmer ; gegen Norden die Eintrittshalle und zwei Zimmer für Laboratorium und Instrumentensammlung.

Im Untergeschoss befinden sich auf der Nordseite ausser der Heizung die Dunkelkammer die Werkstätte, zwei Magazine (wovon eines als Luftschutzkeller verwendbar) und - nach Süden - zwei Aufenthaltsräume für das Personal sowie ein Reservearbeitszimmer.

; Die drei Stockwerke sind durch Lift miteinander verbunden, das erste Stockwerk, Erd- und Untergeschoss auch mit allen in einem solchen Bau nötigen sanitären Installationen ausgerüstet.

IV. Kreditbegehren Gemäss dem Kostenanschlag der Direktion der eidgenössischen Bauten belaufen sich die Ausgaben für das neue Osservatorio ticinese auf i insgesamt 610 000 Franken. Davon entfallen auf : Tranken 1. Neubau mit Heiztank. .

412000 2. Erdbewegung, Stützmauern, Kanalisation, Kläranlage, Umgebungsarbeiten und Weganlagen 67 000 3 . Instandstellung d e s Alt-(Wohn-)Baues . . . . . . . .

. . .

38000 4. Ingenieur- und Architektenhonorare, Diverses und Unvorher-, gesehenes.

63000 5. Instrumentelle Installationen 30000 Insgesamt

610000

Gestützt auf die obigen Erwägungen empfehlen wir Ihnen den nachstehenden Beschlussesentwurf zur Annahme.

, ; Genehmigen Sie, Herr Präsident, hochgeehrte Herren, die Versicherung unserer vollkommenen Hochachtung.

Bern, den 18. Oktober 1955.

Im Namen des Schweizerischen Bundesrates, Der Bundespräsident: Max Petitpierre Der Bundeskanzler: Ch. Oser

79g (Entwurf)

Bundesbeschluss über

den Ausbau des Osservatorio ticinese der Eidgenössischen Meteorologischen Zentralanstalt in Locarno-Monti

Die Bundesversammlung der Schweizerischen Eidgenossenschaft, nach Einsicht in eine Botschaft des Bundesrates vom 18. Oktober 1955, beschliesst:

Art. l Für den Ausbau des Osservatorio ticinese der Eidgenössischen Meteorologischen Zentralanstalt in Locarno-Monti wird ein Objektkredit von 610000 Franken bewilligt.

Art. 2 Dieser Beschluss ist nicht allgemein verbindlich und tritt sofort in Kraft.

Der Bundesrat ist mit dem Vollzug beauftragt.

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Botschaft des Bundesrates an die Bundesversammlung über den Ausbau des Osservatorio ticinese der Eidgenössischen Meteorologischen Zentralanstalt in Locarno-Monti (Vom 18.

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1955

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27.10.1955

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