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Schweizerisches Bundesblaft.

XXVII. Jahrgang. III.

Nr. 30.

U. Juli 1875.

J a h r e s a b o n n e m e n t (portofrei in der ganzen Schweiz): 4 Franken.

Ei n r ü k u n gsge b ü hr per Zeile 15 Rp. -- Inserate sind franko an die Expedition einzusenden.

Druk und Expedition der Stämpflischen Buchdrukerei in Bern.

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Bericht der

.stauderäthlichen Kommission über die Beteiligung der Schweiz an der Weltausstellung in Philadelphia.

(Vom 28. Juni 1875.)

Tit.!

Den 4. Juli 1776, am Kongresse von Philadelphia, sprachen die Abgeordneten der damaligen 13 vereinigten Staaten die Unabhängigkeit der Nordamerikanischen Union aus. Nächstes Jahr nun, ein Jahrhundert nach dieser so denkwürdigen historischen Begebenheit, und zu Ehren derselben und parallel mit andern Festivitäten, soll in der gleichen Stadt Philadelphia eine internationale Ausstellung der Erzeugnisse der Kunst, der Industrie und des Acker- und Bergbaues stattfinden. Diese Weltausstellung wird die sechste sein. Von den frühem unterscheidet sie sich in der Hauptsache dadurch, daß sie kein offizielles Unternehmen des Staates ist, sondern ein Privat-Unternehmen, für welches weder die amerikanische Bundesregierung, noch die Unions-Staaten irgend welche finanzielle Verantwortlichkeit übernehmen. Die finanzielle Basis ist diejenige einer Aktien-Gesellschaft mit einem Kapital von 10 Millionen Dollars, in Aktien von je 10 Dollars getheilt. Zu diesem Aktienkapital kommen die Geldbeiträge der Centralregierung und der einzelnen Staaten der Nordamerikanischen Union.

Die Bundesbehörden haben sich damit begnügt, der finanziellen Grundlage ihre Genehmigung durch die Ermächtigung zur AktienO o O O O Bundesblatt. Jahrg. XXVII. Bd. III.

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Emission zu ertheilen, einen Beitrag von 500,000 Dollars MI gewähren, die sogenannte Centennial-Commission zur Ueberwachung der Ausführung zu bestellen, die nöthigen Kredite für das Ausstellen der offiziellen Sammlungen und die Darstellung der Funktionen der großen Verwaltungen, wie Marine, Armee, Posten, Erziehungswesen etc., zu bewilligen, und endlich die temporäre Zollfreiheit für die ausgestellten Waaren zu dekretiren. Nichtsdestoweniger kann man mit Bestimmtheit darauf rechnen, daß auch in dieser von den frühem Weltausstellungen abweichenden Form diejenige von Philadelphia einen befriedigenden Verlauf nehmen wird, indem das Gelingen derselben für das amerikanische Volk eine Ehrensache ist. Es haben denn auch bis in jüngster Zeit . außer den Nordamerikanischen Staaten bereits 31 fremde Staaten ihre Betheiligung zugesagt. Amerika selbst erwartet, trotz der Entfernung und der Schwierigkeit der Seereise, welche seme Gäste aus der alten Welt werden machen müssen, einen starken Zufluß von Außen. Der Ausstellungsraum ist größer als derjenige früherer Ausstellungen; wir finden in den Ihnen vorliegenden Plänen eine ingeniöse Eintheilung, welche dem Principe derjenigen der Pariser-Ausstellung von 1867 nahekommt, und auch in den Details wird sicher der praktische Sinn der Amerikaner für eine zweckmäßige Einrichtung sorgen. Von den auswärtigen Staaten sind es namentlich England und Frankreich, welche suchen werden, theils aus commerciellen und industriellen Gründen, theils auch aus politischen, mit Glanz, und soweit es England betrifft, mit der Wucht einer Massenbetheiligung aufzutreten. Rußland,' welches O O trotz der großen Verschiedenheit der politischen Gestaltung die freundschaftlichsten Beziehungen zur Union unterhält, wird nicht zurückbleiben, und Deutschland kann sich, abgesehen von vielen andern Gründen, schon wegen der großen Zahl seiner in Amerika niedergelassenen Angehörigen, nicht fernhalten.

Bevor der Berichterstatter zu der Hauptfrage übergeht, ob die Eidgenossenschaft die Beschickung der Ausstellung durch einen hiezu zu bewilligenden Kredit unterstützen solle, glaubt er vorerst noch kurz das vom Handelsdepartement und vom Bundesrathe in Aussicht genommene System der Betheiligung der Schweiz in's Auge fassen zu sollen.

Nach diesem System würde keine Massen-Betheiligung stattfinden, aber man würde darnach trachten, in mustergültigen Proben alle Artikel auszustellen, welche gegenwärtig nach Amerika exportirt werden oder mit Aussicht auf Erfolg, sobald sie einmal bekannt wären, dahin exportirt werden könnten und daselbst verkäuflich sein würden. Es wäre durchaus nicht nöthig, im Gegen-

765 theil sogar überflüssig, daß sämmtliehe Producenten einer Branche repräsentirt seien; dagegen sollte keine einzige Branche fehlen.

Wir wollen in dem fernen Philadelphia nicht durch die Quantität glänzen, sondern ein richtiges und vollständiges Bild unserer ExportIndustrie darstellen. Ihre Kommission erklärt sich mit diesem Systeme vollständig einverstanden. Sollte gegen dasselbe eingewendet werden, daß auf diesem Wege nicht alle Firmen Gelegenheit erhalten, sich bekannt zu machen, so wird diesem Uebelstande sehr leicht durch Kollektiv-Ausstellungen der verschiedenen Branchen mit Angabe der Namen der einzelnen Producenten und namentlich durch die Veröffentlichung und das Auflegen eines Firmen-Verzeichnisses abgeholfen werden können.

Die Organisation der Schweiz. Ausstellung und die verschiedenen damit verbundenen Arbeiten würden durch ein Général-Commissariat und fünf sogenannte Dcpartcments-Commissioneii besorgt werden.

Diese aus Fachmännern zusammengesetzten Departements-Commissionen sind gegenüber den frühern kantonalen Commissionen eine Neuerung, und zwar eine solche, die wir unserseits lebhaft befürworten möchten, einmal weil nicht die Kantone, sondern die verschiedenen Industriezweige bei der Weltausstellung sich betheiligen, und daher verlangen können, bei den Vorbereitungen ihre Interessen geltend zu machen, und zweitens, weil dadurch der Geschäftsgang vereinfacht und beschleunigt wird. Dazu kommt, daß es gerade bei Gelegenheit dieser in so ferner Gegend, auf der andern Seite des atlantischen Océans, abzuhaltenden Industrieausstellung, nothwendig werden dürfte, einzelne Industriezweige zum Ausstellen zu animiren und einzelne Aussteller ausfindig" zu machon, eine Aufgabe, die «mer Commission von tüchtigen Fachmännern viel leichter gelingen wird, als kantonalen aus allerlei heterogenen Elementen zusammengesetzten Commissionen.

Bezüglich des Kosteupunktes übernähme der Bund nach dem Antrage des Bundesrathes, über dasjenige hinaus, was er für die Wiener Ausstellung übernommen hat : 1) Den Hintraiisport für das Uebergewicht über 50 Kilogramm von Gegenständen der Gewerbe und Industrie, indem sämmtliehe Kosten des Hintransportes ihm auffielen ; 2) den Empfang der Waaren und das Auspacken derselben; 3) die, Aufbewahrung der Packkisteu; 4) die Anfertigung der Ausstellungs-Schränke, letzteres ein sehr wichtiger Punkt.

Dagegen übernähme er weniger als in Wien : l) Die Platzmiethe, weil in Philhdelphia keine gefordert wird ;

76(5 2) die Feuerversicherung: 8) die Rückfracht und die Rücktransport-Versicherung. Letzteres hängt damit zusammen, daß nach dem Systeme des Entwurfes gesucht werden müßte, die ausgestellten Waaren soviel wie nur immer thunlieh in loco abzusetzen und möglichst wenig nach der Schweiz zurückzutransportiren, ein Gedanke, deibei einer richtigen Auswahl der Ausstellungsgegenstände sicher realisirt werden kann.

Die Kosten der Gesammtleistung des Bundes werden auf Fr. 2 5 0 , 0 0 0 veranschlagt, und zwar detaillirt sich diese Summe nach einem approximativen Budget des Herrn Oberst Rieter, Schweiz. Generalkommissärs bei der Wiener-Ausstellung, wie folgt : Generalkommissariat, Departementskommissionen, Comptabilität, administratives u. technisches Bureau Fr. 50,000 Verwaltung in Philadelphia mit Reisekosten .

. ,, 30,000 Lokalmiethe, Büreaubedürfnisse, Druckkosten, Reisespesen in der Schweiz und Centraklom mission . ,, 20,000 Catalog ,, 4,000 Internationale Jury .

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3,000 Baukosten, Dekorationen und Schutzvorrichtungen . ,, 10,000 Transportkosten und Trausportassekuranz .

. ,, 18,000 Installations- und Sicherheitsdienst in Philadelphia . ,, 10,000 Schränke und andere Ausstellungsbehälter-Vorrichtungen ,, 105,000 Fr. 250,000 lu dieser Summe ist nichts für Unvorhergesehenes berechnet; indessen compensirt sich diese Lücke dadurch, daß der Werth deiini Eigenthum der Eidgenossenschaft verbleibenden Schränke nicht in Abzug gebracht ist.

So viel über die projektirte Organisation.

Fragen wir uns nun, ob die Schweiz sich betheiligen soll, so haben wir diese Frage von drei Hauptgesichtspunkten in's Auge zu fassen, nämlich bezüglich der Interessen des Handels und deiIndustrie , der Handels-Politik und der politischen Stellung der Schweiz überhaupt.

In Bezug auf das erste, die Interessen unseres nationalen Gewerbsfleißes, so ist vor allem aus zu bemerken, daß sich Anfangs unsere Industriellen ganz kühl und beinahe abwehrend gegenüber der Ankündigung einer Weltausstellung in Philadelphia und den verschiedenen Anfragen und Einladungen verhielten. Diese Stimmung hat sich auf die Vorgänge hin, die in der Botschaft des

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Bundesrathe» mitgetheilt sind, sehr wesentlich gebessert und wird sich noch entschiedener zu Gunsten einer Betheiligung der schweizerischen Industrie gestalten, sobald festgestellt ist, daß der Bund in der Weise eingreift, wie es Ihnen, Herr Präsident, Hochgeehrte Herren, vorgeschlagen wird, und daß in Folge dessen der einzelne Aussteller weder zu sehr mit Kosten überladen, noch dem guten Willen fremder Agenten oder konkurrirender Firmen preisgegeben wird.

Und es ist auch in der That die schweizerische Industrie in hohem Grade interessirt, den amerikanischen Markt wie bisher aufzusuchen. Nach einer Zusammenstellung des eidg. statistischen Bureaus . erreichte der Werth der Waarenausfuhr aus der Schweiz nach den Vereinigten Staaten Nordamerika's im Durchschnitt per Jahr, von 1864 bis 1873 die hübsche Summe von Fr. 56,943,064.

Anno 1864 betrug sie nur Fr. 37,256,642. Von da stieg sie, jedoch nicht ohne einige Schwankungen, bis auf Fr. 80,675,681 im Jahre 1871. Im folgenden Jahre 1872 nahm sie etwas ab und dann im Jahre 1873 um beinahe 20 Millionen. 1874 hat sie sich wieder etwas gehoben. Diese bedeutende Abnahme der Waarenausfuhr aus der Schweiz nach den Vereinigten Staaten NordO amerika's in den Jahren 1873 und 1874 hat ihren Grund hauptsächlich in den bekannten finanziellen und commerziellen Erschütterungen, der daherigen schon im Frühjahr 1873 zu einem bedenklichen Grade gesteigerten Geldklemme, der hierauf erfolgten Geldkrisis und der durch diese Umstände selbstverständlich gebotenen und theilweise noch andauernden Beschränkung des Consums und der allgemeinen Waareneinfuhr in Nordamerika.

Die Exportartikel der Schweiz nach Nordamerika vertheilen sieh auf folgende Rubriken : Seide und Seidewaaren ; Baumwoll-und Wollgewebe; Stickereien; Stroh- und Roßhaargeflechte ; Uhren und Uhrenbestandtheile; Musikdosen; Käse; Leder; Verschiedenes. Im Jahre 1874 nun wurden ans der Schweiz für Fr. 960,122 oder 1,6 °, o mehr Waaren nach den Vereinigten Staaten Nordamerika's ausgeführt als im Vorjahr 1873. Dieses Resultat verdankt man der außerordentlichen Zunahme der Ausfuhr von Stickereien im Jahre 1874 gegenüber derjenigen des Jahres 1873. Dieselbe beträgt nicht weniger als Fr. 5,549,994 oder 51,1 °/<>. Die Totalsumme für die Stickereien stieg nämlich im Jahre 1874 bis auf Fr. 16,403,314. In den ersten Monaten des laufenden Jahres 1875 hatte der Export dieses Produktes noch zugenommen ; jetzt hingegen ist er ihm. Das Jahr 1874 ergab auch eine Vermehrung des Exportes von Leder, und endlich eine Vermehrung von 30 °/o auf den Artikeln der Rubrik ,, Verschiedenes." Bei allen andern

768 Artikeln hingegen gab es einen Rückschlag. Aber immerhin blieben die Zahlen noch hoch: Seide Fr. 25,083,566; Baumwoll- und Wollgewebe Fr. 1,460,361; Stroh- und Roßhaargeflechte Fr. 1,609,174; Uhren- u. Uhrenbestandtheile Fr. 12,119,941 ; Musikdosen Fr. 252,817 ; Käse Fr. 2,007,929.

,,Wenn Amerika, sagt der Schweizer - Konsul Koradi in Philadephia in seinem Aufruf an die Vertreter der Schweiz. Industrie , auch gegenwärtig noch unter dem Einfluß der noch nicht beendigten Handelskrisis leidet, so ist es doch blos eine Frage der Zeit, daß es sich davon erholen und wie ein Phönix aus der Asche sich kräftig wieder erheben wird. Für diese bald zu erwartende Periode sollte sich, wie andere industrielle Länder, auch die Schweiz rüsten, um dann bereit zu sein, mit Erfolg in die Reihen ihrer Concurrenten treten zu können. Dazu bietet diese Weltausstellung Allen die Hand." -- Diese Worte unseres Consuls in Philadelphia sind wohl zu beherzigen. Die nordamerikanische Union hat schon größere Krisen überwunden und wird auch diese momentane Störung ihres Handels zu überwinden wissen. Es ist daher die Sache gerade so anzusehen, als wenn keine Krisis vorhanden wäre. Nun leuchtet es, ohne daß es dazu großer Beweisführungen bedürfte, beinahe von selbst ein, daß jede Industrie nur gewinnen kann, wenn sie ihre Produkte einem so intelligenten Volke wie die Amerikaner vor Augen führt, wäre es auch nur, um sie dazu zu bringen, gewisse Waaren, die erst durch dritte Hand bestellt werden, direkt aus der Schweiz, statt aus Paris und London, zu beziehen. Einzelne Industrien würden durch ihr Fernbleiben schwer compromit!irt werden. Wir erwähnen beispielsweise die Uhrenmacherei, welcher die Franzosen, die den Weg nach Philadelphia schon finden werden, und die Amerikaner selbst eine empfindliche Concurrenz machen, und es heißt ja in den jurassischeil Bergen, wo die Uhren fabrizirt werden : ,,Quand l'Amérique ne va pas, rien ne va." Andere Industrien, die bis jetzt keinen Absatz fanden, werden sich bekannt machen, und alle zusammen werden ihre Prospekte sicher nicht ohne Erfolg auflegen, lu Philadelphia wird nicht nur die, Bevölkerung der Vereinigten Staaten zugegen sein, sondern der ganze Continent von Amerika wird eine große Anzahl von Käufern dahin führen. Die Ausstellung wird daher der Anknüpfungspunkt für neue Geschäftsverbindungen abgeben. Selbst wenn es sich alkin um die Stickerei handeln wurde, müßten wir die Beschickung befürworten. Diese Industrie hat sich gerade durch den Export nach Amerika zu einer bis vor Kurzem nicht geahnten Blüthe entwickelt: könnten wir es wagen und verantworten, einen Schritt O

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zu. unterlassen, der mächtig beitragen wird, die Prosperität dieser Industrie bleibend zu sichern?

Es wäre die erste große Weltausstellung, bei welcher die Schweiz nicht vertreten sein würde. Das müßte aber sicherlich einen ungünstigen Eindruck machen und könnte zu ganz falschen und sehr schädlichen Auslegungen Anlaß geben. Große Länder können es wagen, mit einzelnen ihrer bedeutendsten Industrien von einer Weltausstellung fern zu bleiben, wie es z. B. die englische Baumwoll-Industrie bei der Pariser Ausstellung von 1867 wagte, wo sie nur zum kleinsten Theil repräsentirt war. Deßwegen wußte dennoch die ganze Welt, wie groß die englische Baumwoll-Industrie dasteht; kleine Länder müssen aber ängstlich darüber wachen, daß der Nimbus, den ihre Gewerbsthätigkeit bisher auf den Weltausstellungen errungen hat, nicht erblasse.

Wir gelangen nun zu Betrachtungen handelspolitischer Natur.

Mit Recht wirft man der nordamerikanischen Union ihr Schutzzollsystem vor. Für verschiedene Artikel kommt der Eingangszoll einer vollständigen Prohibition gleich. Bei andern erschwert er die Konkurrenz sehr bedeutend und lastet wie ein Bleigewicht auf unserer Export-Industrie. Soll dieses nun für uns einen Grund bilden, uns fern zu halten? Wir glauben es nicht. Dieses Schutzzollsystem wird auf die Dauer nicht haltbar sein, denn es widerstreitet den Bedürfnissen der Mehrheit des Volkes, den Grundsätzen der Freiheit und auch den Interessen der amerikanischen Demokratie.

Uebrigens wird man gerade durch eine Beschickung der Ausstellung eine wirksame Propaganda für die Principien des Freihandels machen.

Auffallen wird es z. B. notwendigerweise, daß ein kleines Hochund Binnenland wie; die Schweiz, welches die Urstoffe von auswärts bezieht, und welches von dem Netze der Schutzzölle der Nachbarländer umgeben ist, es vermag, ohne selbst zu dem gleichen System seine· Zuflucht zu nehmen, nicht ohne Erfolg mit der protegirten Industrie; zu concurriren. Den amerikanischen Concurrenten werden solche Thatsachen nicht entgehen, und bereits soll ein Theil der amerikanischen Industriellen eine große Gefahr für sich selbst darin gewittert haben. Es lief nämlich das Gerücht, man beabsichtige .zu verbieten, daß der Fabrikpreis der ausgestellten Waaren angegeben werde, damit die Besucher der Ausstellung keine Vergleichungen zwischen dem wirklichen Werthe der Waare und dem Preis, den sie dafür bezahlen müssen, anstellen können. Wir hoffen, es werde in dieser Beziehung beim bloßen Gerüchte bleiben.

Falls aber eine -derartige Vorschrift wirklich in der Absicht der Direktoren der. Ausstellung läge, wurden wir unsere schweizerischen Behörden und unsere Vertreter ersuchen, nachdrücklichst gegen

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eine solche Prohibition der Wahrheit zu opponimi. *) Uebrigens hoffen wir, daß die Amerikaner die Sache nicht auf die Spitze werden treiben wollen, sondern rechtzeitig und gerade bei Anlaß des 100jährigen Jubiläums ihrer Freiheit und Unabhängigkeit sich daran erinnern werden, daß gerade die Einführung übertriebener Eingangszölle durch England im letzten Jahrhundert den ersten Anlaß zur Unzufriedenheit gegen das Mutterland bot, und daß nichts so sehr wie die Einführung dieser übertriebenen Eingangszölle das Selbstgefühl der amerikanischen Kolonisten kränkte.

Weit wichtiger noch als die Handels- und handelspolitischen Motive seheinen uns aber die rein politischen zu sein. In Amerika halten sich wenigstens 500,000 Schweizer jeden Alters auf. Diese Schweizer, deren Mehrzahl die treueste Anhänglichkeit an das Vaterland bei jedem Anlaße an den Tag legt, würden es schwer, ja sehr schwer empfinden, wenn die Schweiz wegbliebe. Aber nicht weniger als die Schweizer in Amerika würden es die Amerikaner selbst empfinden. Die nordamerikanische Union ist die große Schwester-Republik. Die Schweiz ist eine kleinere Schwester, aber eine ältere,, Zum ersten Male ladet die jüngere, aber mächtig gewordene die ältere, kleinere ein, sich bei ihr einzufinden, damit andere Völker urtheilen, ob die politischen Institutionen der Republ k sich auch auf dem volkswirtschaftlichen Gebiete bewährt haber.

Da ist es für die Schweiz eine Ehrensache, der Einladung Folgtzu leisten, an dieser internationalen Zusammenkunft zu erscheinen und au dem friedlichen Wettkampfe Theil zu nehmen. Ihre A n wesenheit würde um so mehr auffallen, als es gerade bei Anlass der Einladung einer andern Republik das erste Mal wäre, dasssie, nicht erschiene. Wie sehr die Amerikaner selbst Gewicht darauf legen, ergibt sich u. a. aus dein Umstände, daß der nordamerikanischeBundescommissärr für das Unterrichtswesen sich dahin geäußert hat, es sei sehr erwünscht, daß besonders die Schweiz mil; ihrem analogen politischen und nach allseitiger Anerkennungsegen-bringendenUnterrichtswesenn sich möglichstdetaillrtc und vollständig an der Ausstellungbetheiligenu möchte, undzwarr um so mehr, <,a Manches, als den amerikanischen Verhältnissen angemessen, in Amerika auch Nachahmung linden dürfte. Wenn wir unsauf' dem ökonomischen Gebiete durch das Fernbleiben allerleiunangenehmenn Ausdeutungen aussetzen würden, so wäre das noch in erhöhtem .Maße auf dem politischen Felde der Fall. Es ist schon von den *) Nach neueren Mittheilungen Hegt eine officielle Erklärung von Seite Amerika's vor, dass eine solche Vorschrift, nicht, erlassen werden wird, und daß demnach der Fabrikpreis auf der Waare selbst wird angegeben werden können.

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Amerikanern seiner Zeit etwas übel aufgenommen worden, daß die Schweiz in Washington keine Gesandtschaft, sondern bloß ein Général-Consulat errichtet hat. Sorgen wir also dafür, daß wenigstens bei Anlaß der Weltausstellung in Philadelphia und der großen hundertjährigen Jubelfeier der Vereinigten Staaten die Sympathien für unseren republikanischen Bundes-Staat keine Verminderung erleiden. Die nordamerikanische Union und unsere Eidgenossenschaft sind die Hauptträger der republikanischen Idee und der republikanischen Traditionen, und es verbindet sie von daher eine Solidarität, die es uns zur Pflicht macht, an der großen, zu Ehren des hundertjährigen Bestandes der amerikanischen Unabhängigkeit organisirten Feierlichkeit unseren Platz einzunehmen.

Herr Präsident! Herren Ständeräthe! Gestützt auf diese Erwägungen ist Ihre Commission einstimmig zu der Ansicht gelangt, Ihnen den vom hohen Bundesrath vorgelegten Beschlussesentwurf zur Annahme zu empfehlen.

Die Commission kann jedoch ihren Rapport nicht schließen, ohne vorerst den Finanzpuakt noch einmal zu erörtern. Wie bereits erwähnt, verlangt der hohe Bundesrath einen Kredit von Fr. 250,000. Diese Summe mag auf den ersten Blick ziemlich hoch erscheinen, und zwar sowohl im Verhältniß zu den für die Ausstellungen in Paris und in Wien, wo die Betheilung der Schweiz eine starke war, ausgesetzten Summen, als im Verhältniß zu den Summen, die von einzelnen Großstaaten zum gleichen Zwecke bestimmt werden. Die Ausgaben für die Wiener Ausstellung beliefen sich in tot o, die Subventioniruug der die Ausstellung besuchenden Arbeiter nicht Inbegriffen, auf Fr. 358.000; die Ausstellung von Philadelphia wird aber viel weniger stark beschickt werden. Andererseits sehen wir auch ; daß Frankreich , welchem im Ausstellungsräume mehr als vier mal soviel Platz wie uns reservirt wird, einen Kredit von nur Fr. 600,000 ausgesetzt hat. Gegenüber den Bedenken, welche diese Vergleichungen erwecken könnten, machen wir darauf aufmerksam, daß dieses Mal die Eidgenossenschaft die große Ausgabe der Erstellung der Schränke und der Ausstellungsbehälter übernimmt, um die Betheiligung zu fördern, und daß sie ebenfalls sänmitliche Transportkosten für die Sendungen nach Philadelphia bestreiten wird, eine Ausgabe., welche in Frankreich z. 15. nicht vom Staate wird getragen werden , und welche in andern Staaten, wie Italien, nicht auf dem Budget der Aussfellungskosten erscheint, weil das Marinedepartement ein Kriegsschiff zum Zwecke des Transportes unentgeltlich zur Verfügung stellt. Die Büdgetiruug beruht auf sorgfältigen Erkundigungen und auf den Erfahrungen der letzten Weltausstellung. Es hofft daher Ihre

772 Commission, . daß die immerhin starke Summe von Fr. 250,000 zureichen wird, und sie spricht daher die ganz bestimmte Erwartung aus, daß später für diesen Gegenstand kein Nachkreditbegehren gestellt werde.

Gerne hätte es Ihre Commission gesehen, wenn, ähnlich wie bei Anlaß der Wiener Ausstellung, Arbeiter und Werkführer auf Staatskosten nach Philadelphia hätten geschickt werden können, um daselbst die neuern Fortschritte der Technik de v i s u kennen zu lernen. Bei der großen Entfernung und den enormen Kosten einerseits, und andererseits bei der zwingenden Notwendigkeit, mit den Finanzen des Bundes äußerst schonend und sparsam zu verfahren, muß Ihre Commission von jeder Anregung nach dieser Richtung absehen und abmahnen, es sei denn, daß die daherigen Kosten innerhalb des Totalkredites von Fr. 250,000 sich bewegen.

Es wird Sache größerer schweizerischer Firmen sein, ihren vorzüglichsten Angestellten eine derartige Reise zu erleichtern, damit dieselben sich mit den Arbeiten der Amerikaner im Fache der Mechanik, in welchem letztere Bewunderungswürdiges leisten, vertraut macheu.

Endlich sind noch zwei untergeordnete Punkte, welche die Aussteller interessiren, kurz au berühren.

In der deutschen Presse waren Befürchtungen bezüglich der Sicherheit der zur Ausstellung in Philadelphia zu sendenden Güter gegen Beschlagnahme im Falle eines etwaigen finanziellen Mißerfolges der Ausstellung laut geworden. Es hat dann auch der Bundesrath nicht ermangelt, diesem Gegenstaude seine Aufmerksamkeit zu schenken. Aus den Erklärungen der amerikanischen Magistraten, sowie des Syndicus der amtlichen Aufsichts-Commission der Ausstellung und eines unbetheiligten namhaften amerikanischen Juristen, ergibt sich zur Evidenz, daß nach amerikanischem bezw.

pensylvanischem Landrechte die Beschlagnahme der Ausstellungsgüter durch etwaige Gläubiger des Unternehmens durchaus unstatthaft wäre, und es haben dann auch sowohl die französische Ausstellungscommission als die deutsche Reichscommission ihre Meinung, daß es weiterer Garantien als der erwähnten Erklärungen nicht bedarf, in officiellen Bekanntmachungen öffentlich kundgegeben.

Der zweite Punkt betrifft die Feuerversicherung. Bei gut organisirten Ausstellungen, bei welchen feuergefährliche Materialien im Bau so wenig wie möglich verwendet werden und der SicherO heitsdienst gut organisirt ist, erweist sich die Versicherung gegen Feuersgefahr als eine überflüssige Ausgabe. Nach eingezogenen Erkundigungen dürfte es genügen, wenn in Bezug auf die Ausstellung

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in Philadelphia die officiellen Vertreter der Schweiz, sei es das General-Commissariat, seien es die Consulate, angewiesen würden, das Abschließen von Versicherungsverträgen den einzelnen Ausstellern zu erleichtern, indem diese officiellen Vertreter die Vermittlung zwischen dem Aussteller und der Versicherungsgesellschaft übernehmen würden.

Herr Präsident! Herren Ständeräthe! Gestützt auf alles Angebrachte schließt Ihre Commission mit dem Antrage*), der Ständerath wolle den Entwurf des Bundesrathes, welchem auch der Nationalrath (am 26. dieß) beigetreten ist, zum Beschlüsse erheben, und mit dem Wunsche, es möchte die Beschickung der Weltausstellung in Philadelphia zum Nutzen unserer Industrie und zur Ehre unseres Landes gereichen. · Mit Hochachtung!

B e r n , den 28. Juni 1875.

Der Berichterstatter der ständeräthlichen

Commission : Coust. Bodenheimer.

Die Kommission war zusammengesetzt aus den Herren Bodenheimer, Roth, Jenni, Estoppey und Birmann.

*) Angenommen: 29. Juni 1875.

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Bericht der ständeräthlichen Kommission über die Beteiligung der Schweiz an der Weltausstellung in Philadelphia. (Vom 28. Juni 1875.)

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