ST

Übersicht der Erkrankungen bei den Infanterieregimentern des IV. Armeekorps während des Truppeno o 2 zusammenzuges 1902.

Geheilt zum Korps

Erkrankt

Einheit

Nach Hause entlassen

Vermisst

Gestorben

Durchschnittsbestand der Einheiten

--

2381

%')

Anzahl

Vo1)

53

2,,

107

4,5

8

0,3

130

4,9

175

6,6

18

0,,

--

--

2642

J2, ä

196

9,6

37

1,8

17

0,8

--

--

2046

331

13,6

191

7,9

120

4,9

20

0,8

--

--

2420

29

279

11,8

182

7,7

85

3,6

12

O,»

--

--

2349

Anzahl

V)

Infanterieregiment 13

168

14

323

7,i 12,ä

15

250

16

r,

Evakuiert

Anzahl

Auzahl %')

30

285

. 12 >1

211

8,9

71

3,0

3

0,!

--

--

2354

31

192

9,7

123

6,2

61

3,i

8

0,4

--

--

32

249

163

7,7

82

3,9

4

o,

--

--

1985 2105

11,8

') % des Durchschnittsbestandes des betreuenden Regimentes.

1003 Aus dieser Tabelle ist ersichtlich, daß das Infanterieregiment 13 sowohl absolut als auch relativ weniger Erkrankungen hatte als alle andern Regimenter.

In bezug auf die Evakuationen haben die Regimenter der VIII. Division geringere absolute Zahlen; bei der IV. Division hat das Regiment 15 die geringste Anzahl, die Regimenter 14 und 16 mehr als das Regiment 13.

Es geht hieraus hervor, daß der Gesundheitszustand im Regiment 13 nicht schlechter war als in den andern, sondern, was die Erkrankungen überhaupt anbelangt, entschieden am besten, was die Evakuationen anbelangt, besser als in den Regimentern 14 und K).

Die Behauptungen, daß der Gesundheitszustand im Regiment 13 ein schlechter war, stützen sich namentlich auf Wahrnehmungen, die die Einwohner von Schötz gemacht haben wollen.

Es ist deshalb nötig, die Zahl dei- Erkrankten nachzusehen, welche das Regiment vom 5./6. September hatte, als es dort kantonierte.

Aus den Kranken Verzeichnissen der 3 Bataillone ergibt sich die folgende Tabelle : Krankenstand des Regimentes 13 am 5. und 6. September 1902.

(Auszug aus den Krunkenverzeichnissen) Es meldeten sich frisch Erkrankte am 5. September : Bataillon 37: --.

,, 38: 2 Mann (l fußkrank, l Rheumatismus).

39: 4 ,, (1. Pleuritis, l Gastritis, l Gonitis, l " Rheumatismus).

Total (i Mann (davon wurden 2 evakuiert, l fußkrank, l Rheumatismus, die andern am (5., resp. 8. September geheilt zur Truppe entlassen).

Von früher waren am 5. September noch in Behandlung: Bataillon 37 : 3 Mann (l Schnittwunde, l vereiterte Lymphdrüse, l Schweißfuß).

,, 38: 3 ,, (l Varices erur l Abszeß der Hand, l Abszeß am kleinen Finger rechts).

,, 39: 6 ,, (l Anämie, l Gastritis, 2 wunde Füße, l Nervenleiden, l Tendo-vaginitis).

Total

12 Mann

1004 Demnach Totalkrankenstand : Bataillon 37 : 3 Mann.

,, 38: 5 ,, ,, 39: 10 ,, Total

18 Mann (wovon 2 mit Gastritis).

Hiervon wurden am 5. September evakuiert (37: 2, 38 : l, 39: 2): 5 Mann, verblieben auf dem Krankenzimmer 13 Mann.

Am 6. September meldeten sich krank : Bataillon 37 : --.

,, 38: 2 Mann (l Verletzung der rechten Wade, l Rheumatismus).

,, 39: 4 .n (l Furunkel, l wunder Fuß, l Anämie, l distorsio pedis).

Total

6 Mann, wovon keine Gastritis.

Es betrug also der Gesamfckrankenstand des Regiments am Abend des 5. Septembers 18 Mann = 0,?s % des Durchschnittsbestandes, oder, mit andern Worten, von je 132 Mann war einer erkrankt. Es sind dies gewiß günstige Verhältnisse. Von diesen 18 Mann wurden am 5. September 5 evakuiert, so daß am Abend noch 13 auf den Krankenzimmern verblieben, also eine geringe Anzahl. Eine Vergleichung der in den Kraukenverzeichnissen eingetragenen Namen dieser 18 Kranken mit der Liste der Typhuskranken ergibt, daß von denselben später keiner an Typhus erkrankte, was auch begreiflich ist, da das Schulhaus, in dein die Kranken lagen, an die Dorfwasserleitung angeschlossen ist, und die Kranken keine Gelegenheit hatten, außerhalb desselben verseuchtes Wasser zu trinken.

Es war nun noch die Möglichkeit vorhanden, daß in Schot/ sich eine größere Anzahl von Kranken meldeten, die nicht in die Krankenverzeichnisse eingetragen wurden, wie das z. B. mit Fußkranken gemacht wird, welche sich nur einmal melden und nicht vom Dienst dispensiert werden müssen. Es wurde deshalb der Regimentsarzt angefragt um Auskunft über den Gesundheitszustand des Regimentes am 5. und 6. September. Derselbe wendete sich seinerseits auch an die Bataillonsärzte. Der Inhalt der diesbezüglichen Berichte wird an anderer Stelle mitgeteilt.

Aus denselben -geht, hervor, daß am 5. und 6. September außer den in den Krankenrapportcn verzeichneten Fällen nur einige Fußkranke behandelt wurden. Während der Nacht wurde ein

1005 Mann wegen Kolikanfall ins Krankenzimmer verbracht; er konnte am Morgen den Dienst wieder aufnehmen und blieb gesund.

Die obigen Ausführungen beweisen, daß der Gesundheitszustand im Regiment 13 während der Dauer der Korpsmanöver ein guter war und daß namentlich am o. und 6. September die Zahl der Erkrankungen eine geringe genannt werden muß.

VII. Die offiziellen Erklärungen.

  1. Die Erklärung des Militärdepartementes vom 24. Oktober 1902 lautete folgendermaßen: Typhusepidemie nach dem Truppenzusammenzuge.

(Vom schweizerischen Militärdepartement, mitgeteilt.)

,,Ungeachtet aller Belehrung wird in einem Teile der Fresse hartnäckig daran festgehalten, die beim 13. Infanterieregiment im Anschluß an die diesjährigen Manöver des IV. Armeekorps ausgebrochene Typhusepidemie sei einerseits auf ungebührliche Inanspruchnahme der Truppen und andererseits auf mangelhafte!

Verpflegung zurückzuführen.

Diesen Behauptungen gegenüber ist, gestutzt auf eine gründliche Untersuchung, mit aller Bestimmtheit zu erklären, daß eine solche Entstehungsark der bedauerlichen Typhuserkrankungen absolut ausgeschlossen ist. Es weist vielmehr das explosionsartige Auftreten der Epidemie mit größter Wahrscheinlichkeit auf die allerhäuligste Ursache des Typhus, auf den Genuß schlechten, d. h. durch Typhus-Infektionsstoff verunreinigten Trinkwassers hin, und zwar muß die Zeit der Infektion, in Anbetracht der dein Typhus eigentümlichen 2--3wochigen Inkubationsdauer (d. h.

derjenigen Frist, welche das in den Körper aufgenommene Gift braucht, um seine krankmachende Wirkung zur Entwicklung zu bringen), auf die zweite Hälfte der ersten oder auf die erste Hälfte der zweiten Dienstwoehe zurückverlegt werden. In diesel Zeit stand Regiment 13 in den Kantonen Luzern und Aargau in Gegenden, welche anläßlich genauer, durch den Anneekorpsarzt IV angeordneter Erhebungen vor dem Einrücken der Truppen durch die bürgerlichen Behörden als typhusfrei gemeldet worden waren.

Es hat sich nun herausgestellt, daß diese Meldungen, durch wessen Schuld mag vorläufig dahingestellt bleiben, unzuverlässig

1006

waren. In S c h ü t z (Lnzern), wo Regiment 13 am 5. September abends kantonnierte, war im Laute des Sommers Typhus, und zwar speziell in einem der Gehöfte von ,0Hübelia, südlich Schote.

In ,,Hübelia und Umgebung war der grüßte Teil des am stärksten heimgesuchten Bataillons 39 untergebracht. Wie der Name andeutet, liegt .j,Hübelia, auf einer Anhöhe, 46 m. höher als die Kirche von Schötz, und es ist mit größter Wahrscheinlichkeit anzunehmen, daß Typhusgift vom ursprünglichen Krankheitsherd in tiefer gelegene Sodbrunnen, zum teil auch in laufende Brunnen und jedenfalls auch in die offenen Wasserläufe, welche östlich und westlich von ,,Hiibelia der Ortschaft Schötz zustreben, gelangt ist, als krankmachendes Agens angesprochen werden muß.

Damit ist die Epidemie in ihrer Grundursache aufgeklärt.

Weiterer Untersuchung muß es vorbehalten bleiben, den Zusammenhang des ursprünglichen Krankheitsherdes mit den Wasserversorgungsverhältnissen der Truppenkantonnemente im einzelnen festzustellen.^ Es ist dem Militärdepartement nach dem Erscheinen dieser Mitteilung vorgeworfen worden, es sei dieselbe zu früh und namentlich ohne genaue vorhergehende Untersuchung herausgegeben worden.

Unmittelbar nach dem Entstehen der Epidemie bemächtigten sich die Tagesblätter der Angelegenheit und machten dem Departement sowohl als der Leitung der Manöver Vorwürfe über mangelhafte A^erpflegung uud Überanstrengung der Truppen im Dienste, die der Wahrheit in keiner Weise entsprachen. Es wurde dadurch im Volke, namentlich in derjenigen Gegend, in der die bedauernswerten Opfer der Epidemie wohnten, eine große Erbitterung hervorgerufen.

Bereits ani 12. Oktober 1902 erhielt das Departement vom Kornmandanten des IV. Armeekorps einen sehr einläßlichen Bericht über die Verpflegung im Regiment 13, der auf Anordnung des Divisionskommandanten IV von den Offizieren des Regiments 13 zusammengestellt worden war. Zugleich beantragte der Korpskommandant , das Resultat dieser Untersuchung zu veröffentlichen.

Wenn es auch in diesem Momente schon angezeigt erschien, eine öffentliche Erklärung abzugeben zur Beruhigung der Gremüter und namentlich auch zur Widerlegung jener ganz unberechtigten Vorwürfe betreffend die Verpflegung, so glaubte doch das Departement, vorläufig noch hiervon Abstand nehmen

1007 zu müssen, bis das Resultat der Nachforschungen nach dem Infektionsherd des Typhus, welche auf Anordnung des Oberfeldarztes durch die zuständigen Organe geführt wurde, bekannt war.

Im Verlaufe des Vormittags des 24. Oktober erhielt dann das Departement durch den Oberfeldarzt Kenntnis vom Resultat und nun.glaubte es, nicht mehr zögern zu dürfen mit der Bekanntgabe desselben. Das Departement war es den Opfern deiEpidemie und deren Angehörigen, nicht minder aber auch den verantwortlichen Offizieren gegenüber schuldig, daß es jene unwahren Behauptungen richtig stellte, und zwar so bald als möglich.

Daß die Untersuchung über die Verpflegung des Regiments 13 sowohl als auch namentlich diejenige über die Infektionsquelle keine oberflächliche, sondern eine sehr eingehende, genaue und auf Feststellung der Tatsachen gerichtete war, das geht einerseits hervor aus den Akten, andererseits aber auch aus dein Umstände, daß die in der Erklärung aufgeführten Behauptungen auch in der Folge sich als richtig erwiesen.

Wir haben gezeigt, daß zunächst der Vorwurf, als beruhe die Epidemie auf mangelhafter Verpflegung oder ungebührlicher Inanspruchnahme der Truppen, durch die Tatsachen widerlegt wird. Unsere weitere Angabe, daß die Epidemie mit größter Wahrscheinlichkeit auf durch Typhusinfektionsstoff verunreinigtes Trinkwasser zurückzuführen sei, und daß die Zeit der Infektion auf die zweite Hälfte der ersten oder die erste Hälfte der zweiten Woche zu verlegen sei, wird schwerlich mehr bestritten werden.

Nur die folgende Angabe, daß auf Erhebungen des Arrneekorpsar/ies IV hin die von den Truppen in der genannten Zeit belegten Gegenden von den Behörden als typhusfrei gemeldet wurden, ist insofern richtig zu stellen, als es sich herausgestellt hat, daß die Anfrage von Luzern nicht beantwortet worden ist und daß wir daher nur hätten sagen dürfen, daß trotz erfolgter Anfrage über das Vorkommen von Typhusfällen nichts gemeldet worden war. Endlich hatten wir mitgeteilt, daß im Verlaufe des Sommers auf dem ,,Hübeli tc bei Schötz, wo das Regiment 13 am 5./t>- September kantonnicrte, Typhus vorgekommen, daß von dort aus die tiefer liegenden Sod- und zum Teil auch laufende Brunnen, sowie dio. offenen Wasserläufe infiziert wurden, und daß hier die Grundursache der Epidemie zu suchen sei. Diese Annahme halten wir auch heute mit aller Bestimmtheit aufrecht, und wir glauben den Hovveis ihrer Richtigkeit im Vorstehenden wir Geniige erbracht

1008 zu haben. Nicht ganz richtig war unsere Angabe, daß das Bataillon 39 das am stärksten betroffene Bataillon sei, weil damals noch nicht alle Typhusfälle hatten zusammengestellt werden können.

Wir ersehen, daß diese erste Mitteilung weder voreilig, noch ohne dringende Veranlassung, noch ohne vorhergehende gründliche und sachliche Untersuchung abgegeben wurde und daß sie in ihren wesentlichen Angaben richtig war.

2. Nach Bekanntmachung der obgenannten Mitteilung des Militärdepartementes erschien zunächst folgende E r k l ä r u n g des (f e m ein derates von S c h ö t z (wir stellen der Übersichtlichkeit halber unsere Bemerkungen neben den Text der Erklärung) : Erklärung des Gemeinderates von Schötz.

Die der Presse unterem '25. Oktober zugegangene Mitteilung des schweizerischen Militärdepartementes, zufolge welcher Schötz als der Ansteckungsherd der anläßlich der diesjährigen Manöver beim 13. Infanterieregiment bedauerlicherweise ausgebrochenen Typhusepidemie bezeichnet werden will, hat unter der hiesigen Bevölkerung allgemeine Entrüstung und großen Unwillen hervorgerufen ; man fragte sich allgemein : Ist es möglich, daß von einer hohen Bundesbehörde aus eine bloße Vermutung rundweg zu einer vollständig aufgeklärten Tatsache gestempelt werden kann, ohne daß vorher eine unparteiische amtliche Untersuchung gewaltet hat. Ein solches Vorgehen verdient vollauf als unkorrekt und oberflächlich taxiert zu werden.

Bemerkungen.

Das Militärdepartement hatte zur Zeit der Mitteilung nicht eine b l o ß e V e r m u t u n g , sondern die Ü b e r z e u g u n g , daß Schötz der Sitz der Infektion sei. Es hat v o r der Mitteilung wirklich eine genaue amtliche Untersuchung stattgefunden, und zwar durch diejenigen u n p a r t e i i s c h e n Organe, deren Pflicht es in erster Linie war, Licht in die Sache zu bringen.

1009 Zur Hauptsache übergehend protestieren wir gegen die in besagter Mitteilung enthaltenen gegenteiligen Behauptungen und erklären: 1. Es ist a b s o l u t unw a h r , daß in Schötz im Laufe des verflossenen Sommers der Typhus geherrscht hat. Der erwähnte Fall auf dem Hübeli wurde von einer entfernt gelegenen Gemeinde importiert und blieb auf e i n e e i n z i g e Person beschränkt.

Der Ausdruck ,,herrschte"' kommt in der Mitteilung des Departementes g a r n i c h t vor. Sondern es heißt: es war im Laufe des Sommers Typhus, und das entspricht doch der Wahrheit.

Es war nicht nur e i n e , sondern es waren z w e i Personen erkrankt, die eine ganz sicher an Typhus, die andere mit höchster Wahrscheinlichkeit; es liegen sogar Anhaltspunkte vor für die Annahme, daß auf dem Hübeli auch eine dritte Person typhuskrank war Cvergl. Bemerkungen zur zweiten Erklärung des Sanitätsrates).

2. Dieselbe Person war 10 Wochen vor dem Einrücken der Truppen v ö l l i g g e h e i l t .

Nach den Mitteilungen des ersten behandelnden Arztes erkrankte diese Person am 25.

Mai, blieb nach ihrer eigenen Aussage und derjenigen ihrer Angehörigen 7 Wochen krank, wovon 5 Wochen im Bett. Die Heilung trat demnach ein zirka am 13. Juli, n i c h t g a n z 8 W o c h e n vor dem Einrücken der Truppen in Schötz (5. September).

3. Das angeblich typhusverdächtige Wasser auf dem zitierten und den nächstgelegenen Gehöften des Hübeli wurde vor, während und nach dem

Wie wir gesehen, ist es leicht erklärlich, warum Soldaten im Dienste an einem Typhusherd sich infizieren können, während die Zivilbevöl-

Bundesblatt. 55. Jahrg. Bd. I.

67

1010 genannten Falle von Alt und Jung, Groß und Klein genossen, ohne daß nur die leiseste Spur von Typhus entdeckt worden wäre. Überhaupt ist gerade in diesem Rayon seit Jahrzehnten kein Typhusfall vorgekommen.

Überhaupt sei angeführt, daß Schötz und speziell die Umgebung des Hübeli nicht nur Soldaten des 13. Infanterieregiments, sondern auch tags zuvor solche der Bataillone 40 und 41 beherbergte, von welchen laut zuverlässiger Mitteilung nicht ein einziger an Typhus erkrankte, obgleich sie auch aus den nämlichen Quellen Wasser geschöpft haben werden, wie ihre nachfolgenden Waffenkameraden.

4. Das Dorf Schötz besitzt eine Wasserversorgung mit gesundem, reichlichem Quellwasser, welches gerade in entgegengesetzter Richtung des ,,Hübeli" der Ortschaft zufließt.

5. Zum Schlüsse endlich mag noch auf die Tatsache hingewiesen werden, daß am Binrückungstage schon etliche Stunden vor der Ankuft der Truppen mehrere krank gemeldete Kolonnen eintrafen, und daß am Abend drei geräumige Lokale mit Patienten gänzlich angefüllt waren.

kerung von der Krankheit verschont bleibt.

Von den Bataillonen 40 und 41 war niemand in den drei gefährlichen Gehöften Birrer, Stalder und Wetterwald untergebracht.

J e d e s dieser Bataillone hat in Wirklichkeit einen T}rphusfall aufzuweisen. Der Umschlag der Witterung erklärt durchaus, weßhalb das eine Regiment stark, das andere nur wenig betroffen wurde.

Die Häuser auf dem Hübeli sind nicht an diese Wasserversorgung angeschlossen.

Außer dieser Wasserversorgung gibt es im Dorfe Schötz drei Brunnen, die ihr Wasser vom Hübeli her erhalten.

Diese K o l o n n e n bestanden aus d r e i M a n n vom Bataillon 38 und l M a n n vom Bataillon 39, sowie einem Teil der von früher verbliebenen Kranken, also h ö c h s t e n s 12 M a n n , wie aus den Krankenverzeichnissen und aus den Berichten der Bataillonsärzte hervorgeht. In den drei Krankenzimmern befanden sich zusammen 13 K r a n k e , wozu während der Nacht noch eins

1011 Manu kam, es war demnach ,,ein geräumiges Lokal mit v i e r bis f ü n f Patienten gänzlich angefüllt" !

Wie aus dem Abschnitt Leistungen des Regiments 13 hervorgeht, unrichtige Angabe,

Die Truppen versicherten übereinstimmend, daß sie noch keinen so strengen Dienst in der ersten Dienstwoche mitgemacht hätten.

Wir ersuchen die Presse, soweit sie die Mitteilung des schweizerischen Miiitärdepartementes veröffentlicht hat, auch von dieser Erklärung Notiz zu nehmen.

Wir stellen fest, daß die Erklärung des Gemeinderates von Schötz, soweit sie nicht mit den Angaben des Militärdepartementes übereinstimmt, unrichtig ist oder die Tatsachen entstellt und enthalten uns weiteren Bemerkungen.

3. Sodann erschien im Luzerner Kantonsblatt bald nach den Mitteilungen des Militärdepartementes die folgende Erklärung des Sanitätsrates des Kantons Luzern : Erste Erklärung des Sanitätsrates.

Die in den öffentlichen Blättern vom 25. Oktober 1. Jahres erschienene Mitteilung vom schweizerischen Militärdepartement, wonach die Grundursache der bei Regiment 13 aufgetretenen Typhusepidemie in einer Infektion beim ,,Hiibeli" in Schötz konstatiert sei, hat unterzeichnete Behörde veranlaßt, ihrerseits ebenfalls einen Untersuch vorzunehmen. Soweit solcher bisher gediehen ist, geht folgendes daraus hervor :

Bemerkungen,

1012 1. Im Hübeli in Schötz wurde am 31. Mai abbin eine Tochter heimgebracht, welche za. 10 Tage zuvor im Ostergau, Willisauland, an Typhus erkrankt war. Im Hübeli lag sie noch za. 3 Wochen krank darnieder. Im Anschluß erkrankte ihre sie pflegende Schwester leicht au gastrischen Störungen.

Diese Tochter erkrankte nach Mitteilung des behandelnden Arztes am 25. Mai, also s e c h s Tage vor ihrer Überführung, war 5 Wochen bettlägerig, also noch 4 W o c h e n im Hübeli.

Diese Schwester erkrankte so, daß sie, nach ihrer eigenen Aussage und derjenigen ihrer Angehörigen, 14 T a g e lang das Bett hüten mußte.

Wenn aber eine kräftige Tochter im Alter von 20 Jahren, während sie eine typhuskranke Schwester pflegt, mit Erscheinungen von Seiten des Darmtractus so erkrankt, daß sie 14 Tage lang das Bett hüten muß, dann nennt das gewiß kein Arzt ,, e r k r a n k t leicht an gastrischen Störunge n a , sondern er stellt die Diagnose auf T y p h u s in l e i c h t e r e r Form.

2. Die Infektion fraglicher Patientin hat also nicht in Schötz stattgefunden, und sind auch das ganze laufende Jahr hindurch bis auf heute, wie überhaupt auf längere Zeit zurück in Schötz keine Typhusfälle vorgekommen.

Es ist nirgends behauptet worden, daß die Infektion der fraglichen Patientin in Schütz stattgefunden hat.

3. Am 5. September abends kantonnierten in den drei Gehöften auf dem Hübeli zirka 100 Mann des Bataillons 39 unter dem Befehle eines Hauptrnanns und kochten gemeinsam bei dem Gehöfte W. ab, welches za. 300 Schritt von dem

In den drei Gehöften kantonnierte die ganze erste Kompagnie des Bataillons 39 mit Ausnahme der Wachtmannschaft.

Ausgenommen die Typhusfälle auf dem Hübeli !

1013 Gehöfte B., in welchem die Typhuskranke im Juni gelegen war, entfernt und etwas tiefer gelegen ist als jenes. Hierbei wurde der dortige Sodbrunnen benutzt und müßte deshalb wohl dieser vorab als Infektionsträger in Frage kommen, um so mehr, weil damals sehr nasse Witterung war und die Leute deshalb wenig Veranlassung hatten, zu trinken.

Dieser Sodbrunnen wurde aber von jeher und das ganze Jahr hindurch, vor und nach dem 5. September, von den vier Insassen des Hauses W., wie von zahlreichen Passanten, welche auf dem nahe gelegenen Allmendland arbeiteten, benutzt, ohne daß jemand an Typhus erkrankt wäre.

Dieser Sodbrunnen hat nach Aussage des Besitzers des Gehöftes W. ,,die gleiche Ader" wie der Sodbrunnen beim Hause B., der in der Nähe des Düngerstockessteht,in welchem die Dejekte der Erkrankten vergraben wurden.

Wie bereits gezeigt, können Soldaten an einem Typhusherde sich so infizieren, daß sie erkranken, während die Zivilbevölkerung verschont bleibt.

4. Im Dorfe Schötz selbst war eine Infektion durch Wasser vom Hübeli her um so woniger zu gefährden, weil mit Ausnahme von drei Häusern das ganze Dorf an eine neu erstellte Quellwasserleitung, die von Ohmstal herkommt, angeschlossen ist.

Neben dieser Dorfwasserleitung finden sich im Dorfe Schötz drei Brunnen, die vom Hübeli aus gespiesen werden, und überdies durchfließt der Bach, welcher das Abwasser des Hübeli aufnimmt, die ganze Ortschaft.

5. Das Wasser in den beiden Sodbrunnen ist gegenwärtig trotz regnerischem Wetter absolut klar. Die Schachte gehen, nachdem sie eine 5--6 Fuß tiefe Erdschicht gemauert durchbrochen, in den Felsen und sind 18 resp. 75 Fuß tief.

Auch klares Wasser kann Typhuskeime enthalten.

Im Bericht der beiden Schütz rekognoszierenden Offiziere heißt es in bezug auf den Zustand des Sodbrunnens beim Hause B. : ,,Bis auf za. 4 Meter Tiefe ist er mit ziemlich vernachlässigtem Trockenmauer-

1014 werk versehen, weiter unten soll Nagelfluh sein.tc 6. Von der Tvphuserkrankung der I. B. war durch die behandelnden Ärzte die vorgeschriebene Anzeige an die Sanitätsbehörden nicht gemacht worden.

Unterzeichnete Behörde zieht beim heutigen Stand der Untersuchung aus den Erwägungen: a. daß der Typhusfall der I. B. nicht in Schötz entstanden, sondern dort importiert war; b. daß nebstdem auf längste Zeit unter der Bevölkerung von Schötz kein Typhusfall vorgekommen 5 c. daß, wenn wirklich die Infektion vom Sodbrunnen des W. ausgegangen sein sollte, angenommen werden müßte, daß die Krankheit nur unter der dort kantonnierenden Abteilung einer Kompagnie ausgebrochen wäre, während dieselbe unseres Wissens unter sämtlichen Bataillonen des Regiments 13 aufgetreten ist; d. daß unter der Mannschaft der zwei Bataillone des Regiments 14, welche am Abend zuvor im Dorfe Schötz kantonnierten, keine Typhuserkrankungen aufgetreten sind, den Schluß:

Durch die ,,Importation" dieses Typhusfalles in Schötz wurde dort ein Typhusherd geschaffen.

Die Infektion ging nicht nur vom Sodbrunnen des W. aus, sondern auch von dem des HausesB., ferner von demBrunnen des Hauses St., den drei im Dorfe stehenden Brunnen und dem Dorfbache, die sämtlich vom Hübeli, resp. dem beim Hause B. liegenden Düngerstock und der daneben befindlichen Jauchegrube aus infiziert werden konnten.

In jedem dieser Bataillone ist je ein Mann an Typhus erkrankt.

1015 Es sei dermalen durchaus ·unwahrscheinlich oder zum wenigsten n o c h n i c h t bew i e s e n , daß jene bedauernswerte Typhusepidemie unter den Truppen des Regiments 13 von Schötz herrühre.

Da die Erwägungen unrichtig sind, muß selbstversändlich auch der aus denselben gezogene Schluß falsch sein,

Trotz der in der Erklärung enthaltenen Ungeriauigkeiten und Unrichtigkeiten, gelingt es dem Sanitätsrat nicht, auch nur einen stichhaltigen Grand gegen die Wahrscheinlichkeit der Infektion vom Hilbeli her anzuführen.

4. Am 7. November 1902 erließ dann das schweizerische Militärdepartement als Antwort auf die Erklärungen des Gemeinderates Schute und des Sanitätsrates des Kantons Luzern, und namentlich angesichts des allgemeinen Interesses, welches die Typhusepidemie unter der Bevölkerung erweckt hatte, die folgende (zweite) Mitteilung:

Typhusepidemie nach dem Truppenzusammenzug.

(Vom schweizerischen Milliarde parlement mitgeteilt.)

Die Gemeindebehörde von Schötz ist bemüht, die der hierseitigen Mitteilung vom 24. Oktober zu Grunde gelegte Annahme, der Ursprung der beim 13. Infanterieregiment ausgebrochenen Typhusepidemie sei in Schötz zu suchen, als unrichtig hinzustellen, indem sie gleichzeitig versucht, den Verdacht teils auf frühere (Rohrbach), teils auf spätere Kantonnemente (Rupperswil) abzuladen. Auch der Sanitätsrat des Kantons Luzern läßt im Kantonsblatt erklären, es sei .^dermalen durchaus unwahrscheinlich oder zum wenigsten noch nicht bewiesen, daß jene bedauernswerte Typhusinfektion unter den Truppen des Regiments 13 von Schötz herrühre".

Diesen Behauptungen gegenüber sieht sich das Militärdepartement zu folgenden vorläufigen Mitteilungen veranlaßt: 1. Die Epidemie hat alle drei Bataillone des 13. Regiments betroffen, Bataillon 38 mit 10, Bataillon 39 mit 30 und Bataillon 37 mit 54 Fällen. Ihr Anfang mußte daher von vorneherein in Orten gesucht werden, welche Regiment 13 als ganzes beherbergt hatten. Als solche konnten nur Schötz und Rupperswil in Betracht fallen. (In Rohrbach waren nur die Bataillone 37

1016 und 38 des 13. Regiments gewesen, Bataillon 39 lag an jenem Abend in Eleindietwil. Beide Orte sind in zuverlässiger Weise als typhusfrei gemeldet.) Trotzdem erstreckte sich' die angeordnete Untersuchung auf das ganze vom 13. Regiment berührte Gebiet. Sie ergab schließlich, daß auf dein ,,Hübeli" bei Schote und im Dorfe Rupperswil im Läufe des Sommers je zwei Typhusfälle vorgekommen sind.

2. In Schötz nächtigte das 13. Regiment vom 5. auf den 6. September; in Rupperswil war es vom 13. abends bis zum 15. früh. Die Epidemie trat mit dem 18. September mit gewaltiger Wucht auf. Es sind gemeldet: Vom 15.--18. September ein Fall, ',,aus den letzten Diensttagen "· fünf Fälle, vom 18. September (Entlassungstag) dreißig Fälle, vom 20. September sechs und 21. September drei Fälle. Von da an erfolgen nur noch vereinzelte Erkrankungen, wobei allerdings zu bemerken ist, daß für eine große Anzahl von Fällen, das Datum der Erkrankung nicht mehr zu ermitteln war. Die festgestellten Zahlen aber sprechen deutlich genug.

Von der Wissenschaft wird angenommen, daß die Inkubationszeit bei Typhus 12 bis 18 Tage, oder 10 bis 20 Tage beträgt. Vereinzelte Fälle mögen sich rascher oder auch langsamer entwickeln können. Allein das explosionsartige Einsetzen der Epidemie um den 18. September schließt nach fachmännischer Ansicht deren Zurückführung auf Rupperswil völlig aus, während zwischen dem Kantonnement in Schötz und dem 18. September 13 Tage lagen.

3. Die beiden Typhusfälle, welche sich auf dem ,,Hüben'11 bei Schötz ereignet haben, fallen in die Zeit zwischen dem 20. Mai und 8. Juli und betrafen Bewohner des sogenannten ,,oberen Hübeli". Ob der erste Fall eingeschleppt war oder nicht, ist Nebensaehe. Hauptsache ist, daß die Kranke dort fünf Wochen lag und noch zwei Wochen rekonvaleszent war. Die zweite Kranke, Schwester der zuerst Befallenen, welche im Verlaufe der Krankheit der Ersterkrankten ebenfalls von Typhus befallen wurde, ist zweifelsohne von ihrer Schwester infiziert worden.

Die Infektion scheint indessen keine schwere gewesen zu sein, da diese Kranke nur während 14 Tagen das Bett hütete. Vom 8. Juli an werden beide Schwestern als gesund gemeldet. Behandelnder Arizt war Herr Dr. D. in Willisau. Kenntnis von diesen beiden Fällen erhielt das Militärdepartement erst ganz spät, indem auf Anfragen des mit Untersuchung der Sache beauf-

1017 fragten Arztes hin der in Ettiswil niedergelassene Arzt pflichtund wahrheitsgemäß Mitteilungen machte. Auch der Sanitätsrat des Kantons Luzern erhielt diese Kenntnis erst nach Ausbruch der großen Epidemie.

4. Das ,,Hübeli" ist eine das Dorf Schötz um 46 Meter überragende Anhöhe, an deren nördlichen und nordöstlichen Fuß sich das Mitteldorf und das Oberdorf von Schötz anlehnen. Der Hügel, welcher an seiner Nordseite gegen Schötz hin sanfter, an seiner Südseite dagegen steiler abfällt, wird östlich und westlich von zwei Bächen umflossen, durch deren Vereinigung am nördlichen Hügelrand der das Dorf Schötz in nördlicher Richtungdurchfließende Dorfbach gebildet wird. Auf der Höhe des ,,Hübelia liegt "Wohnhaus und Scheune (A) ^oberes Hiibeli"-, östlich davon noch ein kleiner zugehöriger Schuppen. Hinter dem Hause befindet sich der einzige Brunnen der Liegenschaft, ein Zieh- oder Sodbrunnen. Dicht neben diesem, also ebenfalls hinter dem Hause, ist der Düngerhaufen mit zugehörigem Jauchebehälter (E). Vor dem Hause, auf der Seite gegen Schütz zu, befindet sich wiederum ein Düngerhaufen mit Jauchebehälter; außerdem breitet sich hier ein Baumgarten (D) aus. -- Am Nordabhange des ,,Hübeli"1, unterhalb der eben beschriebenen Liegenschaft, liegt ein zweites Wohnhaus mit Scheune (B), dessen einziger Brunnen ebenfalls ein Sodbrunnen ist. Nach Aussage des Besitzers sollen die beiden Sodbrunnen in direkter Verbindung miteinander stehen. Weiter östlich, etwa -200 Meter weg auf gleicher Höhe, liegt ein drittes Heimwesen (C) mit laufendem Brunnen. Nach Aussage des Besitzers liegt die Quelle dieses Brunnens gegen das .,,obere Hiibelitt hin, also gegen den oben erwähnten Baumgarten (D). Der Ablauf des Brunnens erfolgt in den das Hübeli östlich umfließenden Bach.

Aus den vorgenommenen Erhebungen hat sich ergeben, daß die undesinfizierten Dejekte der beiden Typhuskranken während der ganzen Dauer der Krankheit täglich in den hinter dem Hause gelegenen Jauchebehälter (E) geleert wurden. Aus diesem Jauchebehälter wird auch der Baumgarten (D) gedüngt (,,beschüttet"), Ferner wurde festgestellt, daß bei starkem Regen jener Jauchebehälter (E) überläuft, so daß sein Inhalt dicht an der Südseite des Hauses einen kleinen See bildet und dem Hause entlang über den Fußweg hinüberfließt, um sich dann frei in den an der nordöstlichen Seite des Hauses gelegenen Teil des Baumgartens, also in der Richtung der Liegenschaft (C) zu ergießen.

1018 Bis zum 5. September mittags war das Wetter schön und heiß gewesen. Am 5. September, nachmittags von 2 Uhr an, regnete es wohl ununterbrochen und zum Teil in Strömen bis in den folgenden Tag hinein.

5. Vom 4. auf den 5. September lag das 14. Regiment in Schötz. Das Wetter war, wie gesagt schön. Vom 5. auf den 6. September lag in den drei Heimwesen des ,,Hilbeli" die erste Kompagnie des Bataillons 39. Diese Kompagnie hat allein neunzehn Typhuskranke abgegeben, wovon nicht weniger als dreizehn in der Liegenschaft .0. untergebracht waren ! Der übrige Teil ·des Regiments war auf das Dorf Schötz verteilt. Ein guter Teil der Truppen kantonnierte in der Nähe des Dorf bâches und einiger am ,,Hübeli" entspringenden Dorf brunnen. Das Wasser des Dorfbaches und dieser Brunnen haben die Truppen benutzt, wahrscheinlich wurde schon beim Einmarsch in das Dorf aus dem Bache getrunken. In diesem Umstände und in dem nun herrschenden Regenwetter, welches die Infektionsstoffe weiter schwemmte, ferner in der außergewöhnlichen Inanspruchnahme der Ziehbrunnen auf dem ,,Hubeli" war die Ursache der so ausgedehnten Infektion zu erblicken. Der Wasserversorgung von Schötz, welche mit dem ,,Hübeli u in keiner Beziehung steht, war keine Schuld an dem Unglück beizumossen.

6. Diese und eine Reihe weiterer Erwägungen, welche hier wiederzugeben zu weit führen würde, haben den die Untersuchung leitenden Divisionsarzt der IV. Division dazu geführt, seinen Bericht über die gewaltete Untersuchung mit folgenden Sätzen zu schließen : ,,I. Es steht fest, daß bei den meisten der beim Infanterieregiment 13 vorgekommenen Typhusfälle die Infektion in Schötz stattgefunden hat.

,,II. Als Infektionsträger ist das dem ,,Hübeli" entstammende Trinkwasser, dann das Wasser des das ,,Hübeli a östlich umfließenden Baches, endlich dasjenige des Dorfbaches selbst zu betrachten.

,,III. Die Annahme ist gerechtfertigt, daß das am 5. September herrschende Regenwetter die Infektion begünstigt hat.

,,IV. Es liegt kein Beweis vor, daß die zeitlieh später einsetzenden Fälle auf eine andere Infektionsquelle zurückzuführen sind. Namentlich ist es ganz unwahrscheinlich, daß in Rupperswil Infektionen vorgekommen sind. Mit Gewißheit auszuschließen

1019 sind die von verschiedener Seite namhaft gemachten Infektionen durch Lebensrnittel (bei Huttwil), beziehungsweise durch Konserven, sowie durch Trinkwasser in der Gegend des Hasenberges."

Das schweizerische Militärdepartement hat keinen Grund, an der Richtigkeit dieses Befundes, dem sich auch der Oberfeldarzt anschließt, zu zweifeln. Angesichts des allgemeinen Interesses, welches dieser bedauernswerte Anlaß erweckt, glaubt «s aber, der Öffentlichkeit die vorstehenden Mitteilungen schuldig zu sein.

Diese Mitteilung stützte sich auf den inzwischen schriftlich eingegangenen, sehr einläßlichen und auf genauen, objektiven Nachforschungen beruhenden Bericht des Divisionsarztes IV, der ·die Untersuchung geleitet hatte und die Richtigkeit seiner Angaben durch zahlreiche Akten bewies.

Im weitern Verlaufe der Nachforschungen zeigte es sich allerdings, daß einige unwesentliche Angaben der Mitteilung heute korrigiert werden müssen, weil damals noch nicht alle Details ganz genau bekannt waren. Aber in den Hauptpunkten und nameutlich in ihren Schlußsätzen stimmt diese Mitteilung auch heute noch uud haben die weitern Untersuchungen dieselbe nur bestätigt.

5. Als Antwort auf die obige Mitteilung erschien dann eine zweite Erklärung des Sanitätsrates des Kantons Luzern mit folgendem Inhalte: Zweite Erklärung des Sanitätsrates von Luzern.

Auf die zahlreichen Anfragen, welche Ansichten der luzernische Sanitätsrat bezüglich der Frage der stattgehabten Infektion nach Kenntnisnahme von der Mitteilung des tit.

eidgenössischen Militärdepartementes vom 7. November vertrete, haben wir folgendes mitzuteilen : 1. Der 5. September, an welchem Tage das Regiment

Bemerkungen,

1020 13 in Schötz einrückte, fällt zweifelsohne in den Zeitraum, innert welchem die Infektion stattgehabt haben muß. Indes fällt die ganze erste Woche des Septembers in diesen kritischen Zeitraum.

2. Wenn auch in den in dieser ersten Woche des Septembers vom Regiment 13 bereisten Ortschaften Schötz allein in naher Zeit einen Typhusfall gehabt haben sollte, so ist damit noch nicht festgestellt, daß nicht doch anderswo der Infektionsstoff aufgenommen worden sein könnte.

3. Abweichend von der Mitteilung des tit. Departementes erklären der behandelnde Arzt und Familie B., daß nur ein -- der importierte -- Typhusfall dort vorgekommen, indem die nachher erkrankte Person an Gelbsucht gelitten,

Schötz ,,sollte"1 nicht nur einen Typhus gehabt haben, sondern es ist wirklich der einzige von den in Betracht kommenden Orten, welcher einen Typhusfall hatte.

Wir haben bereits Gelegenheit gehabt, zu zeigen, daß, es sich auch bei der zweiten Tochter höchst wahrscheinlich um Typhus gehandelt hat.

Welche Wandlung übrigens diese Erkrankung gemacht hat, geht am besten aus folgendem hervor: Die Leute Birrer nannten die Krankheit wegen der die Tochter 14 Tage lang das Bett hüten mußte, zuerst V)Nervenfiebera, später ,,nicht eigentliches N e r v e n fi ehe r, s o n d e r n mehr starken M a g e n und D a r m k a t a r r h a ; der Sanitätsrat heißt sie in seiner ersten Erklärung ,, l e i c h t gastrische Störungen"' und in seiner zweiten Erklärung bezeichnet sie derselbe als ,, G e l b s u c h t 1 1 . Der behandelnde Arzt, Dr. D., verschweigt in einer von ihm er-

1021 lassenen Erklärung eigentümlicherweise die von ihm gestellte Diagnose ganz !

Daß auch der behandelnde Arzt den bestimmten Verdacht gehabt hat, es handle sich bei der zweiten Patientin ebenfalls um Typhus, geht mit Sicherheit daraus hervor, daß die Stühle b e i d e r im Düngerhaufen vergraben wurden, wie die Leute Birrer angeben.

Diese Maßregel würde ganz unverständlich sein, wenn der behandelnde Arzt die Wahrscheinlichkeitsdiagnose nicht auf Typhus gestellt hätte.

Daß die Leute Birrer bestrebt sind, den Gesundheitszustand in der Familie eher besser darzustellen, als er wirklich war, geht daraus hervor, daß dieselben nirgends etwas davon verlauten lassen, daß auch der Vater Birrer im Verlaufe des Sommers erkrankt war. In einem bei den Akten liegenden Briefe steht aber: ,,. . . daß Vater Birrer auf dem Hübeli Herrn K. A. in W. im letzten Herbst auf die Frage, warum er so schlecht aussehe, geantwortet habe, daß er i m S o m m e r mehrere Wochen l a n g g e k r ä n k e l t hätte. Arzt habe er zwar keinengebraucht. a Wir werden wohl kaum fehlgehen, wenn wir auch diese Erkrankung zu jenen Fällen zählen, von denen im Handwörterbuch der gesamten Medizin von Villaret (unter dem

1022

und dann die Dejekte jeweilen mit Chlorkalk desinfiziert auf eine bestimmte Stelle des Düngerstockes gebracht

Titel : Typhöse Fieber, I. Abdotninajtyphus) gesagt wird : ,,Während der Dauer von Typhusepidemien beobachtet man häulig Fälle von Erkrankungen, deren Symptome w e sentlich leichtere sind als die bei Abdominaltyphus, welche aber, wie gelegentliche bakteriologische Untersuchungen (des Milzsaftes vom Lebenden) exakt erwiesen haben, durch den gleichen Organismus erzeugt werden. Bei dem T y phus levis oder a m b u l a t o r ius pflegt das Fieber und die Störung des Allgemeinbefindens so gering zu sein, daß die Kranken kaum das Gefühl des Unwohlseins haben und ungehindert ihre Geschäfte versehen können". So waren also im ganzen wahrscheinlich d r e i Fälle von Typhus auf dem Hübeli.

Der behandelnde Arzt schreibt (nachträglich) über diese Desinfektion ,,die Dejekte wurden an einen bestimmten Ort auf den Düngerstock hingebracht und jedesmal reichlich mit einem Desinfektionsmittel überschüttet"1.

Demnach wurden die Dejekte zuerst auf den Dünger verbracht und nachher mit dem Desinfektionsmittel überschüttet. Der Sanitätsrat, wohl wissend, daß das eine absolut ungenügende Desinfektion ist, stellt die Sache einfach so dar, daß man daraus entnehmen sollte, die Dejekte

1023

und dann auf dem dem Dorfe entgegengesetzt liegenden Abhänge des ,,Hiibeli''- eingeackert wurden, von wo aus ein Abfluß des Wassers gegen die Seite des Dorfes hin völlig unmöglich war.

seien z u e r s t mit Chlorkalk desinfiziert und nachher im Düngerstock vergraben worden, was nach der Erklärung des Arztes unrichtig ist.

Es muß gewiß eigentümlich auffallen, daß die Leute Birrer von dieser Desinfektion am 23. Oktober nichts erwähnten, sondern lediglich angaben : ,,Der Herr Doktor hat gesagt, man müsse allen Stuhlgang sofort in dem Mist hinter dem Hause vergraben, und das haben wir während der ganzen Zeit gewissenhaft besorgt"'. Ebenso auffällig ist aber auch, daß weder der Gemeinderat von Schötz noch der Sanitätsrat in ihrer ersten Erklärung von dieser wichtigen Tatsache etwas erwähnen. Die Frage ist deshalb wohl erlaubt, ob die Anordnung des Arztes betreffend die Desinfektion der Stühle durchgeführt wurde, wenn überhaupt diese Desinfektion wirklich angeordnet worden war? Wir wiederholen aber, daß, wenn diese sogenannte Desinfektion auch wirklich durchgeführt wurde, sie infolge der ungenügenden Art und Weise der Ausführung unwirksam bleiben mußte.

Durch das ,,Einackern" des Düngers (Herr Dr. D. nennt es ,, v e r g r a b e n " ) wurde derselbe nur unter die oberste Humusschicht gebracht, und zwar an einem ziemlich steilen Abhänge. Jeder stärkere Regen

1024 mußte deshalb bewirken, daß Teile dieses Typhuskeime tragenden Düngers an den Fuß des Hügels geschwemmt wurden. Am Fuße des ,,dem Dorfe entgegengesetzten", also südlichen Abhanges, liegt, wie ein Blick auf die Karte l : 25,000 zeigt, das ,,Möslitt, eine Mulde, in der das von diesem Abhang herunterfließende Wasser sich sammelt. Dieses ,,Mösliu wird von einem Bache durchflossen (auch auf der Karte l : 100,000 eingezeichnet), der dieses Wasser aufnimmt und dann ganz am Fuße des ,,Hübeli", dieses westlich umfließend, ins Dort Schötz gelangt und sich in den Dorfbach ergießt. Es muß also das Abwasser von der Stelle, wo der Dünger vergraben wurde, ins Dorf Schötz hineingelangen. Es wird dieser Umstand am 5. September dazu beigetragen haben, den Dorfbach noch mehr zu infizieren, als dies durch die auf dem Nordabhang des Hübeli herunterfließende Jauche bereits der Fall war.

4. Schötz hatte den Sommer über mehrere sehr schwere Gewitter und sonst viel Regen.

Die Brunnen wurden also von der Wohnbevölkerung unter den gleichen Verumständungen benützt wie von den Truppen, und trotzdem ist unter denselben auch nicht e i n Fall von Typhus aufgetreten. Der Dorfbach lief trübe beim Ein-

Wir haben bereits gesehen, daß dies kein Beweis sein kann gegen die Annahme, daß Schötz dennoch der Typhusherd für die Truppe war.

1025 rücken der Truppen, und niemand in Schötz will gesehen haben, daß selbe aus demselben Wasser tranken oder ihr Kochgeschirrin demselben reinigten.

5. Es ist zuverlässigst konstatierte Talsache, daß die Truppen in Schütz sich vielfach äußerten, sie hätten tags zuvor ,,stinkendes'' Wasser trinken müssen.

Nach Ankunft in den Kantonnementen waren viele Militärs an Leibschmerzen erkrankt, und zwar auch in Kantonnementen, die außerhalb und abseits dem Hübeli gelegen. Im Schulhause waren drei Schulzimmer fast gefüllt mit Kranken, die großenteils an Leibschmerzen litten,

Bundesblatt. 55. Jahrg. Bd. I.

Hierüber sind spezielle Untersuchungen angestellt worden, aber es konnte gar kein Anhaltspunkt für die Richtigkeit dieser Behauptung gefunden werden. Auch der Sanitätsrat bleibt den Beweis für die Richtigkeit schuldig. Dieses ,,zuverlässigst konstatiert^ wird wohl auf Aussagen von Einwohnern von Schötz beruhen. Wie viel man aber auf solche Aussagen geben darf, werden wir weiter unten sehen. Es ist auch die Behauptung an und für sich unwahrscheinlich, denn wann ist es je vorgekommen, daß eine Truppe zum ,,Trinken gezwungen"' wurde und wäre es auch nur Wasser, und wie soll man es erklären, daß kein einziger Offizier etwas davon .wissen sollte, daß das ;ganze Regiment irgendwo ,,stinkendes" Wasser zu trinken bekam?

Ist nach den Berichten der Sanitätsoffiziere unrichtig.

In Wirklichkeit waren in allen drei Schulzimmern (Krankenzimmer der drei Bataillone) zusammen 13 Kranke, wozu während der Nacht noch ein 14. kam, von denen zwei Mann an Gastritis (Magenkatarrh) und einer an Kolik, 68

1026

so daß für sie an jenem Abend extra 15 Liter heiße Milch geholt wurden.

In der Liegenschaft C., von deren Einquartierung laut Mitteilung des Departementes 13 Mann an Typhus erkrankten^ legten sich sofort nach Ankunft vier Mann ins Stroh, hüllten sich in ihre Decken ein und erhoben sich jenen Abend nicht mehr von dem Lager, auch nicht, als zur Suppe gerufen wurde.

In jenem Kantonnemente haben sich in der Nacht viele Soldaten erbrochen.

die übrigen an ganz anderen Krankheiten litten. Wie 14 Mann drei Sehulzimmer ,,fast füllen" können, ist unerfindlich.

Hiervon wissen die Ärzte nichts, also ist die Milch nicht auf deren Anordnung, also auch nicht auf Kosten, der Truppe geholt worden. Aber möglich ist es ja, daß die Kranken selbst sich warme Milch verschafften; da aber am Abend nur zwei an Magenkatarrh litten, ist doch wohl anzunehmen, daß auch nicht an Leibschmerzen erkrankte von diesen ,,15 Litern heiße Milch" einen Teil nahmen.

Die Soldaten waren durchnäßt, hatten infolge des plötzlichen Witterungsumschlages wohl auch kalt, und da ist es möglich, daß einzelne, im Kantonnemente angekommen, sich sofort ins Stroh legten, um warm zu haben und um sich auszuruhen ; das will aber noch gar nicht sagen, daß sie krank waren.

Diese Angabe wurde bis jetzt von niemand bestätigt, so wenig als die obige. Sollte sie richtig sein, so läßt sie sich .

leicht erklären, wenn die Soldaten auf dem Hübeli etwa zu viel oder unreifes Obst aßen oder gar etwa nicht einwandfreien ,,Most11 (vielleicht neuen Most) erhielten.

1027 Die Leute auf dem Hübeli beharren dabei, daß an jenem Abend an die dortigen Soldaten ,, verdorbenes"1, das heißt stinkendes Fleisch und schlechtes Brot ausgeteilt worden sei, so daß weder der Haushund noch die Hühner, denen man solche Nahrungsmittel vorwarf, davon kosteten.

In Schötz ist man der Ansicht, daß die Truppen dort krank, das heißt infiziert angekommen seien.

Das ist wohl die schwerste Anschuldigung, die gegenüber den verantwortlichen militärischen Organen (sämtlichen Offizieren des Regiments) gemacht worden. Ihre Haltlosigkeit ist so evident, daß wir uns füglich darüber wundern dürfen, wie der Sanitätsrat von Luzem kritiklos solche Angaben interressierter Leute weiter verbreiten konnte.

Wir haben über die Qualität von Brot und Fleisch am 5. September genaue Erhebungen veranstaltet. Die Rapporte des Kommandanten, der Sanitätsoffiziere und der Küchenchefs, sowie alle uns zugekommenen Mitteilungen stimmen darin überein, daß Fleisch und Brot, das in Schötz an die Truppen verteilt wurde, in gutem Zustande waren. Der Küchenchef jener Kompagnie, die auf dem Hübeli war, schreibt: ,,In Sehötz hatten wir frisches Fleisch und gutes Brota. Wir müssen hier nochmals betonen, daß die Offiziere selbst vom gleichen Fleisch und gleichen Brot aßen und dasselbe übereinstimmend, gut und wohlschmeckend fanden.

Der Satz, ,,daß die Truppen dort k r a n k , das h e i ß t infiziert angekommen seien"1, ist so widersinnig, daß er nur von jemandem herrühren kann, der nicht weiß, was infiziert heißt und daß ,,infiziert11 und ,,krank" nicht das gleiche be-

1028

6. Es sind auch Typhusfälle bei Truppen vorgekommen, die nicht in Scliötz waren, und bei Soldaten, die in Kantonnementen waren, in welchen man kein anderes Wasser hatte, als von der durchaus unverdächtigen .Leitung von Ohmstal her.

deuten. War übrigens die Truppe bereits in Schötz krank, so konnten doch gewiß die Krankheitssymptome am 6. September nicht verschwinden, um am 18. September wieder aufzutreten. Wie wäre es Überhaupt denkbar, daß eine ,,kranke a Truppe das leistet, was das Regiment 13 vom 6.--17. September geleistet hat. War die Truppe bereits in Scnötz erkrankt, so mußteii nach dem früher gesagten, die Soldaten schon vor dem Dienst sich infiziert haben und im Inkubationsstadium des Typhus in den Dienst eingerückt sein.

Wie stimmt dann das mit Punkt l der Erklärung? Wir wollen aber anerkennen, daß der Sanitätsrat nur sagt: ,,in Schötz ist man der Ansicht"-, und wir wollen annehmen, der Sanitätsrat habe diese Wendung in der Meinung gebraucht, daß er sich dieser Ansicht nicht anzuschließen brauche.

Abgesehen von der Kriegsbrückenabteilung 4, deren kleine Epidemie in keinem Zusammenhange mit der des Regiments 13 steht, handelt es sich noch um zwei vereinzelte Fälle im. Bataillon 48 und Schützenbataillon 4, wie sie nach jedem Truppenzusammenzuge vorkommen.

Wir haben bereits im Abschnitt III .gesehen, wie auch solche Soldaten; die in Häusern

1029

Und Soldaten, die in Schütz waren und später an Typhus erkrankten, erklären mit Bestimmtheit, dort nicht Wasser getrunken zu haben.

In Erwägung des Angebrachten und speziell mit Rücksicht auf die Tatsache, daß unter der Wohnbevölkerung weder vor noch nach dem Truppenzusammenzuge kein einziger Typhusfall aufgetreten, verbleibt der Sanitätsrat bei der seither gemeldeten Ansicht, daß es nicht erwiesen, gegenteils unwahrscheinlich sei, daß jene bedauernswerte Typhusinfektion unter den Truppen des Regiments 13 von Schötz herrühre.

mit der Ortswasserleitung kantonnierten, sich in Schötz zu infizieren Gelegenheit hatten.

Es ist bekannt und wir könnten gerade aus dieser Epidemie Beispiele dafür anführen, daß man sich auf die Angaben einzelner Soldaten in solchen Sachen nicht allzusehr verlassen darf. Übrigens kann die Infektion auch zu stände gekommen sein durch Waschen der Kochgeschirre in verdächtigem Wasser, beim Fußbaden im infizierten Bachwasser, auch .,Mostct, gewässert mit Wasser aus einem der verdächtigen Brunnen, kann der Infektionsträger gewesen sein.

,,Wohnbevölkerung"1 ? Der Sanitätsrat will damit den Typhus der Jungfer J. B.

ausschalten !

1030 Nach dem Gesagten können wir nur konstatieren, daß der Sanitätsrat in seiner Erklärung keinen einzigen stichhaltigen Grund angeführt hat, der es irgendwie unwahrscheinlich erscheinen ließe, daß die Typhusinfektion des Regiments 13 von Schütz herrühre.

Nichts ist wohl besser geeignet zu zeigen, was von der Erklärung des Sanitätsrates zu halten ist, als ein Vergleich der unter Punkt 5 der Erklärung gemachten Angaben mit den Berichten der Sanitätsoffiziere und der Küchenchefs des Regiments 13, welche wir im folgenden wiedergeben.

Bericht des Regimentsarztes 13, vom 8. Dezember 1902.

,,. . . . Es ist unrichtig, daß iu Schütz irgendwie besonders viele Erkrankte gewesen sind, sämtliche Ärzte sagen Gegenteiliges aus. Das Gerede von ^vielen an heftigen Leibschmerzcn erkrankten Soldaten"1 mag in Schötz dadurch zu Stande gekommen sein, daß in der Nacht vom 5./6. September ein Soldat vom Bataillon 38 von einem entfernten Kantonnement wegen heftiger Kolik ins Krankenzimmer gebracht wurde und daß in der Dunkelheit der Arzt nicht gleich gefunden werden konnte. Da unser Regiment kurz vor dem Einmarsch in Schütz von einem heftigen, kalten Regen bis auf die Haut durchnäßt wurde, so wäre es wohl möglich gewesen, daß infolgedessen eine Anzahl Soldaten Leibschmerzen bekommen hätten. Zur Kenntnis des Sanitätspersonals ist jedoch nichts derart gekommen.

Es ist somit auch in dieser Hinsicht der Bericht des luzernischen Sanitätsrates als unrichtig zu bezeichnen, was ja am deutlichsten aus der leichtfertigen Behauptung hervorgeht, man hätte an jenem Abend unsern Soldaten verdorbenes Fleisch und Brot gegeben.

In dieser Hinsieht wird es Sie interessieren zu vernehmen, daß das Offizierskorps der Bataillone, welches mit den Soldaten gemeinschaftliehe Verpflegung hatte, nicht im geringsten üher die Nahrungsmittel klagte.

Während des Dienstes haben mir die Bataillonsärzte oft den guten Gesundheitszustand der Truppen gerühmt und bemerkt, wie auffallig wenig Magen-Darmstörungen dieses Jahr vorgekommen sind.

Die Verpflegung war stets gut und reichlich ; ungebührliche Strapazen kamen niemals vor, so daß ich die feste Überzeugung habe, daß die bedauerliche Typhusepidemie nur die Folge eines verhängnisvollen Zufalls war, welchen vorauszusehen oder abzuwenden nicht die Möglichkeit war.tt

11)31 Bericht des Bataillonsarztes 37, vom 30. November 1902.

,,. . . . Wiewohl ich am Abend des 5. September 1902 in Schötz mehrere Kantonnemente des Bataillons 37 besuchte, habe ich doch, so weit ich mich erinnere, keinen einzigen Angehörigen dieser oder einer andern Truppeneinheit angetroffen, welcher Symptome von Leibschmerzen oder von anderweitigen Beschwerden gezeigt, bzw. dahin gehende Klagen geäußert hätte. Auch ist weder von meinem Assistenzarzt, welcher gemäß meinem Auftrage zur nämlichen /eit eine Reihe anderer Kantonnemente unseres Bataillons besuchte, noch von der übrigen Sanitätsmannschaft eine derartige Meldung eingegangen, obschon das ganze Sanitätspersonal und speziell die Kompagniekrankenwärtor hei Beginn des Dienstes noch besonders dahin instruiert worden waren, jeden von ihnen beobachteten Fall von Unwohlsein bei der Truppe sofort den Ärzten anzuzeigen. Sofort nach dem Einrücken in Schütz und nachdem vom Kommando bekannt gegeben war, daß auch Bataillon 37 in dieser Ortschaft kantonniert werde, wurde im Schulliause ein Zimmer für diese Einheit als Krankenzimmer in Beschlag genommen, eingerichtet und der Dienst ia demselben organisiert. Den zwei hierzu kommandierten Sanitätssoldaten (Wärter S. und Träger J.) wurde das Quartier der Ärzte bekannt gegeben mit der Weisung, diesen sofort Meldung zu machen, wenn sich Kranke einfinden sollten. Eine diesbezügliche Meldung war noch nicht eingelaufen, als wir Ärzte uns (zirka "ji Stunde nach dem Einrücken) ins Krankenzimmer begaben.

Wir hielten uns längere Zeit dort auf, aber abgesehen von einigen wenigen Fußkranke u, die, weil zum erstenmal sich meldend und eine ambulante Behandlung zulassend, weder im Krankenzimmer behalten, noch ins Krankenverzeichnis aufgenommen wurden, präsentierte sich nur der vom 4. September verbliebene M. zum Verband seiner Schnittwunde am linken Daumenballen.

Im Übrigen war und blieb unser Krankenzimmer leer. Die beiden andern am 4. September in Behandlung getretenen Patienten waren schon am Morgen des 5. September von Rohrbach aus ins Krankenhaus Sumiswaid evakuiert worden. Der oben erwähnte M. konnte am 6. September geheilt zum Korps entlassen werden.

Am Morgen des fi. September meldete sich niemand krank. Ich bemerke noch, daß ich beim Bataillonsrapport mehrmals das Ansuchen gestellt habe, man möge, die Mannschaft ausdrücklich darauf aufmerksam machen, daß jeweilen am Abend, nach dem Einrücken in die Kantonnemente die Ärzte im Krankenzimmer anwesend und zur Besorgung allfalliser Kranken bereit sein werden.

1032 Von einer Überfüllung unseres Krankenzimmers mit an Leibschmerzen leidenden Soldaten habe ich somit nichts beobachten können, und ich glaube, auch Grund zu der Annahme zu haben, daß es sich in den Krankenzimmern der andern Bataillone nicht wesentlich anders verhielt. So weit ich mich erinnere, waren für jedes Bataillon des Regiments 13 besondere, das heißt also 3 Krankenzimmer eingerichtet worden, aber sicherlich nicht wegen eines übermäßigen Andranges von Kranken des Regiments 13, sondern mehr im Interesse allseitiger ungestörter Arbeit.

Während der Nacht wurde ich dann von einem Wärter des Bataillons 38 geweckt. Derselbe brachte die Meldung, es sei ein Angehöriger des Bataillons 38, der an sehr heftigen Leibschmerzen leide, aus einem weit abseits der Ortschaft gelegenen Kantonnemente per Fuhrwerk in das Krankenzimmer seiner Einheit gebracht worden. Ich begab mich sofort dorthin, untersuchte den Patienten und ordnete das Nötige an. Auch bei dieser Gelegenheit konnte ich keine Überfüllung des Krankenzimmers vom Bataillon 38 bemerken.

Die Kantormemente auf dem Hübeli habe ich nicht besucht und kann deshalb über die Vorgänge daselbst nach dem Einrückern und während der Nacht aus direkter Beobachtung keinerlei Mitteilungen machen. Ich erinnere mich auch nicht mehr, ob dort Teile des Bataillons 37 untergebracht waren.

Die Behauptung, es seien den auf dem Hübeli kantonnierteß Soldaten am Abend des 5. September verdorbene Nahrungsmittel (stinkendes Fleisch und schlechtes Brot) ausgeteilt M'orden, scheint mir indes nicht sehr plausibel. Bei meinem schon erwähnten Besuche diverser Kantonnemente des Bataillons 37 habe ich in zwei Fällen die Mannschaft beim Essen getroffen ; es sind mir aber keine Klagen über verdorbene Nahrungsmittel geäußert worden, was doch wohl zweifellos der Fall gewesen wäre, wenn hierzu der mindeste Grund vorhanden gewesen wäre. Übrigens hat auch das Offizierskorps des Bataillons 37, welches eigene Küche machte und von denselben Fassungen konsumierte wie die Mannschaft, beim Abendessen am 5. September über dasselbe keinerlei Beschwerde geführt.

Schließlich möchte ich noch einmal betonen, daß sich am Abend des 5. September und am Morgen des 6. September beim Bataillon 37, abgesehen von einigen wenigen eine ambulante Behandlung zulassenden Fußkranken, niemand krank gemeldet hat und daß seitens der' Ärzte sowohl an diesen wie auch an allea

1033 übrigen Tagen alle Fälle von irgend welcher Bedeutung ins Krankenverzeichnis eingetragen worden sind. Ich muß daher auch den allgemeinen Gesundheitszustand des Bataillons 37 am Abend des 5. September als einen zum mindesten befriedigenden bezeichnen/' Bericht des Bataillonsarztes 38, vom 3. Dezember 1902.

.,. . . . Schon am Anfange des Dienstes wurde beim Bataillonsrapport befohlen, es sei der Mannschaft mitzuteilen, daß eine Stunde nach Eintreffen in die Kantonnemente die ordentliche Krankenvisite stattfinde. Dieser Befehl wurde dann auch während des ganzen Dienstes konsequent durchgeführt und namentlich gerade auch in Schötz, wo ich mich deutlich erinnern kann, zur richtigen Zeit im Krankenzimmer gewesen zu sein, welch letzteres denu auch den Soldaten durch Aufstecken der Fahnen am Schulhause, wo die Krankenzimmer gewöhnlich untergebracht wurden, sowie nach Ziff. 64 Dienstreglement genügend bekannt sein mußte.

Trotzdem wir nun vor dem Eintreffen in Schötz über eine Stunde lang in strömendem Regen marschiert waren und die gleiche Witterung in Schütz die ganze Nacht und den andern Morgen andauerte, so konnte ich nicht bemerken, daß deshalb die Mannschaft etwa besonders geklagt hätte, sie fügte sich im Gegenteil mit Humor in die Situation.

Daß .sich Soldaten an jenem Abend ins Stroh legten, mag an mehreren Orten vorgekommen sein, ebenso, daß die Leute auf eigene Rechnung sich heiße Milch geben ließen. Angesichts des Umstandes, daß die Soldaten durchnäßt waren, daß nach den vorausgegangenen heißen Tagen gerade am 5. September ein Umschlag zu recht kühler Witterung eintrat, so daß es die Leute sehr wohl frösteln konnte, ·war dieses ihr Verhalten durchaus begreiflich und vernünftig. Es sind mir denn von jenem Tage keine hesondern Fälle von Leibschmerzen und Übelkeit in Erinnerung. Am Abend des 5. September habe ich denn auch im Krankenzimmer die im Bestände aufgeführten Fälle behandelt ; daneben erhielten eine Anzahl Fußleidende, nicht eigentlich kranke Soldaten durch die Wärter statt des obligaten Fußpulvers Pinselungen mit Formalinlösung. Zu diesem Zwecke hatten sie sich je weilen l Stunde nach Einrücken ins Kantonnement im Krankenzimmer einzubinden. So auch in Schutz, wo ich auch nichts von einer Überfüllung des Krankenzimmers konstatieren konnte. Ziu den obigen Kranken kamen noch 3 leicht fußkranke Soldaten, die auf dem Marsche für den Rest des Tages (5. Sep-

1034 tember) vom Dienste dispensiert und ins Krankenzimmer nach Schötz dirigiert wurden, aber noch am gleichen Abend, 5. September,- ihr Kantonnement aufsuchten und am 6. September früh wieder zum Dienste antraten. An diesem Tage erfuhr ich dann, daß in der Nacht der Bataillousarzt 37 für mich eingetreten sei, weil man mein Quartier in der stockfinstern Nacht und in ziemlicher Entfernung nicht gefunden und sich deshalb an den näher gelegenen Arzt wandte. Hauptmann S., der freundlichst für mich eingetreten war, teilte mir dann mit, es habe sich um einen Fall von Leibschmerzeri gehandelt, wahrscheinlich infolge Erkältung, event. auch Obst- oder Biergenuß. Die Sache habe dann gebessert auf Opium (und heiße Milch ?). Jedenfalls war hier die Sache ganz vorübergehender Natur, der Mann meldete sich nachher nicht mehr krank und tat seinen Dienst wie vorher.

Es müßte nun dies ein ganz besonders interessanter und des Studiums werter Fall von Typhus sein, der auf eine einzige Dosis Opium heilt. Wir hatten denn auch während des ganzen Dienstes außerordentlich selten Veranlassung, Medikamente gegen Digestionsstörungen zu verabreichen ; dagegen bestrebten wir uns, so viel als möglich jeden Wehrmann, der im geringsten Verdacht erweckte, krank zu sein, sogleich zu evakuieren, und es ist mir bis jetzt von keinem derselben bekannt geworden, daß er Typhus bekommen hätte. Was die Nahrung anbetrifft, so haben wir trotz wiederholten Nachfragen nie eine Klage darüber gehört : wir haben eigene Ménage gemacht und die gleichen Fassungen gehabt wie die Mannschaft, aber nie, auch in Schütz nicht, Anlaß gefunden, das Essen zu beanstanden.

Die ,,Erklärung''- des luzernischen Sanitätsrates erscheint mir demnach eher als kritiklose Wiedergabe von Übertreibungen und unverständigen Äußerungen von Leuten oberflächlichster und bescheidenster .Bildung.

Ins Krankenverzeichnis wurde jeweilen alles eingetragen, was nach Vorschrift wirklich hineingebort, nicht mehr, aber auch nicht weniger/'' Bericht des Bataillonsarztes 39, vom 2. Dezember 1902.

,,. . . . Ich kann nur sagen, daß wir mit gesunder, inunterer Mannschaft in Schote einrückten. Die zwei Fälle von Gastritis waren Erkrankungen, wie sie in jedem Wiederholungskurs oft vorkommen infolge Kostwechsel, oft auch wegen abusus alcoholi.

Auffallend war mir, daß die leidigen Diarrhöen, wie sie sonst die ersten Tage jedes Dienstes mit sich bringen, bis zum 5. Sep-

1035 ternber vollständig ausblieben. Der zweite fall von Gastritis kam in Kleindietwil in der Nacht um l Uhr zu meiner Beobachtung ; der Mann hatte eine heftige Magenkolik und war andern Tages noch erschöpft, so daß wir denselben mit der Bahn nach Schütz spedierten. . . .

Bei der Krankonvisite am Nachmittag kamen nur wenige Kranke, und es war beabsichtigt, am späten Abend noch eine zweite Visito im Krankenzimmer zu machen.

Ob Herr Oberleutnant L. in meiner Abwesenheit die Kantonnemente des Bataillons noch inspiziert hat, überhaupt wegen einbrechender Dunkelheit noch hat inspizieren können und hierbei die gerügten Verpflegungsmängel gefunden hat, wird er selbst berichten.

Mir scheint das Argument von ,,Haushund und üülmern"' lächerlich, an den Haaren herbeigezogen, die Nahrungsmittel zu verdächtigen : ist doch der Haushund ein Aasvertilger und das Huhn am wiihlsten auf dem Kehrichthaufen, Ins Krankenverzeichnis wurde reglementarisch immer eingetragen, was darein gehört.y' Bericht dos Assistenzarztes des Bataillons l}9, vom 6. Dezember 1902.

,,Den Auseinandersetzungen meines Bataillonsarztes, der von Schötz aus ungefähr abends 6 Uhr in Urlaub ging, habe ich nichts Wesentliches beizufügen. Ich besuchte noch einmal das Krankenzimmer und fand dort, so viel ich mich erinnere, einige (3--5) Fußkranke, die ich ambulant behandelte. Die Kantonnemente besuchte ich wegen eingebrochener Nacht nicht mehr. a Berichte der Küchenchefs des Regiments 13, soweit sie sich auf den 5. September beziehen : ,,Bataillon 37, I. Kompagnie. Das Fleisch und Brot, welches am 5. September in Schötz der Mannschaft verteilt wurde, war in frischem und genießbarem Zustande, was ich mit meiner Mannschaft bezeuge."· Bataillon 37, II. Kompagnie. ,,Auch in Schütz wurde kein stinkendes Fleisch verteilt, wie auch nie kein solches von mir gefaßt, da ja immer alles zuerst untersucht wurde."1 Bataillon :J7, III. Kompagnie. ,,Das Fleisch, welches am 5. September in Schötz verteilt wurde, war ganz in gutem

1036 Zustande wie das Brot auch. Wir haben nämlich das Fleisch in Rohrbach erst am Morgen des 5. September gefaßt.

Das Wasser, das ich in Schötz zum Kochen gebrauchte, war von einem Sodbrunnen, und zwar noch gutes Trinkwasser.

Aber muß noch bemerken, daß ganz in der Nähe ob dem Sodbrunnen noch ein Düngerhaufen war."

"&*· Bataillon 37, IV. Kompagnie. -,Am 5. September waren Fleisch und Brot in sehr gutem Zustande.1' Bataillon 38, I. Kompagnie. Gibt für den 5. September keine speziellen Angaben. Der Kompagniekommandant fügt bei : ,,In Schötz machten alle Offiziere von 38/1 mit der Kompagnie Ordinäre, weil wir ziemlich abseits waren. Das- Fleisch war v orzaglieli.tl Bataillon 38, II. Kompagnie. ,,Auf Frage III (wie Fleisch und Brot am 5. September waren) teile ich mit, daß ich nicht ganz genau Aufschluß geben kann, in welchem Zustande sich Fleisch und Brot befand am 5. September in Schötz ; daß das Fleisch durch Transport manchmal · etwas unanschaulich wurde, kann möglich sein, daß dasselbe dann aber verdorben sein soll, bezweifle ich stark.a Bataillon ÎJ8, III. Kompagnie. .,Was das Fleisch von Schötz anbelangt, kann ich Ihnen versichern, daß es frisch war. Brot habe ich, soviel ich mich erinnere, dort keines gesehen.cc Bataillon 38, IV. ^Arn 5. September in Schötz wurde ganz prima Fleisch, das gleichen Tags in Rohrbach gefaßt wurde, gekocht und genossen.a Bataillon 39, L Kompagnie (hatte ihr Kantonnement auf dem Hübeli). .,In Schötz hatten wir frisches Fleisch und gutes Brot.a Bataillon 39, U. Kompagnie. ,,Die Lebensmittel vom 5. September ließen nichts zu wünschen übrig, soweit mir bekannt ist.11 Bataillon 39, III. Kompagnie. ,,Was es am 5. September in Schütz (Kanton Luzern) anbetrifft, haben wir Fleisch und Brot in gesundem Zustande erhalten.'1 a1Bataillon 39, IV. Kompagnie. ,,Auch in Schötz war Fleisch nnd Brot in gutem Zustand e.a

1037

G. Am 4. Dezember 1902 ging beim schweizerischen Bundesrate das folgende Schreiben des Regierungsrates des Kantons Luzern ein: Der Regierungsrat des Kantons Luzern an den

h. Schweiz. Bundesrat in Bern.

Hochgeachteter Herr Bundespräsident!

Hochgeachtete Herren Bundesräte !

Unterm 25. Oktober abhin stellte das eidgenössische Militärdepartement der gesamten schweizerischen Presse eine Erklärung zu, des Inhaltes, daß die anschließend an die Armeekorpsübung beim 13. Infanterieregimente aufgetretene T y p h u s e p i d e m i e auf eine in der Gemeinde S c h ü t z anläßlich des Kantonnements vom 5. September erfolgte Infektion zurückzuführen sei. Zur Begründung wurde wesentlich darauf hingewiesen, daß im Dorfe Schütz, speziell auf dem Gehöfte ,,Hübelia, auf einer Anhöhe von Schötz, im Verlaufe des Sommers der Typhus aufgetreten sei. Hier sei gerade diejenige Mannschaft im Kantonnement gelegen, welche die meisten Typhuskranken aufgewiesen habe.

Das Typhusgift müsse vom ursprünglichen Krankheitsherde in tiefer gelegene Sode und zum Teil in laufende Brunnen und andere der Ortschaft Schötz zuströmende Wasserläufe gekommen sein.

Unser Sanitätsrat sah sich veranlaßt, auch seinerseits eine Untersuchung anzuheben. Mit Rücksicht auf das Resultat dieser letztern veröffentlichte derselbe unterm 29. Oktober eine Erklärung, welche zu dem Schlüsse kam, daß es dermalen durchaus unwahrscheinlich oder zum wenigsten nicht bewiesen sei, daß jene bedauernswerte Typhusinfektion unter den Truppen des Infanterieregiments 13 von Schötz herrühre. Der Sanitätsrat machte dabei u. a. geltend, daß der vom eidgenössischen Militärdepartemente angeführte Typhusfall außerhalb Schötz entstanden sei, die Infektion daher nicht in letzterer Gemeinde stattgefunden hahe. Die dorthin verbrachte Kranke sei im ganzen noch während drei Wochen krank gelegen. Der Sodbrunnen, der vorab als Infektionsträger in Frage komme, werde von jeher und das ganze Jahr hindurch vor und nach dem 5. September von den Insaßen des Hauses und zahlreichen Passanten benutzt, ohne daß jemand an Typhus erkrankt wäre. Im Dorfe selbst sei eine

1038 Infektion durch Wasser vom ,,Hübeli" her ausgeschlossen, weil das ganze Dorf an eine neu erstellte Quellwasserleitung Anschluß habe.

Unterm 9. d. veröffentlichte das eidgenössische Militärdepartement eine zweite Erklärung, in der es in einläßlicher Darstellung die Bemerkungen unseres Sanitätsrates zu entkräften und neuerdings den Nachweis für die Behauptung, daß in Sehötz, speziell in dem ,,Hübelia-Wasser die Infektionsquelle liege, zu erbringen versucht. Dabei legt das genannte Departement vor allem aus Gewicht auf die Tatsache, daß die Inkubationszeit mit aller Deutlichkeit auf Schote als Infektionsort hinweise. In Sehötz habe das 13. Regiment vom 5. auf 6. September kantoniert ; die Epidemie sei mit gewaltiger Wucht am 18. September (30 Fälle) aufgetreten. Die Inkubationszeit bei Typhus betrage 12 bis 18 beziehungsweise 10 bis 20 Tage; die Frist vom 5. bis 18. September, 13 Tage, dürfte somit der Inkubationszeit entsprechen. Nach der Lage der Liegenschaft ,,Hüben"' wo die beiden Typhusfälle bei Beginn des Sommers vorgekommen seien, müsse die Verbreitung des Infektionsstoffes in der Weise sich vollzogen haben, daß die undesinfizierten Dejekte der beiden Typhuskranken in den hinter dem Hause gelegenen Jauchebehälter geleert, die Jauche selbst aber auf jene Landstücke verbracht worden sei, von denen aus, namentlich bei starkem Regenwetter, eine Infektion der in Frage stehenden Sodbrunnen habe erfolgen müssen. Von jener Kompagnie, welche im ,,Hübeli" kantoniert und daher am meisten im Falle war, das betreffende Wasser zu verwenden, seien 19 Mann erkrankt.

Das eidgenössische Militärdepartement gelangte zu folgenden Schlußsätzen : 1. Es s t e h e f e s t , daß bei den meisten der beim Infanterieregiment 13 vorgekommenen Typhusfälle die Infektion in Sehötz stattgefunden habe.

2. Als I n f e k t i o n s t r ä g e r sei das dem ,, H ü b e l i a e n t s t a m m e n d e T r i n k w a s s e r , dann das Wasser des das ^Hilbeli" östlich umfließenden Baches, endlich dasjenige des Dorfbaches selbst zu b e t r a c h t e n .

3. Die Annahme sei gerechtfertigt, daß das am 5. September herrschende Regenwetter die Infektion begünstigt habe.

4. Es liege kein Beweis vor, daß die zeitlich später einsetzenden Fälle auf eine andere Infektionsquelle zurückzuführen seien.

103&

Unterm 21. November publizierte unser Sanitätsrat ebenfalls eine zweite Erklärung, in welcher er nochmals eine Reihe von Tatsachen namhaft machte, aus denen geschlossen werden müsse, daß die Darstellung des eidgenössischen Militärdepartementes unhaltbar sei, beziehungsweise daß dessen Mitteilungen betreffend Infektion in Schötz nicht bloß des Beweises, sondern geradezu jeder Wahrscheinlichkeit entbehren.

Wenn wir nun heute, hochgeachteter Herr Bundespräsident., hochgeachtete Herren Bundesräte, die Angelegenheit auch bei Ihrer hohen Behörde anhängig machen, so geschieht dies aus einem doppelten Grunde. In erster Linie glauben wir, uns darüber beschweren zu sollen, daß das eidgenössische Militärdepartement die ganze Untersuchung durchgeführt hat, ohne die kantonalen Sanitätsorgane zur Mitwirkung heranzuziehen, oder denselben überhaupt auch nur von der Sache Kenntnis zu geben. Es steht dieses Vorgehen im direkten Widerspruche mit der von jeher geübten Praxis, daß seitens der Organe des Bundes in den Kantonen keine Erhebungen und Untersuchungen vorgenommen werden, ohne daß die zuständigen k a n t o n a l e n Organe von der Angelegenheit verständigt oder um ihre Mitwirkung ersucht werden.

Diese völlige Außeraehtsetzung der kantonalen Sanitätsorgane ist um so unverständlicher, als der Präsident unseres Sanitätsrates sofort, nachdem in der Presse von dem Auftreten des Typhus bei den Truppen Mitteilungen erschienen waren, an den Oberfeldarzt die Mitteilung richtete, ob die Infektion möglicherweise auf dem Gebiete des Kantons Luzern erfolgt sein könnte. Der Oberfeldarzt hatte hierauf geantwortet, daß die Untersuchung noch nicht abgeschlossen sei, die Infektion aber wahrscheinlich auf die Brigademanöver zurückzuführen sei. Das war die einzige Mitteilung, die bis zur Stunde an unsere Sanitätsorgane erfolgt ist.

Obwohl man also wußte, daß diese letzteren sich um die Sache interessieren und bereit seien, nach besten Kräften bei den Erhebungen mitzuwirken, fand man es nicht der Mühe wert, auch nur die geringste Mitteilung über Verlauf und Resultat der Untersuchung den kantonalen Organen zukommen zu lassen.

Wenn nun dieses Vorgehen an und für sich schon höchst befremdend war, so muß wohl auch ohne weiteres zugegeben ' werden, daß es für die Sache selbst nichts weniger als fördernd gewesen sein kann. Die Organe des Kantons und speziell auch diejenigen der Gemeinde wären doch gewiß im Falle gewesen, die Erhebungen zu erleichtern und zur Erzielung sicherer Resultate beizutragen. Vor allem aus hätte unseres Erachtens die

1040 Ortsgesundheitskommission von Schötz zugezogen werden sollen, die über alle Verhältnisse hätte Aufschluß erteilen können. Aber nicht einmal das ist geschehen. Die Gemeindebehörde, Gemeinderat uûd Ortsgesundheitskommission hatten keine Kenntnis davon, daß bezüglich der Ursache der Typhusepidemie in Schötz Nachforschungen angestellt worden seien. Zufälligerweise vernahm das eine oder andere Mitglied der Behörde, daß eines Tages ein oder zwei fremde Herren im Dorfe erschienen seien, und bei einzelnen Privatpersonen einige Fragen betreffend Wasser und betreffend den Typhusfall im ,,Hübeli'' gestellt hätten. Die Sache sei in wenigen Stunden abgetan gewesen. Wer die Herren gewesen, wie weit und über was die Nachforschungen angestellt worden seien, weiß die Schötzer Gemeindebehörde auch heute nicht, so wenig wie wir in dieser Richtung orientiert sind. Daß bei einer derartigen Behandlung der Sache bezüglich der G r ü n d l i c h k e i t der Untersuchung da und dort gewisse Zweifel geäußert werden, dürfte einigermaßen verständlich sein.

Wenn nun aber auch die Funktionäre des Militärdepartementes Gründe gehabt haben sollten, die es ihnen als ratsam erscheinen ließen, von den sonst üblichen Gepflogenheiten abzugehen und unter Ausschluß der kantonalen Organe ihre Erhebungen zu veranstalten, so ist trotzdem nicht einzusehen, warum man das R e s u l t a t der Untersuchung veröffentlichte, ohne uns beziehungsweise unserer Sanitätsbehörde vorher Gelegenheit zu geben, von demselben Kenntnis zu nehmen. Das Militärdepartement mußte doch ohne weiteres annehmen, daß es uns nicht gleichgültig sein könne, wenn eine luzernische Gemeinde als der Infektionsort dieser großen, so viele Opfer fordernden Epidemie bezeichnet werde. Das genannte Departement mußte sich bei Prüfung der Sache doch gewiß sagen, daß die kantonale Regierung wohl an erster Stelle einen Anspruch darauf habe, über das Ergebnis einer Enquete orientiert zu sein, welches geeignet ist, den Kanton vor dem ganzen Lande bloßzustellen. Selbst wenn Gefahr im Verzüge gewesen wäre, hätte man es nicht unterlassen sollen, der Kantonsregierung vor der P u b l i k a t i o n Mitteilungen zu machen. Eine solche Dringlichkeit lag aber gar nicht vor. Wir vermögen absolut nicht zu erkennen, warum man mit 'der Publikation der Erklärung nicht noch einige * Tage hätte zuwarten können. Nach den uns aus Schötz zugekommenen Mitteilungen haben die Erhebungen in dieser Gemeinde am 23. Oktober stattgefunden. Die Erklärung des Militärdepartements erschien am 25. O k t o b e r , also genau zwei

1041 Tage, nachdem man in Schötz Nachfrage gehalten hatte. Die Truppenübung war seit Wochen beendigt, neue Krankheitsfälle waren längst nicht mehr aufgetreten, somit wäre doch wahrhaft kein sachlicher Grund vorhanden gewesen, der dagegen gesprochen hätte, noch einige Tage mit der Erklärung zurückzuhalten und uns beziehungsweise unsere Sanitätsorgane aufzufordern, sich über die Angelegenheit auszusprechen. Sehr wahrscheinlich wären wir im Falle^ gewesen, in der einen oder andern Richtung Ergänzungen anzubringen oder solche zu veranlassen.

Wenn es sich um Erstellung der objektiven Wahrheit in einer so eminent wichtigen Angelegenheit handelt, sollte man sich ängstlich davor hüten, auch nur den Schein der Überstürzung zu erwecken. Als eine solche müssen wir es aber bezeichnen, wenn das Ergebnis der Erhebungen publiziert wurde, ohne uns Gelegenheit zu geben, von demselben Einsicht zu nehmen. Dieses Vorgehen war um so unbegreiflicher, als das Militärdepartement nicht zum voraus wissen konnte, ob wir nicht im Falle gewesen wären, in der einen oder der anderen Beziehung zur Abklärung der Sache beizutragen.

In zweiter Linie glauben wir, hochgeachteter Herr Bundespräsident, hochgeachtete Herren Bundesräte, auch aus dem Grunde bei Ihnen vorstellig werden zu sollen, weil wir mit unserem Sanitäfcsrate der Ansicht sind, daß durch die Erklärung des Militärdepartementesein u n r i c h t i g e s oder doch u n s i c h e r e s Ergebnis in Form einer feststehenden, unanfechtbaren Tatsache publiziert worden ist. Wir sind zur Stunde noch der Ansicht, daß die Quelle der Infektion nicht bei dem Wasser der Schützer Liegenschaft ,1Hübelitt zu suchen oder daß doch zum mindesten ein Zusammenhang der Infektion mit dem .Gebrauche des genannten Wassers durch die Truppen nicht nachweisbar ist.

Der Schwerpunkt der ganzen Angelegenheit liegt wohl in der Frage, ob durch den Typhusfall auf ,,Hubeli" eine Infizierung des von den Truppen gebrauchten Wassers stattgefunden habe. Die an Typhus erkrankte M. Birrer war in Ostergau, Willisau, wo sie im Dienste stand, erkrankt, und wurde im Hause ihres Dienstherrn behandelt. Die Diagnose des behandelnden Arztes Dr. Pejer lautete auf Typhus, ohne daß letzterer eine bezügliche Anzeige erstattete, weshalb er durch unsern Sanitätsrat dem Strafrichter überwiesen wurde. Da die Besorgung der Kranken eine unzureichende war, wurde M. Birrer am 31. Mai zu ihren Eltern auf dem ,,Hübeli" in Schötz verbracht.

Dort übernahm Dr. Dahinden die Behandlung, ebenfalls ohne die Buutlesblatt. 55. Jahrg. Bd. I.

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1042 vorgeschriebene Anzeige zu erstatten, nach seiner Angabe deshalb, weil er der Meinung war, dieselbe sei vom vorbehandelnden Arzte gemacht worden. Gleichwohl wurde auch bezüglich Dr. Dahinden eine Anzeige an das Statthalteramt Willisau erstattet.

Bezüglich der infektionsgefährlichen Dejekte der Patientin ordnete Dr. Dahinden an, daß dieselben in ein Loch des Düngerstockes gebracht und j e d e s m a l mit C h l o r k a l k überschüttet werden sollen. Die Einackerung des Düngers erfolgte auf einem dem Dorfe entgegengesetzten Abhänge des ,,Hübeli a , von woaus ein Abfluß des Wassers gegen die Seite des Dorfes hin nicht möglich war. Trotzdem nimmt das Militärdepartement gestützt auf die Erhebungen seiner Funktionäre an, daß von der Liegenschaft ,,Hübeli"1 aus die beiden auf dem V) Hübeli a und einer benachbarteo Liegenschaft befindlichen Ziehbrunnen infiziert und .durch die Benutzung dieser Brunnen die Infektionsstoffe auf die Truppen selbst übertragen worden seien. Der Nachweis für diese Behauptung ist unseres Erachtens n i c h t erbracht worden.

Eine Untersuchung, ob und inwieweit zwischen den benutzten Brunnen und dem Landstilcke, auf welches die desinfizierten Dejekte verbracht worden sind, ein Zusammenhang bestehe, hat in zuverlässiger Weise n i c h t stattgefunden. Die daherigen Angaben der Funktionäre des Militärdepartementes beruhen ausschließlich auf den Mitteilungen, die ihnen am 23. Oktober seitens einzelner Privatpersonen auf Befragen hin gemacht worden sind. Derartige private Mitteilungen bilden aber nur eine sehr lose Unterlage für offizielle Erklärungen von solcher Tragweite, wie sie diejenige, die hier in Frage steht, besitzt. Ebensowenigist nachgewiesen, daß der Dorfbach, der beim Einrücken der Truppen trübes Wasser führte, mit dem Abflüsse aus der Liegenschaft ,,Hübeli0' in Beziehung steht. Zudem wird in Schötz: nachdrücklichst bestritten, daß das Dorfbachwasser seitens der Truppen zum Trinken oder Kochgeschirrwaschen benutzt worden sei.

Gegen die Annahme, daß in den beiden Ziehbrunnen beim ,,Hübeli a die Infektionsträger zu suchen seien, sprechen nun eine ganze Reihe von Tatsachen.

Vor allem aus steht fest, daß das Wasser dieser Brunnen vor und nach dem Truppenzusammenzuge, und zwar zur Stunde noch unausgesetzt benutzt wird. Diese Benutzung fand, da Schötz den Sommer über häutig Gewitterregen hatte, seitens der Bevölkerung von Schötz unter den gleichen Verumständungen wie seitens der Truppen statt. T r o t z d e m ist in S c h ö t z bis

1043 h e u t e a u c h n i c h t ein e i n z i g e r T y p h u s fa 11 a u f g e t r e t e n . Die Mitteilung des Militärdepartementes, als wäre die Schwester der M. Birrer an Typhus erkrankt, ist unrichtig. Die betreffende Person litt nach der Diagnose des behandelnden Arztes und den Erklärungen der Familie Birrer an Gelbsucht und war nach vierzehn Tagen wieder hergestellt.

Allerdings hat unterm 11. November Herr Dr. Amberg in Schütz einen zweiten Krankheitsfall von Schütz als Typhus bezeichnet. Dabei handelte es sich um einen Schreiner Haslor, der etwa 21/;} Wochen vor der Erkrankung auf dem ,,Hübelia Wasser getrunken hatte. Der Kranke wurde nach dem Kantonsspital übergeführt und dort weiter behandelt. Es ergab sich sofort, daß die seitens des behandelnden Arztes gestellte Diagnose unzutreffend war. Der daherige Bericht der Direktion des Kantonsspitales lautet: Der Kranke (Hasler) zeigt starke katarrhalische Erscheinungen der oberen Luftwege, im besonderen der Nase mit Beteiligung der Stirnhöhle, dazu heftige Zahnfleischentzündung (Stomatitis) zufolge Kalomelgebrauches. Dagegen fehlen sowohl nach der von Hasler angegebenen Anamnese als nach dem bisherigen Verlaufe jedwede Anhaltspunkte für die Diagnose ,,Typhusa. Um aber in der Sache ganz objektiv zu sein, ließ ich das ganz genau nach Vorschrift entnommene Blut durch das hygienische Institut der Universität Zürich (Prof. Silberschmidt) auf Widalsehe Reaktion untersuchen. Das Resultat war ein total negatives. Damit dürfte die Sache definitiv in dem Sinne entschieden sein, daß es sich bei Hasler nicht um Typhus handelt.'1 -- Nachdem nun auch bezüglich dieses zweiten Krankheitsfalles, mit Rücksieht auf welchen wir unsere Eingabe bis zum Abschlüsse der Untersuchung und Beobachtung verzögerten, feststeht, daß nicht Typhus vorliegt, kann mit absoluter Sicherheit behauptet werden, daß in Schötz selbst niemand an Typhus erkrankt ist. Die Leute von Schötz sind von der Reinheit des Wassers des betreffenden Sodbrunnens derart überzeugt, daß die Verwendung desselben seit dem Auftreten der Krankheit eigentlich forciert worden ist. Auch die Abordnung unseres Sauitätsrates hat ohne Bedenken bei ihrem Augenscheine von demselben getrunken. Die Benützung der Brunnen durch Bewohner von Schötz hat aber auch am 5./6. September, da die Truppen in Schötz waren, stattgefunden, ohne daß eine Erkrankung eintrat. Es ist nicht einzusehen, warum die Truppen allein für die Infektion empfänglieh, alle andern Benutzer der Brunnen dagegen immun gewesen sein sollen.

1044 Im weitern spricht gegen die Argumentation des Militärdepartementes der Umstand, daß gleichzeitig mit den Soldaten, welche ,,Hübeli"-Wasser getrunken hatten, auch solche erkrankt sind, welche anderes, durchaus unverdächtiges Wasser genossen und sogar solche, welche in Schötz gar kein Wasser getrunken hatten. In der hiesigen kantonalen Krankenanstalt befinden sich vom Truppenzusammenzuge her noch drei an Typhus leidende Soldaten. Zwei derselben gehören der zweiten Kompagnie des Bataillons 37 an. Dieselben sind am 5./6. September in Schötz gewesen, haben aber weder auf flHübelia, noch in der Nähe desselben kantonaiert. Der eine derselben gibt an, in Schötz gar kein Wasser getranken, wohl aber auf dem Marsche vor dem Einrücken in Schötz aus einem kleinen Bache einige Schlucke genossen zu haben. Der andere Soldat behauptet, weder in Schötz noch in dessen Umgebung Wasser zu sich genommen zu haben.

Der dritte Patient, der zur dritten Kompagnie des Schützenbataillons Nr. 4 gehört, erklärt, überhaupt nie in Schötz gewesen zu sein.

Im übrigen steht nicht einmal fest, daß die nach der Ansicht des Gewährsmannes des Militärdepartementes verdächtigen Sodbrunnen von den Truppen tatsächlich benutzt worden sind.

Die ganze Familie Birrer (,,Hübeli11) bezeugt sogar, daß nicht ein Soldat aus ihrem Sodbrunncn getrunken habe. Besondere Veranlassung hierzu lag nicht vor, da sämtliche Häuser in der Nähe des ,,Hüboli", in denen Mannschaften untergebracht waren, Quellwasserversorgung haben. Es stund reines, auch vom Militärdepartemente als unverdächtig bezeichnetes Wasser den Milizen mehr als genügend zur Verfügung, indem nicht nur in der Küche eines jeden Hauses, sondern auch in den Scheunen Wasserhähne sich befinden.

Was schließlich die Inkubationszeit anbelangt, so ist es eine jedes Nachweises entbehrende Hypothese, wenn das eidgenössische Militärdepartement annimmt, daß dieselbe nahezu ausschließlich auf den 5. September als Infektionstag hinweise. Der Typhus trat ,,mit Wuchta am 18. September auf. Da die Inkubationszeit nun unbestnttenermaßen 10--20 Tage beträgt, kann man den 7. oder den 4., oder den 3. oder den 2. September mit ebenso großer Sicherheit wie den 5. September als Infektionstag bezeichnen.

Bei der ganzen Untersuchung scheint man übrigens von der irrigen Annahme ausgegangen zu sein, es handle sich vor allem aus darum, zu eruieren, wo das Regiment innerhalb der

1045 Inkubationszeit gemeinsam genächtigt oder gemeinsam sich aufgehalten habe. Dieser Umstand ist aber nicht ausschlaggebend, sondern der Infektionsherd muß da gesucht werden, wo das Regiment gemeinsam Wasser getrunken hat. Das kann aber in irgend einer Rendez-vous-Stellung, oder auch auf dem Marsche geschehen sein, wenn während des letzteren dem Regiment auf der Straße Wasser hingestellt wurde. Ein Untersuch in dieser Richtung hat nicht stattgefunden, während es doch vorgekommen ist, daß das Regiment in der kritischen Zeit im Kanton Aargau ' wiederholt dauernd um Gehöfte herum in Rendez-vous-Stellung sich befunden hat, wobei von der Mannschaft Wasser getrunken wurde.

Die Annahme, daß die Infizierung der Truppen außerhalb von Schötz stattgefunden habe, gewinnt auch durch nachfolgende Verumständungen an Wahrscheinlichkeit. Es wird mehrfach bezeugt, daß sich schon beim Einrücken in Schötz mehrere Soldaten über Unwohlsein beklagten, was sie ausdrücklich darauf zurückführten, daß sie tags zuvor schlechtes Wasser getrunken hätten.

Schon im Laufe des Tages, an dem das 13. Infanterieregiment abends in Schötz einrückte, langten daselbst zahlreiche kranke Soldaten ein, so daß an jenem Abend drei geräumige Schullokale mit erkrankten Milizen angefüllt waren. Zudem lagen auch in den einzelnen Kantonnementen Milizen krank darnieder. In dem Weiler ,,Glenga zum Beispiel litten während der Nacht zwei Mann derart an Bauchschmerzen, daß man deren Zustand für höchst bedenklich ansah und noch in der Nacht die Ärzte herbeirief. Auf dem r) Hübeli a -Kantonnement bei Stalder legten sich sofort nach der Ankunft vier Soldaten ins Stroh, indem sie sich so unwohl fühlten, daß sie nicht einmal zum Appell sich erheben konnten. Während der Nacht mußten sich viele Milizen erbrechen. Auch auf dem obern ,,Hüben"1 bei Birrer stand es nicht besser. Der Zustand eines Soldaten, der an Bauchschmerzen, Erbrechen und Diarrhö litt, war so bedenklich, daß derselbe aus der Scheune in das Haus genommen und dort verpflegt werden mußte.

Alle diese Krankheitserscheinuugen traten auf, bevor die Truppen Gelegenheit hatten, von dem verdächtigen Wasser zu genießen.

Der Vollständigkeit halber wollen wir auch auf die von einer Anzahl Personen gemachte Angabe hinweisen, wonach die Mannschaften auf dem ,,Hubeli" am Abend des 5. September

1046 sich im Besitze von derart schlechtem Fleische befunden haben sollen, daß weder Hunde, noch Hühner, noch Schweine, denen man dasselbe vorgeworfen hatte, davon genießen wollten.

Herr Bundespräsident ! Herren Bundesräte ! Wir haben es uns angelegen sein lassen, dafür zu sorgen, daß anläßlich der diesjährigen. Übungen den Truppen überall im Kanton Luzern eine gute Aufnahme bereitet werde. Zu diesem. Zwecke haben wir an die Gemeindebehörden zu. Händen der Bevölkerung eine entsprechende Aufforderung ergehen und die Ortsgesundheitskommis3Ìonen anweisen lassen, der Lebensmittelpolizei besondere Anfmerksamkeit zu schenken. Den Ihnen bekannten, vom Armeekorpsarzte erlassenen Weisungen wurde in der Weise Folge gegeben, daß unser Kantonschemiker aus den von den Truppen berührten Gemeinden im Laufe des Monates August über 300 Wasser untersuchte und überall wo sich Verunreinigungen vorfanden, die nötigen Vorkehrungen gegen Infektionsgefahr traf.

Man wird es daher begreiflich finden, daß uns die Nachricht, die Infektionsträger der beim 13. Infanterieregimente aufgetretenen Typhusepidemie seien in einer luzernischen Gemeinde gefunden worden, in höchstem Grade unangenehm berühren mußte. Was die Sache doppelt peinlich für uns gestaltete, waren die Verumständungen, mit denen die Untersuchung durchgeführt und das Resultat derselben publiziert worden. Wir stehen zur Stunde noch auf dem Standpunkte, daß das Vorgehen der eidgenössischen Militärbehörden aient nur formell ein 'inkorrektes war, sondern auch materiell anfechtbar ist, indem das zum mindesten als total unsicher zu bezeichnende Resultat einer mit außergewöhnlicher Hast durchgeführten Untersuchung als das unangreifbare, zuverlässige Ergebnis wissenschaftlicher Erhebungen dargestellt wurde.

Genehmigen Sie, hochgeehrte Herren, die erneute Versicherung vorzüglichster Hochachtung!

L u z e r n , den 29. November 1902.

Namens des Regierungsrates, Der Schultheiß: Vogel.

D^er S t a a t s s c h r e i b e r : Segesser.

1047 Die Regierung des Kantons Luzern kommt in ihrem Schreiben zum Schlüsse, daß 1. das Vorgehen der eidgenössischen Militärbehörden ein formell inkorrektes gewesen sei, und 2. dasselbe auch materiell anfechtbar sei.

Wir wollen, im Anschluß an die obigen Ausführungen, zunächst den zweiten Punkt beantworten.

Der Regierungsrat weist zunächst darauf hin, es sei die Untersuchung mit einer ungewöhnlichen Hast durchgeführt worden.

Wie bereits erwähnt, wurde vom Oberfeldarzt resp. dem Armeekorpsarzte IV der Divisionsarzt IV mit der speziellen Leitung der Untersuchung beauftragt. Der letztere erhielt den diesbezüglichen Befehl am 8. Oktober 1902. Derselbe begann am gleichen Tage seine Arbeit, indem er zunächst aus den ihm zur Verfügung stehenden sanitätsdienstlichen Rapporten und den Akten der Militärversicheruug ein Verzeichnis der wegen Typhuserkrankung Angemeldeten zusammenstellte, mit allen für ihn nötigen Angaben, soweit sie erhältlich waren. Bis zum 23. Oktober hatte er Auskunft über zirka 100 Fälle, die mit der Wahrscheinlichkeitsdiagnose Typhus erkrankt waren. Gleichzeitig machte er Erhebungen über allfällig im Verlaufe des Sommers vorgekommene Typhuserkrankungen im Manövergebiet, sowie über die Aufenthaltsorte des Regimentes 13. Daraufhin langten die Anzeigen betreffend die Typhusfälle in Schütz und Rupperswil ein, welche er durch die ihm zur Verfügung stehenden Sanitätsoffiziere am 23. Oktober rekognoszieren ließ. Über das Ergebnis dieser Rekognoszierung erstatteten ihm die Offiziere noch am gleichen Abend mündlich Bericht. Daß die Rekognoszierungen gründlich, allseitig und objektiv waren, dafür zeugen die eingehenden und genauen Berichte, welche hierüber vorliegen, und die zum Teil in Abschnitt III wiedergegeben sind. In Schote wurden z. B., abgesehen von allem andern, mehr als 40 Häuser abgesucht, ihre Wasserverhältnisse geprüft und konstatiert, welche Truppenabteilung dort am fraglichen Tage kantonnierte. Es konnte also am 23. Oktober der Divisionsarzt bei seinen Erwägungen sich stützen auf die Angaben der Spitäler über zirka 100 Erkrankte, ein großes Aktenmaterial über den Gesundheitszustand des Manövergebietes, die Aufenthaltsorte des Regimentes 13, die Rekognoszierungsberichte etc., ein Material, welches vollkommen genügt, um mit demselben die aus ihm gezogenen Schlüsse zu beweisen. Am 24. erhielt dann das Departement Kenntnis vom

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Resultat der Untersuchung, worauf seine erste Erklärung erfolgte.

Es beschäftigte sich demnach der Divisionsarzt, unter Mithülfe weiterer Offiziere volle 15 Tage lang mit der Untersuchung, bevor eine Erklärung erfolgte, dafür aber waren es nicht mehr bloße Vermutungen, sondern es waren bewiesene Tatsachen, was die Mitteilung enthielt. Angesichts des zahlreichen und schwer erhältlichen Materials, das der Divisionsarzt gesammelt hatte, müssen wir allerdings .zugeben, daß es für die Zeit von zirka 14 Tagen eine große Leistung war, aber es war nicht ein ,,hastiges", übereiltes, sondern ein militärisch promptes und sicheres Arbeiten.

Im fernem führt dann der Regierungsrat diejenigen Gründe an, welche beweisen sollen, daß nicht Schötz der Ansteckungsherd sei. Selbstverständlich stützt er sich hierbei in erster Linie auf die Untersuchungen des Sänitätsrates des Kantons Luzern, deren Resultate in der zweiten Erklärung desselben zusammengestellt sind. Wir haben gesehen, welchen Wert diese Angaben des Sanitätsrates haben und halten es für überflüssig, noch einmal auf dieselben einzutreten.

Außerdem werden aber noch einige neue Punkte vorgebracht, welche beweisen sollen, daß das Resultat der von militärischer Seite gemachten Untersuchung ein unsicheres sei, und welche wir in folgendem prüfen wollen.

Es wird behauptet, .,daß keine Untersuchung stattgefunden habe darüber, ob ein Zusammenhang bestehe zwischen den benutzten Brunnen und dem Landstücke, auf welches die desinfizierten Dejekte verbracht worden sinda. Wer weiß, daß, wie konstatiert wurde, bei Regenwotter die Jauche aus der neben dem mit Tjphusstühlen gemischten Düngerhaufen liegenden Jauchegrube in den Baumgarten am Nordabhang fließt, wo sich die beiden Häuser St. und W. mit ihren Brunnen befinden, und die Karte resp. den Plan vom Hübcli betrachtet und die Wasserläufe studiert, der muß den Zusammenhang ohne weiteres erkennen.

Der Fall, von dem der Regierungsrat spricht, daß er am 11. November von Dr. A. als Typhus gemeldet worden sei, gelangte zu gleicher Zeit auch uns zur Kenntnis. Da wir aber nicht aus eigener Anschauung davon überzeugt waren, daß es sich hier wirklich um eine Erkrankung an Typhus handle, wurde derselbe von uns unberücksichtigt gelassen, weil sich unsere Untersuchungen und Schlußfolgerungen nur auf wirklich feststehende Tatsachen stützen können. Übrigens ist, wie jeder Arzt weiß, der negative Ausfall der Widalschen Reaktion gar kein Beweis dafür, daß es sich nicht doch um einen Typhusfall handle.

1049 Daß die Leute Birrer vorgeben, nicht ein Soldat habeWasser aus ihrem Sodbrunnen getrunken, wird begreiflich, wenn, man die folgende Stelle aus einem Schreiben von Dr. R., das bei den Akten liegt, gelesen hat: ,,Dieser Tage brachte ich in Erfahrung, daß Frau Birrer auf dem Hübeli die Soldaten, welche in ihr Haus ins Kantonnement kamen, davor warnte, von ihrem Sodwasser zu trinken. Die Soldaten wuschen dann aber immerhin sich und ihre Garn eilen mit jenem Wasser. Dies wird bezeugt durch Füsilier Fl. A., Bataillon 39/1, 4. Zug.tt Daraus geht hervor, daß die Leute Birrer dem Wasser doch nicht trauten, trotzdem sie den rekognoszierenden Offizieren und, wie es scheint, auch dem Sanitätsrat Luzern gegenüber das Gegenteil behauptet hatten. Ob nun wirklich alle Soldaten kein Wasser getrunken, ist noch eine offene Frage, aber das Waschen des Gesichts und gar der Eßgeschirre mit infiziertem Wasser genügt auch zur Infektion. Wir müssen hier hinzufügen, daß die Ortswasserleitung gar nicht bis zu den Gehöften auf dem Hübeli geführt ist, die Soldaten dort also nur ,.,Hübeliwassertt erhalten konnten.

In bezug auf die Inkubationszeit verweisen wir auf Abschnitt III, aus dem hervorgeht, daß wir, wie der Divisionsarzt, ebenfalls mit der Möglichkeit der Infektion am 2., 3., 4. und 7.

gerechnet haben und sogar noch weiter gegangen sind.

Es heißt ferner im Schreiben: der Infektionsherd muß da gesucht werden, wo das Regiment gemeinsam Wasser getrunken hat. Gewiß ist diese Möglichkeit ins Auge gefaßt worden, es war dies der Grund, warum bereits der Divisionsarzt IV die bei den Akten liegenden Berichte der Bataillonskommandanten über das Wasserfassen bei ihren Einheiten ein verlangte. Diese Nachforschungen wurden dann noch weiter fortgesetzt. Sie zeigten nur, daß jene Angabe vom Trinken stinkenden Wassers am Tage zuvor ganz unwahr war. aber irgendwelche Anhaltspunkte dafür, daß bei einer solchen Gelegenheit die Infektion erfolgt sei.

konnten absolut nicht gefunden werden.

Die Angaben betreffend die im Weiler ,,Glängtt erkrankten Soldaten sind, wie aus den Berichten der Bataillonsärzte hervorgeht, geschwätzige Übertreibungen.

Neu sind die Mitteilungen betreffend Aufnahme eines erkrankten Soldaten ins Haus der Leute Birrer. Hierüber ist uns allerdings nichts bekannt, denn die Leute Birrer scheinen zur Zeit, als sie durch die rekognoszierenden Offiziere gefragt wurden.

1050 ·das selbst noch nicht gewußt zu haben. Übrigens ist diese Erkrankung gar kein Beweis gegen eine Infektion in Schötz, im Gegenteil, wir haben gesehen, daß gerade an Magen- und Darmstörungen Leidende das Typhusgift leicht aufnehmen.

Dann wird weiter behauptet: ,,Alle diese Krankheitserscheinungen traten auf, bevor die Truppen Gelegenheit hatten, von dem verdächtigen Wasser zu trinken a . Diese Behauptung ist uns unbegreiflich, denn wir können wirklich nicht einsehen warum Soldaten, welche vor 5 Uhr in ein Kantonnement kommen, um 6 resp. 7 Uhr ihr Essen erhalten, mindestens 3--4 Stunden unbeschäftigt sind und dann, wie ausdrücklich gesagt, erst während der Nacht erkranken, vorher keine Gelegenheit haben sollten, Wasser zu trinken.

Auf die Bemerkungen betreffend die Qualität der Lebensmittel brauchen wir nicht mehr einzugehen, trotzdem der hohe Regierungsrat des Kantons Luzern nun zu Hund und Hühnern auch' noch die ,,Schweine" hinzufügt.

Aus der ganzen Argumentation dos Regierungsrates von Luzern ist auch nicht eine einzige Angabe zu entnehmen, welche in unsern bisherigen Erörterungen nicht bereits widerlegt wäre, oder welche geeignet wäre, unsere Beweisführung zu entkräften.

Wohl aber ergibt sich, daß der Regierungsrat vielfach von Voraussetzungen ausgeht, welche nach den Ergebnissen unserer Untersuchung sich als hinfällig erwiesen haben.

Was sodann den Vorwurf anbelangt, das Vorgehen des Militärdepartementes sei ein inkorrektes gewesen, so haben wir darüber folgendes zu bemerken : 1. Die Regierung von Luzern findet, es stehe unser Vorgehen ,,im direkten Widerspruche mit der von jeher geübten Praxis, daß seitens der Organe des Bundes in den Kantonen keine Erhebungen und Untersuchungen vorgenommen werden, ohne daß die zuständigen k a n t o n a l e n Organe von der Angelegenheit verständigt oder um ihre Mitwirkung ersucht werden."· Von einer solchen Praxis ist uns mit bezug auf Organo des Militär-Sanitätswesens nichts bekannt. Der einzige uns bekannte Vorgang, welcher hier zur Vergleichung herangezogen werden kann, betrifft die bereis erwähnte Typhusepidemie anläßlich des Truppenzusammenzuges von 1893 (II. Armeekorps).

Es ist interessant zu sehen, wie damals verfahren wurde. Die Anzeige, daß im Übungsgebiete Typhusfälle vorgekommen seien, erhielt der Oberfeldarzt auch damals nicht auf offiziellem Wege,

1051 «obschon auch damals vor Beginn der Übungen durch die Truppeniirzte umfassende Erhebungen gemacht worden waren. Er erhielt diese Anzeige erst durch einen Arzt in Mellingon und zwar zwei Tage nach dem Einrücken der Infanterie in die Vorkurse. Der Oberfeldarzt übermittelte diese Anzeige sofort dem Armeekorpsarzt mit der Einladung, die betreffenden Herde genau zu ermitteln und für die Truppe unschädlich zu machen. Der Armeekorpsarzt kam dieser Aufgabe unter Mithülfe von Truppenärzten nach, es kam dabei naturgemäß zu Besprechungen und Konferenzen mit Regierungsstatthalter und Gemeindepräsidenten, weil oben die Truppen noch im Dienste standen und die Kantonnementsverhältnisse geordnet werden mußten. Niemund fiel es aber ein, vorerst der kantonalen Regierung oder der Direktion des Innern, welcher im Kanton Bern das Sauitätswesen unterstellt war, oder sonst einer kantonalen Sanitätsbehörde Anzeige zu machen und sie um ihre Mitwirkung zu ersuchen. Die m i l i t ä r i s c h e n O r g a n e untersuchten und stellten ihre Begehren betreffend Vorbeugung1smaßregeln direkt bei den Lokal behörden.

Es wurde überhaupt genau nach den Gesichtspunkten verfahren, welche auch diesmal für uns wegleitend waren. Auch die Begleiterscheinungen blieben nicht aus : Entrüstungskundgebungen und Vertuschungsversucho fehlten so wenig wie heute ! Auf ausdrückliches Ersuchen der kantonalen Direktion des Innern erstattete dann der Oberfeldarzt auch dieser Bericht über die Vorkommnisse. Das sollte auch im gegenwärtigen Falle geschehen, sobald die Untersuchung abgeschlossen und ihre Ergebnisse verarbeitet waren, denn aus dieser Untersuchung gab es für die kantonalen Sanitätsbehörden mindestens ebensoviel lehrreiches zu schöpfen, wie im Jahre 1893.

Man kann also nicht sagen, daß im gegenwärtigen Falle anders verfahren worden sei als in früheren analogen Fällen verfahren wurde.

2 Daß durch unser Vorgehen bestehende Vorschriften verletzt worden seien, behauptet die Regierung von Luzern in ihrem Schreiben selbst nicht. Sie würde gewiß nicht unterlassen haben darauf hinzuweisen, wenn eine bestehende Vorschrift von uns oder unsern Organen außer Acht gelassen worden wäre. Wir sind uns auch durchaus keiner solchen Verletzung bewußt und haben trotz eifrigen Suchens nirgends eine Bestimmung finden können, welche uns verpflichtet hätte, ,,die zuständigen kantonalen Organe von der Angelegenheit zu verständigen oder sie um ihre Mitwirkung zu ersuchen'1.

1052 Wohl aber bestehen folgende Vorschriften: Die Militärorganisation von 1874 sagt in Art. 254 : ,,Der Oberfeldarzt hat die Leitung des gesamten Militärsanitätswesens im Frieden nach den besonderen hierüber bestehenden Gesetzen und Verordnungen."

In Ausführung dieses Artikels schreibt die Sanitätsdienstordnung von 1901 vor : Ziff. 19, 4. .,Die ihm (dem Oberfeldarzt) zufallenden ordentlichen Geschäfte sind folgende : h. Die Überwachung der Gesundheitspflege. Er ist der ständige Experte des Militärdepartements in allen in dieses Gebiet einschlagenden Fragen . . . .

i. Die Beantragung von Schutzmaßregeln gegen das Auftreten epidemischer Krankheiten im Instruktionsdienste.

k. Die Anordnung und Oberleitung des Sanitätsdienstes in sämtlichen Militärschulen und bei Truppenübungen, bei letztern unter Mitwirkung des betreifenden dienstleitenden Arztes.a Die Typhusinfektion ist unbestrittenermaßen im Instruktionsdienst, während den Korpsmanövern 1902 entstanden. Die Verantwortlichkeit für dieselbe tragen deshalb in erster Linie die eidgenössischen Militärbehörden ; es war deshalb auch eine Pflicht dieser letztern zu untersuchen, in welcher Weise die Epidemie entstehen konnte, gerade so gut, als sie für die materiellen Folgen derselben aufzukommen haben.

Entsprechend den angeführten deutlichen Vorschriften hat der Oberfeldarzt sofort nach Bekanntwerden der Epidemie' die nötigen Anordnungen getroffen, um einerseits für die Opfer" derselben zu sorgen (durch die Militärversicherung) und anderseits die Quelle der Epidemie festzustellen. Dieses letztere mußte geschehen, um die Verantwortlichkeiten festzustellen und um zu erkennen, in welcher Weise ähnlichen Vorkommnissen in Zukunft vorgebeugt werden kann.

Entsprechend den Vorschriften der Sanitätsdienstordnung übertrug der Oberfeldarzt durch Befehl die zweite Aufgabe dem dienstleitenden Arzte der Korpsmanöver, dem Armeekorpsarzt IV. 'Der letztere seinerseits erteilte den Befehl, die Untersuchung zu leiten demjenigen Sanitätsoffizier, der hierzu in erster Linie in Betracht kam, dem Divisionsarzt IV ; die Epidemie beschränkte sich n der Hauptsache auf die IV. Division, deren höchster dienstleitender

1 ODO

Arzt, bekannt als gewissenhafter energischer Stabsoffizier, wissenschaftlich hochstehend und außerhalb des in Betracht fallenden Gebietes wohnend, also in seinem Urteil ganz unabhängig, weitaus die geeignetste Persönlichkeit hierzu war.

Es war dem Divisionsarzt IV anheimgestellt, bei seiner Untersuchung zu verfahren, wie er wollte, diejenigen Behörden und Personen zu verwenden, die ihm geeignet schienen, und das hat er auch getan. Er wandte sich im Laufe der Untersuchung, wie aus den Akten hervorgeht, an Truppenkommandanten, Sanitätsoffiziere, Gemeindebehörden, Spitäler, praktizierende Ärzte, d. h. an alle diejenigen amtlichen Stellen und Personen, von denen er Aufschluß erwarten konnte. Er verfuhr genau so, wie im Jahre 1893 im Berner Jura verfahren wurde. Das Resultat seiner Untersuchung zeigt denn auch, daß er den richtigen Weg eingeschlagen und die geeigneten Mittel gebraucht hat, um rasch und sicher seine Aufgabe zu lösen.

3, Der Regierungsrat des Kantons Luzern glaubt, man hätte sich vor allem an den luzernischen Sanitätsrat wenden sollen. Die Untersuchungen erstreckten sich aber ebenso sehr auf Gebiete der Kantone Bern und Aargau, wie auf solche des Kantons Luzern ; es hätten demnach auch die Sanitätsbehörden dieser Kantone in Tätigkeit gesetzt werden müssen. Dadurch aber wäre die Untersuchung nur kompliziert und schwerfällig geworden, ohne irgend welche Garantie dafür, daß sie auch sicherer geworden wäre. Die Erklärungen des Gemeinderates von Schütz und des Sanitätsrates beweisen zur Genüge, mit welcher Objektivität die Lokalbehörden der Sache gegenüberstanden und welche Hülfe von ihnen zu erwarten war. Welche Auffassungen in der beteiligten Gegend herrschten, das zeigen die Angriffe, welchen jener Arzt ausgesetzt war, der uns in Erfüllung seiner Pflicht die Mitteilung über den auf dem ,,Hübeli"1 vorgekommenen Typhusfall gemacht hatte, ohne welche wir voraussichtlieh jetzt noch nichts von demselben wüßten ! Müssen wir noch darauf hinweisen, dass in einem angesehenen Blatte jenem Ar/,te die Zumutung gemacht wurde, er hätte den Fall verschweigen sollen?!

Im fernem hätte nach Ansicht des Regierungsrates auch die Ortsgesundheitskommission von Schötz zugezogen werden sollen.

Von dieser Behörde ist hier zum allererstenmal die Rede. Wir wissen nicht, ob dem Divisionsarzt oder den Schötz rekognoszierenden Offizieren bekannt war, daß eine solche existiere ; '·&ber die Art und Weise, wie auf dem Hübeli die Dejekte der

1054 Typhuskranken desinfiziert oder nicht desinfiziert wurden, wie diese gerade an einer Stelle eingeackert werden konnten, von wo das Abwasser ins Dorf hineinfließen muß, der Umstand, daß der Typhus auf dem Hübeli verschwiegen wurde, endlich die Tatsache, daß niemand hinderte, daß jene Gebäude mit Soldaten belegt wurden, alles das mußte doch gewiß den Glauben erwecken, daß eine solche Behörde gar nicht existiere. War aber den untersuchenden Organen die Existenz dieser ,,Ortsgesundheitskommissiona bekannt, so hatte dieselbe ihre Unfähigkeit so sehr gezeigt, daß es gewiß niemanden mehr einfallen konnte, sie zur Aushülfe bei einer wichtigen und ernstlichen Untersuchung beizuziehen.

4. Wenn der Regierungsrat des Kantons Luzern das Vorgehen des Militärdepartements und seiner Organe ,,höchst befrerndenda findet, so können wir nicht unterlassen, unser höchlich es Befremden auszusprechen über das Verhalten der ,,kantonalen Organe"1 von Luzern, an welche wir uns nach der Meinung der Regierung in erster Linie hätten wenden sollen.

Am 12. Juli 1902 schrieb der Korpsarzt des IV. Armeekorps an den Regierungsrat des Kantons Luzern unter Hinweis darauf, daß sich die Manöver des IV. Armeekorps in diesem Jahre teilweise im Kanton Luzern abspielen werden wörtlich, was folgt: ,,Mit Rücksicht darauf, daß die Berührung mit P o c k e n , T y p h u s und R u h r eine rasche Verbreitung unter den Truppen und damit wieder unter der bürgerlichen Bevölkerung bedingt,, lade ich Sie im Auftrage des Korpskommandos höflichst ein, der Seuchenpolizei auf dem genannten Gebiete eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken.

,,Brunnen und Quartiere, die in dieser Beziehung früher als verseucht gelten mußten, oder die es noch jetzt sind, sollten einer sachverständigen Untersuchung unterzogen und möglichst sicher desinfiziert werden.

,,Über wichtigere Ergebnisse Ihrer Untersuchungen, welche eventuell das Vermeiden einer Ortschaft bedingen könnten, bitte ich Sie, mich bis spätestens 25. August zu weiteren Händen zu orientieren.

,,Gegebenenfalls wären die Quartiermacher und Ärzte beim Einrücken der Truppen auf infizierte Wohnungen noch besonders aufmerksam zu machen, sowie auf Brunnen und Wasserläufe, deren Benutzung unstatthaft schiene.

1055 ,,Ich ersuche Sie höflichst, Ihre Organe (Gemeindevorsteher und Ärzte) anzuweisen, den Truppen im Interesse einer gegenseitigen Unterstützung gesundheitlicher Vorkehren im erwähnten Sinne behülflich zu sein."

Man sieht, die Militärsanität geht keineswegs, gewissermaßen prinzipiell, darauf aus, ,,die kantonalen Organe"1 zu umgehen oder als überflüssig zu betrachten. In verbindlicherer Form, als es hier geschehen, könnte um deren ,,Mitwirkung" kaum nachgesucht werden.

Aber auf das Schreiben des Armeekorpsar/.tes erfolgte keine Antwort. Und dieser zog daraus den, allerdings falschen, Schluß, daß die Untersuchungen im Kanton Luzern ,,wichtigere Ergebnisse nicht gehabt hätten und daß man also mit bezug auf diesen Kanton beruhigt sein dürfe.

Wir wissen nicht, welche Folge dem Schreiben des Armeekorpsarztes gegeben wurde. Es wird wohl dein Sanitätsrat überwiesen worden sein. Wenigstens schrieb der Präsident desselben unter dem 12. Oktober 1902 an den Oberfeldarzt, was folgt: ,,Mit Rücksicht auf die zahlreichen Typhusfälle beim 13. Infanterieregiment wollen Sie mir die höfliche Anfrage gestatten, ob Anhaltspunkte vorliegen, daß die Infektion im Kanton Luzern stattgefunden hätte.

,,Von den Ärzten waren uns den ganzen Sommer über keine Typhusfälle angezeigt außer einige wenige aus der Stadt Luzern und hier war für die Truppen nichts zu gefährden. Auch war das 13. Infanterieregiment meines Wissens nie in Luzorn. Nebstdem hatte unser Kantonschemiker vor Beginn der Übungen nicht weniger als 309 Trinkwasser vom Lande her untersucht.ü Der Oberfeldarzt antwortete am 13. Oktober ,,die Nachforschungen über die Provenienz der Typhuserkrankungen bei Regiment 13 sind noch nicht soweit gediehen, daß darüber Auskunft gegeben \verden könnte. Die Untersuchung liegt in den Händen des Herrn Oberstleutnant Emil Burckhardt."

Dabei hatte es sein Bewenden und wir notieren nur im Vorbeigehen, daß der Sanitätsrat damals nichts dagegen eingewendet hat, daß die Untersuchung von eidgenössischen Organen und ohne seine Mitwirkung geführt wurde. Aus dem Schreiben des Präsidenten des Sanitätsrates sind aber folgende Momente festzuhalten :

1056 a. es wird bestätigt, daß der Typhus auf dem Hübeli bei Schötz nicht angezeigt worden war. Augenscheinlich hat der Sanitätsrat auch jetzt noch keine Kenntnis davon. Wir wissen, daß die behandelnden Ärzte die Anzeige unterlassen hatten. Es drängt sich die Frage auf, ob den Ärzten im Kanton Luzern die im Schreiben des Korpsarztes gewünschten Anweisungen gegeben wurden. Ist es geschehen, so sind die behandelnden Ärzte doppelt schwer belastet; ist es nicht geschehen, so fällt auch auf den Sanitätsrat ein Teil der Verantwortlichkeit.

b. es ergibt sich, daß dem Sanitätsrate einige Typhusfälle aus der Stadt Luzern bekannt waren. Er sah sich nicht veranlaßt, davon dem Armeekorpsarzte Mitteilung zu machen, obschon diese Tatsache doch wichtig genug war. Ob in der Stadt Luzern ^für die Truppen nichts zu gefährden war a , das hatte nicht der Sanitätsrat des Kantons Luzern, sondern die Truppenfiihrung mit Hülfe der Truppensanität zu entscheiden. Wir haben gesehen, daß die kleine Typhusepidemie bei der Kriegsbriickenabteilung sehr wohl mit den Typhusfallen in der Stadt Luzern in Beziehung stehen kann. Wäre die Truppenfiihrung über diese Fälle orientiert gewesen, so hätte sie ihre Maßnahmen treffen können.

Warum hat der Sanitätsrat diese Fälle ans der Stadt Luzern dem Korpsarzte nicht gemeldet?

c. es wäre interessant zu vernehmen, ob unter den 309 Trinkwassern vom Lande, welche der Kantonschemiker untersucht hat, auch Wasser vom Hübeli bei Schot/ war. Wenn ja, ·welches Ergebnis die Untersuchung hatte. Wenn nein, an wen sich der Kantonschemiker gewendet hat, um diese Trinkwasser 7M beziehen; ob an die Gemeindebehörden, etwa an die Ortsgesundheitskommission, oder an die Ärzte. Ob die Behörden von Schötz oder die den Typhus auf dem Diübeli behandelnden Ärzte auch um Zusendung von Trinkwassern angegangen worden sind.

Wir sagen, es wäre interessant das zu vernehmen, denn daraus müßten Schlüsse gezogen werden hinsichtlich gewisser Verantwortlichkeiten.

Wir gehen weiter. In einem Briefe an den Oberfeldarzt vom 12. November 1902 schreibt Herr R. Peyer, Arzt in Willisau, welcher die Marie ßirrer zuerst behandelt hatte u. a. : ,,Im Verlaufe des verflossenen Monats Mai herrschte im luzernischen Hinterlande eine ziemlich verbreitete jedoch gutartige Dysenterieepidemie. In der Regel begann die Krankheit mit heftigem Erbrechen, Diarrhöe, kleinen Temperaturerhöhungen, um bei geeigneter Be-

1057 handlung nach vier bis fünf Tagen in Heilung überzugehen.

Unter ähnlichen Erscheinungen erkrankte am 25, Mai (laut ärztlichem Tagebuch) die Jungfrau Marie Birrer, die damals Magd war bei Landwirt Kurmann im Gehöft ,,Roßgasse" zirka fünfzehn Minuten vom Stadtchen Willisau entfernt. Anfangssymptome und Verlauf der Krankheit entsprachen ganz der gerade herrschenden Ruhrepidemie . . . ."

Es herrschte also i u der Gegend von Willisau im Frühsommer 1902 eine ,, R u h r e p i d e m i e " . B e i d e r M a r i e B i r r e r w u r d e u n b e s t r i t t e n T y p h u s d a r a u s . Wußte der Sanitätsrat von Luzern etwas von dieser Ruhrepidemie ? Man sollte das annehmen dürfen, denn sonst müßte man sich wirklich fragen, wozu ein Sanitätsrat da sei. Wenn der Sanitätsrat von der Epidemie Kenntnis hatte, so müssen wir weiter fragen, warum hat er auch hiervon dem Korpsarzt keine Mitteilung gemacht? Denn in dorn Sehreiben des Korpsarztes ist auch die Ruhr ausdrücklich erwähnt und Willisau lag in der für die Truppenübungen bestimmten Zone. Wußte aber der Sanitätsrat nichts von dieser Ruhrepidemie und hatte er von dem Schreiben des Korpsarztes den Ärzton und Gemeindebehörden nach dem ausgesprochenen Wunsche Kenntnis gegeben, warum schwiegen dann diese? Hat aber der Sanitätsrat den Ärzten und Gemeindebehörden die vom Korpsarzte gewünschte Anleitung nicht gegeben und hat er auch nichts von der Ruhr gewußt -- nun so sieht man. was von der "Mitwirkung" der kantonalen Organe in Luzern zu erwarten war !

Wir meinen, wenn sich in dieser Sache jemand über ,,inkorrektes" Verhallen zu ,,beschweren" hat, so ist es nicht die Regierung des Kautons Luzern gegenüber dem Militärdepartement und seinen Organen, sondern es ist der Bund, dessen Wehrmänner durch dio Nachlässigkeit und Pflichtverletzung luzernischer Ärzte und Behörden schwerer Erkrankung und dem Tode ausgesetzt wurden.

5. Endlich gründet der Regierungsrat seine Behauptung, das Vorgehen des Departementes sei inkorrekt auch darauf, daß die Mitteilungen desselben nicht vor ihrer Veröffentlichung den kantonalen Behörden vorgelegt worden seien.

Dazu muß zunächst wiederum bemerkt werden, daß keine Gesetze oder Verordnungen existieren, die vorschreiben, daß Veröffentlichungen d e r Departementes zuerst d e n kantonalen Bundesblatt

55. Jahrg. Bd. I.

70

1058 Die Verhältnisse über die Typhusinfektion waren am 24. Oktober so klar, daß das Departement an der Richtigkeit der in den Mitteilungen enthaltenen Schlußfolgerungen keinen Augenblick zweifeln konnte. Es lag also kein Grund vor, zuerst noch eine kantonale Behörde anzufragen.

In der Mitteilung vom 24. Oktober wird gar niemand beschuldigt, weder eine Behörde, noch eine Gemeinde, noch eine Person, sondern speziell beigefügt: ,,Durch wessen Schuld mag vorläufig dahingestellt bleiben11. Es wurden nur Tatsachen mitgeteilt.

Was aber eine vorherige Befragimg der kantonalen Behörden genützt haben würde, das ist nach dem ganzen Verlaufe dieser Angelegenheit nicht zweifelhaft. Das Militärdepartement hatte wahrlich keinen Grund zu besonderer Rücksichtnahme gegenüber kantonalen Organen, welche bisher so gänzlich versagt hatten.

Wir kommen zum Schlüsse, daß der Regierungsrat des Kantons Luzern in seinem Schreiben an den schweizerischen Bundesrat 1. keinen stichhaltigen Grund anzugeben vermag für seine Behauptung, das Resultat der Untersuchungen des Militärdepartementes betreffend Entstehung der Typhusepidemie in Infanterieregiment 13 sei zum mindesten als total unsicher zu bezeichnen ; 2. ebensowenig den Nachweis zu erbringen vermag, daß das Vorgehen des Militärdepartementes inkorrekt war.

TIII. Schlnss.

Im Verlaufe der Untersuchung mußte sich immer wieder die Frage aufdrängen, welche Umstände verantwortlich zu machen seien dafür, daß die Epidemie nicht vermieden wurde und wie in Zukunft ein solches Vorkommnis abgewendet werden könne.

Nach der Sanitätsdienstordnung sind die Sanitätsoffiziere in bezug auf den Gesundheitsdienst (die Hygiene) die verantwortlichen Berater der Truppenkommandanten. Es liegt also die Fürsorge dafür, daß die Truppe Krankheitsherde vermeide, in erster Linie bei den Sanitätsoffizieren.

In Befolgung dieser Vorschrift erließ denn auch der Korpsarzt IV im Einverständnis mit dem Armeekorpskommandanten an sämtliche Kantone, in denen das Manövergebiet lag, das bereits erwähnte Zirkular.

1059 Dieses Schreiben wurde verschickt am 12. Juli an die Kantone Aargau, Luzern und Zug und am 11. August an die Kantone Bern und Zürich. Um den Behörden die Sache zu erleichtern, erhielt jeder Kanton eine größere Anzahl (30--200) Exemplare, um sie an die Gemeinden, Ärzte etc. weiter gelangen zu lassen.

Antworten gingen ein von den Kantonen Zürich und Zug, unter Bezeichnung einiger Typhusherde, in der Hauptsache jedoch in beruhigendem Sinne. Da von den andern Kantonen nichts einging, wurde angenommen, daß auch dort in bezug auf Ansteckungsherde keine Gefahr sei.

Überdies erhielt jeder Sanitätsoffizier den speziellen Befehl, in den Kantonnementsorten sich nach Infektionskrankheiten zu erkundigen. Diese letztere Anordnung läßt sich allerdings nur in günstigen Fällen frühzeitig genug durchführen, da die Sanitätsoffiziere frühestens mit der Truppe ins Kantonnement kommen.

Beim 13. Infanterieregiment hatte der Regimentsarzt überdies noch selbst sich vor dem Dienst in den Kantonnementsorten erkundigt nach den Gesundheitsverhältnissen daselbst, respektive nach ansteckenden Krankheiten, soweit diese Orte ihm bekannt waren.

Da von nirgends irgendwelche Mitteilung einlangte, daß Infektionskrankheiten vorgekommen seien, war gar kein Anlaß vorhanden, noch mehr zu» tun. Es kann also den Sanitätsoffizieren kein Vorwurf gemacht werden.

Wer die Verheimlichung des Typhus bei Schötz zu verantworten hat, wollen wir nicht weiter untersuchen. Aber alle Bemühungen der Organe des Truppensanitätsdienstes müssen fruchtlos bleiben, wenn kantonale Behörden und Zivilärzte so vollständig versagen, wie es hier der Fall war.

Die Ansteckungsgefahr kann nun vermieden oder doch sehr vermindert werden durch eine gute und gewissenhafte Desinfektion der Dejekte der Typhuskranken und deren Wäsche. Es ist Sache des behandelnden Arztes, hierzu die nötige Anleitung zu geben.

Aber selbstversändlich nützt die beste Anleitung nichts, wenn sie nicht genau durchgeführt wird. Hierfür sollten die Behörden, der Gemeinderat oder die Ortsgesundheitskommission sorgen. Wie wir gesehen, wurde in Schötz hierin sehr gefehlt.

Auf jeden Fall hätten die Sanitätsoffiziere, als die Truppen in Schütz einrückten, darauf aufmerksam gemacht werden sollen, daß vor relativ kurzer Zeit auf dem ,,Hübeli" ein Typhusfall

1060

war. Es wäre dann sicher das Hiibeli, vielleicht Schötz überhaupt, nicht als Kantonnementsort benutzt worden.

Wenn wir demnach die Umstände zusammenstellen die dazu beitrugen, daß die Infektion der Truppen nicht vermieden werden konnte, so finden wir die folgenden : 1. Das Unterbleiben der Anmeldung an die Behörde.

2. Die ungenügende Desinfektion der Dejekte und der Wäsche der Typhuskranken.

3. Den Umstand, daß den Sanitätsoffizieren des Regiments 13 beim Einrücken der Truppen in Schütz keine Mitteilung von den Typhusfällen gemacht wurde.

Treten wir nun noch auf die zweite Frage ein, wie ein ähnliches Vorkommnis in Zukunft vermieden werden kann.

Vor allem ist es notwendig, daß die Vorschriften betreffend Anzeige von Infektionskrankheiten strenge gehandhabt werden.

Nur dann, wenn die Sanitätsoffiziere wissen, wo und wann solche Erkrankungen vorgekommen sind, können sie ihren Kommandanten die nötigen Vorschläge machen, urc, ähnliche Epidemien zu vermeiden. Nicht weniger genau müssen aber auch die Vorschriften betreffend Desinfektion alles desjenigen, was den Infektionskeim verbreiten kann, durchgeführt werden.

Wie die Erfahrungen von 1893, sowie diejenige von 1902 wieder zeigen, sind unsere Truppen sehr empfindlich gegen Typhus. Es muß deshalb dahin gestrebt werden, daß Orte, in denen solche Erkrankungen vorkamen, nicht als Xantonnementsorte benützt werden, sofern nicht ganv, sicher festgestellt ist, daß der Infektionsgefahr vorgebeugt worden.

Da die Erfahrung gezeigt hat, daß man sich nicht sicher auf die Meldungen der botreffenden bürgerlichen Organe verlassen kann, ist es wohl auch angezeigt, daß vor großen Manövern das Gebiet, in welchem dieselben stattfinden, von Sanitätsoffizieren rekognosziert werde. Dias wurde im Jahre 1893 durchgeführt, nachdem damals der Oberfeldarzt auf p r i v a t e m Weg Kenntnis von Typhuserkrankungen im Manövergebiete erhalten hatte, und es ist wohl nur diesem Umstände zuzuschreiben, daß damals die Epidemie nicht größere Dimensionen annahm. Diese Rekognoszierung könnte wohl verbunden werden mit dem Vorbereitungskurs für Sanitätsoffiziere; es wäre zu gleicher Zeit auch eine gute Rekognoszierungsübung.

Endlich ist es von großer Wichtigkeit, daß in den Schulen und Kursen nicht nur die Offiziere, sondern auch die Soldaten

1061 auf die Gefahr hingewiesen werden, die im Trinken von nicht ganz reinem Wasser liegt, wie namentlich aus Bächen, Sodbrunnen etc. Es muß hier bemerkt werden, daß gerade jenes gegenwärtig nur zu häufig befohlene Wasserfassen geeignet ist, die Soldaten gegenüber nicht ganz unverdächtigem Wasser etwas unvorsichtig zu machen.

Das beste Mittel, um Infektionen zu vermeiden, besteht natürlich darin, daß man der Truppe etwas sicher Keimfreies gibt, um den Durst zu löschen, Tee oder guten schwarzen Kaffee. Selbstverständlich kann man dem Soldaten nie eine so große Menge Tee oder Kaffee mitgeben, daß er damit während eines warmen Tages den Durst löschen kaun, aber es wird doch ermöglichen, das Wasserfassen nur auf solche Orte zu beschränken, wo man sicher keimfreies Wasser erhält.

Fassen wir nun schließlich die Ausführungen und Erwägungen zusammen, so kommen wir zu folgenden Schlußsätzen : 1. Die Typhusepidemie in den Infanterieregimenten! 13 und 14, deren Infektion zweifellos in die Zeit der Korpsmanöver 1902 fällt, zählte 104 Erkrankungen, von denen 14 den Tod zur Folge hatten.

Gleichzeitig, aber unabhängig von der erstem, zeigte sich eine kleinere Typhusepidemie in der Kriegsbrückenabteilung 4, wo 5 Mann erkrankten, von denen 2 starben., " 2. Alle Umstände weisen darauf hin, daß als Infektionsquelle der Epidemie in den Regimentern 13 und 14 die vom Typhusherd auf dem Hübeii infizierten Brunnen und die offenen Wasserläufe in Schötz angenommen werden müssen. Für die Annahme einer andern Infektionsgelegenheit fehlen irgendwelche Anhaltspunkte.

Die kleinere Epidemie in der Kriegsbrückenabteiluug 4 kann entstanden sein durch Übertragung von einem im Inkubationsstadium des Typhus in Dienst getretenen Soldaten oder aber durch das Wasser der Reuß bei Luzern.

3. Die Verpflegung im Infanterieregiment 13 während den Korpsmanövern war eine ausreichende und genügende. Einmal konnte einem Teile der Truppen kein w a r m e s Nachtessen, ein andermal kein w a r m e s Frühstück gegeben werden, überdies war das Dauerbrot, das gleichen Tages durch anderes ersetzt wurde, nicht genießbar.

Vor allem ließ die Verpflegung am 5./6. September in Schötz nichts zu wünschen übrig.

1062 4. Die Anforderungen, welche während des Truppenzusammenzuges an die körperliche Leistungsfähigkeit des Regiments 13 gestellt wurden, waren solche, w:.e man sie auch im Instruktionsdienste von einer guten Truppe verlangen muß. Von Überanstrengung kann keine Rede sein.

5. Der Gesundheitszustand im Regiment, 13 war während der Korpsmanöver ein günstiger, namentlich sind die Angaben über schlechten Gesundheitszustand vom 5./6. September in Schütz nicht zutreffend.

6. Die Erklärungen des Gemeinderate» Schötz, sowie des Sanitätsrates des Kantons Luzern sind nicht geeignet, die Annahme, daß Schötz der Sitz des Infektionsherdes sei, zu widerlegen.

Die genauen und weitläufigen Untersuchungen und Nachforschungen haben ergeben, daß die Schlußfolgerungen der Mitteilungen des Militärdepartementes der Wirklichkeit entsprechen.

Die Art und Weise, wie das Militärdepartement und seine Organe in dieser Angelegenheit vorgegangen sind, entspricht den bestehenden Gesetzen und Verordnungen und war bedingt durch die speziellen Verhältnisse. Es kann deshalb nicht inkorrekt genannt werden.

7. Die Umstände, welche verursachten, daß die Epidemie nicht vermieden werden konnte, sind zu suchen in der Tatsache, daß die Typhusfälle auf dem Hübeli nicht vorschriftsmäßig gemeldet, die Desinfektion der Entleerungen gar nicht oder doch nicht genügend durchgeführt und die Sanitätsoffiziere des Regiments 13 nicht auf den Typhusherd aufmerksam gemacht wurden.

Um ein ähnliches Vorkommen zukünftig so viel als immer möglich zu vermeiden, müssen die Vorschriften betreifend Anzeigepflicht von Infektionskrankheiten und Desinfektion strenger gehandhabt. Offiziere und Soldaten über die Gefahr des Trinkens von verdächtigem Wasser aufgeklärt und die Manövergebiete vor Beginn des Truppenzusammenzuges jeweilen durch Sanitätsoffiziere rekognosziert werden.

B e r n , den 20. Februar

1903.

ScJaveizerischcs Militärdepartement : 'Aliiller.

1063 Vorstehender Bericht wird hiermit genehmigt.

B e r n , den 20. Februar 1903.

Im Namen des Schweiz. Bundesrates, Der Bundespräsident: Deucher.

Der Kanzler der Eidgenossenschaft: llingier.

Schweizerisches Bundesarchiv, Digitale Amtsdruckschriften Archives fédérales suisses, Publications officielles numérisées Archivio federale svizzero, Pubblicazioni ufficiali digitali

Übersicht der Erkrankungen bei den Infanterieregimentern des IV. Armeekorps während des Truppenzusammenzuges 1902.

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1903

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1

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11

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18.03.1903

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1002-1063

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