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Schweizerische Bundesversammlung

Die gesetzgebenden Räte der Eidgenossenschaft sind am 16. März 1903 zur Fortsetzung der ordentlichen Wintersession zusammengetreten.

Neugewählte Mitglieder: Nationalrat.

Herr R i t s o h a r d , Johann, Regierungsrat, von Interlaken, in Bern.

Ständerat.

Herr Morgentahler, Nikiaus, Regierungsrat von Ursenbach, in Bern.

Herr N a t i o n a l r a t s p r ä s i d e n t Session mit folgender Ansprache:

Zschokke eröffnete die

Meine Herren Nationalräte !

Kurz nach Schluß unserer letzten Sitzung, am 23. Dezember 1902, starb nach langen Leiden unser Kollege Herr Oberst Mathäus Zurbuchen, bernischer Staatsanwalt und Vertreter des Kreises Oberland in unserem Rate.

Herr Zurbuchen war im Jahre 1845 in Ringgenberg in einer einfachen Bauernfamilie geboren, erhielt aber von Jugend auf vielseitige Anregung durch seinen Vater, Herr alt Großrat Zurbuchen. Er besuchte bis 1861 die Sekundärschulen in Interlaken, machte dann den gesetzlich vorgeschriebenen Vorkurs, um Notar zu werden und begab sich hierauf nach Bern, um ,,Notar" zu studieren.

Seine Anlagen und sein klarer Kopf gaben seinen Professoren Veranlassung, ihn zu bestimmen, die Rechte zu studieren und seinem Fleiße, seiner Tüchtigkeit gelang es, nach 4 Studienjahren, somit im Jahre 1867, gleichzeitig das Examen eines Notars und bernischen Fürsprechers mit Erfolg abzulegen.

1079 Er begann im nämlichen Jahre seine Tätigkeit als Fürsprech in Interlaken, verehelichte sich 1875, wurde bald in den Großen Rat gewählt, 1877 zum bernischen Staatsanwalt ernannt und 1883 in den Nationalrat gewählt, dem er seither ununterbrochen ·angehört hat.

Seine Laufbahn als Militär begann er 1866, machte 1871 ·als Oberlieutenant die Grenzbesetzung mit und erlangte bei raschem Avancement schließlich den Rang eines Obersten der Infanterie. Er -war in seiner engeren Heimat und bei seinen Soldaten geehrt, geachtet und beliebt, wofür seine stete Wiederwahl in diesen Rat den besten Beweis leistet. Sie, meine Herren, haben ihn gekannt als fleißigen, liebenswürdigen Kollegen, der namentlich rechtliche Fragen in Ihrer Mitte mit großer Kompetenz behandelt hat. Er stund unentwegt für die demokratischen Orundsätze ein.

Meine Herren, ich lade Sie ein, sich zu Ehren des Verstorbenen von Ihren Sitzen zu erheben.

Ein Ereignis von großer Bedeutung für die wirtschaftliche Entwicklung unseres Landes hat sich gestern durch den Volksentscheid vollzogen, der das neue Gesetz über den Zolltarif genehmigt hat.

Wir hatten uns bei dessen Beratung zunächst die Aufgabe gestellt, durch Aufstellung von Kampfzöllen eine Waffe zu achmieden, um den Erzeugnissen unserer Industrie im Ausland «inen Markt zu eröffnen, der den Industriellen und ihren Arbeitern lohnende Arbeit schaffen soll.

Gleichzeitig haben wir aber auch gesucht, die Produkte unserer Landwirtschaft gegen eine zerstörende Einfuhr zu schützen ; beides in der Absicht, einen Ausgleich in der Löhnung für die verschiedeneu Zweige unserer nationalen Arbeit herbeizuführen.

Ob es uns gelungen ist, nach allen Seiten hin das Richtige zu treffen, wird die Zukunft lehren.

Sie wird uns zeigen, ob der Schutz, den wir der Landwirtschaft bringen, die Befürchtungen rechtfertigt oder nicht, daß dadurch eine so fühlbare Verteuerung dos Lebens für die arbeitenden Klassen eintreten wird, daß sie höhere Löhne verlangen müssen und dadurch die Konkurrenzfähigkeit unserer Industrie beschränken. Wir glauben es nicht, weil die Verhandlungen fitr den Abschluß von Handelsverträgen notwendigerweise einen erheblichen Rückgang der Ansätze des Generaltarifs herbeiführen werden.

1080 Diese Ansicht hat gestern die Mehrheit unseres Volkes geteilt, welches in unserem Vorgehen mit Rec.'nt den Versuch sieht,, eine große soziale Frage zu lösen.

Wie sich auch schließlich der Gebrauchstarif stellen wird, so läßt sich vermuten, daß er uns eine Erhöhung der Zolleinnahmen bringen werde.

Aber auch hier lassen sich über das Maß derselben bloß.

Vermutungen aufstellen.

Unsere Aufgabe wird es sein, diese Mehreinnahmen so z.ui verwenden, daß sie für das Volk einen fühlbaren Ersatz bilden für allfällige Preiserhöhungen der Gebrauchsartikel.

Die Mittel, die zu diesem Ergebnis führen können sind zahlreich; doch steht wohl im Vordergrund die endliche Durchführung des Grundsatzes der Kranken- und Unfallversicherung.

Der Volksentscheid von gestern bringt uns somit neue und große Aufgaben, deren Lösung im Interesse der Entwicklung unseres Landes unsere patriotische Pflicht sein wird.

Im S t ä n d e r a t sprach Herr Präsident Hoffmann bei der Eröffnung folgende Worte: Meine Herren Ständeräte!

Ich heisse Sie zur Fortsetzung der ordentlichen Wintersessioa willkommen.

Wir stehen wohl alle noch unter dem Eindrucke des gestrigen hochwichtigen Volksentscheides. Mit großem Mehr hat das Schweizervolk dem neuen Zolltarifgesetze, der Frucht langjähriger sorgfaltiger Vorarbeiten, mühsamer und langwieriger Arbeit in den eidgenössischen Räten, seine Zustimmung gegeben.

Ich maße mir nicht an, aus diesem Entscheide Schlüsse ziehen zu wollen auf die treibenden Beweggründe, die im Lager der Zolltarif-Freunde und- -Gegner entscheidend gewirkt haben.

Wir sahen in den Kämpfen, welche die letat vergangen en Wochen entfesselt haben, zwei große und alte wirtschaftliche Systeme in heißem Ringen miteinander. Wir begegneten daneben einer mächtigen Strömung, die, ohne Rücksichten auf volkswirtschaftliche Lehrmeitiungen, das eine Ziel unverrückbar im Äug« hatte, die Grundlagen für eine weise imd kraftvolle Handelsvertragspolitik zu schaffen, welche danach strebt, dem schwei-

1081 zerischen Exporte die Absatzgebiete frei zu halten und frei zu machen und damit der nationalen Arbeit zu neuer Blüte zu verhelfen.

Und neben diesen führenden Linien, bald parallel mit ihnen, bald sie kreuz und quer durchkreuzend, drängten sich die Interessen der verschiedenen Zwoige unseres vielgestaltigen wirtschaftlichen Lebens in den Vordergrund, im bunten Wirrwarr bald sich gegenseitig bedingend, bald sich widersprechend. Überaus schwierig muß daher die Beantwortung der Frage sein, wo die e n t s c h e i d e n d e n Faktoren liegen, die das gestrige Abstimmungsresultat zu stände gebracht haben.

Die e i n e Folgerung aber aus dem gestrigen Volksentscheide darf unbedenklich gezogen werden, daß unsere oberste Landesbehörde überzeugt sein kann, in den kommenden Handelsvertragsverhandlungen für eine zwar maßvolle, aber k r a f t v o l l e Zollpolitik das Schweizervolk in seiner übergroßen Mehrheit hinter sich zu haben.

Der h. Bundesrat steht vor einer schweren, verantwortungsvollen Aufgabe. Möge er aus dem Beweise hohen Vertrauens, der in der gestrigen Abstimmung liegt, neue Kraft schöpfen für eine glückliche Lösung dieser Aufgabe ; möge er vor allem sich von der Überzeugung durchdringen lassen, daß es im Kampfe der wirtschaftlichen Interessen, der im gestrigen Entscheide einstweilen seine formelle Erledigung gefunden hat, kein ,,vae victisa geben kann; und möge das Volksvotum vom 15. März 1903 der Ausgangspunkt einer neuen, segensreichen Epoche im wirtschaftlichen Leben unseres Volkes werden!

Meine Herren Ständeräte !

Seit unserer letzten Tagung hat der Tod wiederum ein Mitglied der eidgenössischen Räte abberufen. Am 23. Dezember vorigen Jahres starb in Ringgenberg nach vierwöchentlicher schwerer Krankheit Herr Nationalrat Mathäus Zurbuchen. Der Verstorbene, in Ringgenberg geboren, besuchte die dortige Primarschule und die Sekundärschule in Interlaken und bildete sich in der Folge mit eisernem Fleiß und Energie zumeist autodidaktisch weiter. Nachdem er sich auf einem Advokaturbureau in Interlaken die ersten juristischen Kenntnisse erworben und sie in Bern erweitert hatte, gründete er in Interlaken eine eigene Fürsprecherpraxis. Das Vertrauen seiner Mitbürger berief ihn bald in den Großen Rat und gleich darauf erging an ihn auch der Euf in den Regierungsrat. Diesem Rufe leistete er indessen nicht

1082 Folge, dagegen hat er dem Kanton als Staatsanwalt lange Jahre vortreffliche Dienste geleistet. Seit dem Jahre 1883 gehörte Äurbuchen dem Nationalrate an, in welchen er als Nachfolger desjenigen getreten war, der heute, nach 20 Jahren, seine Nachfolge wiederum zu übernehmen sich anschickt., unseres früheren geschätzten Kollegen, des Herrn Regierungsrat Ritschard.

Auch im Wehrdienste, in welchem der Verstorbene den Orad eines Oberst-Brigadiers erreichte, wußte er stets das auf ihn gehegte Vertrauen zu rechtfertigen.

Wir verlieren in Zurbuchen einen hochgeschätzten, treuen Kollegen, dem wir ein dankbares Andenken bewahren werden.

Ich lade Sie ein, sich zu Ehren des Veratorbenen von Ihren Sitzen erheben zu wollen.

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